Udo Lindenberg & das Panikorchester – Alles klar auf der Andrea Doria (1973)

FrontCover1Tja, der Udo Lindenberg … hier ein paar Eckdaten … aus jener Zeit bevor er bekannt wurde:

Udo Lindenberg wurde am 17.05.1946 in Gronau, einer deutschen Kleinstadt nahe der holländischen Grenze, geboren.

Mitte der Fünfziger Jahre lernte er den Rock ’n’ Roll kennen. Von seinem Vater bekam er als Zehnjähriger ein Schlagzeug geschenkt und trommelte mit 13 bereits bei der Border Town Jazz Band.

Die Stationen vor seiner Solokarriere waren u. a.: The Mustangs, City Preachers, Motherhood, Klaus Doldingers Passport, Emergency (alle als Schlagzeuger).

Nach vielen mehr oder minder erfolgreichen Versuchen, sich als Berufsschlagzeuger durchzuschlagen, vertauschte er dann den Schlagzeughocker mit dem Mikrofon und schaffte 1973 mit seinem eigenen Album „Alles klar auf der Andrea Doria“ den Durchbruch als erfolgreicher Vertreter der deutschsprachigen Rock­musik.

Udo Lindenberg verfuhr immer nach dem Motto des Aktionskünstlers Josef Beuys: „Ich hab’s nicht gelernt, ich mach’s trotzdem“. Der gebürtige Westfale ist der Vorreiter, wenn es um deutschsprachigen Rock geht.

Lindenberg1968

Udo Lindenberg 1968 (mit den City Preachers)

Ohne ihn hätte es keinen Westernhagen, Grönemeyer oder die viele anderen gegeben. „Ob du einen Hit hast oder nicht, spielt keine Rolle. Wenn du solange dabei bist wie ich, bist du sowieso als Mythos unterwegs“, sagt Udo Lindenberg. Er selbst sieht sich als „Jahrhundertmaßnahme“, die auch heute noch kräftig in der Rockszene mitmischen möchte. Ein guter Song muss Udo überraschen, egal ob sein Inhalt, die Musik, das Arrangement, der Sound oder die Art des Singens. Kurzum: also, genau das, was Andrea Doria auszeichnet.

Kaum vorhersehbar zündete 1973 die neu gegründete „Panik-Rakete“, wie Udo sich selbst gern bezeichnet. Gemeinsam mit dem Panik­orchester und der LP „Alles klar auf der Andrea Doria“ schuf sich Lindenberg (zu der Zeit noch unwissend) ein Denkmal. Er wurde zum Pionier des deutschsprachigen Rock. Der Titelsong Andrea Doria geriet dabei zur Hymne. In den von Schlagerfloskeln und Politrock geprägten, frühen 1970ern sang Udo über das, was ihn damals bewegte: „Oh ja ! Damals war ich im Onkel Pö in Hamburg. Wir hatten überhaupt keine Ahnung in welche Richtung es gehen würde. Wir waren alle entweder Profis, Halbmusikanten oder Schluckspechte, keiner wusste so recht Bescheid, also echte Wanderer im Nebel.“

Lindenberg01
Das Onkel Pö war zu der Zeit die Szenekneipe in Hamburg: „Eine Art Schmelztiegel, eine experimentelle Bühne, wo sich damals alle trafen,“ ergänzt Udo. „Etwa Lonzo der berühmte Geiger, Gottfried Böttger mit seinem Honky-Tonky-Klavier, Karl an der Spacegitarre, also total unterschiedliche Stilrichtungen. Mal spielte dort eine Dixieland-Kapelle, dann gab es wieder Jazz, Modern Jazz oder Folk. Dann kamen die City Preachers. Alles ging ziemlich durcheinander, und das war total interessant!“

Udo Lindenberg und seine Kumpels hatten also damals im Onkel Pö Freude an der stilistischen Vielfalt. Er sagt: „Wir haben einfach rumexperimentiert und mal geguckt, wenn nicht nur jede Clique für sich selbst spielt, sondern sich auch für andere öffnet, was da an wunderbaren neuen Sachen entsteht.“

Genau so ist dann auch Udo Lindenbergs Klassiker Andrea Doria entstanden – mit seinem Dixieland-Sound basierend auf einem Rockschlagzeug. Der Künstler erinnert sich: „Ich hab einfach diese Crazy-Szene in diesem wunderbaren Laden beschrieben. Das war ein geiles Ding. Und dann haben wir mit ein paar Doppel-Körnern im Kopf das Ding gesungen. Ich wusste gar nicht genau, ob man das mit meiner Stimme aus dem Gulli überhaupt anbieten kann! Aber das war ja gerade der Trick! Ich habe ja nichts gelernt und es trotzdem gemacht! So erfuhren sie: Auf diese Weise läuft es genau richtig!

TVInterview

Bei einem TV Interview aus dem Jahre 1974

Mit Andrea Doria lieferte Udo Lindenberg 1973 nicht nur einen seiner wichtigsten Songs ab – es war der Urknall für deutschsprachigen Rock. Hatte Udo damit gerechnet, was er mit Andrea Doria damals in Gang setzen würde?

„Ich hab mir gedacht zu der Zeit, einer wird’s bringen, aber ich wusste nicht wer. Einer wird’s bringen mit deutschen Texten, gut crazy ja, aber auch ein wenig schlau, dass man singt über das, was das Leben so im Angebot hat, was du mitbekommst, dass du reflektierst, sowohl den ganzen Scheiß, als auch den wunderbaren Wahnsinn: Liebe, Drogen, Trallalla und alles was es gibt. Da habe ich gedacht, einer wird’s bringen, einer wird der ganz große Star, doch ich hatte noch keine Ahnung, dass ich derjenige sein würde. Okay, insgeheim habe ich es natürlich gehofft und begünstigt!“

Single

Andrea Doria ist ein Klassiker von dem es inzwischen einige Coverversion und Neuinterpretationen gibt, zum Beispiel eine überaus gelungene des 1996 verstorbenen Rio Reiser.

Lindenberg1972

Udo Lindenberg bei Dreharbieten zu dem Musik-Video „Lady Horror“ 1972.

Welche ist Udos persönlicher Favorit? „Genau, die find‘ ich wirklich ganz toll von Rio, den ich ja sonst auch sehr geschätzt habe. Wir waren ganz gute Kumpels und ich hab ja auch Lieder von ihm gesungen, tolle Dinger. Er war einer der ganz Großen. Ich fand’s sehr geil, wie er den Song Andrea Doria gebracht hat. Ja, ich höre Rios Fassung ab und zu immer noch ganz gerne.“

Auf Udo Lindenbergs 2003er CD Panikpräsident gibt es auch Andrea Doria in neuem Sound. Wie ist die Idee dazu entstanden?

„Ich find das Panikorchester ist ‘ne absolute Weltmeisterband und da es ja darum ging, die Band zum 30-Jährigen zu ehren und die Band zu feiern, haben wir uns gedacht, komm, diese Platte wird jetzt von der Band richtig eingespielt. Das heißt, wir machen so WG-mäßig! Sechs, sieben Wochen lang hingen wir in der Nähe von Hamburg, in so einem Rock’n’Roll-Hotel und ‘nem Studio, zusammen. Und ich finde, es ist wirklich ein Meisterwerk geworden!“ (Werner Köhler + Thomas Steinberg)

Und diese LP weckt einfach viele Erinnerungen, wie diese hier z.B._

„das war meine erste Scheibe von dem Mann, hat mich einiges an Hohn & Spott gekostet in unserer WG. Kurz darauf kamen nach intensiver Suche noch seine erste in englisch gesungene Scheibe und „Daumen im Wind“ dazu. Nach dem mainzer Konzert, war dann Ruhe in der WG und ab Ball Pompös hatte der Mann aus dem Norden mit den Schnoddertexten und dem Lockergehabe etliches an Steinen im Brett – bei mir übrigens bis heute.

Was die Andrea Doria betrifft: „Cello“ oder „Er wollte nach London“ wecken noch heute schöne Erinnerungen an eine tolle Zeit . . . etliches klingt heute müde und sehr dem Zeitgeist verpflichtet . . drei, vier Nummern bleiben allerdings Immergrüne . .“

Udo Lindenberg

Oder diese:
„1973…, da war ich gerade 6 Jahre alt, auf dem besten Weg am Ende des Jahres noch 7 zu werden.
Meine Mutter hat sich damals die Scheibe gekauft und ich in kürzester Zeit den Text von Alles klar auf der Andrea Doria gelernt.

Ich hab genau die Platte hier noch stehen, gehütet wie einen Augapfel. Aufgelegt wird nur noch die Remasterausgabe auf CD und immer wenn ich ihn höre, denke ich an jene Tage zurück und gröhle laut mit.

Abgesehen davon ist es eine wunderbare Scheibe. Udo´s schnoddriger, verwuschelter, nuscheliger Gesang passt doch wie die Faust aufs Auge.
Ich kann mich daran nicht satt hören. Ausser der ersten englisch gesungenen Platte steht hier alles von ihm.
Udo finnich gut, objektiv wie subjektiv.“

SingleFrontCover

Keine Frage: ein mehr als beachtliches Album … und mit dem Song „Wir wollen doch nur einfach zusammen sein (Mädchen aus Ostberlin)“ spricht er schon sehr, sehr früh das Thema der deutschen Teilung an … war damals in der Rockszene gar nicht so besonders üblich … und dann auch noch der Song „Er wollte nach London“ … es zeigt Lindenberg als aufmerksamen Chronisten von Lebensläufen, die nicht so geradlinig verlaufen … eine seiner vielen Stärken.

Oder ganz kurz und schmerzlos: Ein Klassiker !

Text

Besetzung:
Karl Allaut (guitar)
Gottfried Böttger (piano, bells, celesta)
Thomas Kretschmer (guitar)
Udo Lindenberg (vocals, drums)
Steffi Stephan (bass)
+
Peter Hesslein (guitar)
Jean-Jacques Kravetz (keyboards)
+
Streichquartett Lorenz Westphal
+
The Hot Owl Dixielandgebläse
+
u.v.a.

BackCover

Titel:
01. Alles klar auf der Andrea Doria (Lindenberg) 3.48
02. Boogie-Woogie-Mädchen (Lindenberg) 3.33
03. Nichts haut einen Seemann um (Lindenberg) 5.07
04. Ganz egal (Lindenberg/Allaut) 4.20
05. Du heisst jetzt Jeremias (Lindenberg) 2.55
06 Wir wollen doch nur einfach zusammen sein (Mädchen aus Ostberlin) (Lindenberg) 3.08
07. Dr. Chicago (Lindenberg) 3.02
08. Cello (Lindenberg) 2:58
09. Er wollte nach London (Lindenberg) 3:56
10. Die grösste Liebe (Lindenberg) 0.50
+
11 Tief im Süden (Lindenberg) 2.29
12. Rock’N’Roll Band (Lindenberg) 3.18

LabelB
*
**

Und so sah das damals aus, wenn Lindenberg auf der Bühne war:

Ein Gedanke zu “Udo Lindenberg & das Panikorchester – Alles klar auf der Andrea Doria (1973)

  1. Er erzeugte ja im Osten ein anhaltendes Mega-Buhei. Einige meiner Kumpels machten da mit. Ich wurde mit ihm nur vorübergehend warm zu „Sister King Kong“ und „Galaxo Gang Zeiten“ … naja, Rockrevue….Dedektiv…..Phönix….er hat schon allerhand Gutes auf dem Kerbholz. Bloß: Warum holpert der Text von Mädchen aus Ostberlin so ungekonnt vor sich hin und die Zeile „…und ne Band aus Moskau….“ hach! Der Abwinklacher in den 70ern. Russenmugge – da wär keiner freiwillig hingegangen. Richtig Dampfrocker war er auch nie, das hörte sich immer so gebremst an. „Ich bin Rocker plumbum ich bin Rocker plumbum doch ich steh nich auf Gewalt….“ Der Slang war seinerzeit genial, aber die Klanggeräusche ließen zu Wünschen übrig.
    Er wird ja überall gelobhudelt, dass die Schwarte kracht, da kann er meine paar Kritikzeilen sicherlich ab.

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