Johannes Mario Simmel – Affäre Nina B. (1958/1971)

RoRoRoTitel1Also eigentlich wollte ich hier ja die Verfilmung dieses Simmel Romans präsentieren, aber es ist mir bisher nicht gelungen, eine digitale Kopie dieses Streifens aus dem Jahr 1961 mit Nadja Tiller und Walter Giller) aufzutreiben.

Also vorerst, die Textausgabe (wobei ich ja diesbezüglich die Hoffnung nie aufgebe).  Und … deshalb komme ich auf diese Präsentation … eines meiner Bücher, die ich in meinem Urlaub auf Teneriffa mit großes Interesse gelesen habe …

Und darum geht´s in diesem Frühwerk von Simmel:

„Wäre doch hübsch, wenn jemand behaupten könnte: Das war nicht ich, das war ein anderer! Ein Doppelgänger! Ein zweites Ich, das alles auf sich nimmt, was man getan hat, jede Gemeinheit, jeder Fehler, jeden Irrtum… Ein Doppelgänger, bei Gott, das wäre die Erfindung des Jahrhunderts!“ So spricht der millionenschwere fette Schieber Julius Maria Brummer zu seinem Chauffeur Robert Holden, nachts auf der Autobahn. Den Reichtum verdankt Brummer dem Wissen um die Verbrechen anderer während der Nazizeit, und wegen ihrer Vergangenheiten müssen seine Feinde sich von ihm beherrschen lassen. Es sind viele Feinde, die ihn hassen. Keiner haßt ihn so wie Robert Holden. Er liebt Brummers Frau Nina, Nina liebt ihn, und der korrupte Millionär ahnt nicht, welche phantastische Idee seine Worte in jener Nacht auf der Autobahn bei Holden entstehen ließen… Mit sicheren Strichen zeichnet Johannes Mario Simmel die Akteure dieses tödlichen Spiels um politische Vergangenheiten, Geld, Macht und Liebe.

Filmbild„Er hatte viele Feinde. Ich war sein größter. Es gab viele Menschen, die ihn haßten. Niemand haßte ihn mehr als ich. Viele Menschen wünschten ihm den Tod. Ich war entschlossen, ihn herbeizuführen, den Tod des Mannes, den ich über alle Maßen haßte.

An diesem Tage war es soweit. Ich hatte lange gewartet. Nun hatte das Warten ein Ende. Ich hatte lange gezögert. Nun war es mit dem Zögern vorbei. Nun ging es um mein Leben – und um seines.

Es war schon sehr warm in Baden-Baden an diesem 7. April. Der sanfte, bewaldete Talkessel, auf dessen Grund die Stadt errichtet stand, fing die Kraft der jungen Sonne ein und hielt sie in seiner dunklen, fruchtbaren Erde fest. Viele Blumen blühten in Baden-Baden, gelbe, blaue und weiße. Ich sah Primeln und Himmelschlüssel, Krokusse und Veilchen an den Ufern der schläfrig murmelnden Oos, als ich den schweren Wagen durch die Lichtentaler Allee lenkte. Es war sein Wagen, einer von den dreien, die er besaß, und er paßte zu ihm: ein protziger, riesenhafter Cadillac mit weißen Reifen, rot und schwarz lackiert.

Filmbild2

Alle Menschen auf den Straßen hatten freundliche Gesichter. Die Frauen lächelten mysteriös. Sie trugen bunte, leichte Kleider. Viele trugen verwegene Hüte. Ich sah eine Menge von verwegenen Hüten an diesem Morgen, als ich zum Polizeipräsidium führ, um eine Anzeige zu erstatten. Dies schien ein Frühling der Hüte zu werden, dachte ich.

Die Männer trugen graue, hellbraune, hellblaue oder dunkelblaue Anzüge, viele hatten bereits ihre Mäntel zu Hause gelassen. Die Männer sahen die Frauen an und ließen sich. Zeit dabei. Sie hatten keine Eile. Niemand hatte an diesem Frühlingstag Eile in Baden-Baden, niemand außer mir. Mich hetzte mein Haß, mich hetzte ein unsichtbares, unhörbares Uhrwerk, das ich selbst in Gang gesetzt hatte und vor dessen Stunde Null es kein Entrinnen gab – für ihn und mich.“

rororo 359 1960/05 Johannes Mariio Simmel - Affäire Nina B. - Oesterreich

Die Originalausgabe aus dem Jahr 1958

Nun, ein ganz und gar typischer Simmel Roman mit allen Zutaten, die ihn dann später so populär gemacht haben: Spannung, ein wenig Sex (da wurde er später dann ein wenig unverblümter) und politische Akzente im Hinblick auf die Nachkriegszeit und deren spezieller Verarbeitung des III. Reiches.

Auch wenn der Simmel früher in der Literaturkritik nicht sonderlich gut wegkam … für mich war und bleibt er ein wichtiger Autor. Er war im weitesten Sinne eine zutiefst sozialdemokratischer Autor (man traut sich heute dieses Wort allerdings kaum mehr in den Mund zu nehmen), er war ein Autor der Willy Brandt Ära …

Weitere Buchausgaben

Weitere Buchausgaben

Und von daher breche ich gerne ne Lanze für diesen engagierten Schriftsteller, der sich natürlich der leichten Muse verschrieben hat, das aber ohne Fehl und Tadel (und deshalb verbieten sich aus meiner Sicht aus Vergleiche mit dem Konsalik).

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Werbung in der rororo Ausgabe aus dem Jahr 1971

 

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Noch mehr Werbung aus dem Buch des Jahres 1971

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2 Gedanken zu “Johannes Mario Simmel – Affäre Nina B. (1958/1971)

  1. Da gabs diese ominöse Versammelung von Autoren zwischen zwei biegsamen Buchdeckeln. Karl Heinz Kramberg hatte ihre kurzen Stücke zusammengetragen. Verlegt und der Öeffentlichkeit wurde das Werk 1970 dann beim legendären Verlag Bärmeier & Nikel.
    „Vorletzte Worte. Schriftsteller schreiben ihren eigenen Nachruf“
    Da finden sich neben Ernst Jandl, Geno Hartlaub, Uwe Johnson, Gisela Elsner, Karl Krolow, Peter O. Chotjewitz noch etwa vierzig weitere Autoren mit den selbstverfassten Nachrufen auf ihre eigene Person. Viele habe ich vergessen, obwohl ich die Lektüre als kurzweilig erinnere.
    Einen jedoch werde ich bestimmt nicht vergessen. Den von Johannes Mario Simmel. Da erinnert er im Nachruf an einen ewig verkannten Autor, der doch viel mehr war, als zu seinen Lebzeiten allgemein anerkannt worden ist.
    So viel triefendes Selbstmitleid hatte etwas geradezu Rührendes…

  2. Simmel, Konsalik und Hohlbein haben mMn den Fehler gemacht, nach beachtlichen Anfängen – Vielschreiber zu werden. Fürs Portemonnaie gut, für den künstlerischen Ruf tötlich. Nun ja, leben wolltense halt och von der Schreiberei. Ein Dilemma.

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