Wolfgang Settekorn (Hrsg.) – Fussball Medien – Medien Fussball (2007)

Titel„König Fussball“ macht sich wieder im Leben von vielen Menschen breit … Die Bundesliga nimmt an Fahrt auf … dr FC Bayern München schwächel … „meine“ Löwen des TSV 1860 München sind mittlerweile in der 4. Liga (Oh Vereinsführung … mir graut vor dir) … Von daher eine gute Gelegenheit sich dem Thema Fussball mal wieder anzunähern und das auf hohem akademischen Niveau …

Da Fußball erst durch massenmediale Vermittlung zum öffentlichen und globalen Ereignis wird, gilt das Interesse der Beiträge dieses Bandes den Perspektiven der Wahrnehmung des Fußballgeschehens sowie den Formen und Mitteln der einschlägigen Berichterstattung. Die Tatsache, dass Fußball ein Kampfsport ist, bei dem zwei Mannschaften um den Sieg „kämpfen“, bringt drei Hauptperspektiven mit sich: parteiisch für Mannschaft A oder für Mannschaft B oder neutral, und damit weder für A noch für B. Der Bezugsbereich dieser drei Perspektiven fällt unterschiedlich aus. Er reicht vom lokalen, über regionales, nationales, kontinentales bis hin zu globalem Interesse, und er ist auf jeder Ebene eigens durch entsprechende Spielklassen und institutionelle Regelungen (Vereine und Verbände) strukturiert, entlang derer es durchaus zu Wechseln von Perspektiven und Identifikationen kommen kann: Wer etwa auf nationaler Ebene gegen Bayern München eingestellt ist, kann dieser Mannschaft und dem Verein auf internationaler Ebene den Erfolg wünschen und gönnen. Die Beiträge im vorliegenden Band thematisieren jew. einzelne Aspekte der genannten Perspektivierungen:

  • Fußballkultur: kulturelle Traditionen, religiöse Praktiken, mediale Konstitution (Settekorn, W.)
  • Sport ist Wirtschaft und Wirtschaft ist Sport. (Gehört zusammen, was zusammenwächst?) Elemente der fortschreitenden Verknüpfung von Wirtschaft, Sport und Medien (Kuckuk, M.)
  • Ein Ereignis – zwei Perspektiven? Vergleichende Untersuchungen zu Live-Reportagen im deutschen und französischen Hörfunk (General, N.)
  • Ein doppelter Blick: Metaphern in der deutschen und französischen Fußballberichterstattung (Heidemann, T.)
  • Sprachliches Bewerten als journalistisches Problem in Texten der Sportberichterstattung (Kamp, H.-C.)
  • „Tor (.) Tor für Deutschland (.) und was für ein wunderschönes Tor“: Wie Fußballreportagen im Radio Wendepunkte schildern (Serbin, P.)
  • Ich sehe was, was du nicht siehst. Fußball-Live-Reportage für Blinde und Sehbehinderte: Inhalte, Funktionen und Perspektiven einer jungen journalistischen Darstellungsform (Trede, B.-J.). Schiffer (unter Verwendung wörtlicher Textpassagen und des Inhaltsverzeichnisses)

Und wenn auch viele der in diesem Buch (126 Seiten) genannten Akteure (wie Oliver Kahn oder Enzo Zidane) mittlerweile Geschichte sind … die Grundprinzipien der medial-kommerziellen Verwertung dieses Volksspotes sind die gleichen geblieben; mehr noch: sie haben sich mittlerweile schon fast auf perverse Weisung potenziert.

Das Buch ist wieder einmal eine wissenschaftliche Fleißarbeit der besonderen Sorte … absolut lesenswert für all jene, die neben ihrer Begeisterung für den Fussball auch gerne mal ein wenig tiefer reflektieren wollen …

Und: bei aller wissenschaftlichen Akribie … man spürt schon, dass hier auch Fussball-Narren am Werke waren … allen voran der Herausgeber Wolfgang Settekorn.

Wolfgang Settekorn

Dr. Wolfgang Settekorn

Leider ist er eigentlich viel zu früh verstorben (28.03.1945 – 30.10.2015) … ich habe einen entsprechenden Nachruf der Uni Hamburg dieser Präsentation beigelegt.

 

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Und hier noch ein Interview mit dem Linguistik-Professor Wolfgang Settekorn über Ursachen und Folgen der Kommerzialisierung des Sports aus dem Jahr 2000 (Quelle: Die Welt)

Wolfgang Settekorn (55), Professor für Linguistik des Französischen, widmet sich in seinen Lehrveranstaltungen der Fußballkultur und der Sportberichterstattung. Tobias Pusch sprach mit ihm über die Folgen der Kommerzialisierung des Fußballs.

DIE WELT: Die Fußball-Europameisterschaft ist im vollen Gange. Was hat sich bei der Fernsehübertragung im Vergleich zu der vergangenen EM geändert?

Wolfgang Settekorn: Einerseits hat der technische Aufwand der Sender enorm zugenommen. Zum anderen wird zwischen den Spielhälften so viel geredet wie nie zuvor.

DIE WELT: Sind denn so genannte Experten, die das Spiel in den Pausen analysieren, für die Sportberichterstattung überhaupt notwendig?

Settekorn: Die Analyse macht das Spiel nicht besser oder schlechter. In meinen Augen macht das keinen Sinn. Was da vor sich geht, ist eine alte Entwicklung, die Mitte der achtziger Jahre von Frankreich nach Deutschland kam. Durch Kommentare und Statistiken wird ein Ereignis hinter dem Ereignis geschaffen. Es werden Daten genannt, die mit dem Spiel überhaupt nichts mehr zu tun haben, die dem Zuschauer aber vorgaukeln, dass es etwas gibt, das über das, was er sieht, hinaus geht.

DIE WELT: Es wird also rund um das Spiel herum zu viel Aufwand getrieben?

Settekorn: Ja. Oft wird die Spielübertragung sogar zu einer Demonstration der technischen Möglichkeiten. Das Fernsehen feiert sich bisweilen selbst. Teilweise wird eine Situation zum x-ten Mal aus einer anderen Perspektive gezeigt, während das Spiel weiterläuft.

DIE WELT: Was ist die Ursache für diese Entwicklung?

Settekorn: Die Privatisierung der Medienlandschaft. Wenn die Rechte teuer erkauft werden, dann muss auch ein optischer Mehrwert her, um das Ereignis im wahrsten Sinne des Wortes verkaufen zu können. Die Ware muss so viel Sendezeit wie möglich füllen.

DIE WELT: Wie wirkt sich dieser Trend auf die Spieler aus?

Settekorn: Man kann in letzter Zeit gut sehen, wie Fußballspieler als Helden aufgebaut werden. André Jolles schrieb schon in den dreißiger Jahren in seinem Buch „Einfache Formen“, dass der Sportstar in der Gegenwart das ist, was der Heilige fürs Mittelalter war. Und was dem Heiligen seine Heiligenlegende, ist dem Sportstar die Reportage. Es gibt da in vielerlei Hinsicht erstaunliche Parallelen: Heilige waren Leute, die in der Regel aus einfachen Verhältnissen stammten und die mehrere Male Wundertaten vollbracht haben. Außerdem haben sie Reliquien hinterlassen, die handelbar waren. Und sie haben Pilgerströme ausgelöst. Es entstand eine eigene Kultur.

DIE WELT: Gibt es noch weitere Parallelen?

Settekorn: Ja. Auch die Fußballfans von heute und die Jakobspilger von damals ähneln sich in verblüffender Weise. Man muss sich nur die Überwürfe, die Schals und die Hüte anschauen. Die PilgerEmbleme werden heutzutage durch Markenzeichen ersetzt. Das alles ist kulturell gesehen also nichts Neues. Nur wird es jetzt nicht mehr von der Kirche, sondern von Fußballvereinen in Verbund mit den Medien ausgeschlachtet. Es entsteht ein Wechselspiel, in dem die Medien als Treibriemen eine zentrale Rolle einnehmen. Ansonsten wäre der Sport nicht kapitalisierbar.

DIE WELT: Schauen Sie sich einige EM-Spiele an? Wie lautet Ihr EM-Tipp?

Settekorn: Ja, ich verfolge die Spiele, aber ich bin gespalten: Ich habe zwar Deutschland die Daumen gedrückt. Die Franzosen spielen aber besser Fußball.

 

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