Tobi Reiser Ensemble – Salzburger Tanzmusik (1972)

FrontCover1Es ist wohl einer der bescheursten Sprüche, die ich jemals gehört habe:

„Wo man singt, da lass dich nieder, den böse Menschen haben keine Lieder“.

Nun, wenn dem so wäre, dann wäre der Tobi Reiser ein braver Kerl gewesen, denn hier hören wir instrumentale Volksmusik, die einen – ob ihrer überzeugenden Versionen alter Weisen – wirklich überzeugend kann

Weit gefehlt, denn der Tobi Reiser war hinsichtlich seiner Aktivitäten in den Zeiten des Nationalsozialismus ein mehr als dubiose Person.

Der Metzgermeister Tobias Reiser ist als Volksmusikant, Gründer von Gesangs- und Musikgruppen sowie als Erfinder der Stubenmusik bekannt geworden. In seinem Wirken wurde er durch den bayerischen Volksliedsammler Wastl Fanderl und dessen österreichische Kollegen Otto Eberhard und Curt Rotter angeregt und beeinflusst.

1932 begründete Reiser zusammen mit Eberhard das erste öffentliche Volksliedsingen in St. Johann im Pongau sowie in den folgenden Jahren viele weitere Wettbewerbe. Mit den Flachgauer Musikanten schuf er 1934 eine heute noch bestehende Musikgruppe. Im selben Jahr entwickelte der Salzburger Instrumentenbauer Heinrich Bandzauner nach Reisers Vorstellungen das chromatische Hackbrett, eine Neuheit, die das bis dahin fast ausschließlich als Begleitinstrument verwendete diatonische Hackbrett ersetzte.

Reiser polemisierte schon vor 1938 mit antisemitischem Unterton öffentlich gegen jüdische Tänze und propagierte ein Trachtenverbot für Juden. Im Jahr 1941 lobte er das Heimatbrauchtum als die „beste Waffe gegen das jüdische Gift“. Er moderierte eine monatliche Radiosendung im Reichssender Wien.

Der Zeitgeschichtler Oliver Rathkolb schließt 2016 in seinem Buch über Reiser: „Es ist keine Frage mehr, dass die Volkskultur- und Volksmusikarbeit Tobi Reisers system- und herrschaftsstabilisierend gewirkt hat.“ Nach Ende des NS-Regimes habe Reiser seine politische Rolle in Erinnerungsbausteinen völlig umgedeutet und habe versucht, jeden Hinweis auf eine Nähe zur damals illegalen NSDAP in den beginnenden 1930er Jahren abzuwehren.[1] Kultur­landes­rat Heinrich Schellhorn (Grüne) betonte im Jahr 2016, das Land Salzburg gehe auf Distanz zur national­sozialistischen Vergangenheit Reisers, würdige jedoch seine Leistungen für die Salzburger Volkskultur.

1945 wurde Reiser aller Ämter enthoben.

Mit dem Salzburger Adventsingen gelang es Reiser 1946 – gemeinsam mit Karl Heinrich Waggerl – eine Veranstaltung zu etablieren, die bald im gesamten Alpenraum nachgeahmt wurde und wird.

1946 gründete Tobi Reiser das Salzburger Heimatwerk, Heimatverein und Verkaufsgeschäft bodenständiger handwerklicher Erzeugnisse.

Das Tobi Reiser Quintett (später als Ensemble Tobias Reiser vom Sohn weitergeführt), 1953 gegründet, wurde zum Vorbild vieler Volksmusikgruppen in Österreich und Bayern. Durch die Einführung einer damals völlig neuen Spielart hat Tobi Reiser den alpenländischen Raum musikalisch revolutioniert. Die Stubenmusik, das Zusammenspiel von Zither, Gitarre, Harfe, Hackbrett und Kontrabass, entspricht seinen Vorstellungen aus den 1950er Jahren. Dieser Stil wird heute, keine sechzig Jahre nach seiner Entstehung, oft für die ursprünglichste Art der Volksmusik gehalten.

Sein Sohn Tobias Reiser (* 2. Dezember 1946; † 18. Dezember 1999) übernahm vom Vater sowohl das Ensemble wie auch die Leitung des Adventsingens und später auch die des Heimatwerks. Der Metzgermeister Tobias Reiser ist als Volksmusikant, Gründer von Gesangs- und Musikgruppen sowie als Erfinder der Stubenmusik bekannt geworden. In seinem Wirken wurde er durch den bayerischen Volksliedsammler Wastl Fanderl und dessen österreichische Kollegen Otto Eberhard und Curt Rotter angeregt und beeinflusst. (Quelle: wikipedia)

Bei so einer Biographie kann einem schon die Freude an dieser Musik vergehen. Aber: all die alten Volksweisen können ja nichts dafür, dass sie von einem überzeugtem Nationslsozialisten gespielt wurden.

Und nur unter dieser Prämisse erscheint dieses Album (eine Sonderausgabe des „Musikhaus Fackler“, Traunstein: gegründet 1875 von Josef Fackler und seinem Sohn und das Geschäft gibt es heute noch)) in diesem blog.

Aufgenommen am 26-27.06.1972 im kleinen Festsaal des Pallotinerklosters „Auf dem Mönchsberg“, Salzburg

Musikhaus Fackler

Besetzung:
Sepp Baier (bass)
Werner Christof (violin)
Herbert Heimstreit (violin)
Maria Müller-Willroider (harp)
Irmtraud Nußdorfer (flute)
Tobis Reiser jun. (guitar)
Tobis Reiser sen. (guitar)
Sepp Wimmer (zither)

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Titel:
01. Untersberg Polka
02. Bischofshofner Schlag
03. Hellbrunner Galopp
04. Bei Da Nacht Wann’s Finsta Is
05. Embacher Bayrischer
06. Langsamer Dreher
07. Pongauer Schneid
08. Grafenberg Bayrischer
09. Tiefer Ländler
10. Beim Winklwirt
11. Nachbarschafts Walzer
12. Salzburger Zweischrittpolka

Musik: Traditionals

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