Ich + Ich – Vom selben Stern (2007)

FrontCover1Hier ein weiteres Werk, bei dem die mittlerweile ja legendäre Anette Humpe ganz gewaltig mitgemischt hat … ein Werk, das mich ziemlich ratlos zurück lässt:

Vom selben Stern ist das am 29. Juni 2007 veröffentlichte zweite Studioalbum von Ich + Ich. Es gilt mit über 1,2 Millionen verkauften Einheiten als eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Popalben der letzten Jahre. Zudem ist es das erste Album in 14 Jahren, welches es geschafft hat, ein Jahr oder länger in den Top Ten der deutschen Album-Charts zu verweilen. Dies erreichten zuletzt Ace of Base mit Happy Nation.

Laut Annette Humpe war das Duo beim zweiten Album „mutiger“ und produzierte es aufwändiger, erstmals wurden Live-Musiker wie ein Streichquartett und Bläser eingesetzt. Auch Sinustöne fanden Verwendung. Das Album soll entsprechend seinem Titel im Gegensatz zum Debüt mehr das Verbindende als das Trennende betonen. Humpe hatte zuvor „Protestsongs“ angekündigt und die Ankündigung mit dem Anti-Konsum-Lied Junk wahrgemacht. Humpe sagte in einem Interview, es gebe heute zu wenig Protestbands. Zu Wenn ich tot bin, dem Abschluss der Platte sagte Sänger Adel Tawil: „Das war das Härteste, was ich je gesungen habe.“

Duo Ich + Ich

Zum Entstehungsprozess sagte Tawil:
„Ein neues und speziell das zweite Album ist für eine Band immer ein sehr schwieriges Album. Es hat ein enormer Druck auf uns gelastet und wir haben versucht, den so gut es geht von uns fernzuhalten. Man spürt ihn aber trotzdem.“ (Adel Tawil)

Neben der Standardversion erschien das Album auch als Deluxe-Version mit Bonus-DVD, die acht Live-Songs beinhaltet. Diese Stücke wurden beim Konzert in Berlin 2006 aufgenommen.

Das Album wurde ein großer Erfolg für Ich + Ich, trotz der Tatsache, dass ein großer Radiosender sich weigerte, die erste Single Vom selben Stern zu spielen, da die Werbekunden auf englische Songs zwischen ihren Werbeblöcken bestünden. Im deutschsprachigen Musikfernsehen liefen die Singles des Albums auf Rotation. (Quelle: wikipedia)

MDR-Fernsehgala zur Jahrhundertflut

Das zweite Album des ungleichen Duos Annette Humpe und Adel Tawil, die auf ihre Weise nicht perfekter zusammen passen könnten, beginnt mit der Singleauskopplung „Vom Selben Stern“. Der rhythmisch-mitreißende Opener beschreibt gewissermaßen die Unterschiedlichkeiten der beiden Bandmitglieder, die jedoch „weil Dich die gleiche Stimme lenkt, und Du am selben Faden hängst“ trotz 26 Jahren Altersunterschied an einem musikalischen Strang ziehen.

Schade, dass sich „Junk“ nicht zur ersten Single gemausert hat, denn da ist für jeden etwas dabei. Betrunkene Partygänger können in den Clubs in guter „Jump Around“-Manier zum wiederkehrende „Junk – Junk“ auf der Tanzfläche mitbrüllend umherhüpfen, doch auch weniger zugedröhnte Zeitgenossen dürften diese „Lehn Dich Gegen Die Gesellschaft Auf“-Hymne schätzen.

Singles

Die Idee ist vielleicht nicht allzu innovativ, aber textlich ist der Protestsong sehr bewegend geraten. „Hände weg vom Junk, Du hast genug Klamotten im Schrank. Dein Leben ist noch lang, hör auf zu konsumieren“, singt Annette mit ihrer hohen Stimme, während sich Adel für die Strophen zuständig erklärt und mich mit seiner sanften Stimme sofort überredet, gegen den Strom schwimmen zu wollen.

„Schütze mich“ bestreitet Annette Humpe solo. Bläser und eine sanfte Solo-Trompete begleiten die klare Melodie. Textlich wirkt es etwas wehleidig, wenn Humpe wohl von ihrem Geliebten mit einer beinahe schon brechenden, schmachtenden Stimme fordert: „Mach mein Ego sanft und rein. Lass mich wie klares Wasser sein“; das unmögliche Begehren: „Und lass John Lennon wieder auferstehen“ amüsiert.

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Mit einem Lächeln auf den Lippen starte ich in „Nichts Bringt Mich Runter“, einem netten Sommerliedchen, das meine gute Laune weiter nach vorne pusht. Von Großstadtgeräuschen wie Autohupen und Fahrradrattern eingeleitet, setzt eine fröhliche Gitarren-Melodie ein, die sich aus der Reggae-Ecke einschleicht. Tawil singt von Optimismus und guter Laune: „Und nichts bringt mich runter, ich flieg einfach weiter, auch ohne Ziel.“

Ab „Mach Dein Licht An“ beginnt der Abstieg. Ein paar Tracks kommen wahnsinnig jammernd und schmalzig daher, andere klingen – bis auf „Wenn Ich Tot Bin“ – ziemlich belanglos. Leider fällt es schwer, den beiden ihre Texte abzukaufen. „Mach Dein Licht An“ hört sich an wie 80ies Synthiepop. Der Reiz von Tawils glockenreiner Stimme geht im Verzerrer komplett verloren. Klar, der Song ist als Aufforderung zu verstehen, die vielleicht etwas härtere Töne braucht, doch passen die beiden Komponenten nicht wirklich zusammen.

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„Ich Atme Ein, Ich Atme Aus“, das zweite Humpe-Solo, tritt etwas forscher auf, aber auch um einiges unsympathischer. „Wenn Du mir nah sein willst, sei still und sitz ruhig neben mir.“ In „Brücke“ jammert diesmal Tawil unendlich kitschig, und das Wehklagen zieht sich hinein bis in den nächsten Track „Ich Fürchte Mich“.

Hingegen rührt das abschließende „Wenn Ich Tot Bin“ wirklich zu Tränen. Begleitet von einem sanften Schlagzeug, einer gedämpften Trompete und einer gezupften Gitarre, singt Tawil so unglaublich gefühlvoll, dass man sich mit den beiden Ichs versöhnt. Er selbst spricht von einer großen Überwindung, die es gekostet habe, diesen Song zu singen. „Das war das Härteste, was ich je gesungen habe.“

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Und so schaut dann die Multimedia-Vermarktung einer Top Gruppe aus.

Die ersten sechs Songs sind eine gute Mischung aus Melancholie und schnellen Stücken mit aussagekräftigen Texten. Bei den folgenden Balladen will der Funke nicht wirklich überspringen, denn es fehlen einfach das Herz und die Ehrlichkeit, die für Glaubwürdigkeit sorgen könnten. (Anja Lindenlaub)

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Hm, da haben wir zum einen all die Texte aus der Feder von Annette Humpe: überwiegend mehr als bemerkenswert und reif, wie z.B. bei „Junk“:

Geh in eine andere Richtung
Steig auf einen anderen Berg
Steh auf einer Kreuzung
Such einen anderen Weg
Schwimm durch andere Flüsse
Tauch durch ein anderes Meer
Trink an anderen Tischen und hör
Die Lieder nicht mehr

Junk Junk
Hände weg vom Junk
Junk
Du hast genug Klamotten im Schrank
Junk Junk
Dein Leben ist noch lang
Junk
Hör auf zu konsumieren
Junk

Zieh ganz andere Kreise
Mal ein anderes Schild
Dann wirst du nicht mehr gedrillt
Steh auf einem anderen
Standpunkt
Spiel ein anderes Spiel
Zahl in einer anderen Währung
Wähl ein anderes Ziel

Junk Junk
Hände weg vom Junk
Junk
Du hast genug Klamotten im Schrank
Junk Junk
Dein Leben ist noch lang
Junk
Hör auf zu konsumieren
Junk Junk
Tausend SMS
Junk
Informationsexzess
Junk Junk
Tausend Mails sind Stress
Junk
Hör auf zu konsumieren
Junk

Geh in eine andere Richtung
Steig auf einen anderen Berg
Steh auf einer Kreuzung und
Such einen anderen Weg
Schwimm durch andere Flüsse
Tauch durch ein anderes Meer
Trink an anderen Tischen und hör
Die Lieder nicht mehr
Die Idylle lügt
Das Fernsehen täuscht
Die Quellen sind versiegt
Hör auf zu funktionieren … 

Gelegentlich texte sie allerdings auch „Jung-Mädchen Lieder“ (z.B. bei „Ich fürchte mich“)und das führt dann direkt zur Musik.

Annette Humpe Band "Ich+Ich"

Die Anette Humpe ist ja – man glaubt es gar nicht -Jahrgang 1950 … kompositorisch klingt sie dann allerdings eher wie 22 oder so … die Aufnahmen entstanden,als sie 57 Jahre alt war … irgendwie könnte, sollte oder müsste man da ja glauben, dass die Musik auch ein wenig reifer wird … weit gefehlt. Die Sound-Akrobatin hat hier einerseits auf wunderbare Weise zugeschlagen … Pop in Perfektion … aber kann die Anette Humpe nicht irgendwann mal zu ihrem Alter stehen ? Und all die gestylten Fotos von ihr aus dieser Zeit sprechen auch eine beredte Sprache …

Forever young ?

Und so bleibe ich ratlos zurück … aber das Cover ist wirklich toll !

Booklet09A

Besetzung:
Annette Humpe (keyboards, vocals, electronics)
Adel Tawil (voals)
+
David Ben-Porat (trombone
Sebastian Borkowski (saxophone bei
Sergej Buglak (bass bei 02., 04., 11. + 12.)
Lukas Fröhlich (trumpet bei 04. + 13.)
Sebastian Kirchner (guitar, bass bei 05. + 06.)
Ben Lauber (bass, guitar bei 03.)
+
Strings bei 03.:
Boris Matchin – Dana Matchin – Stefan Pintev

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Titel:
01. Vom selben Stern (Humpe/Tawil/Fischer/Kirchner) 3.48
02. Junk (Humpe/Tawil/Fischer/Kirchner) 3:49
03. Stark (Humpe/Tawil/Fischer/Kirchner) 4.17
04. Schütze mich (Humpe) 4:21
05. Nichts bringt mich runter (Humpe/Tawil/Fischer/Kirchner) 3.38
06. So soll es bleiben (Humpe) 3.26
07. Mach dein Licht an (Humpe/Tawil/Fischer/Kirchner) 4.30
08. Dämonen (Humpe) 3:48
09. Ich atme ein, ich atme aus (Humpe) 4:11
10. Brücke (Humpe) 4:04
11. Ich fürchte mich (Humpe) 4:06
12. Trösten (Humpe) 3:49
13. Wenn ich tot bin (Ich + Ich Version) (Humpe) 4.00
+
14. Vom selben Stern (Video-Clip) (Humpe/Tawil/Fischer/Kirchner) 3.43

Alle Texte: Annette Humpe

CD1

*
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Illustration1

2 Gedanken zu “Ich + Ich – Vom selben Stern (2007)

  1. Jetzt musste ich ein wenig lachen … denn natürlich hatte ich nicht im Sinn, dass sich die Annette Humpe im Merke´schen Hosenanzug präsentieren sollte … Gott bewahre ! Wobei die Merkel ihren Kleiderstil zumindest konsequent betreibt.

    Ihre Texte habe ich schon ausführlich positiv erwähnt, wenngleich sie mir dennoch „übertrieben jugendlich“ erscheinen … Aber eine Humpe, die ja auch Mutter ist … könnte auch noch andere Themen besetzen … da denke ich z.B. an „Sind so kleine Hände“ von Bettina Wegner … oder so.

    Und wenn sie eigentlich auch mehr Protestsongs schreiben will … da empfehle ich ihr die LP dieser Dominique aus dem Jahr 1966 …

    Ich weiß wohl um ihren legendären Status …kann ihn mir diesen aber nicht so recht erklären … und auch wenn sie ältr als ich ist … sie singt – aus meiner Sicht – weiterhin für eine andere Zielgruppe.

    Und das mit dem Max Raabe habe ich noch nicht so richtig mitbekommen. Klingt zumindest mal interessant.

  2. Okay, nicht jeder Song ist gleichermaßen gelungen. Diese kirchentagartigen Posaunen in „Schütze mich“ z. B. sind sicher arg dick aufgetragen. Trotzdem würde mich jetzt doch mal interessieren, wie Du Dir Annette vorstellst, wenn sie „zu ihrem Alter stünde“. Merkelscher Hosenanzug? Graue Dauerwelle? Gesundheitsschuhe? Ernsthaft, die Frau sieht auf den Fotos kaum anders aus als sie damals im wirklichen Leben aussah, gestylt finde ich sie über normale Fotosessions hinaus nicht.

    Musikalisch-textlich ist das hier eigentlich auch kein Teenie-Pop, „Wenn ich tot bin“ schon gar nicht (der Song stammt im Original übrigens von ihrem zu Unrecht leider gefloppten „Solo“-Album von 1990, war also damals schon 17 Jahre alt). Sie ist eine der besten Texterinnen und Pop-Produzentinnen im Lande und hat ein untrügliches Ohr dafür, ob ein Song funktioniert. Das stimmliche Bigger-than-Life-Drama einer Dalida hat sie sicherlich nicht (das hat dafür Adel Tawil), sie weiß das auch und wählt deshalb Texte sehr clever so aus, dass sie glaubwürdig zu den Stimmen passen.

    Inzwischen arbeitet sie ja mit Max Raabe zusammen. Und ja, auch da trifft sie wieder den richtigen Ton. Wer in Deutschland kann das sonst noch?

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