Teller bunte Knete – Stadtmensch (1978)

frontcover1Tja, die damalige Alternativ- und Sponti Bewegung in Westdeutschland … da hätte ich doch viel zu schreiben, war ich doch in jenen Kreisen mittendrin … wobei ich mir schon damals vorbehalten habe, ein gewisse kritische Distanz  zu halten … zu unrealistisch erschien mir dann so manches … und dennoch, ich hatte viel Sympathie mit dieser linken Szene und ihren Tagträumen.

Und einer viel besseren Soundtrack für diese Bewegung als „Teller Bunte Knete“ (TBK) kann man sich kaum vorstellen:

Und wikipedia bietet eine mehr als karge Biographie über diese Band:

1975 in Berlin gegründet war TBK in der gerade entstehenden Alternativbewegung populär. Die Texte beschäftigen sich vor allem mit Gefühlen und dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Die erste von Trikont vertriebene LP Stadtmensch war erfolgreich.

Die Band vergrößerte sich bald von drei auf fünf Mitglieder. Ende der 1970er Jahre kam es aufgrund von Spannungen immer öfter zu wechselnder Besetzung, 1984 löste sich die Band auf. CD-Versionen ihrer Alben sind nicht erschienen.

Viel, viel ausführlicher dann ein Portrait des Bandmitliedes Schnerdi Gminski aus dem Jahr 2001 und hier wird dann doch sehr klar, wie kompliziert die Chemie dieser Band war und auch hier gilt: viel charakteristischer für die Psychoprobleme der Alternativszene könnte dieses Portrait nicht sein:

Teller Bunte Knete … gründete sich ca.1975.  Zu den drei Gründungsmitgliedern gehörte Minski.
Es wurde das erste Programm erarbeitet. Oft enstand aus dem Moment heraus, durch gemeinsames Texten und Musizieren, die Musik von Teller Bunte Knete. Textfragmente des einen wurden mit Ideen des anderen gemischt. Es wurde gesungen und gespielt und ob es passte wurde sofort probiert. Mit der Musik verhielt es sich im allgemeinen ähnlich, wobei die zwei Gitarristen gut miteinander harmonierten.
Natürlich hatte jeder seine Stärken und Schwerpunkte, und man ergänzte sich gegenseitig.
Diese Zusammenarbeit, in Verbindung mit genügend Toleranz untereinander und Respekt voreinander, war in der Anfangszeit eine der großen Stärken der Gruppe und ließ letztendlich wohl so etwas wie Magie entstehen.
 

konzertplakat

So sahen sie damals aus, die Konzertankündigungen der „alternativen Szene“

Minski, bei T.B.K. „Schnerdi“, war der Sänger und zunächst auch für Schlagwerk und Texte zuständig; später schrieb er auch komplette Lieder für die Gruppe. Autodidakt, wie auch die beiden anderen, interpretierte er die Texte der Gruppe mit großer Intensität und Hingabe.
Die Musiker führten zwischen den Liedern oft Dialoge untereinander, in die sie ihr Publikum mit einbezogen. Hiermit gelang es ihnen immer wieder, die Distanz zwischen sich und dem Publikum aufzuheben.
 
„Schnerdis“ neben dem Gesang ausgeführtes Percussionsspiel mit Schellenring , Bongo, Klangholz etc., auch wie er diese Instrumente neben dem Gesang in die Musik einbrachte, war durchaus ein gewolltes Stilmittel und Wieder-Erkennungsmerkmal von T.B.K..
Schon während der ersten „Clubgigs“ zeigt sich, dass T.B.K. beim Publikum ankommt.
Sie treffen den Nerv der Zeit, und viele finden ihre eigenen Gefühle und Meinungen in den Texten von T.B.K. wieder. Ihre Musik, unkonventionell, eigen, eben „T.B.K.-mäßig“ vorgetragen, regt ihr Publikum auch immer wieder zum Tanzen, zum Mitmachen an.
Diese Mischung von textlicher Aussage und rhythmisch musikalischen Abläufen, locker vorgetragen, diese typische „Teller Bunte Knete Botschaft“ machte es aus, dass „die Drei“ sich mit ihrer Musik von anderen Gruppen der Zeit abhoben.
 
Schon bald nach den ersten erfolgreichen Auftritten, nahmen „die Drei“ zwei weitere Musiker, zeitlich leicht versetzt, in die Gruppe auf.
T.B.K. wurde nun durch Bass und abwechselnd durch Mandolinen und einer weiteren Gitarrenbegleitung vervollständigt.
Einer der beiden Musiker brachte ausserdem noch die Mundharmonika, weiteres Schlagwerk und seinen Gesang in die Gruppe ein.
Die beiden neuen Musiker werteten T.B.K. weiter auf.
 
T.B.K. nahm einige MC´s auf und vertrieb diese während der zahlreichen Auftritte dieser Zeit. Ohne Plattenfirma und ohne professionellen Vertrieb, erzielte Teller Bunte Knete fortan einen erstaunlichen Bekanntheitsgrad. Dieser ging auch weit über die Grenzen von Berlin hinaus. Sie brachten die LP „Stadtmensch“ heraus, und diese wurde dann in den Vertrieb von Trikont, einem Münchner Verlag, aufgenommen. TV-Sender zeigten verstärktes Interesse an der Gruppe, brachten Berichte über sie und stellten T.B.K. in ihren regionalen Sendebereichen vor. T.B.K. absolvierte in dieser Zeit einige Fernseh- und Film- Auftritte, Lehrer benutzten ihre Lyrik im Schulunterricht. Textauszüge von ihnen erschienen in Büchern, wurden in Geschichten eingebaut. Viele kleine und große Auftritte in Berlin, hier in den seinerzeit bekanntesten Häusern und im gesamten, damaligen bundesrepublikanischen Raum, folgten.

tbk01
Einige ihrer Lieder erschienen vereinzelt auf „Samplern“. Teller Bunte Knete befand sich im Aufwind.
Plattenfirmen, professionelle Künstlerbetreuung oder ein größerer Vertrieb für die Tonträger der Gruppe blieben aus.
Zum einen war die Zeit, in der sich größere Plattenfirmen auch einer Gruppe wie T.B.K. annehmen wollten, noch nicht gekommen, zum anderen verhielt sich die Gruppe dem Zeitgeist und der eigenen mehrheitlichen Überzeugung der Musiker von T.B.K. entsprechend, diesen oder ähnlichen Institutionen gegenüber nicht gerade kooperativ. Ein wenig Überheblichkeit und zu wenig Kenntnis der branchenüblichen Abläufe, also falsches Einschätzen der Lage, kamen wohl erschwerend dazu.
 
Egozentrik spielte eventuell eine gewisse Rolle, bevor einer der beiden Gitarristen aus den Anfangstagen und einer der später dazu gekommenen Musiker die Gruppe verlassen sollten. Beide entwickelten immer stärkere Führungsansprüche; erst waren sie sich gegenseitig, dann mehr und mehr der Gruppe im Wege. So sahen es jedenfalls die drei verbliebenen Musiker, und nachdem das Gruppenklima unter den „Streitigkeiten“ beider immer schlechter wurde, mussten sie die Gruppe verlassen … (das komplette Portrait dann in der Präsentation.

Ein wenig lächerlich finde ich dann noch folgende Abschlussbemerkung:

Minski verzichtete bewusst darauf, die Ex-Mitglieder von T.B.K. namentlich zu erwähnen und deren Fotos abzubilden, um deren Persönlichkeitsrechte zu wahren.

Klar der „Herr Minski“ spricht in der 3. Person  und der Hinweis auf angebliche „Persönlichkeitsrechte“ ist geradezu absurd … die Namen der Musiker waren schlicht und ergreifend bekannt.

Da könne man ja auch mal schreiben: „Der Sänger der Rolling Stones“ war mal betrunken in einem Puff, ich sag aber nicht, wie er heißt … seine Persönlichkeitsrechte müssen schließlich gewahrt bleiben.“

Desweiteren ist zu berichten, dass diese Band für viele Menschen einen tiefen Eindruck hinterlassen habe muss, anders ist es nicht zu erklären, dass z.B. auf der Internetseite „www.berlinstreet.de“ sich ein Beitrag wie dieser findet:

Ich cruise durch das Web wie früher durch die Straßen von Kreuzberg, als 14-Jähriger mit meinem Fahrrad, als 19-Jähriger nachts Plakate klebend, das war mein Stadtteil, hier kannte ich alles und jeden. Und ich hörte eine Musik, die mir seitdem all die Jahre im Ohr blieb. Und plötzlich, fast 30 Jahre später, lese ich es, irgendwo auf einer Website, die eigentlich gar nichts damit zu tun hat: „Teller Bunte Knete“.

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Ich weiß nicht, was andere damit verbinden, vielleicht nicht mal Musik. Aber ich denke und fühle dabei wieder etwas, und es tut ziemlich weh. Diese zärtliche aber radikale Musik, diese Texte von Freiheit, Natur, Menschlichkeit – auf einmal ist es alles wieder da. Wir haben damals in Kreuzberg Häuser besetzt und sie verteidigt. Mit Steinen und mit Argumenten. Weil sie uns ein kleines bisschen das gaben, wofür auch „T.B.K.“ stand: Selbstbestimmung, ohne Reglementierung leben, mit Kindern und Tieren und Pflanzen und mit einem solidarischen und gleichberechtigtem Umgang, ein eigenes Zuhause. So vieles, was sich aufgeschrieben kitschig anhört, und doch war es damals das, wofür ich leben wollte und manchmal auch gekämpft habe. Wir waren nicht die „Chaoten“, als die man uns hingestellt hat, höchstens in den Köpfen der Spießer. Nein, ich war einer, der frei sein wollte und der sein Leben entsprechend organisiert hat, mit vielen anderen zusammen. Wir haben uns auch woanders umgeschaut: Das besetzte Zentrum in Freiburg, Christiania und Ungdomhuset in Kopenhagen, Hippies im Wendland. Teller Bunte Knete sind mir überall begegnet, es war ein herrliches Gefühl, nicht allein zu sein.

Und nun? Etabliert, immer noch wenig Geld, Wohnung, Job. Wenig ist von der Kollektivität geblieben. Naja, kleine WG, aber das ist nicht dasselbe wie mit 20, 30 Menschen in einem Haus. Oder in einer Burg wie die in Lutter/Niedersachsen. Die Zeit von T.B.K. ist so lange her, aus vielen von uns sind die Menschen geworden, die wir nie sein wollten. Ich auch? Wenigstens bin ich heute weder ein Rechtsextremist, noch Grünen-/SPD-/PDS-Politiker, Sozialarbeiter oder Alkoholiker. Neugierig und anderen gegenüber offen bin ich noch immer. Aber ich bin auch gesetzt. So sehr, dass ich fast heulen muss, wenn ich diese Lieder nun höre und all die Gefühle und Gedanken wieder hochkommen. Vielleicht sollte ich Berlin verlassen, aufs Land ziehen, in ein Tipi und einen Stamm gründen. Oder eine Kommune in nem märkischen Dorf.

Teller Bunte Knete gab es schon nicht mehr, als ich sie das erste Mal gehört habe. Im Internet habe ich nur eine einzige Seite über sie gefunden. CDs gibts auch nicht. Bei eBay habe ich eine Schallplatte von ihnen entdeckt und sie mir von meinem Bruder auf CD brennen lassen, mit allem Knistern. Ich könnte sie die ganze Nacht hören. Und dann meinen Rucksack packen, mich aufs Fahrrad setzen und einfach losfahren. (Aro Kuhrt)

Auf diesen Beitrag folgten dann 50 Anworten !

Und was wurde nun  aus den Musikern dieser Band ..

Nun .. ein wenig habe ich recherchiert  … weiss Gott, ganz sicher nicht ausführlich genug:

Paul Esslinger; Gitarrist, Komponist und Arrangeur: Berliner Ballorchester, in flagranti Swing Combo, Salonorchester Luna Fox; Rhapsodic Jazz Orchester, Filmmusik usw.  und zudem Maler („bis heute konnte ich in ca. 100 Ausstellungen mitwirken … „)

Schnerdi (Gerhard) Gminski: Er entwickelte vielfältige künstlerische Tötigkeiten u.a. auch als Maler … und scheint sich von seiner Zeit   Tellerbunte Knete endgültig verabschiedet zu haben:

minskiwebsite
Hurnush Kubica, der ja eigentlich Hans-Werner Kubica heißt, erfühlte sich nach seiner Zeit mit dieser Band seinen Traum fortan als Hochseil-Artist tätig zu sein, bis, ja bis das Jahr 2013 kam:

kuby

Hannjörg Merklin: arbeitet seit 25 Jahren freiberuflich als Musikpädagoge in KITAS, Kinderläden und anderen Einrichtungen.

Werner Rohde: Tja, was aus dem wurde … keine Ahnung …

Was bleibt .. z.B. diese LP … die so hoffnungsvoll klingt und vieleicht doch nur ein Abgesang einer vergangenen Epoche ist …

Und ja … ich hatte und habe  viel Sympathie mit dieser linken Szene und ihren Tagträumen .. in jenen Jahren …

zitate

Besetzung:
Paul Esslinger (bass, vocals, percussion, piano bei 13.)
(vocals, percussion, bells)
Hurnush Kubica (guitar, mandolin, vocals, percussion)
Hannjörg Merklin (mandolin, vocals, percussion, guitar, harmonica)
Werner Rohde (guitar, violin, vocals, percussion)
+
Udo Arndt (organ bei 13.)
Hannjörg Merklin (drums bei 12.)

backcover1
Titel:
01. Stadtmensch 3.08
02. Wege 4.55
03. Frieden 4.30
04. Sonnenlied 4.15
05. Park 3.14
06. Adler 3.30
07. Kinderträume 2.20
08. Traumverkäufer 3.10
09. Geh in den Morgen 3.33
10. Ab auf’s Land 2.48
11. Steine 3.43
12. Jeden Abend 2.23
13. Hoffnung 2.38

Musik und Texte: Paul Esslinger – Schnerdi (Gerhard) Gminski  – Hurnush Kubica – Hannjörg Merklin – Werner Rohde

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Ein Gedanke zu “Teller bunte Knete – Stadtmensch (1978)

  1. Danke für die schöne Zusammenfassung. Ich hab mir über einen Internetversand jetzt auch nochmal die Orginal LP besorgt. Wunderschöne Musik, wunderschöne Erinnerungen. Eigentlich müsste man Teller Bunte Knete nochmal ein Denkmal setzen …

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