Burnt Friedman & Jaki Liebezeit – Secret Rhythms, Vol. 1 (2002)

Mir war gar nicht bewusst, dass er schon so alt war … liegt vielleicht daran, weil er stets jung geblieben ist.frontcover1

„Am Sonntagmorgen ist Jaki Liebezeit im Alter von 78 Jahren in Köln an den Folgen einer plötzlichen Lungenentzündung gestorben.

„Bald nachdem ich aus der tiefsten Provinz nach Köln gezogen war führte mich ein guter Geist an den Kai des damals noch entschieden ungentrifizierten Rheinauhafens. Junge Menschen feierten in dem rumpeligen ehemaligen Getreidespeicher eine Party. Im Keller aber schlug Jaki Liebezeit auf seine Trommel, wie in Trance, im immer gleichen, um keine hundertstel Sekunde sich verschiebenden Rhythmus. Ein bleicher, langhaarige Gitarrist improvisierte dazu, aber das war nicht so wichtig. Hier, unter dem Wasserspiegel des Rheins schlug das animalische, mechanische, schamanische Herz von Köln. Das war beinahe ein Initiationsritus, ich war endlich angekommen in der fremden Stadt.
Am Sonntagmorgen ist Jaki Liebezeit im Alter von 78 Jahren in Köln an den Folgen einer plötzlichen Lungenentzündung gestorben. Das vermeldete die offizielle Facebook-Seite von Spoon Records, dem eigenen Plattenlabel von Can, der einzigen Kölner Band, die es zu Weltruhm gebracht hat. Nicht zuletzt dank des Schlagzeugspiels von Liebezeit, das im Ausland als das hervorstechendste, weil unerhört neue, Merkmal des Krautrock-Sounds wahrgenommen wurde. Gibt man die Worte „Jaki Liebezeit“ in Google ein, schlägt die Suchmaschine zwei Ergänzungen vor: „Köln“ und „best drummer“.
Ein weithin anerkannter Schlagwerker war der 1938 in Dresden geborene Liebezeit auch schon vor seiner Zeit bei Can. Nach der Schulzeit flüchtete er aus grauer Städte Mauern ins sonnige Barcelona,  spielte dort unter anderem in der Band des blinden spanischen Jazz-Pianisten Tete Montoliu und begleitete den traurigen Trompeter Chet Baker. Mitte der 60er Jahre kehrte Liebezeit nach Deutschland zurück, um in Köln im Quintett des Trompeters Manfred Schoof zu trommeln. Das hatte wesentlichen Anteil daran, eine europäische Variante des amerikanischen Free Jazz zu etablieren. Hört man sich Liebezeits rumorendes, eruptives Spiel auf dessen 1966er Album „Voices“ an, käme man nicht im Traum darauf, dass dies derselbe Drummer ist, der zwei Jahre später Can mitgründen würde.
jakiliebezeit01
Die Kölner Band vereinte die Stockhausen-Schüler Irmin Schmidt und Holger Czukay mit dem jungen Rock-Gitarristen Michael Karoli und kurz darauf auch mit dem schwarzen Bildhauer Malcom Mooney. Zusammengehalten aber wurde diese eigenartige Mixtur von Jaki Liebezeit, der sich dafür noch einmal völlig neu erfand. Dizzy Gillespie hatte einmal auf die Frage, was am Ende der rasanten Entwicklung des Jazz stünde, geantwortet: Ein Mann, der auf eine Trommel schlägt. Für Can wurde Jaki Liebezeit zu diesem Mann. „Er spielt wie eine Maschine, nur besser“, lobte sein Bandkollege Holger Czukay. Liebezeit hatte sein Spiel mit äußerster Disziplin aufs Wesentliche reduziert, spielte „motorisch“, wie eine gut geölte Maschine, ein menschlicher Drumcomputer, noch bevor dessen mechanischer Gegenpart erfunden worden war. Und drang auf diese repetitive Weise zu neuen Rhythmen vor, im gleichen Maße hypnotisch wie funky. Zu Liebezeits Spiel auf Can-Alben wie „Monster Movie“, „Ege Bamyasi“ oder „Tago Mago“ konnte man sich ins egolose Nirwana verlieren oder den Hintern bewegen. „Can“ war New Yorker Slang fürs Hinterteil, stand nach Liebezeits Definition aber gleichzeitig akronymisch für „Communism, Anarchism, Nihilism“.
Der Ruf der Band wurde weithin gehört. Zuerst entdeckten britische Neutöner wie Brian Eno (mit dem Liebezeit dann auch spielte) und David Bowie die Band, kurz darauf Punkrocker wie die Buzzcocks oder Johnny Rotten von den Sex Pistols, anschließend Indie-Bands wie The Fall, Pavement, Radiohead oder Franz Ferdinand – und schließlich HipHop-Größen wie Kanye West. Man kann Liebezeits Einfluss auf den Alben der Stone Roses und der Talking Heads nachspüren, man kann ihn auf Veröffentlichungen der Eurythmics und Depeche Modes auch selbst spielen hören. Und hierzulande konnte man ihn jahrelang in schöner Regelmäßigkeit mit seinen Post-Can-Formationen Phantomband, Club off Chaos und Drums off Chaos erleben, oder an der Seite des Elektroniker Burnt Friedmann. Er trommelte immer weiter, mit der ihm eigenen Bescheidenheit, ein Weltstar in Kölner Kellern.
can-1972

Mit Can, 1972

„Alle Wege des Trommelns führen zu Jaki Liebezeit“, twitterte Cedric Bixler-Zavala, Frontmann von At the Drive-In und The Mars Volta jetzt in Reaktion auf die Todesnachricht.
Im April hätte Liebezeit eigentlich ein großes Konzert zum 50-Jährigen von Can in London geben sollen, zusammen mit Irmin Schmidt, Malcom Mooney, Mitgliedern von Sonic Youth und dem London Symphony Orchestra. Vielleicht wird das jetzt zum Gedenkgottesdienst. Was soll man sonst tun, jetzt wo der manisch voranschreitende Herzschlag der modernen Popmusik ausgesetzt hat? (Christian Bos)
jakiliebezeit02

Burnt Friedman + Jaki Liebezeit

Als kleine Erinnerung an diese Ausnahmemusiker eines seiner vielen Soloalben, die er gemeinsam mit dem deutschen Avantgardmusiker Burnt Friedman eingespielt hat und es ist, um es gleich vorweg zunehmen, ein großartiges Album:
Der erste Eindruck ist der eines „unerbittlichen“ Grooves – entspannt und präzise. Die Geschichte, wie Jaki Liebezeit im Zweikampf gegen ein Metronom gewann, erscheint alt wie die Welt – was inzwischen Staub angesetzt hat, ist aber nur das besiegte Metronom, nicht Liebezeits Schlagzeugspiel. In der Zusammenarbeit mit Burnt Friedman wird nun ein neues Kapitel geheimnisvoller Rhythmen aufgeschlagen.
Jaki Liebezeit/Burnt Friedman – „Secret Rhythms“
Die Instrumentierung auf „Secret Rhythms“ ist sparsam, läßt an jeder Stelle Raum – und definiert diesen in sich gegeneinander verschiebenden, verdichtenden und ausdünnenden Strukturen aus Percussion, Keyboards (Friedman) und Vibraphon (Morten Grønvad). Repetitive Pianopassagen oder gelegentlich bedrohliche, an Brian Eno erinnernde Gitarrensounds werden innerhalb und außerhalb des rhythmischen Rasters frei plaziert – meist ergibt sich ein idyllisches Soundbild, das trotz seiner scheinbaren Friedlichkeit ungeheuer spannungsgeladen ist.
Wer sich gerne an Bands wie die Phantomband erinnert, wird ein angenehmes Déja Vu haben. Abgesehen davon gibt es aber noch andere Anreize hier reinzuhören: Besitzer guter Stereoanlagen werden ihre Freude an dem brillianten Klang der Aufnahme haben.
Diese Platte ist wie ein Roadmovie, das durch geheimnisvolle, unentdeckte Gegenden führt. Doch manche Landschaften lassen sich nicht mit Worten beschreiben – man muß sie erlebt haben . (Frank Bongers)
jakiliebezeit04
Besetzung:
Burnt Friedman (Keyboards, Synthesizer, melodica, Percussion)
Jaki Liebezeit (drums, Percussion)
+
August Engkilde (bass bei 01., 03. + 07.)
Morten Grønvad (Vibraphone bei 01. – 04., 07.)
Joseph Suchy (guitar)

booklet1

Titel:

01. Rhein Rauf 6.25
02. Rechter Winkl  4.23
03. Royal Roost  5.46
04. Shades Of Soddin Orion 4.18
05. Rastafahndung  3.40
06. Gulli Verreisen 4.59
07  Wirklich  3.14
08. Obscured By 5 3.48
09. Obscured By 5 (Nonplace Rmx + Extended) (18.17)
09.1. Remix 4:50
09.2.Extended 13.26
Musik: Burnt Friedman + Jaki Liebezeit
cd1

Wer an weiterführenden Informationen, die zur Vertiefung
der einzelnen blog-Beiträgen dienen, interessiert ist,  benötigt ein Passwort.
Dazu schreibe man an

post-fuer-sammelsurium@gmx.net

jakiliebezeit03

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s