Ensemble für frühe Musik Augsburg – Hildegard von Bingen und ihre Zeit (1990)

FrontCover1Seit Wochen, wenn nicht länger umkreise ich die Hildegard von Bingen gedanklich, denn sie scheint mir einer ganz und gar außergewöhnliche Frau gewesen zu sein, eine Frau die ihrer Zeit weit voraus war. Und damit steigen wir ganz tief in den Keller der Musikgeschichte … viel tiefer geht gar nicht mehr, denn wir schreiben un das 12. Jahrhundert:

Hildegard von Bingen (* 1098 in Bermersheim vor der Höhe (Ort der Taufkirche) oder in Niederhosenbach (damaliger Wohnsitz des Vaters Hildebrecht von Hosenbach); † 17. September 1179 im Kloster Rupertsberg bei Bingen am Rhein) war Benediktinerin, Äbtissin, Dichterin, Komponistin und eine bedeutende Universalgelehrte. In der römisch-katholischen Kirche wird sie als Heilige und Kirchenlehrerin verehrt. Daneben wird auch in der anglikanischen, der alt-katholischen und der evangelischen Kirche mit Gedenktagen an sie erinnert.

Hildegard von Bingen gilt als erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters. Ihre Werke befassen sich mit Religion, Medizin, Musik, Ethik und Kosmologie. Sie war auch Beraterin vieler Persönlichkeiten. Von ihr ist ein umfangreicher Briefwechsel erhalten geblieben, der auch deutliche Ermahnungen gegenüber hochgestellten Zeitgenossen enthält, sowie Berichte über weite Seelsorgereisen und ihre öffentliche Predigertätigkeit.

Am 7. Oktober 2012 erhob Papst Benedikt XVI. die heilige Hildegard zur Kirchenlehrerin (Doctor Ecclesiae universalis) und dehnte ihre Verehrung auf die Weltkirche aus. Ihre Reliquien befinden sich in der Pfarrkirche von Eibingen. (Quelle: wikipedia)

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Diverse Hildegard von Bingen Abbildungen

Und mich interessierte natürlich insbesondere die Komponistin Hildegard von Bingen:

Musik hatte für Hildegard von Bingen eine ganz besondere Bedeutung: Als Spiegel der himmlischen Harmonie brachte die Musik die Menschen Gott nahe. Sie selbst verfasste zwischen 1151 und 1158 über 70 Gesänge, die als Symphonia armonie celestium revelationum bezeichnet werden, sowie ein geistiges Singspiel. Man muss Wibert von Gembloux zustimmen: „Wer hat je ähnliches von irgendeiner Frau gehört?“. In den Gesängen preist sie den dreieinigen Gott, die Engel und die Heiligen, allen voran Maria, die heilige Ursula sowie Rupert und Disibod. Wieder bekräftigt sie den göttlichen Ursprung ihres Werks:

„Darauf sah ich eine von Licht durchstrahlte Luft. Aus ihr ertönten mir auf wundersame Weise mannigfaltige Klänge entgegen. Es waren Lobgesänge für jene, die im Himmel wohnen (…)“.

Noten

In einem Brief an die Mainzer Prälaten, die 1178 über dem Kloster Rupertsberg das Interdikt ausgesprochen hatten, erfahren wir, welche bedeutende Rolle die Musik für Hildegard im Gesamtzusammenhang ihrer Theologie besaß: Vor dem Sündenfall sei es dem Menschen möglich gewesen, am Gotteslob der Engel teilzunehmen. Erst die Propheten erhielten wieder etwas von dem damals verlorenen Wissen zurück. Durch die Gesänge und den Klang der Instrumente sollten die Menschen belehrt und zu einem gottgefälligen Leben ermuntert werden. Seitdem habe der Teufel alles daran gesetzt, das gesungene Gotteslob zu verhindern. Er sei über die wiedergewonnene Fähigkeit der Menschen zu singen höchst beunruhigt gewesen, denn der Gesang entstamme dem Heiligen Geist und sei der Widerhall himmlischer Harmonie.

Innerhalb des musikalischen Werks Hildegards nimmt das Singspiel Ordo virtutum eine besondere Stellung ein. Es hat die Form eines gesungenen liturgischen Dramas: Ähnlich wie im Liber Vitae Meritorum stellen sich die Tugendkräfte im Kampf um die Seelen der Menschen dem Teufel und seinen Machenschaften entgegen. Da die Harmonie der Musik immer dem Lob Gottes dient, ist der Teufel in dem Stück nur zu unrhythmischem lärmendem Getöse fähig. Vielleicht trugen es Hildegard und ihre Nonnen auf dem Rupertsberg und in Eibingen bei kirchlichen Festen vor.

Die Gesänge, die Hildegard komponierte, wurden bei der Messe oder dem Stundengebet gesungen, wie wir von Wibert wissen: „Diese Gesänge, die zum Lobe Gottes und zur Ehre der Heiligen komponiert sind, werden öffentlich in der Kirche vorgetragen“. Ob sie erst die Texte und später die Melodien schrieb, die in Neumen, den damaligen Tonzeichen, notiert wurden, oder ob beides zeitgleich entstand, ist nicht überliefert. Genauso wenig kann heute gesagt werden, wie die Musik in Hildegards Zeit tatsächlich klang. Die heutigen Fassungen der Lieder können sich daran nur annähern. (Quelle: www.bingen.de)

Klosterruine

Klisterruine Disibodenberg: Am 1. November 1112 wurde sie mit Jutta, von da an ihre Lehrmeisterin, und einer dritten jungen Frau in einem Inklusorium an oder in dem seit 1108 von Benediktinermönchen bewohnten Kloster Disibodenberg eingeschlossen. Während Jutta an diesem Tage vor Abt Burchard (1108–1113) auch ihre Profess ablegte, tat dies Hildegard später vor dem Bischof Otto von Bamberg, der von 1112 bis 1115 den inhaftierten Mainzer Erzbischof Adalbert vertrat.
Nach dem Tode Juttas in der mittlerweile zum Kloster gewachsenen Klause wurde Hildegard 1136 zur Magistra der versammelten Schülerinnen gewählt. Mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen mit Abt Kuno von Disibodenberg, weil Hildegard die Askese, eines der Prinzipien des Mönchtums, mäßigte. So lockerte sie in ihrer Gemeinschaft die Speisebestimmungen und kürzte die durch Jutta festgelegten, sehr langen Gebets- und Gottesdienstzeiten. Offener Streit brach aus, als Hildegard mit ihrer Gemeinschaft ein eigenes Kloster gründen wollte. Die Benediktiner von Disibodenberg stellten sich dem entschieden entgegen, da Hildegard deren Kloster Popularität verschaffte.

Und hier ein erster musikalischer Eindruck der damaligen Musik, wie sie von Hildegard von Bingen (und anderen) komponiert wurde.

Dargeboten werden diese musikalischen Kostbarkeiten von dem Ensemble für frühe Musik, Augsburg, dieses Album ist zugleich ihr Debütalbum:

Das Ensemble für frühe Musik Augsburg wurde vor beinahe 25 Jahren gegründet und zählt heute nach Jahren intensiver musikwissenschaftlicher und musikalischer Arbeit zu den bekanntesten Gruppen für Musik des Mittelalters. Über 1000 Konzerte in ganz Europa, in den USA und bei Internationalen Festivals für Alte Musik sowie zahlreiche Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen begründen diesen Ruf.

Ensemble

 

Neben der Frage nach der Gesangs- und instrumentalen Spieltechnik des Mittelalters, neben der Zusammenarbeit mit Romanisten und Germanisten, aber auch mit spezialisierten Instrumentenbauern, neben dem Versuch also, zu erfahren, „wie es wirklich geklungen hat“ stand immer wieder die Idee im Vordergrund der musikalischen Überlegungen, „Musik von Gestern“ für „Leute von Heute“ zu machen, d.h. das Publikum mit „Phantasien über mittelalterliche Musik“ (Dieter Kühn) zu fesseln und zu begeistern. Dabei zeigte sich im Laufe der Jahre, dass beide Wege zum gleichen Ziel führten:
Je näher man versuchte dem „Original“ zu kommen, um so beeindruckender wurde das musikalische Erlebnis für den heutigen Zuhörer.
In seiner Besetzung ist das Ensemble seit den Anfängen gleich geblieben. (Selbstdarstellung)

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Und dieses Ensemble gibt´s noch heute ! Was für ein Geschenk !

Man muss nicht unbedingt religiös sein … aber dennoch kann diese Musik so richtig tief in Herz gehen … so jedenfalls geht es mir …

Unglaublich, dass Melodien aus dem 12. Jahrhundert heute noch eine derartige Magie vertrömen können.

Wer´s nicht glaubt … sollte reinhören.

BackCover1

Besetzung:
Hans Ganser (vocals, percussion, psaltery)
Rainer Herpichböhm (vocals, chitarra saracenica, harp, percussion)
Sabine Lutzenberger (vocals, recorder, shawm)
Heinz Schwamm (vocals, fiddle, lira, shawm, hurdy-gurdy)

Booklet05A.jpg

Titel:

Hildegard von Bingen:
01. O Magne Pater1 O Magne Pater 3.06
02. O Aeterne Deus 2.19
03. Ave, Generosa, Gloriosa Et Intacta Puella 4.54
04. O Frondens Virga 5.31

Petrus Abaelardus:
05, Planctus David Super Saul Et Ionatha 9.38

Hildegard von Bingen:
06. O Felix Anima 4.24
07. Ave, Maria, O Auctrix Vitae 4.30

Petrus Abaelardus:
08. O Quanta Qualia 6.01

Anonym:
09. Promat Chorus Hodie (Aquitanien (12.Jh.) 3.29
10. Annus Novus In Gaudio (Aquitanien (12.Jh.) 4.48
11. Fulget Dies Celebris (Aquitanien (12.Jh.) 2.14

Hildegard von Bingen:
12. O Quam Mirabilis 6.19
13. O Virtus Sapientiae 2.46
14. O Vis Aeternitatis 6.00

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