Ulf Nilson & Eva Erikson – Als Oma seltsam wurde (2008)

TitelDer werte Herr Ärmel schrieb grad gestern in seinem letzten Leserbrief:

„Mein lieber Herr Gesangsverein, da schwingt aber einer vorm Frühling bereits enorm die Sense….“

Und da hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. Nicht nur, dass so einige Ikonen der populären Musik/Kunst von dannen gegangen sind.

Nein,auch in meinem privaten Umfeld hat sich seit Beginn des Jahrs 2019 so einiges getan, dass mich nicht kaltlässt.

So ist z.B. bei meiner 93jährigen Schwiegermutter die Demenz mittlerweile so weit fortgeschritten, dass die Belastungen für ihre Kinder immer größer werden.

Und so wurde ich hellwach, als ich dieses Buch (40 Seiten) in einem öffentlichen Bücherschrank fand … weil z.B. auch ihre Ur-Enkelkinder ein wenig ratlos sind, das immer seltsamer werdende Verhalten ihrer „Ur-Oma“ richtig einzuordnen., denn genau darum geht es in dem Buch:

Oma ist auf einmal ganz anders. Sie vertraut nur noch ihrem Enkel. Aber wie soll der auf das viele Geld aufpassen, das sie von der Bank abhebt?

Eines Tages, ganz plötzlich, wird Oma seltsam und geizig. Sie erkennt das Bäckerauto nicht, das jeden Donnerstag angefahren kommt. Sie hat den Namen ihres Enkelsohns vergessen. Und dann holt Oma auch noch all ihr Erspartes von der Bank und bringt es nach Hause. Dort soll der Enkel darauf aufpassen. Wie gut, dass er Pfeil und Bogen hat! Aber auf der Bank macht man sich Sorgen und schickt einen Arzt bei Oma vorbei. Der kann ihr zur großen Erleichterung aller das Gedächtnis wieder zurückgeben. (Prssetext)

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Ulf Nilsson

Ulf Nilsson erzählt eine Geschichte, die er in ähnlicher Form selbst erlebt hat.
Man wird nachdenklich und muss doch gleichzeitig darüber schmunzeln, wie souverän der kleine Enkel die Lage meistert. Eva Erikssons Bilder begleiten die Geschichte auf ihre bekannte schöne Art. Ein Bilderbuch, das erzählerisch-humorvoll darauf vorbereitet, was mit Omas und Opas geschehen kann, wenn sie alt werden.

Der schwedische Kinderbuchautor Ulf Nilsson weiß, wie man heikle Themen mit größter Selbstverständlichkeit und viel Witz verpackt. Zusammen mit den detailreichen Illustrationen von Eva Eriksson ist auch sein neues Buch „Als Oma seltsam wurde“ ein Meisterwerk der Sensibilität.

Was ist mit Oma bloß los? Als sie mit dem Enkel in die Stadt zur Bank geht, denkt sie zwar noch daran, Mantel und Hut anzuziehen, doch die Füße bleiben in Hausschuhen. Das ist ein winziges Detail, doch es zeigt, wie konsequent die schwedische Illustratorin Eva Eriksson die Geschichte ihres Landsmannes Ulf Nilsson weiterdenkt, der aufgrund eigener Erfahrungen mit altersbedingter Vergesslichkeit bei seiner Mutter und seiner Großmutter das Kinderbuch „Als Oma seltsam wurde“ geschrieben hat.

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Aber was reden wir beschönigend von „Vergesslich-“ oder „Seltsamkeit“? Auch wenn die medizinischen Bezeichnungen nie fallen, müssen wir an Alzheimer denken oder an Demenz, denn all das schwingt in der scheinbar so harmlosen Episode mit, die das Buch erzählt: Ein kleiner Junge erlebt, wie die Oma plötzlich seinen Namen nicht mehr weiß, ihn mit seinem Vater verwechselt, nicht mehr die normalen Tagesabläufe kennt und aus akut erwachendem Misstrauen all ihr Geld von der Bank holt und im ganzen Haus versteckt. Dann sinkt die alte Dame in einen tiefen Schlaf, und hätte der nun seinerseits misstrauisch gewordene Bankangestellte nicht einen Arzt alarmiert, der die Oma behandelt, möchte man nicht vermuten, dass die Sache so gut ausgegangen wäre, wie es geschieht.

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Eva Erikson

Erikssons Bilder gewinnen gegenüber dem Text ein produktives Eigenleben

Dass es natürlich nur im Buch so harmlos endet, macht Nilsson in einer Vorbemerkung deutlich, in der er sich an seine Mutter erinnert und die Motivation für seine Erzählung klarstellt: „Als es ihr besserging, konnten wir lachen über das, was sie gesagt hatte.“ So lacht man auch über die törichte Oma, wie man es als Kind über jeden Erwachsenen tut, der sich kindisch verhält.

Doch die Angst kommt auch. Die Großmutter ist das wahre Kind, und ihr Enkel übernimmt mit Pfeil und Bogen sofort die Beschützerrolle. Es macht Spaß zu lesen, wie das aus der Sicht des Jungen erzählt wird. Doch Nilsson hat in der Vorbemerkung berichtet, wie die Geschichte bei seiner Mutter weiterging: „Aber die Krankheit kam zurück, immer mehr und mehr. Und dann half keine Medizin mehr.“ (Andreas Platthaus in „Frankfurter Allgemeine“, 30. August 2008)

Als ganz so euphorisch bin ich nicht … Da fehlt mir zum ein die Einbindung des Jungen in sein Elternhaus (weder Vater noch Muttr tauchen hier auf … halte ich für unralistisch). Zum anderen kommt ne Demenz nicht schlagartig sondern schleichend … und eine Penicillin-Behandlung als  Lösung … hm … grübel.

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Dennoch: ein wichtiges und auch mutiges Buch: Denn zum einen wird eben ein Thema angesprochen, wegducken geht da nicht mehr, angesichts der sicherlich zutreffenden Prognosen, dass Demenz Erkrankungen immer mehr zunehmen werden.

Zum anderen hat sich auch der Autor seinen eigenen biographischen Prägungen gestellt, dass verdient aus meiner Sicht immer den Respekt.

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Und die Illustrationen von Eva Erikson sind einfach nur bezaubernd ! Und die Übersetzung besorgte Ole Könnecke.

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Der Tag beginnt so gut …

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Oma hebt ihr Geld Geld von der Bank ab

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Da wird es komisch im positiven Sinne: Der Junge verteidigt das Geld seiner Oma (tatsächlich ist das natürlich eine große Bürde)

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Die Rückseite des Buches

P.S. Ich habe dieser Präsentation einen Auszug aus der website demenz-ratgeber.de beigelegt: „In der Verwirrtheit Sinn entdecken“

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