Oktoberklub – Politkirmes (1978)

frontcover1Vermutlich war der Oktoberklub für viele Jahre so eine Art Prestigeobjekt in der DDR … hatten sie doch die richtige Gesinnung …

Der Oktoberklub war eine politische Liedgruppe in der DDR. Die musikalische Stilistik war eine Mischung aus Lied, Chanson, Folk- und Rockmusik. Er wurde 1966 gegründet und bestand bis 1990.
Das Folk-Revival in den USA löste Anfang der 1960er Jahre in vielen Ländern eine Welle der Folkmusik und der Protestlieder aus. In der DDR hatte der kanadische Folksänger Perry Friedman bereits seit 1960 Hootenannys (amerikanische Bezeichnung für ein ungezwungenes, geselliges Konzert) veranstaltet. Um ihn und das Jugendradio DT 64 sammelte sich eine Gruppe folkbegeisterter junger Leute, die, unterstützt von der FDJ-Bezirksleitung, im Februar 1966 den Hootenanny-Klub Berlin gründete. Jeder konnte mitmachen, der Klub war offen und für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich zwanglos. Die SED-Führung hatte während des 11. Plenums im Dezember 1965 beschlossen, kritische Kunst und Jugendkultur zu verbieten und inszenierte Anfang 1967 eine Kampagne gegen Anglizismen. Der Hootenanny-Klub benannte sich daraufhin um in „Oktoberklub“. Der Name sollte Oktoberrevolution und DDR-Gründung assoziieren. Die Hootenanny-Bewegung wurde offiziell fortan „FDJ-Singebewegung“ genannt und als „Modellfall“ sozialistischer Kulturpolitik gefördert und vereinnahmt.
Die Mitglieder des Oktoberklubs waren „hundertprozentig rot, überzeugt, ehrlich“ (Reinhold Andert) und wollten die Gesellschaft aktiv mitgestalten. Mit der Verbindung von Politik und Unterhaltung brachten sie neue Elemente in die erstarrte politische Kultur der DDR ein, ließen sich jedoch auch für Repräsentationszwecke instrumentalisieren und wurden ihrem eigenen Anspruch „DDR-konkret“, „Alltag besingen, wie er ist“ (Reinhold Andert), oft nicht gerecht. Darüber gab es im Klub immer wieder Auseinandersetzungen, und einige Musiker wie Bettina Wegner verließen ihn wegen politischer Differenzen. Der Klub hatte in den Anfangsjahren eine durchaus bemerkenswerte Resonanz unter DDR-loyalen Jugendlichen, Oppositionelle lehnten ihn jedoch als „linientreu“ ab, und in den 1980er Jahren wurden seine agitatorischen Songs immer mehr als einschichtig und phrasenhaft empfunden.
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Oktoberklub, 1967

Der Klub sang internationale politische Lieder (zum Teil in Nachdichtungen), Eigenschöpfungen sowie traditionelle Volks- und Kampflieder. Neben normalen Liederabenden mit gemischtem Repertoire führte er ab 1971 auch revueartig gestaltete Programme auf (1971 FDJ-Nachtschicht, 1972 Kantate Manne Klein und Liebesnachtschicht, 1975 Prenzlauer Berg).
Der Klub war Initiator und Organisator von Veranstaltungsreihen wie dem OKK (ab 1970 erste ständige Diskothek der DDR, ab 1977 Kellerklub im Haus der jungen Talente), dem Festival des politischen Liedes (1970–1990) und Ein Kessel Rotes (ab 1979). Der Klub trat auch häufig im Ausland auf, zum Beispiel bei Pressefesten kommunistischer Zeitungen in Westeuropa. Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, unter anderem 1986 den Stern der Völkerfreundschaft in Gold.
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Der Klub war eine Amateurgruppe, zeitweise mit einem halbprofessionellen Kern. Die Besetzungen wechselten häufig. Insgesamt gehörten ihm im Laufe der Jahre ungefähr 180, zeitweise mehr als 40 Mitglieder an, die jedoch nicht alle künstlerisch tätig waren. Die Schriftstellerin Gisela Steineckert und der Komponist Wolfram Heicking hatten lange Zeit eine Art Mentorenrolle. Wichtige Autoren der Anfangsjahre waren Reinhold Andert, Kurt Demmler und Hartmut König, später Gerd Kern als Texter und Fred Krüger als Komponist. Ab 1987 stammen viele Texte und Kompositionen von Michael Letz.
Der Klub war auch „als Talentreservoir für den jugendorientierten Musikbereich von großer Bedeutung“ (Olaf Leitner). 1973 ging aus ihm die professionelle Songgruppe Jahrgang 49 hervor, die bis 1980 existierte. Einige Klubmitglieder machten künstlerische Solokarrieren (Reinhold Andert, Barbara Thalheim, Jürgen Walter, Gina Pietsch, Tamara Danz und andere), andere arbeiteten später in kulturellen Institutionen wie Rundfunk, Fernsehen, Schallplatte und Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst. Hartmut König wurde 1989 stellvertretender Minister für Kultur. Zu den bekanntesten Liedern des Oktoberklubs gehören Sag mir, wo du stehst, Oktobersong und Wir sind überall.
1968 porträtierte Gitta Nickel den Oktoberklub in dem DEFA-Dokumentarfilm Lieder machen Leute. In den 1990er Jahren entstanden zwei Fernsehdokumentationen über die Geschichte des Klubs: Das Ende vom Lied (VPRO, Niederlande, 1992) und Sag mir, wo du stehst (Axel Grote und Christian Steinke, MDR 1993). (Quelle: Wikipedia)
Wir hören viel klassenkämpferisches, kritisches (ein Lied wie „Neutronenbombe ist dabei natürlich ein sehr wichtiges Lied) … aber wir hören aber auch viele Zwischentöne, ironisch intoniert (manchmal guckte der Reinhard Mey dabei grinsend um die Ecke).
Diese ironischen Beiträge haben mich überrascht, denn da steckte schon ein ein wenig Sprengstoff dahinter … passend dazu das pepig-popige Backcover  …
Übrigens: „So wollen die kämpfen“ kenne die kundigen Wessis als „Was wollen wir trinken“ von den Bots. Und schwupp-di-wupp haben sich schon damals Wessis und Ossis die Hand gegeben.
Und dann habe ich mich die ganze Zeit gefragt … was wurde aus all diesen Idealisten (das unterstelle ich jetzt einfach mal) … denn dies war die letzte LP des Oktoberklub.
Berlin, 3 Jahre Berliner Oktoberklub
Besetzung:
Oktoberklub (wer auch immer diesmal mitwirkte)
backcover1
Titel:

01  Große Fenster (Krüger/Demmler) 2.22
02  Genossin Christiane B (Kothe/Kern)
03. Bierlied (Krüger/Turowski) 2.26
04. Waldemars Kneipe (Krüger/Kern) 3.07
05. Der Veteranenchor singt (Krüger/Kern) 2.53
06. Arbeiter vom Dienst (Görner/Turowski) 7.24
07. Kalliolle Kukkulalle (Traditional/Porsch) 2.58
08. Das Brot des Volkes (Krüger/Brecht) 2.08
09. Neutronenbombe (Traditional/Kern) 3.19
10. Prowodui (Buglai/Bedny) 1.43
11. Chile Resistencia (Ortega/Scheer) 2.19
12. Haben wir diese Erde (Cuando Tenga La Tierra) (Pedrocelli/Torro/Scheer) 4.22
13. So wollen wir kämpfen  (Traditional/Kern) 4.09
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Ein Gedanke zu “Oktoberklub – Politkirmes (1978)

  1. Da kommen Erinnerungen. Ich habe die mal in Potsdam getroffen, so 73/74. Man wurde als Spartakist von der DKP in die DDR eingeladen. Zwischentöne waren in den Gesprächen recht laut, besonders nach den Bieren und den Weißen oder Braunen (Georgischer Kognak damals!), aber auch in den Liedern zu hören (schreibst Du ja auch). Später habe ich dann mal Reinhold Andert im Keller bei Dietrich Kittner hier in Hannover – für die Volkszeitung/heute:Freitag – interviewt. Man, war der fertig… alle Widersprüche wahrnehmend und sie nicht lösen könnend. War eine spannende Zeit.

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