Kraan – Kraan (1972)

FrontCover1.jpgFür ganz schön viele waren Kraan Anfang der 70r Jahre einfach die größten, und in der Tat ihr so ganz spezieller JazzRock hatte schon ein ganz großes Format.

Kraan ist eine deutsche Jazzrock-Band und zählt zu den bekanntesten Vertretern des Krautrock. Ihr musikalischer Verdienst ist die Mischung von Jazz und Rock mit orientalischen und asiatischen Klängen.

Kraan bildeten sich 1970 in Ulm. Zuvor hatten die Brüder Jan Fride und Peter Wolbrandt in diversen Jazzbands gespielt und konnten 1968 Hellmut Hattler überzeugen, mit ihnen die Band Inzest zu gründen. Johannes ‚Alto‘ Pappert (Saxophon) war zu dieser Zeit mit einer Soul-Rockband unterwegs und stieß, auf der Suche nach neuen musikalischen Herausforderungen, 1971 dazu.

P. Wolbrandt hatte in Berlin ein Grafikstudium begonnen, J. Fride war für Fotografie eingeschrieben und Hattler stand kurz vor dem Abitur, als sich allen die Frage stellte, wie es mit der Musik weiter gehen sollte: Hobby oder Beruf. Vier Wochen vor der Abiturprüfung stellte Hattler alle schulischen Anstrengungen ein, P. Wolbrandt gab sein Grafik- und J. Fride sein Fotostudium auf, und aus der Hobbyband Inzest entstand „Kraan“. Es wurden Musik- und Stilrichtungen genommen, vermischt, verändert und neu gespielt. Aus den weit gefächerten musikalischen Interessen aller Bandmitglieder – mit orientalischen Klängen, jazzigen Läufen und harten Beats – entstand ein zu dieser Zeit neuer Klang, der später das Etikett Jazzrock erhalten sollte.

ImStudio01AErste Konzerte stießen auf Interesse, und die Band beschloss, ihre Verbindungen in Berlin, unter anderem zu den Musikern von „Karthago“ und zu einem Tonstudio, für gemeinsame Sitzungen und erste Aufnahmen zu nutzen. Nach einem halben Jahr und einigen wenigen, aber erfolgreichen Auftritten, kam es zu einer ersten Krise, und Hattler nahm das Angebot der schwäbischen Band „Erna Schmidt“ in Norddeutschland an. Schnell stellte sich heraus, dass er seine musikalischen Vorstellungen hier nicht verwirklichen konnte, und er holte den Rest der Gruppe nach. Eine Fusion der beiden Bands war geplant. Das Projekt überlebte das Heimweh der Schwäbisch Gmünder Musiker und das Jahresende nicht; Kraan wurde neu gegründet.

Auf der Suche nach einem neuen Domizil wurde man bei Graf Metternich fündig. Er stellte sein Gut Wintrup im Teutoburger Wald zur Verfügung. Die einsame Lage in einem Tal machte Proben rund um die Uhr möglich. Von den früheren Bewohnern war der Manager Walter Holzbaur verblieben, der sich umgehend an die Vermarktung der Band machte. Ein erstes Konzert in Detmold verlief für die Band vor über 400 Zuschauern erfolgreich. Weitere Konzerte folgten und am Ende des Jahres 1972 dann auch die erste Schallplatte, die in zwei Tagen aufgenommen, an einem Tag gemixt und nicht allzu lange später erfolgreich an Intercord verkauft wurde. Sie erhielt gute Kritiken und es folgte eine erste Tournee durch Deutschland, Ausflüge in die Schweiz und die Niederlande. (Quelle: wikipedia)

KraanLive1972

 

Soweit zur Frühgeschichte dieser Band. Nun zum Debütalbum von Kraan:

Das von Hattler beherrschte „Sarah’s Ritt durch den Schwarzwald“ kommt ziemlich spacig aus den Startlöchern, um dann mit mächtigen Hooks und donnerndem Bass mit seinen typischen Sololinien die Marschrichtung des folgenden Geschehens vorzugeben. Hier ist neben allen guten Zutaten auch sicher ein angemessener Schuss Krautrock enthalten – auch in Form des fast trivialen Textes.
»Oh Sarah, flipp doch aus, rauch ein Joint, komm zurück, yeah…«
Die beiden anderen Songs, auf denen gesungen wird, haben dann aber englische Lyrics und wirken damit textlich weniger angestaubt.
Leise Orgeltöne eröffnen und durchziehen „M.C. Escher“, das mit dem einnehmenden, gefühlsbetonten Saxophonspiel von Johannes Pappert voll überzeugt und bei geeigneter persönlicher Stimmung auch für eine Gänsehaut gut ist. Im Mittelteil geht es zwar mal free-jazzig abgedreht zu, mit aufgelösten Strukturen, dennoch berührt diese Musik unmittelbar die Seele.
Der letzte Song auf der ersten LP-Seite ist sicher einer der bekanntesten Titel der Band. „Kraan Arabia“ verarbeitet die in Berlin gewonnenen Erfahrungen und ist eine Magie versprühende Fusion aus orientalischen Klängen und Jazz Rock. Feine Gitarrenparts und mitreißendes Schlagzeug, heftige Congas, eine fette Basslinie und das Saxophon wie aus 1001 Nacht vermischen sich zu einer atemberaubenden musikalischen Tour de Force. Diesen Song kann man getrost als Klassiker verbuchen.

Autogrammkarte1972

Autogrammkarte 1972

Mit über 18 Minuten Spieldauer ist „Head“ eine einzige Jam. Man sieht vor dem geistigen Auge den damals fast obligatorischen Joint die Runde machen. Dieses lange Stück besteht aus mehreren, verschieden kolorierten und trotzdem perfekt zusammenpassenden Klangbildern. Es wurde nichts kontemporäres ausgelassen, und dazu gehört natürlich auch ein Schlagzeugsolo. Darüber hinaus vernimmt man jede Menge ethnisch verspielte Musikalität. Das dagegen recht kurze „Sarah auf der Gänsewies’“ setzt einen ruhigen Schlußpunkt unter das Originalalbum.

Die Bonustracks zeigen eher alternative Qualitäten denn pure Demoshow. Bei „Sarah’s Ritt durch den Schwarzwald“ gefällt mir der Einstieg in den Song sogar besser als auf der ursprünglichen Platte. Geschmackssache. Auf alle Fälle ist es interessant zu hören, welche Variationsmöglichkeiten die Band 1972 schon besaß. Dass hier instrumentale Könner am Werk waren, spürt man in jedem Augenblick.
Auffallend war auf diesem Album schon immer der Klang des Schlagzeugs, denn der wurde über die gesamte Spieldauer durch einen Phaser manipuliert. Das Remastering geht vollkommen in Ordnung, das Klangbild ist im Bass und den Mitten recht ausgewogen, im Hochtonbereich jedoch etwas dünn und manchmal auch leicht spitz, dafür ohne Rauschen.

SoundsApril1973

Aus „Sounds“, April 1973

Fazit: Insgesamt eine dicke Empfehlung! Man hört ein gemeinsames Musikschaffen ohne jegliche Starallüren, bei dem jeder der Beteiligten einen überragenden Beitrag für das Endergebnis leistet. Für manche ist diese Platte eine aus Tönen gebastelte Sternstunde und liefert ohne Zweifel ungekünstelte, ja auch ungehobelte Originalität in Nähe von Genialität. Eine Inselplatte, die mir persönlich wegen der Ursprünglichkeit mehr zusagt, als der spätere Output der Band – die tolle Live Platte von 1975 mal ausgenommen. Die gute Nachricht: Die CD kostet nagelneu nur 7 €, da muss man wohl nicht lange überlegen. “ (Mani Hüther)

Nachtragen will ich dann noch, dass der Gesang mittlerweile vielleicht ein wenig antiquiert klingt (wie so oft bei deutschen Produktionen aus dieser Zeit), die Musik aber das Prädikat „zeitlos“ mehr als verdient hat !

Und natürlich hatte das Label Intercord mit dieser LP einen prächtigen Erfolg für ihr Sub-Label „Spiegelei“ …es sei ihnen vergönnt !

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Besetzung:
Jan Fride (drums, percussion)
Hellmut Hattler (bass)
Johannes Pappert (saxophone, percussion)
Peter Wolbrandt (guitar, percussion, vocals)
+
Romi Schickle (0rgan bei 02. + 04.)

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Titel:
01. Sarah’s Ritt durch den Schwarzwald  6.21
02. M.C.Escher 6.12
03. Kraan Arabia 9.54
04. Head 18.34
05. Sarah auf der Gänsewies‘ 2.00
+
06. Sarah’s Ritt durch den Schwarzwald (Demo 1971) 6.00
07. M.C.Escher (Demo 1971) 6.30
08. Head (Demo 1971) – 13.51
09. Sarah auf der Gänzwies‘ (Demo 1971) 2.12

Alle Kompositionen und Texte: Kraan

LabelA1

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**

3 Gedanken zu “Kraan – Kraan (1972)

  1. Ich wollte es nicht glauben, aber es stimmt: Die LP „Gewitter“ der Uwe Schikora Combo (Amiga 1972) klingt erstaunlich krautig bzw. kraanig; textliche Plumpheit inclusive.
    Aber in Sachen plumpe Texte waren wir im Osten in den Anfangstagen des Ostrock ja schmerzgestählt.

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