Udo Jürgens – Helden, Helden (1973)

frontcover1Weiß der Geier, was Udo Jürgens geritten hat, sich dieses Prjekt aufzuhalsen …

Vermutlich weil ihn der Stoff von George Bernard Shaw.  (ursprünglich in Theaterstück konzipiert) zugesagt hat:

Helden (original: Arms and the Man) ist ein Theaterstück des irisch-englischen Dramatikers George Bernard Shaw. Die Uraufführung fand am 21. April 1894 im Londoner Avenue Theatre statt.

Der originale Titel Arms and the Man spielt auf die erste Zeile von Vergils Aeneis an, diese lautet: Arma virumque cano … (dt. nach Johann Heinrich Voß: Waffen ertönt mein Gesang und den Mann …)

Das Theaterstück spielt während des Serbisch-Bulgarischen Krieges im Jahre 1885. Der in serbischen Söldnerdiensten stehende Schweizer Artilleriehauptmann Bluntschli wird mit seinem Geschütz vom bulgarischen Kavallerieoffizier Sergius und dessen Reitern angegriffen. Da Bluntschli den falschen Munitionstyp mitführt, gelingt die eigentlich selbstmörderische Attacke, und der Schweizer flieht vom Schlachtfeld. Er gerät dabei in das Haus von Raina, der Verlobten von Sergius. Raina versteckt den offenbar harmlosen Mann, der aus seiner Kriegsunlust keinen Hehl macht und „wie jeder erfahrene Soldat“ in seiner Patronentasche lieber Schokolade als Munition mit sich trägt. Weil ihm erstere aber gerade ausgegangen ist, versorgt Raina ihn mit Nachschub und borgt ihm für die Flucht eine Jacke. Als der Hauptmann diese nach Ende des Krieges zurückbringt, ist Sergius bereits im Triumph aus der Schlacht zurückgekehrt, und nun fordert er Bluntschli zum Duell. Das weiß dieser jedoch zu verhindern, indem er droht, den wahren Verlauf der Schlacht zu verraten, dass Sergius nämlich nur gewonnen habe, weil Bluntschlis Kanone versagte. Weil die fesche Magd Louka schon seit einiger Zeit Rainas Misstrauen in den alten Haudegen geschürt hat, finden letztlich Bluntschli und Raina zusammen, die Magd bekommt ihren Sergius, und somit endet alles in Wohlgefallen. (Quelle: wikipedia)

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Gerorge Bernhard Shaw + Udo Jürgens

Nun, in dieser deutschen Musical-Fassung (die Erstaufführung fand – mit einer anderen Besetzung am „Theater an der Wien“ bereits 1972 statt) wurde textlich die Lächerlichkeit und Traurigkeit des Kriegshelden in einer ganz besonderen Weise thematisiert und herausgesellt (siehe „Ein Mann ist nur ein Mann (wenn er Soldat ist)“, „Helden, Helden“

Und das ist mehr als ehrenwert, lindert aber kaum die Tatsache, dass die Musik (eben komponiert von Udo Jürgens) überraschend belanglos ist … (und dieser Satz aus dem Munde eines Udo Jürgens-Fans !) … sehr schade.

Es gab dann auch einen entsprechen Zerriss in der der „Zeit“ (liegt der Präsentation bei)

Ganz anders reagierten dann die Medien in der DDR … denn auch dort wurde dieses Jürgens-Musical aufgeführt, ich glaube erstmalig im Jahr 1975 in der „Musikalischen Komödie“, Leipzig 1975

Als George Bernard Shaw 1894 sein „erquickliches Stück“ „Arms and the Man“ schrieb, schien das Militär vornehmlich nur dem Zweck zu dienen, Paraden in prächtigen Uniformen abzuhalten. Der pazifistische Shaw stellte nicht die Schrecknisse des Krieges als Abschreckung dar, sondern wandte sich vor allem gegen die Anbetung der Uniform, lachte über die Absurditäten des Krieges und fragte aus vernünftigem Grunde, ob ein Mann im Frieden nicht nützlicher zu verwenden sei als im Kriege.
Bereits 1908 griff die Wiener Operette nach diesem Stoff: Oscar Straus‘ „Der tapfere Soldat“ wurde im Habsburgischen Hoheits- und Kulturkreis ein Mißerfolg.
1972 fand, wiederum in Wien, die Uraufführung einer neuerlichen Adaption, diesmal durch das Musical, statt. Als Komponist und zugkräftigster Name des Autorenteams fungierte Udo Jürgens. Das Buch schrieb Hans Gmür, als Liedtexter standen ihm Eckart Hachfeld und Walter Brandin zur Seite.

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„Helden, Helden“ hat seinen unbestrittbaren Verkaufswert: Es besitzt vorzügliche Dialoge, vortreffliche Figuren- und Szenenentwicklungen und ist, gerade was den Einsatz von Musik betrifft, ein makellos gebautes Stück. Aber um so eindringlicher läßt die Anerkennung handwerklicher Meisterschaft die Frage aufwerfen nach der Berechtigung einer Aufbereitung dieses Stoffes für das heutige Theater. Genügt es, sich auf den Spötter Shaw zu berufen und seine damalige Satire gegen Militär und falsche Heldenverehrung und die Erfahrungen zweier Weltkriege in einem Stück, in dem es immerhin auch um Krieg, Leben oder Tod geht, so völlig unberücksichtigt zu lassen? (Karsten Bartels ( Theater der Zeit, 02/1976 )

Es scheint, daß das Musical „Helden, Helden“ nun doch auf unseren Bühnen heimisch wird (u. a. läuft es jetzt in Leipzigs Musikalischer Komödie seit der DDR-Erstaufführung schon die dritte Spielzeit mit gleichbleibendem Erfolg), und das ist eigentlich auch nicht verwunderlich, bietet es doch von der Shaw’schen Vorlage her eine Menge Witz und Gesellschaftskritik, mit denen Dummheit, Selbstgefälligkeit und romantische Heldenverehrung der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Demzufolge war der Librettist Gmür auch gut beraten, die Originaldialoge im wesentlichen beizubehalten. Und indem er durch Kürzungen die Handlung straffte, schuf er Möglichkeiten, gemeinsam mit Hachfeld und Brandin Lieder und Ensembles einzubauen, die ebenfalls Handlungsträger sind.
Dazu schrieb der sich durch kompositorische Vielfarbigkeit auszeichnende Udo Jürgens eine dramaturgisch durchdachte Musik, die entsprechend der notwendigen Personen- und Situationscharakterisierung folkloristische Elemente genauso berücksichtigt wie das „höfische“ der Wiener Walzerseligkeit, was auch durch die eigenwillig-interessante Instrumentierung dokumentiert wird. (Dirk-Joachim Glävke ( Theater der Zeit, 06/1978 )

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Nun denn … hier kann sich jeder seine eigene Meinung machen … ich für meinen Teil bleibe bei der Einschätzung, dass der Stoff thematisch wahrlich nicht unwichtig war und ist, dass der Stoff asber musikalisch von Udo Jürgens eher banal umgesetzt wurde.

Aber Udo Jürgens sah das damals natürlich anders:

Diese „Helden“ haben bereits einen langen Weg hinter sich, wozu wir von Jürgens erfahren: „Ich habe vor viereinhalb Jahren einen Stoff gesucht, was sich anscheinend in der Branche herumgesprochen hat, denn unter anderem wurde mir eines Tages das Projekt „Helden“ angeboten. Ich war von Anfang an von der Idee begeistert.“ Das neue Musical ist nach Bernard Shaws „Helden“ gestaltet (die „NZ berichtete), und „es lehnt sich genauso an Shaw, wie ‚My Fair Lady‘ sich an ‚Pygmalion‘ gelehnt hat“, erzählte Udo – und erklärte weiter: „Dabei müssen wir eine Bestimmung von Shaws Erben berücksichtigen, nach der nicht mehr als 30 Prozent des Originals verändert werden dürfen. Das heißt, wir stützen uns in der Handlung genau auf das Original und verändern es szenisch nur so, daß es einem Musical gerecht wird.“
Wir kamen auf die Musik zu sprechen – und hier erklärte ihr Komponist ganz dezidiert: „Da bin ich festgelegt, weil das Stück ja um die Jahrhundertwende und auf dem Balkan spielt, womit eigentlich schon alles gesagt ist. Das ist eine Musik, die folkloristisch an das geographische Kolorit und an die Epoche angelehnt ist. Natürlich ist es ganz klar, daß ich es leicht durch eine moderne Brille sehe, aber ich kann zum Beispiel unmöglich eine Elektrogitarre verwenden. Das würde das Stück sicherlich kaputt machen. Ich war mehrmals auf dem Balkan und habe mich eingehend mit serbischer, bulgarischer und rumänischer Folklore auseinandergesetzt – und habe sie inzwischen irgendwie in den kleinen Finger bekommen.“

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Paul Hubschmid

Udo Jürgens ist von der Buntheit dieser Länder und von ihrer Musik fasziniert, „aber natürlich machen wir nicht stundenlang Zigeunermusik“, schränkte er ein, „denn dann hätte man eine Zigeunerkapelle engagieren können und keinen Komponisten gebraucht. Ich habe diese Musik ins Theater und in den Klang eines Orchesters übertragen, das sich folkloristischer Rhythmen, Klangfarben und Instrumentationen bedient, aber doch für unsere Ohren absolut vertraut klingt, weil es auf unsere Melodik übertragen ist.“
Da Jürgens ein ausgesprochener Melodienschreiber ist, bot sich ihm dieser Stoff geradezu an – und man glaubt ihm die Prophezeiung, daß es sehr melodiös werden wird. Da es sein erstes Musical ist, das er schreibt, war für uns die Frage nach seiner Arbeitsweise als Komponist interessant, ob er die Melodien nach dem Text schreibe, oder umgekehrt. „Ich schreibe die Musik nach der szenischen Situation, die dann eingetextet wird. Nur ganz selten mache ich die Musik nach einem feststehenden Text.“ (NZ, 1972)

Ergänzend habe ich dann der Präsentation dann noch die Programmheft der Hamburger Inszenierung beigelegt (neben ausführlichen Informationen – auch über die Texter dieses Musical, darunter auch, man höre und staune, Eckhart Hachfeld – gibt es auch jede Menge Lokalwerbung aus der Stadt Hamburg … einschließlich der Sündenmeile Reeperbahn !).

Musikalisch eher unbedeutetend, zeitgschichtlich jedoch mehr als bemerkenswert !

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Besetzung:
Peter  Branoff (Major Paul Petkoff)
Paul Hubschmid (Bluntchli)
Gabriele Jacoby (Raina)
Henry Kielmann (Leutnant Sergius Saranoff)
Jules Migenes (Louka)
Marianne Schubart (Katharina Petkoff)
Rudolf Wasserlof (Ordonanz)
Joachim Wolff (Nicola)
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Chor und Orchester des Theaters an der Wien unter der Leitung von Johannes Fehring

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Titel:
01. Daheim / Der Dank des Vaterlandes
02. Ein Mann ist nur ein Mann
03. Helden, Helden
04. Das Bett
05. Wie nennt man das Gefühl
06. Wenn die oben etwas dümmer wärn
07. Zwischenaktmusik
08. Der Weg nach oben + Kanonenlied + Silvovitz + Als rot der Mohn war erblüht +   Tanz der Mädchen  7.40
09. Leider, leider
10. Wenn ich die Zarin von Rußland wär  4.37
11. Drei Regimenter nach Philippopolis 3.32
12, Raina 3.06
13. Finale 2.49

Musik: Udo Jürgens
Text: Hans Gmür – Walter Brandin- Eckart Hachfeld

 

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Ja, ja … und ewig lockt das Weib (Auszug aus dem Programmheft der Hamburger Inszenierung) (1973)

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