Dario Domingues – Die Reise der Yahgan ist zu Ende (1981)

FrontCover1Einen tiefen Eindruck hat diese LP auf mich schon damals gemacht. Der Musiker Dario Domingues hat nicht nur mich beeindruckt und auch sein Lebenslauf ist bewegend:

Sein Debut gab der Indianer aus Chiles Anden in Deutschland. Es war das Album „The End of the Yagans‘ Journey„, 1981 bei Trikont-Unsere Stimme. Die Yagan lebten in Feuerland; sollten sie tatsächlich über Sibirien und Nordamerika an den amerikanischen Südzipfel Terra Del Fuego gewandert sein, dann war dies das Ende ihrer Reise. Die Yagans wurden Opfer eines Völkermords; in den Siebziger Jahren verschwand der letzte Nachfahre des Stammes aus dieser Welt. Damit war die Reise endgültig zu Ende. Die Titel des Albums, das er den Yagan widmete, waren Stationen einer persönlichen Reise des Musikers Dario Domingues. Das Erstlingswerk erhielt den Preis der Deutschen Schallplattenkritik.

Dario wurde 1950 als Sohn einer Mapuche-Indianerin und eines Italieners in Chile geboren. Als er sich, im Studentenalter bereits, in den Bergen als Schafhirte etwas Geld verdiente, griff er in der Einsamkeit erstmals zur Flöte. Das war der Beginn seiner Karriere. Gefragt, wie er sein Geld verdiene, antwortete er von nun an: „Ich blase in einen Grashalm.„ Er entkam dem Pinochet-Regime und machte sich auf die Reise hinauf in den hohen Norden. In der kanadischen Hauptstadt Ottawa ließ er sich nieder. Hier wurde der indianische Folksänger Willie Dunn auf ihn aufmerksam und holte ihn zu sich ins Studio. Auf Willie Dunns viel beachtetem Album „The Pacific„ war der Mapuche-Flötenspieler erstmals zu hören.

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Dario Domingues / Regensburg, Alte Mälzerei / 1994 (c) Bernd Schweinar (*)

Bald war er ein fester Bestandteil der Konzertszene zwischen Kiel und Klagenfurt. Kurz betrat er auch, an die Hand genommen von Eberhard Schöner, die TV-Pop-Landschaft. Doch im Großen und Ganzen blieb er sich treu und näherte sich nach sieben Alben wieder den puren Formen des Anfangs.Er begleitete Willie Dunn auf einer Deutschlandtournee und begeisterte sofort das Publikum. Dario bot nicht die Andentöne, die in deutschen Fußgängerzonen zum Inventar gehören, sondern formte aus spanischen und indianischen Elementen seine eigene Musik und sparte dabei nicht mit kritischen Tönen. Für sein erstes Album kam er mit Rohmaterial angereist und ergänzte es mit Musikern der Münchner Szene; Sparifankal gehörten ebenso dazu wie die Fraunhofer Stubnmusi. Dario übte sich in Weltmusik, als es sie offiziell noch gar nicht gab.

Gegen Ende der 90er Jahre wurde seine Arbeit als Musiker und Komponist gewaltsam unterbrochen: Betrunkene hatten ihn überfallen und lebensgefährlich verletzt. Nur langsam kam er wieder auf die Beine – gestützt von seinem 13jährigen Sohn, den er alleine aufzog. Davon erzählte er und von anderen schwierigen Phasen, als er im Herbst 1999 wieder durch Deutschland und Österreich reiste. Er erzählte davon wie einer, der nach einer beschwerlichen Reise, wieder heil bei sich gelandet war. ‚Mein Sohn ist der Inhalt meines Lebens‘, sagte er,’er ist mein bester Freund‘.

Am Ostermontag rief mich Willie Dunn aus Ottawa an. Dario hatte sich das Leben genommen. Wir wissen nicht, was ihm das Dasein auf Erden unerträglich werden ließ. Seine Reise ist zu Ende, und wir sind froh, daß wir ihm manchmal auf seinen Wegen begegnet sind. (Claus Biegert)

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Dario Domingues: „Die Reise der Yaghan ist zu Ende“ – und dies ist gleichsam das letzte Lied, das ihnen gesungen wird, einem Indianerstamm, der von Asien her über die Beringstraße gekommen war und sich Feuerland, „dieses unwirtliche Land vor Tausenden von Jahren ausgesucht“ hatte, um hier „– bis zur Ankunft der Europäer – in ungetrübter Harmonie mit den Elementen zu leben“. Als Anfang des vorigen Jahrhunderts, wie man weiter liest, Darwin mit dem Segler „Beagle“ hierher kam, lebten noch an die dreitausend Yaghan hier, 1908 waren es noch 170 und 1932 nur mehr 43. „Der letzte vom Stamm der Yaghan verließ diese Welt in den siebziger Jahren.“ Dario Domingues, Nachfahr der Feuerland-Indianer, hat ihnen diese Schallplatte zugedacht. So erklärt sich der Titel; der Musik, die in europäischen Ohren unüberhörbar lateinamerikanisch klingt, bleibt gleichwohl etwas Geheimnisvolles. Es ist eine von Melancholie durchzogene, an Stimmungen reiche, sehr poesievolle Musik, in der mit viel Klangphantasie und Geduld Naturerinnerungen weniger gemalt als reflektiert werden. Domingues und seine acht empfindsamen Mitspieler verwenden dabei ein exotisches, überaus farbenreiches Instrumentarium. Die Neugier beim Zuhören erlahmt nicht einen Augenblick. (Manfred Sack; Die Zeit, 16. April 1982)

Und die Zeit vergab dann das einzig mögliche Prädikat: „Hervorragend“

Diese Aufnahmen haben verdammt viel mit der Würde der Menschen zu tun und eine respektvollere musikalische Verneigung vor einem untergegangem Volkstamm ist nicht möglich. Und zudem ist dann die Musik von einer traumhaften Ausstrahlung und Harmonie.

Und wohl kurz vor Ostern 2000 hat er sich dann das Leben genommen … Seine Musik ist auch 19 Jahre nach diesem Tode mehr als bedeutsam !

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Besetzung:
Ulrich Bassenge (bass)
Claus Biegert (jews harp)
Phil Bova (bass)
Dario Domingues (many different flutes, percussion, vocals, african xylophone)
Richard Kurländer (austrian harp)
Florian Laber (african xylophone)
Robert Libbey (surdo, xylophone, percusion)
Roger Rainbow (guitar)
Ian Tamblyn (guitar, harmonium)

BackCover1Titel:
01. Johannisnacht (The Night Of San Juan) (Domingues) 4.00
02. Blauer Limay (Azul Limay) (Domingues) 5.57
03. Straße des Todes (Teotihuacan) (Domingues) 4.05
04. Wenn die Erde weint (Cuando Llora La Tierra) (Domingues) 4.47
05. Der Guillatun (El Guillatun) (Parra) 3.00
06. Die Quelle aller Wasser (The Source Of All Waters) (Domingues) 7.05
07. Kleiner Levkojenstrauch (Plantida De Aleli) (Traditional) 2.45
08. Ihr Kinder dieser Welt kommt und tanzt… (Children Of The World Come To Dance…) (Domingues) 3.32
09. Wind der Anden (Wind Of The Andes) (Domingues)  2.45
10. Die Reise der Yangan ist zu Ende ( The End Of The Yahgan’s Journey) (Domingues) 5.30

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(*) (mit freundlicher Genehmigung von www.allmusic.de)

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