Verschiedene Interpreten – Swing tanzen verboten (Teil 4) (2004)

FrontCover1Jetzt endlich Teil 4 und Schluss der Edition „Swing tanzen verboten“, jener üppig Edition, die sich vorrangig mit den Jazzaufnahmen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland erschienen, beschäftigte.
Die etwas intensivere Beschäftigung mit diesem Thema war für mich sehr lehrreich und zwar in viellerlei Hinsicht:
Zum einen lässt sich wohl festhalten, dass diese Musik den Nazischergen zwar ein Dorn im Auge war, dass sie diese Musik aber dennoch nicht gänzlich untersagen konnten. Auch auf dieser 4 CD finden sich diverse Stücke, die es sich erlaubt haben, englische Titel zu tragen, wie z.B. „Limehouse Blues“, oder „Weekend“. Und dab es dann noch ne Kentucky Melodie.
Oder: da singt die Schwedin Gretta Wassberg (begleitet von ihrem Lands- und Ehemann Arne Hülphers) ganz schön keck „Ich bin ich bin“ (“ … und tue das was mir gefällt“ … !)
Und hier noch ein weiterer geschichtlicher Überblick zu diesem Thema:
Der Jazz hielt aufgrund des Ersten Weltkrieges und der wirtschaftlichen Blockade der Siegermächte erst 1919 seinen Einzug in Deutschland. Vor allem die große Tanzwut der Nachkriegszeit – Ausdruck einer aufgrund der in der Kriegszeit erlittenen Entbehrungen verbreiteten Vergnügungssucht und förderte den Jazz.

Zwischen 1924 -1928 erreichte der Jazz in Deutschland seinen Höhepunkt. Der bis dahin gespielte Jazz der frühen Jahre wurde aber zunehmend als Irrweg und die neue Spielweise als Zähmung des wilden Jazz und als Abkehr von der „Radaumusik“ bezeichnet. Vorbild war vor allem das Orchester Paul Whitemans mit seinem „symphonischen Jazz“. Der Jazzboom bis 1928 war so groß, dass auch außerhalb des musikalischen Bereichs von einer Jazzmode gesprochen werden konnte.
Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre setzte auch eine weltweite Krise der Jazzmusik ein.
Ein erster wirklich bedeutender Einschnitt für den deutschen Jazz im beginnenden NS-Regime war die Errichtung der Reichsmusikkammer (RMK) als Unterabteilung der Reichskulturkammer (RKK) und den damit einhergehenden Einschränkungen für jüdische und ausländische Musiker, den Hauptträgern des Jazz in Deutschland.
WeekendDie Ausübung des Musikerberufes war an die Mitgliedschaft und eine damit verbundene Mitgliedskarte der RMK gekoppelt. Für den Erhalt dieser Karte mussten alle in Deutschland tätigen Musiker eine Eignungsprüfung über sich ergehen lassen. Diese Prüfungen sind im Nachhinein als willkürlich einzuschätzen, worunter in der Mehrheit ausländische und jüdische Musiker zu leiden hatten. Zusätzlich wurden ausländisch klingende Bandnamen verboten, die bekanntlich bei Jazzbands bevorzugt waren.
Ein populäres Beispiel stellen die „Comedian Harmonists“ dar, die sich in „Meistersextett“ umtaufen mussten. Eines der Hauptziele der RMK war die „Säuberung“ von Juden aus ihren eigenen Reihen.
Aufgrund dessen wurden alle Musiker aufgefordert, bis 1934 ihre ethnische und religiöse Zugehörigkeit anzugeben. Allerdings lief die Auswertung der Fragebögen aus organisatorischen Gründen sehr mühsam von statten, so dass nachweislich bis 1939 jüdische Musiker, darunter auch Jazzmusiker, bei der RMK registriert waren. Zusätzlich konnten die Angaben über die religiöse Zugehörigkeit auch gefälscht werden, was die angestrebte „Entfernung“ von Juden erschwerte.

KeinNiggerJazz

Während des gesamten Bestehens des Nationalsozialismus gab es nur wenige musikimmanente Gründe, die gegen den Jazz vorgebracht wurden. So wurde schließlich 1933 das Saxophon als das Jazzinstrument schlechthin ausgemacht und der Verkauf, sowie das Spiel dieses Instruments per Anordnung verboten. (Was so nun wirklich nicht stimme kann; Riffmaster)

BackCover1Der Jazz, in seiner Spielweise Demokratie und Individualismus ausdrückend, nichtarischen Ursprungs und ein Produkt der amerikanischen Lebensart, galt bei den Nationalsozialisten als unerwünschte, „entartete Musik“. Bis 1935 blieb der Jazz aber weitgehend unbehelligt (Goebbels Devise: Überreden und Überzeugen durch Anti-Jazz-Propaganda statt Verbot). Im deutschen Rundfunk wurde in einem gewissen Umfang sogar Jazz gespielt, weil dieser, in populäre Tanzmusik eingebettet, dem Geschmack der Mehrzahl der Hörer entsprach. Das Verbot von Jazzmusik im Rundfunk von 1935, konnte daher auch nicht durchgesetzt werden. Zudem war die NS-Definition von Jazzmusik derart „schwammig“, so dass eine Zuordnung eher willkürlich war.
Mitte der 30er Jahre bis Ende der 40er Jahre begann ausgehend von Amerika die „Swing-Ära“. Der Swing wurde in einer Bigband nach Arrangements gespielt, was die freie Improvisation einschränkte und afro-amerikanischen Elemente zurückdrängte. Dadurch war der von Musikern wie Benny Goodman, Glenn Miller und Tommy Dorsey vertretene Stil zunächst sogar von nationalsozialistischer Seite kurze Zeit als gute Tanzmusik toleriert worden und galt als „kultivierter Überwinder des alten wilden Jazz“. In vielen deutschen Filmen wurde in Anpassung an den Publikumsgeschmack sogar ebenfalls swing orientierte Musik gespielt, teilweise amerikanische Stücke sogar offensichtlich plagiiert.
Höhepunkt der Swingwelle in Deutschland war 1936 als bei der Olympiade in Berlin Weltoffenheit demonstriert werden sollte und ausländische (und deutsche) Musiker bei Gastauftritten Swing spielten.
1937 änderte die Regierung ihren relaxten Kurs im Bereich der Musikpolitik. Es wurden Kontrollen durchgeführt, die das Spielen der unerwünschten Musik unterbinden sollten. Da die musikalischen Kriterien (flotte Tanzmusik schon Jazz?) unzureichend waren, wurde überwiegend nach rassistischen Kriterien vorgegangen. Nichtarische Musiker, Komponisten, Texter und Sänger wurden aus dem Verkehr gezogen, nicht aber der Jazz an sich. Bis zum Kriegsanfang blieb der Kampf des NS-Regimes gegen die Jazz- und Swingmusik daher erfolglos. Ein beliebter Trick, um der Zensur zu entgehen, war die „Eindeutschung“ englischer Titel.
Aus „Tiger Rag“ wurde „Schwarzer Panther“ oder aus „Joseph! Joseph!“ (ein Lied jüdischen Ursprungs) „Sie will nicht Blumen und nicht Schokolade“.

Plattfüsse

„Swing macht Plattfüsse“ – vermutlich aus: Illustrierter Beobachter 1938/1939

Mit Beginn des Krieges änderte sich die Situation. Das Hören ausländischer Rundfunksendungen (spielten oft Swing) wurde verboten. Viele Orchester wurden aufgrund der Einberufung ihrer Musiker zur Wehrmacht zur Auflösung gezwungen. Unter diesen Umständen ist es um so verwunderlicher, dass der Swing in der Kriegszeit nicht nur weiter existierte, sondern bereits 1941-1943 einen erneuten Höhepunkt, eine Art „Swing-Revival“, erlebte. Denn nach dem Westfeldzug richteten die Nationalsozialisten ihr Hauptaugenmerk auf die erfolgreichen Kriegsereignisse und vernachlässigten die Kontrollen im kulturellen Sektor. So konnten ausländische Bands aus den besetzten Gebieten, die zur Unterhaltung der Heimatfront dienten, heiße, swingende Töne nach Deutschland bringen, an denen sich auch die deutschen Bands zunehmend orientierten. Viele jazzige Nummern wurden in das Plattenangebot eingeschmuggelt. Vor allem die Jugend war von der Swingmusik begeistert.
Die schon 1940 einsetzende Verfolgung von swing begeisterten Jugendlichen konnten das „Swing-Revival“aber nicht verhindern, denn die Bedürfnisse der Soldaten, die bei ihrem Heimaturlaub Entspannung bei flotter Musik wollten, hatten Vorrang. Lediglich regional und lokal wurden vereinzelt die Bestimmungen verschärft. Im August 1941 gab es sogar fast ein konkretes Jazzverbot, welches hot- und swingorientierte Musik im Original und als Imitation unterbinden sollte – allerdings wie schon vor dem Krieg ohne Erfolg.
Mit der Wende im Kriegsgeschehen, die im Juli 1944 zur nahezu völligen Schließung der Bars, Kinos, der Theater und Varietés führte, wurden auch die Bedingungen für den Jazz immer schwieriger. Dass die Swingmusik dennoch weiter existierte, beweisen lokale Jazzverbote und Anti-Jazz-Propaganda bis zum Ende des Krieges.
„Swing macht Plattfüsse“ – vermutlich aus: Illustrierter Beobachter 1938/1939
Wie gesagt: die vielen Facetten dieses Themas haben mich schon ungemein beschäftigt und eins ist schon mal ganz sicher: Es wird nicht das letzte Mal sein, dass hier in diesem blog über die Musik jener schlimmen Epoche die Rede sein wird. Die nächste Edition dieser Art ist bereits in Vorbereitung.
Und als bonus habe ich dann noch das booklet dieser Edition beigelegt:

Booklet08A.JPG
Titel:
01. Arne Hülphers & sein Tanzorchester: Ich bin wie ich bin (1939) (Eisbrenner/Dehmel) 2.56
02. Günter Herzog & sein Tanzorchester: Limehouse Blues (1938) (Braham/Furber) 2.40
03. Orchester Ernst Van T’Hoff: Du – immer wieder du (1941) (Frustraci/Gadlieri/Walter) 3.05
04. Jean Omer & Sein Orchester: Schicksal (1942) (Omer) 3.22
05. Tanzorchester Fud Candrix: Musik für Erika (1942) (Candrix) 2.46
06. Robert Gaden & sein Orchester: Ach, ich liebe alle Frauen (1938) (Grothe/Dehmel) 2.13
07. Georges Boulanger & sein Tanzorchester: Liebesserenade zur Nacht (1937) (Goletti) 2.48
08. Will Glahe & seine Bigband: Wenn es vom Schicksal bestimmt ist (1940) (Ernst) 3.08
09. Emanuel Rambour: Weekend (1938) (Meisel) 3.03
10. Pat Bonen & sein Tanzorchester: Frasquita (1937) (Hubert/Weiss) 2.53
11. Peter Igelhoff & sein Ensemble: Dieses Lied hat keinen Text (1942) (Igelhoff) 2.28
12. Bernhard Etté & sein Tanzorchester: Träumen von der Südsee (1939) (Kirchstein) 2.48
13. Georges Boulanger & sein Tanzorchester: Du, du gehst an mir vorbei (1939) (Hess/Misraki) 2.54
14. Kapelle Siegfried Erhardt: Tango Anjuschka (1942 ) (Jäger/Nebhut) 3.06
15. Kurt Engel: Tanzendes Holz (1939) (Engel) 2.44
16. Kurt Henneberg & sein Orchester: So wie ein Lied vom Winde verweht (1941) (Kreuder/Schwenn) 3.12
17. Joop Carlquist & seine Hawaiians: Wenn wir uns einmal wiederseh’n (1937) (van Desys) 2.47
18. Peter Igelhoff & sein Ensemble: Oui Madame (1940) (Jary) 2.55
19. Kurt Wege & seine Solisten: Ich mache alles mit Musik (1940) (Mackeben/Beckmann) 2.57
20. Bernhard Etté & sein Tanzorchester: Kentucky Melodie (1938) (Richartz) 2.53
21. Hans Carste & sein Orchester: Über die Dächer der großen Stadt (1936) (Schröder/Helm) 2.57
22. Robert Gaden & sein Orchester: Vergib (1937) (Winkler) 2.11
23. Georges Boulanger & sein Tanzorchester: Tango – Du bist doch meine Lieblingsmelodie (1939) (Schmitz) 2.55
24. Barnabas von Geczy & sein Tanzorchester: Piccolo Signor (1940) (Apollonie) 3.06
25. Otto Stenzel & sein Tanzorchester: Ti Pi Tin (1936) (Grever/Richter) 2.46

CD4A
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