Sven Regener – Sven Regener liest Herr Lehmann (2008)

FrontCover1Es gibt so Bücher, die pflanzen sich bei mir ein … und werden dann irgendwie in Teil von mir … das sind zumeist Bücher, die für mich exemplarisch für eine bestimmte Zeit, für eine bestimmte Generation sind. Und der „Herr Lehmann“ ist so ein Buch.

Herr Lehmann ist der Titel des Romandebüts von Sven Regener, des Gründers und Sängers der Band Element of Crime. Das Buch wurde 2001 bei Eichborn veröffentlicht und wenig später im Literarischen Quartett positiv besprochen. Die gleichnamige Verfilmung folgte im Jahr 2003.

Das erste Kapitel von Herr Lehmann erschien bereits 1997 im Salmoxisboten unter dem Titel Der Hund. Laut Sven Regener existierte dieser Text bereits seit 1991, er sei anlässlich des 30. Geburtstages einer Freundin geschrieben worden.

Die Handlung von Herr Lehmann ist in Berlin-Kreuzberg im Sommer und Herbst des Jahres 1989 angesiedelt. Das Buch ist der Beginn einer Reihe, zu der die später erschienenen Bände Neue Vahr Süd, Der kleine Bruder und Wiener Straße gehören, deren Handlungen zeitlich vor den Ereignissen des Buches Herr Lehmann liegen, sowie der Roman Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt, dessen Handlung nach Herr Lehmann spielt.

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Sven Regener

Der 29-jährige Frank Lehmann, der zu seinem Missfallen von seinen Freunden nur immer „Herr Lehmann“ genannt wird, lebt in Berlin-Kreuzberg und arbeitet dort in einer kleinen Kneipe, dem „Einfall“. Die Geschichte um den Herrn Lehmann und seine Freunde thematisiert ein Lebensgefühl junger Erwachsener in West-Berlin im Herbst 1989 kurz vor dem Fall der Berliner Mauer.
Kapitel 1–7:
An einem Sonntagmorgen macht sich Herr Lehmann nach einer Schicht im „Einfall“ betrunken auf den Heimweg. Dabei trifft er auf einen Hund, der ihm den Weg versperrt. Herr Lehmann hat Angst und ist mit der Situation überfordert.

Der Leser hat hier, wie auch an zahlreichen anderen Stellen des Romans, direkten Anteil an Lehmanns Gedanken. Die Situationskomik ergibt sich aus der Differenz zwischen Herrn Lehmanns Denken und Handeln. Durch die subjektive Erzählperspektive kann der Leser den Widerspruch gut nachvollziehen.

Die Konfliktsituation mit dem Hund löst Herr Lehmann, indem er ihn mit Whiskey betrunken macht. Eine Polizeistreife droht ihm deshalb, ihn wegen Tierquälerei zu belangen, sieht jedoch davon ab und wird von dem Hund auch noch gebissen, wie Herr Lehmann beim Weggehen bemerkt. So findet Herr Lehmann schließlich doch noch nach Hause.

Am Vormittag reißt ihn der Anruf seiner Mutter aus dem Schlaf. Die in Bremen lebenden Eltern wollen ihren Sohn nun erstmals in Berlin besuchen. Verkatert und von dem Buchausgabebevorstehenden Ereignis wenig begeistert, macht sich Herr Lehmann auf in das Lokal „Markthalle“, wo er seinen besten Freund Karl trifft. In seiner schlechten Laune ärgert er sich über die „Sonntags-Frühstücker“, die alle Tische besetzt halten. Aus Trotz verlangt er einen Schweinebraten, was der neuen Köchin Katrin angesichts der frühen Uhrzeit wiederum nicht passt. Sie verwickelt Herrn Lehmann in eine Diskussion, die zu philosophisch anmutenden Themen wie „Lebenssinn“ oder „Zeit“ führt. Herr Lehmann verliebt sich dabei in Katrin. Er trifft sie am selben Tag noch zweimal kurz, am Nachmittag im Freibad und am Abend erneut im „Einfall“.

Kapitel 8–20:
Während das erste Drittel des Buches einen Tag erzählte Zeit abdeckt, erstreckt sich die Handlung der folgenden Kapitel über mehrere Wochen. Im Mittelpunkt stehen Lehmanns Beziehungen zu Katrin, seinen Eltern und seinem besten Freund Karl.

Die Erzählperspektive bleibt weiter auf den Protagonisten fokussiert. Der Autor behält einen eingeschränkten Blick auf die Lebenswirklichkeit des Milieus in Berlin-Kreuzberg bei, ohne dabei Bezüge zur historisch-politischen Situation herzustellen. Letzteres geschieht nur dann, wenn es unvermeidbar ist. So etwa wenn Herr Lehmann nach Ost-Berlin reisen muss und dort von Zollbeamten der DDR festgehalten wird. Dies stört ihn nur insofern, als seine persönliche Freiheit eingeschränkt wird und der Tag nicht verläuft wie geplant. Er ist fixiert auf seine Lebenswelt, seine Freunde und seine Umgebung. Und er lebt in dem „eingemauerten“ West-Berlin, sozusagen auf einer gedanklich abgeschotteten Insel.

Auf dieser „Insel des Lebens“ erreichen die drei Hauptaspekte der Handlung ihren jeweiligen Höhepunkt beim Zusammensein mit Katrin, mit Herrn Lehmanns bestem Freund Karl und beim Berlin-Besuch der Eltern. Karl gerät über eine geplante Kunstausstellung in eine Lebenskrise und erleidet einen Nervenzusammenbruch.

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Alle drei Handlungsstränge führen mehr oder weniger in eine Sackgasse. War Herr Lehmann ursprünglich einmal hergekommen, um sich zu verwirklichen und ein eigenständiges, erfülltes Leben zu führen, spürt er nun, dass er auf seiner „begrenzten“ Insel an seine Grenzen stößt. Lehmann zweifelt immer wieder an sich selbst und den ihm Nahestehenden. Die Beziehung zu Katrin geht in die Brüche; es stellt sich heraus, dass beide völlig unterschiedliche Erwartungen an den anderen haben.

Der Besuch seiner Eltern entlarvt sein vermeintlich bodenständiges, solides Leben als Selbsttäuschung. Mit dem Zerbrechen seines Selbstbildes wird ihm klar, dass er im Grunde gerne aus seiner „Lebensinsel“ ausbrechen würde. Seinen Freund Karl muss er am Ende angesichts dessen akuter psychischer Probleme ins Krankenhaus bringen. Lehmann muss sich eingestehen, dass er nicht mehr in der Lage ist, die große Verantwortung seinem Freund gegenüber zu tragen.

So findet sich Herr Lehmann im Grunde allein im nächtlichen West-Berlin wieder. Er gibt sich in seiner Verzweiflung dem Fluchtpunkt hin, der sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman zieht – der Alkohol. Er beginnt eine Sauftour durch Kreuzbergs Kneipenwelt, möchte alles vergessen und muss zu allem Überfluss noch hinnehmen, dass er in dieser Nacht dreißig Jahre alt wird. Herr Lehmann hat jedoch überhaupt kein Problem damit, seinen Geburtstag alleine zu feiern.

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Schluss:
Die Geschichte endet mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Herr Lehmann nimmt teils interessiert, teils gelangweilt daran Anteil und sieht sich das Geschehen aus der Nähe an. Ob angesichts seiner Lebenssituation auch für ihn Mauern fallen werden und er die Herausforderung, aus seiner beschützten Lebensinsel auszubrechen, annimmt, bleibt offen. Der Roman endet mit Herrn Lehmanns folgenden Gedanken: „Ich gehe erst einmal los […]. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.“

Am 17. August 2001 wurde der Roman in der ZDF-Fernsehsendung Das Literarische Quartett sehr positiv besprochen. Hellmuth Karasek sprach von einem „kleinen Wunder“, Marcel Reich-Ranicki bekannte, „schallend gelacht“ zu haben (und das will was heißen, Anmerkung Riffmaster) über den „hochbeachtlichen Roman“. Auch in der Presse wurde das Buch größtenteils gelobt.

„Kein Zweifel, daß hier ein glänzender Wenderoman aus westlicher Sicht vorliegt, der ebendeshalb so überzeugt, weil die Ereignisse in der DDR im Bewußtsein der Hauptfigur, aus deren Perspektive durchgängig erzählt wird, nur in Spurenelementen vorkommen – um westliches Desinteresse darzustellen, so scheint es, hätte man kein besseres Milieu als Kreuzberg, keinen besseren Romanhelden als Lehmann wählen können.“ (Tilman Spreckelsen: Frankfurter Allgemeine Zeitung)

„Lehmann säuft sich durch die Kreuzberger Kneipengemeinde, und irgendwann steckt ihnen einer am Tresen, die Mauer sei offen. „Ach du Scheiße“, lallt Lehmann, und sein Kumpel echot: „Ach du Scheiße.“ Bei diesem ebenso banalen wie weltbewegten Befund bleibt der Roman praktisch stehen, und das ist schon mal genial. Denn was danach kam, wissen wir noch ziemlich genau, was davor aber war, haben wir einigermaßen gründlich vergessen. Deshalb wirkt zwölf Jahre später der Blick zurück wieder spannend – und Sven Regeners Blick, so frech wie frisch wie forschend, macht die Zeitreise zu einem mal zwerchfellerschütternden, mal melancholischen, immer aber anstrengungslos erkenntnisfördernden Vergnügen.“ (Jan Schulz-Ojala: Der Tagesspiegel)

„Herr Lehmann“ ist ein freundliches, leichtes und gekonnt belangloses Buch, das es im einzelnen nicht an Originalität und Kraft fehlen lässt.“ (Thomas Steinfeld: Süddeutsche Zeitung)

Ach ja … 1989 … da wurde der Herr Lehmann 30 Jahre … und ich 34 Jahre … 4 Jahre Unterschied und 100 Jahre Unterschied hinsichtlich der Lebensumstände … Herr Lehmann, Single und voller lapidarer Flausen im Kopf, ich -… Vater von 2 Töchtern, lebend in einer Ehe … die erste Bruchstellen aufswies …

Und dennoch: der Herr Lehmann war auch ein Teil von mir …

Und von daher sind Szenarien wie die mit dem Hund, die philiosophischen Gespräche mit Katrin („die schöne Köchin“), die Turbulenzen mit Karl, dem treuen Freund, die Begegnung mit den Eltern … u.v.m. mir sowas von vertraut …

Von daher: Ein weiterer Roman aus der Serie „talkin´`bout my generation“ … gelesen vom Autor höchstpersönlich und zwar sowas von treffend, zu treffend und souverän … frei nach dem Motto „Das Leben ist ein Tollhaus“.

Na ja … und dann war ja auch noch der Film … nicht minder genial (demnächst in diesem Theater).

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Besetzung:
Sven Regener (Sprecher)

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Titel:

CD 1:
01. Der Hund 20.27
02. Mutter 18.16
03. Frühstück 23.20
04. Mittagessen 16.43

CD 2:
01. Kaffee und Kuchen 27.22
02. Abendbrot 26.40
03. Später Imbiss 19.40

CD 3:
01. Star Wars 25.36
02. Zigarette 8.18
03. Kudamm 14.03
04. Hotelfoyer 13.14

CD 4:
01. Gastmahl 19.04
02. Kunst 10.43
03. Wiedervereinigung 16.17
04. Hauptstadt 12 52
05. Klare Worte 19.46

CD 5:
01. Überraschung 12.28
02. Zivildienst 23.51
03. Urban 14.16
04. Party 16.29

Text: Sven Regener

CD 5A

*
**

5 Gedanken zu “Sven Regener – Sven Regener liest Herr Lehmann (2008)

  1. An Herrn Lehmann erinnere ich mich wegen des Films. Lockere Unterhaltung nach einem langen Arbeitstag. Ich fand den Protagonisten ziemlich subjektiv dargestellt. Vielleicht als Gegenbild zum überwiegenden Teil Gleichaltriger, denen die 1980er als Sprungbrett in den Konsum dienten.
    Andererseits vielleicht auch autobiografisch die Befindlichkeit des Autors nachzeichnend.

    Die 1980er Jahre? Genau, da wurde das wilde Leben erstmal in bürgerlich ordentliche Bahnen gelenkt : Familie, Kinder und berufliche Bergaufbewegung. Weitgehend, für mich zumindest, uninteressante Musik. Deshalb zahlreiche Neuentdeckungen auf dem Gebiet der klassischen Musik. NDW? Ein Jahr lustig; heute sind einige Immergrüns erhalten geblieben.

    Das wilde Leben fand in den 1970ern statt. Konzerte, (Open-Air)Festivals, WGs, Motorräder, besetzte Häuser und eingebildete Bewusstseinserweiterungen als einige Beispiele. S&D&R´n´R als Folie, auf welcher die Alltäglich sich abspielte. Und natürlich dauernd jobben für Bier, Benzin, Rauch und Musik. Und nie genug haben für all das, weil es einfach am Geld fehlte. Eine LP kostete 19 Mark(West) und ein Paar Levis zwischen 50 und 60 Mark(West). In den 1970er Jahren verdiente ich im Schnitt zwischen 7,50 und 8,50 Mark(West) auf dem Bau oder als Lagerist.
    Wieviele Hosen, Platten, Eintrittskarten für Konzerte oder Liter Benzin man sich da kaufen konnte, sollte sich ein Neuntklässler schon ausrechnen können. Und die Urlaube kosteten auch ein paar Mark(West).
    Seit einigen Jahren schon wundert mich nicht mehr bei den vielen Gesprächen mit gleichaltrigen Menschen, die in der ehemaligen deutschen Republik sozialisiert sind, deren verqueres Bild unseres Erwachsenenwerdens hier. Dabei hatte es für mich den Anschein, dass diese Leute erheblich besser über unsere Verhältnisse informiert waren, als wir über deren Lebenswirklichkeiten.
    Heute weiss ich von Gesprächspartnern, dass deren Konserveninformationsquellen ebenso schräge Bilder in den Hirnen der Rezipienten erzeugten waren wie es auch uns durch die ganze Niedermachpropaganda hier in der BRD den Blick verstellt hat.

    Es gibt noch immer ein grosses Potentional an Alltagswirklichkeiten, über die man sich gegenseitig austauschen und verstehen lernen kann.
    Aber wer will das schon wirklich, wo es andersrum doch so viel bequemer ist?

    • Les ich da eine gewisse Aufgeregtheit heraus? Ruhig Blut.
      1. schrieb ich selbst von „Ossigeschwätz“ und nicht etwa von Sachinformation; wollte also nach der rhetorischen Einstiegsfrage beide Seiten gleichermaßen auf die Schippe nehmen,
      2. bist du kein Angehöriger der betroffenen „Generation Lehmann“, sondern warst früher dran
      3. prägte unser Ostbild vom Westen sowas wie „Kinder vom Bahnhof Zoo“ (selbst der letzte Junkie hat dort Bowieplatten!); ARD-PS-Reihe „Feuerreiter“ oder Dok-Film-Berichte in der Machart des später entstandenen „B-Movie“ (wüstes Westberlin) wie sie in „Info-Show“ und „Phonzeit“ gesendet wurden.
      Zusammengehalten von einer gehörigen Portion Wunschdenken im Mangel.
      Vom Elend und der finanziellen Resourcenbegrenzung wussten wir auch. Dafür sorgten die Ostmedien und der Unterricht reichlich.
      Dass man sowas aber ausblendet, wenn man einen „Hieper“ auf eigentlich nicht erreichbares/oder schwer überteuertes hat um sich die Wunschermöglichung trotzdem zu ermöglichen, sollte auch Wessis einleuchten können, wenn sie sich in der Nachbarschaft umschauen, wer da alles einen mehr oder weniger neuen unvernünftigen SUV fährt, den er sich eigentlich nicht leisten kann.

  2. So leer war euer Leben? Wir(hinter der Mauer) stellten uns das immer voller Versuchungen vor. Platten, Bücher, Comics, Undergroundkonzertpilgerei; quasi wohnen im Kant-Kino, in der „Eierschale“ oder im „SO 36″… Westberlin! Zu NDW-Zeiten! Konzerte der Neubauten oder von Interzone irgendwo im Nirgendwo der Abrissbuden und natürlich Orgien nonstop…. Ossigeschwätz in den Studentenclubs von Leipzig und anderswo…. und dann kam: Herr Lehmann.
    Das las sich so armseelig, was machen dagegen Kerouac und Bukowski aus Loserdasein für fesselnde Stories!

    Gekauft, angelesen, verständnislos bei Seite gelegt, weiterverkauft. Von den Folgebänden gleich ganz die Finger gelassen.

    • Gemach,, gemach … Der Herr Lehmann repräsentiert jene „lost generation“ der 80er Jahre … und dementsprechend wird er ja auch sehr ironisierend dargestellt …

      Mein Leben war in diesem Jahrzehnt alles andere als leer, obwohl ich nicht auf irgendwelchen NDW Parties rumgehopst bin … Familiengründung- und leben nebst beruflichem Einstieg in die Welt der Drogenberatung … wie gesagt:alles andere als leer …

      Na ja, und die 80er Jahre waren dann ja noch ein wenig geprägt von einer skurillen Partei, die mit Blumentöpfen in der Hand in den Bundestag einzogen. Und diese Wirrköpfe faselten was von der Gefährlichkeit von Atomkraftwerken oder gar von einer angeblichen Klimaerwärmung und den damit verbundenen Gefahren für den Planeten Erde … einfach nur lächlich. diese grünen Spinner ….

  3. Vielen Dank dafür! Ich besitze die „Herr Lehmann“-Triologie in gedruckter Form sowie die Verfilmung von „Herr Lehmann und „Neue Vahr Süd“ und oute mich auch gleichzeitig als „Element Of Crime“-Fan! Bin schon gespannt, was es „demnächst in diesem Theater“ noch gibt!

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