Klaus Lenz Band – Aufbruch (1976)

FrontCover1Für mich ist er einer der wichtigsten und profiliertesten  Jazzmusiker der ehemaligen DDR und um Wiederholungen zu vermeiden, verweise ich mal einen anderen  Beitrag dieses blogs … und der findet sich hier.

Und den Hüllentext schrieb damals einer der wichtigsten und profiliersten Jazzexperten der DDR und zwar Werner Sellhorn:

„Die Big Bands von Klaus Lenz haben Tradition. Die diesjährige, die er länger zusammenhalten will als seine Orchester bisher, zeigt freilich eine besondere Note. In ihr spielt nicht mehr die Prominenz, sondern Jazzer, die die nächste Generation nach dem 35jährigen Bandleader verkörpern, der sich schon immer um den Nachwuchs gekümmert hat, aber noch nie in solchem Maß.“ Das schrieb nach einem Konzert im November 1975 die Dresdner Zeitung „Union“ unter der Überschrift „Lenz und die nächste Generation“. Seine neueste Big Band hat Lenz im Spätsommer 1975 gegründet, und man muß ihm bestätigen, daß er mit sicherem Gespür die richtigen Leute fand. Hervorgehoben seien hier nur seine Kollegen im perfekten Trompetensatz Max Pflugbeil (ein hervorragender 1. Trompeter!). Klaus-Dieter Knispel und Signor Rotbarth, der Posaunist Bernd Swoboda, der ausgezeichnete junge Keyboard-Spieler Wolfgang Fiedler, der Schlagzeuger Dieter Ehrhardt, der sich mittlerweile zum begabtesten Nachwuchs-Big-Band-Trommler bei uns entwickelt hat, und der Saxophonist Axel-Glenn Müller, der als wichtigste „Lenz-Entdeckung“ der letzten Jahre dieser Platte (neben Lenz) auch als Komponist und Arrangeur seinen Stempel aufdrückt.

Als „Gäste“ kann man in dieser Besetzung nur die Saxophonisten Rainer Gäbler und Helmut Forsthoff bezeichnen, die zeitweilig mit Lenz arbeiten. In seiner nun schon über anderthalb Jahrzehnte reichenden Tätigkeit als Leiter eigener Gruppen und Bands hat Klaus Lenz viele Sängerinnen und Sänger begleitet, unter andern Etta Cameron, Uschi Brüning, Christiane Uffholz, Manfred Krug und Klaus Nowodworski. Sein Hauptaugenmerk galt und gilt jedoch der modernen Big-Band-Musik schlechthin. Mit dieser Langspielplatte erfüllt sich sein Wunsch nach Veröffentlichung einer Zusammenstellung von reinen Instrumentaltiteln, die das Niveau des populären Jazz in unserer Republik entscheidend mitbestimmen. „Blow Out“ ist ein typisches Beispiel zeitgenössischer großorchestraler Musik. Für einen modernen Sound sorgt – wie auch in den anderen Titeln – eine aufwendige Elektronik, die neben herkömmlichen Instrumentarium eingesetzt wird.

Klaus Lenz Band01

Die Klaus Lenz Band, 1974

Rhythmisch wird das Thema in unterschiedlichen Taktarten vorgestellt. Komponist Axel-Glenn Müller glänzt in einem großen Solo auf dem Altsaxophon. „Balkantanz“ verwendet Rhythmen der bulgarischen Folklore, wie sie zuerst erfolgreich von Don Ellis in den Jazz übernommen wurde. Klaus Lenz hat bereits früher Titel dieser Art geschrieben (vgl. „Reminiszenz an D.E.“ auf der LP „Klaus Lenz Modern Soul Big Band, Amiga 855 380); hier hören wir als Solisten den Posaunisten Bernd Swoboda, der früher zu Beat-Ensembles (zum Beispiel Gruppe „WIR“ – ostbeat) gehörte und nun zum ersten Mal jazzige Chorusse bläst, und Signor Rotbarth, einen hoffnungsvollen Nachwuchstrompeter, mit einem Flügelhornsolo im 9/4-Takt. „Aufbruch“ gab der Platte ihren Namen; das Thema dieser gelungenen Komposition wird unisono von Sopransaxophon (Axel-Glenn Müller) und Tenorsaxophon (Helmut Forsthoff) vorgestellt und verarbeitet Elemente der arabischen Folklore. Müller verwendet in seinem Chorus das Sopransaxophon mit Oktavverdoppler. Nach Überleitungstutti steigert sich die Big Band zum imposanten Schlußeffekt, wobei mit dem Synthesizer parallel dazu eine atonale Nebenmelodie gespielt wird, der außerdem am Schluß (wie am Anfang) die Vision von Windgeräuschen zaubert. „Hallo Igor“ gehörte schon Ende der sechziger Jahre zum Repertoire der damaligen Klaus Lenz-Band.

Klaus Lenz Band02

Die Klaus Lenz Band im Studio, 1975

Es ist nicht nur das längste Werk auf dieser Platte, sondern auch die komplizierteste Komposition und das raffinierteste Arrangement. Lenz schrieb den Titel als Reminiszenz an Igor Strawinski, wobei er schich an dessen Melodik und Harmonik anlehnte. Nach der Vorstellung des Motivs durch die Orgel spielen Flöte und Bassklarinette über einer ostinaten Baßfigur ein atonales Thema im 5/4-Takt. In Wolfgang Fiedlers Orgelsolo erscheint wieder das Grundmotiv, dass durch die Bläser verdichtet wird und zum interessanten Schlagzeugsolo von Dieter Erhardt überleitet. Erneut erklingt das Motiv in verschiedenen Stufen und führt zu einem brillanten Tutti, dass seinen Höhepunkt in vier gewaltigen Unisononoten findet und mit einem Gongschlag endet. Das Ganze wird schließlich durch einen langsamen Teil aufgelöst. Über einer ostinaten Baßfigur erklingt eine atonale Reihe, die sich immer mehr verdichtet und zu einem crescendoartigen Unisono-Finale steigert. Über all dem strahlt das sehr bluesig geblasene Tenorsaxophon von Helmut Forsthoff. Mit einer sparsamen Wiederholung de4s Anfangthemas durch die Orgel klingt der Titel aus, in dem – und das ist ungewöhnlich bei Klaus Lenz – auch einige Takte Free Jazz vorkommen. „Ballade für zwei“, ein langsames, getragenes Stück, zeigt die lyrische Gestaltungskraft von Axel-Glenn Müller (Altsaxophon) und Wolfgang Fiedler (Elektropiano). Hier wird deutlich, dass die Balladenform auch und gerade im heutigen Jazz nichts von ihrer Bedeutung verloren hat. Der Titel wurde mit Absicht an den Schluß der Platte gestellt, die damit in Ruhe ausklingt“.

Klaus Lenz siedele dann übrigens ein Jahr später in der BRD … von daher ist der Titel „Aufbruch“ mehr als programmatisch …

Und dort erschien dann dieses Album dann auch als „West-Auflage“ auf dem kleinen „Vinyl“ Label in (West)-Berlin.

VinylLabels

Die Labels des (West) Berliners Labels „Vinyl) (1978)

West – Ost… hin oder her … dieses Album ist einfach nur ein triumphales Jazz-Rock Album.

Und wer es sich anhören mag, wird vielleicht verstehen, warum ich eingangs schrieb „Für mich ist er einer der wichtigsten und profiliertesten  Jazzmusiker der ehemaligen DDR …“

Klaus Lenz

Klaus Lenz im Jahre 2015

Besetzung:
Jörg Dobersch (bass)
Dieter Erhardt (drums, percussion)
Wolfgang Fiedler (keyboards, synthesizer)
Helmut Forsthoff (saxophone, flute)
Rainer Gäbler (saxophone)
Jürgen Heinrich (guitar)
Claus-Dieter Knispel (trumpet, percussion)
Klaus Lenz (trumpet)
Axel-Glenn Müller (saxophone, clrinet)
Manfred Nytsch (trombone)
Max Pflugbeil (trumpet)
Signor Rotbarth (trumpet, flugelhorn)
Bernd Swoboda (trombone)

BackCover1

Titel:
01. Blow Out (Müller) 4.56
02. Balkantanz (Lenz) 7.01
03. Aufbruch (Müller) 7.52
04. Hallo, Igor (Lenz) 12.24
05. Ballade für zwei (Müller/Fiedler) 5.25

AmigaLabelB

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Ein Gedanke zu “Klaus Lenz Band – Aufbruch (1976)

  1. Jau. Und u.a. war er auch der Entdecker von Reinhard Lakomy, der bis 1973 bei ihm dann Keyboarder war. „Es war noch nicht das letzte Mal“; die Autobiographie von Lacky beschreibt auch reichlich Begegnungen zwischen Lenz und Lacky.
    U.a. auch dass Lacky ihn anfang der 80er am Rhein besuchte, wo er erfolgreicher Burgherr war.

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