Gisela Jonas – Bei Gisela (1959)

FrontCover1Die Gisela aus Schwabing ist tot … Sie starb am 25. Juli 2014 im Alter von 85 Jahren in ihrer Münchner Wohnung …

1929 wurde sie in Moers am Rhein geboren. Später kehrte sie von einem Einkaufsgang nicht mehr nach Hause zurück, sondern gelangte über Frankfurt, Heidelberg und Garmisch 1949 nach München. Sie hatte in der Zwischenzeit im Kirchenchor gesungen, bei Meister Jansen als Schmiermaxe und im “Garmischer Hof“ als Tellerwäscherin gearbeitet – man weiß, dass dies die Vorbereitungen auf große Karrieren sind: Gespannweltmeister oder Präsident eines großen Landes – und fand nun in dem Künstlerlokal „Mutti Bräu“ in Schwabing Unterschlupf, wo sie die Wirtin, eben Mutti Bräu, willkommen hieß. Dort stand Gisela hinter dem Tresen, sang auch das eine oder andere Liedchen für die dort versammelte Künstlerschar.

1952 suchte sie auf Anraten von Freunden ein eigenes Lokal und fand dieses auch – das „Flimmerzelt“. Sie baute und modelte es mit Hilfe ihrer Schwabinger Freunde und Maler, vor allem mit Mac Zimmermann, um, schrieb „Bei Gisela“ darüber und stand von nun an jeden Abend auf der kleinen Bühne neben der krummen Schwabinger Laterne, um dem immer größer werdenden Kreis von Gästen mit ihrer „verruchten“ tiefen Stimme ihre Lieder und Chansons vorzusingen. Es begann eine beispiellose Karriere.

Neben Klassikern („Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“ oder „Klein Madeleinchen“) sang Gisela viele, zum Teil für sie geschriebene Lieder im Stil des damaligen deutschen Chansons. Das Publikum, das diese Lieder hören wollte, ergab allabendlich eine stimmungsvolle Melange aus Interessierten und Interessanten, aus Studierenden und Musizierenden, aus Schönen und Reichen und denen, die sich für all das hielten.

Gisela05Es gab eine richtige Band, man redete, trank und tanzte – 20 Paare auf acht Quadratmetern Tanzfläche – man rezitierte, verkaufte selbst gefertigten Schmuck, Bildchen und in Schokolade getauchte Erdbeeren, sang und setzte sich in Szene, so gut es eben ging, man ließ Gisela und sich selbst hoch leben. Als dann aber noch der „Nowak“ dazu kam, war der Ruhm nicht mehr aufzuhalten.

Die Melodie und die ersten Strophen des „Nowak“ stammen von Hugo Wiener und wurden 1952 für seine Frau Sissi Craner geschrieben. Das Lied war allerdings in …Österreich verboten. Erst im Jahre 1954 brachte Philipps-Hildebrandt das Lied nach München, wo Gisela es in ihrem Nachtlokal „Bei Gisela“ allabendlich sang. Von den Strophen, die Hugo Wiener geschrieben hatte, sang sie allerdings immer nur die erste, die dann weltberühmt wurde:

„Ich habe einen Mann, den viele möchten,
Der immer mich bewahrt vor allem Schlechten.
Ein jeder kennt ihn, „Nowak“ ist sein Name,
Ihm danke ich, daß heut‘ ich eine Dame.
Ob angezogen oder als ein Nackter,
Der Nowak hat am ganzen Leib Charakter.
Ich hätt’ schon längst ein böses End` genommen,
Aber der Nowak läßt mich nicht verkommen.“

Es ist erstaunlich, wer alles gerade diesen Refrainvers kennt – und nur diesen – auch wenn er das Lied nie selbst gehört hat.

Die restlichen Strophen bezogen sich auf bestimmte Personen der Münchner Szene oder auf immer wiederkehrende Ereignisse wie Handwerks- oder Gastronomenmesse, auf Chirurgen- oder andere Kongresse – aber auch auf Einzelereignisse wie den ersten Weltraumflug eines Menschen oder die Erfindung der Pille. Die meisten jedoch dienten der Selbstdarstellung einer „Verruchten“. Manche der Verse wurden auch wohl nur ein einziges Mal gesungen, manche vielleicht gar nicht.

Aus heutiger Sicht sind viele Texte nur noch um ihrer historischen Aussage oder Komik willen interessant, da die meisten Menschen – auch die Schwabinger – die Zusammenhänge nicht mehr kennen.

Es ist nur schwer verständlich, was damals, in den fünfziger bis siebziger Jahren, als besonders verrucht oder obszön angesehen wurde, – ja, sogar bis vor den Kadi führte. Heute würde es nur ein müdes Lächeln hervorrufen.

Zeitungsartikel

Allerdings war es nicht der „Nowak“, der Gisela vor den Richter brachte, sondern die Rückseite einer Nowak-Platte – „Späte Reue“ und „Morgengrauen“ – derentwegen ein Hamburger Jugendpfleger Anzeige erstattet hatte. Der „Nowak“ wurde, weil bekannter, zur Überschrift heran- und so in Mitleidenschaft gezogen. Der Richter, auch er Gast bei Gisela, bescheinigte ihr, die später viel zitierte „gebildete Dame mit unzüchtigem Charakter“ zu sein und verdonnerte sie dazu, einige ihrer „jugendgefährdenden“ Platten mit einem kleinen Schloss zu versehen, dessen Schlüssel dem Zugriff von Kindern und Jugendlichen zu entziehen war. Ein Werbegag, den Gisela nie hätte bezahlen können.

Nachdem sie mit ihrem Mann 1974 in die bayerische Provinz ausgewandert war, um herauszufinden, wer ihrer vielen Gäste und Freunde ihr folgen und sie besuchen würde – wie viele waren es wohl, was glauben Sie? – blieb sie dort in Dinkelsbühl und später Wallenstein, um ein Restaurant zu betreiben.

Gisela06

Nach zehn Jahren aber wurde das Heimweh größer – sie kam zurück nach München, arbeitete zunächst bei Gerd Käfer im Deutschen Theater und mit Konstantin Wecker im Café Giesing. 1986 aber hatte sie wieder ein eigenes Lokal, eine neue „Schwabinger Gisela“, allerdings in der Herzog-Heinrich-Straße, ein „Wohnzimmer“, in dem die alten und neuen Freunde wieder zusammenkamen, rauchten, tranken, erzählten und musizierten. 1991 musste sie aus gesundheitlichen Gründen das Lokal aufgeben.

Es wurde still um sie. Seitdem lebt sie in München, der Stadt ihres Lebens, wo sie ihre Freunde trifft, und im hinteren Alpbachtal in einer Hütte, um sich herum ein großartiges Panorama aus steilen Wiesen, Bergen, Wäldern, Almen und schönen Holzhäusern, wo einige ihrer Freunde sie besuchen und von ihr mit einem Schnapsl und einer Tiroler Brotzeit bewirtet werden.
Gelegentlich mal ein Interview: Frau Dialer? Wer war denn gleich Frau Dialer? Ach, die Schwabinger Gisela! Herrje, was waren das für schöne Zeiten!

Dann kam der 24. Januar 1999. Die Frau, die so sehr mit dem Münchner Stadtteil Schwabing verbunden war, dass beide Begriffe in einem Atemzug genannt wurden, die „Schwabinger Gisela“, wurde 70. Sie stand wieder im Schwabinger Rampenlicht!

Der Oberbürgermeister der Stadt München, Dr. Christian Ude, feierte sie mit einer stilvollen Einladung in der schönen Seidl-Villa in Schwabing, bei der sich dann Freunde, Gäste, Musiker, Künstler und Verwandte trafen und den alten Liedern aus dem Lautsprecher lauschten, ein wenig nostalgisch zwar, aber immer noch neugierig und sich an das Alte erinnernd, aber nicht daran hängend.
Man erzählt vom heutigen Schwabing – es war natürlich alles ganz furchtbar!

Die Jungen aber haben ihr eigenes, wie immer ganz anderes Schwabing und die Traumtänzer und Luftschlossarchitekten gibt es immer noch. Man hat Ideen und Vorhaben und so war dies auch zugleich die Geburtsstunde der Idee, Giselas Lieder einem interessierten Kreis wieder zugänglich zu machen und diese CD herauszugeben. Sponsoren und Tonstudio wurden gefunden, alte Platten und Bänder tauchten wunderbarerweise wieder auf.
So schließt sich der Kreis, denn, wie Gisela in einem Interview meinte: „Von Schwabing kommt man nicht los!“ (Pit Seng)

GiselaLive1

Gisela Jonas-Dialer, die noch im Februar 2014 einen letzten öffentlichen Auftritt in der Schwabinger Galerie Roucka hatte, verstarb nach langer schwerer Krankheit am 25. Juli 2014 in ihrer Münchner Wohnung.

Hier nun zum Auftakt ihre „Skandal-EP“ aus dem Jahre 1959 … und in der Tat: sie gibt ganz schön frivoles von sich und befindet sich letztlich in der Tradtion jener zweideutigen Lieder, die wir ja schon aus den 20er und 30er Jahren kennen …

Und wenn ich lese, dass die oben erwähnte CD mittlerweile für 150 € angeboten wird … dann krieg ich das Kotzen … und von daher sind ganz sicher weitere Raritäten von diesem Schwabinger Urgestein hier zu erwarten … Derweil bearbeite ich gerade so eine Art „Material-Band“ vor … der demnächst das Licht der digitalen Öffentlichkeit erblicken wird. Bis dahin viel Vergnügen mit dem Novak und weiteren frivolen Erkenntnissen.

Gisela Jonas (Januar 2014)

Besetzung:
Gisela Jonas (vocals)
+
ein Haufen unbekannter Studiomusiker (vielleicht waren es die „Occamstreet Footwarmers“, die damals die Hausband in dem Nachtlokal „Bei Gisela“ waren.

UdoGisela

Titel:
01. Der Novak (Parodie) (Forsell/Wiener) 4.45
02. Späte Reue (Forsell/Brüning) 2.41
03. Morgengrauen (Gorski/Forsell) 3.30
+
04. Schwabinger Laterne (Buschor) 2.27

LabelB1.jpg

*
**

Ein Fax von Udo Jürgens

2 Gedanken zu “Gisela Jonas – Bei Gisela (1959)

  1. Ach lieber Meister, was für eine Freude, daß Du an die Gisela erinnerst! Ich sehe förmlich den Schriftzug vor mir, „bei Gisela“ in der Occamstraße, nicht weit davon habe ich Jahrelang gelebt in den 70er Jahren… Sie war der Typ von Kneipenwirtin, bei der man immer irgendwie daheim ist … leider hab ich sie nie kennengelernt. Damals, so um die 20 Jahre alt, da wollten wir uns am Leben berauschen, uns in Abenteuer werfen…und hatren keine Lust auf frivole Lieder, in einer Kneipe, in der lauter Ältere ( 35 oder noch älter!!!) saßen…wir hüpften in der „Nachteule“ herum, da waren Whiskey-Cola und das mitternächtliche Schnitzel extrem billig… ach ja aber wir kannten „den Novak“ und den unvermeidlichen Zusatz hinter jeder Strophe: …“aber der Novak läßt mich nicht verkommen … läßt er nicht“!
    Heute seh ich das mit den frivolen Liedern etwas anders und denke, daß einer der wenigen Vorzüge des Älterwerdens sein könnte, daß es einen besonderen Reiz ausmacht, wenn solche Lieder von reifen Frauen gesungen … zelebriert … werden, leider gibt es die ganz wunderbaren „alten Schachteln“ (Mira & Co) nicht mehr und auch die Gisela ist lang schon weggegangen … und ob in Schwabing noch so manch ein Traumtänzer oder Wolkenkuckucksheimbesitzer herumirrt, das Licht scheuend und des Nachts wahnsinnig gscheit und ausufernd palavernd in dunklen, verräucherten Kneipen herumhockt …ich glaub, ich werde mich mal ein bisserl herumtreiben und Schwabylons Straßen erkunden…
    Gruß nach Minga!

  2. Im Gegensatz zu den üblichen Papierumschlägen hatte diese Single einen Umschlag aus Karton mit einer kleinen blechernen Öse an der offenen Seite. Durch die Öse führte der Bügel eines kleinen Schlösschens.
    Ich habe lange gebraucht, bis ich diese Singleschallplatte herausfriemeln konnte, ohne die Hülle oder gar die Platte zu beschädigen.
    Aber, oh welche Enttäuschung, als ich sie zum ersten Mal auflegte. Den Text verstand ich nicht und nun noch viel weniger, warum diese Schallplatte mit einem Schloss gesichert worden war.
    Versteht sich, dass mir der Sinn der Texte späterhin klar geworden ist.
    Die Single stand dann noch weitere Jahre im Plattenregal meiner Eltern und verlief sich irgendwann irgendwohin.

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