Franz-Josef Degenhardt – Väterchen Franz (1966)

Erstmal ganz lapidar und dann auch noch passend zum Vatertag:

Franz Josef Degenhardt (* 3. Dezember 1931 in Schwelm, Provinz Westfalen; † 14. November 2011 in Quickborn, Schleswig-Holstein) war ein deutscher Liedermacher, Schriftsteller sowie promovierter Jurist und Rechtsanwalt.

Franz Josef Degenhardt veröffentlichte seine erste Platte im Jahre 1963, also noch während der letzten Monate der Kanzlerschaft Konrad Adenauers. Anfangs eher ein Bänkelsänger mit Ruhrpott-Einschlag, wurden seine Aussagen und Liedtexte zunehmend schärfer und pointierter, bis er schließlich zum musikalischen Sprachrohr der 68er-Generation avancierte. Für die damals 18- bis 25-jährigen (soweit sie politisch dachten) war Degenhardt der Exponent einer Protesthaltung, die die Normen und Werte der bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellte oder ganz abschaffen wollte.

Das Album „Väterchen Franz“ markiert eine Übergangsphase: eine allmähliche Abwendung vom eher literarisch geprägten Chansonstil, hin zum großen basisdemokratischen Rundumschlag. 1966 war von den Umwälzungen und Unruhen, die zwei Jahre später die Republik erschütterten, noch wenig zu spüren. Doch an den Universitäten, wo Adorno und Marcuse eine marxistisch geprägte Soziologie lehrten, gärte es bereits. 1966 war auch das Gründungsjahr der Großen Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger. Die geplante Notstandsgesetzgebung der neuen Regierung bildete bald darauf zusammen mit dem Vietnam-Krieg ‚den Kristallisationspunkt für die größten Protestdemonstrationen, die die Bundesrepublik bis dahin erleben sollte. Gleichzeitig machten sich die ersten schüchternen Ausläufer der ’sexuellen Revolution‘ bemerkbar, und auch die Diskussion über die NS-Zeit gewann an Prägnanz und Schärfe.

DegenhardtVäterchenFranzBurgWaldeckDessen ungeachtet zog 1966 erstmals die NPD in die Länderparlamente von Bayern und Hessen ein, begünstigt auch durch den Umstand, dass es 1966/67 erstmals so etwas wie eine Konjunkturflaute gab. Die Wirtschaftswunder-Epoche ging langsam zu Ende, und allmählich wurden gewisse Grenzen des Wachstums sichtbar. Während das Gros der Bevölkerung die Zeichen des Wandels ignorierte und an die immerwährende Stabilität ihres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems glaubte, bereitete sich im ‚Untergrund‘, in Filmen, Theaterstücken und Büchern, ein kultureller Umbruch vor. Die Schriften von Freud, Reich und Adler erlebten eine Renaissance in intellektuellen Zirkeln, und es dauerte nicht lange, bis dieser Funke auch auf Teile der Jugend übersprang. Nicht nur in der alten Bundesrepublik, sondern in vielen Ländern der Welt folgten junge Leute den Vorbildern einer neuen Popkultur, die ihren prägnantesten Ausdruck in der Musik fand, auch wenn die „Woodstock Generation“ noch einige Jahre auf sich warten ließ. Doch zwischen den Großmächten herrschte – trotz einiger Entspannungsansätze – noch immer „kalter Krieg“, und die Gefahr eines atomaren Konflikts schwebte wie ein Damoklesschwert über den Menschen. Vor diesem Hintergrund entstand, viele der geschilderten Punkte einflechtend, das Album „Väterchen Franz“.

Degenhard2t

Meine Favoriten: „In den guten alten Zeiten“, „Tonio Schiavo“ und „Feierabend“ (besonders letzteres Lied, dank Melodie und Text und der daraus resultierenden, ebenso poetischen wie bedrohlichen Stimmung). Aber auch die anderen Songs sind durchweg gelungen und weisen sowohl textlich als auch musikalisch eine große Spannbreite auf. Und obwohl zwischen dem Produktionsjahr der Platte und der Gegenwart inzwischen einige Jahrzehnte liegen, finden sich immer wieder Textpassagen, die heute genauso aktuell sind wie damals. Genaues Hin- und Zuhören lohnt sich also auf jeden Fall. (Reinhard Koehrer)

Zeit seines Lebens war ich ihm gram, dass er sich die Narretei leistete, aktiv für die DKP einzutreten. Dies sei ihm nun posthum vergeben.

DegenhardtVäterchenFranzBC

Besetzung:
Franz Josef Degenhardt (vocals, guitar)

Titel:
01. Horsti Schmandhoff (Degenhardt) 6.17
02. Tante Th’rese (Degenhardt) 4.01
03. Spaziergang (Degenhardt) 2.48
04. In den guten alten Zeiten (Degenhardt) 6.12
05. Umleitung (Degenhardt) 3.26
06. Tonio Schiavo (Degenhardt) 3.47
07. Santacher (Degenhardt)  4.32
08. Adieu Kumpanen (Degenhardt) 3.58
09. Väterchen Franz (Degenhardt) 6.45
10. Feierabend (Degenhardt) 4.02

Label1

*
**

Ein Gedanke zu “Franz-Josef Degenhardt – Väterchen Franz (1966)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s