Konstantin Wecker – Brecht (1998)

WeckerFrontCover1Ein mehr als eindrucksvoller Beitrag zum hundersten Geburtstag von Bertholt Brecht:

Ganz klar, dass Kraftlackel Konstantin Wecker im „Brecht-Jahr 1998“ — der Dichter und Kommunist wäre 100 Jahre alt geworden — die Gunst der Stunde nutzte, um seinem großen Idol ein ur-eigenes Denkmal zu setzen. Schlicht und ergreifend Brecht nannte der Wirtshaus-Revoluzzer und Anarcho-Liedermacher dieses Dokument seiner Leidenschaft, und wie immer schaffte „Konny“ es, Liedern wie „Wenn sie trinkt, fällt sie in jedes Bett“, „Ballade vom Mazzepa“ oder „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ ein intimes, leidenschaftliches, großmäuliges Eigenleben zu verpassen, „typisch Wecker“ eben. Dabei hatte sich der Münchner Berserker den Liedern seines Vorbildes mit Samtpfoten genähert und wollte sie, nach eigener Aussage, „so authentisch wie möglich einer neuen Hörerschaft näherbringen“. Experiment gelungen — aber eben auch vor allem deshalb, weil Wecker immer Wecker bleibt und sich niemals zurücknimmt. Originale braucht das Land! (Michael Fuchs-Gamböck)

Verwandte Töne: Von Lebenslust und Übermaß singt Wecker wieder mal auf dieser 37 Minuten kurzen Platte. Sie klingt wie aus seinen besten Zeiten, aber die Texte stammen nicht von ihm.

Erstmals in seiner Liedermacher-Karriere stützt Wecker sich auf Texte eines anderen. Aber der heißt immerhin Bert Brecht. Damit ist Wecker einer von vielen Künstlern, die sich im Jubiläums-Jahr zu Deutschlands großen Quälgeist hingezogen fühlen. Aber kaum zwei passen so gut zusamen.

WeckerRoth

Konstantin Wecker + Wolfgang Roth

„Alle Laster sind zu etwas gut“ schrieb Brecht in seinem „Choral vom Baal“, und Wecker, der auch nie maßhalten wollte, lockt mit saftiger Stimme: „Sucht euch zwei aus. Eines ist zuviel!“ Auf den Leib geschrieben ist dem bayerischen Kraftstrotz ebenso Brechts Zeile „Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch“.

Ja, der politische Intellektuelle aus Augsburg war auch ein Erotiker. Unter den rund 2500 Gedichten, die er zwischen 1913 und 1956 schrieb, finden sich gut hundert erotische, teils sogar obszöne und handfest pornographische. Vor allem für solche Texte hat Wecker sich von den Erben die Erlaubnis zur Vertonung geholt. „Oh, die unerhörten Möglichkeiten, wenn man Frauen um die Hüften nimmt, zwischen Schenkeln sanft im Abwärtsgleiten durch das grüne Meer der Wollust schwimmt“ singt er nun und preist damit wie je Lust, Genuß und Übermaß.„Alle Laster sind zu etwas gut“ schrieb Brecht in seinem „Choral vom Baal“, und Wecker, der auch nie maßhalten wollte, lockt mit saftiger Stimme: „Sucht euch zwei aus. Eines ist zuviel!“ Auf den Leib geschrieben ist dem bayerischen Kraftstrotz ebenso Brechts Zeile „Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch“.

Da sind zwei sich ähnlich, nicht nur thematisch. Das soll schon das Cover des Albums deutlich machen. Ein kleiner Bert Brecht pinnt da als Foto neben dem großen Wecker, der sich auch schon mit Kurt Tucholsky gemein machte. Beide lächeln leise aus dem Augenwinkel, als schielten sie bereits nach dem nächsten Unterleib.

Die Platte klingt wie aus Weckers besten Zeiten. Hemmungslos zitiert der Künstler sich selbst, läßt das „Liebeslied“ seiner wilden Ballade „Du mußt dir alles geben“ ähneln und vertont Brechts „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ als Mischung aus „Genug ist nicht genug“ und „In diesen Nächten“: Da kommen einem die typischen Harmonien so vertraut vor wie die Texte, die die Leidenschaft und den Tod besingen oder den Wunsch, sich „von Ziel und Schwere“ zu lösen. Den politischen Songs gab Wecker einen ungewohnten Ton: Nicht fordernd und antreibend wie von Therese Giehse bekannt, sondern nachdenklich interpretiert Wecker die von Krieg und Exil geprägten Verse („In den Zeiten der äußersten Verfolgung“). Am lustvollsten aber hört man dem Traumpaar Brecht/Wecker zu, wenn sie vom faulen sich Hingeben an den Augenblick schwärmen und einen davontragen mit der sorglosen Zeile: „Natürlich muß man auf dem Rücken liegen…und sich treiben lassen. Man muß nicht schwimmen.“ (Bettina Koch)

Eine kongeniale musikalische Umsetzung all jener Brecht Texte, die bis heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren haben.

Booklet04A

Besetzung:
Gerd Baumann (guitar)
Leopold Gmelch (trombone, tuba)
Yogo Pausch (percussion)
Maria Reiter (accordion)
Lenz Retzer (bass)
Wolfgang Roth (saxophone, flute, clarinet)
Nici Walde (bassoon)
Konstantin Wecker (vocals, piano)
Stephan Wildfeuer (drums, vibraphone)

Booklet02A

Titel:
01. Choral vom Baal 3.47
02. Oh, die unerhörten Möglichkeiten 3.30
03. Das Schiff 4.22
04. Ballade vom Mazeppa 5.10
05. Wenn sie trinkt, fällt sie in jedes Bett 2.26
06. Erinnerung an die Marie A. 3.20
07. Vom schwimmen in Seen und Flüssen 5.38
08. In den Zeiten der äußersten Verfolgung 3.26
09. Liebeslied 2.56
10, Vom Glück des Gebens 2.30

Musik: Konstantin Wecker
Texte: Bertolt Brecht

CD1

 

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