Achim Reichel – Volxlieder (2006)

FrontCover1Der Achim Reichel war schon immer für ne Überraschung gut … von knackigen Beat-Klängen in der 60er Jahren über psychedelischen Trips der besonderen Art bis hin zu seinen Seemannslieder.

Und dann noch, als Krönung dieses Album, das nun auch schon über 10 Jahre alt ist:

„Ich erinnere mich an einen Irlandaufenthalt vor ein paar Jahren. Wir saßen in einem Pub, ein Ire spielte traditionelle Lieder und plötzlich reichte der mir seine Gitarre und sagte: ‚Sing us a song from your country!‘ Da ging mir der Arsch auf Grundeis, weil ich nicht wusste, was ich machen sollte. Das kommt daher, weil man als Deutscher in dieser Beziehung ein bisschen verkrampft ist. Wenn man deutsche Volkslieder spielt, läuft man immer Gefahr, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Aber es kann doch nicht angehen, dass 13 Jahre Naziherrschaft die ganze deutsche Kultur zerstören. Pete Sage hat zu mir gesagt: ‚Ihr müsst euch eure Kultur wieder zurückholen.‘ Und das sehe ich ganz genauso. Irgendjemand muss die Courage haben, die Kultur nicht irgendwelchen Verrückten zu überlassen. Ein Volk ist nicht komplett, wenn es keine Kultur hat.“

Lebendige Tradition: 15 Volkslieder vom „Urvater der deutschen Rockmusik“ Wie kaum ein zweiter Rockmusiker hat sich Achim Reichel um das Entstauben des heimischen Liedgutes verdient gemacht. Dem Liederschatz des eigenen Landes hatte der „Urvater der deutschen Rockmusik“ schon mehrmals Alben gewidmet, wie etwa auf „Dat Shanty Alb’m“ (1976), „Regenballade“ (1978) oder „Wilder Wassermann“ (2001). „Volkslieder sind wie Bäume – du kannst ihnen die Krone stutzen, die Wurzeln bleiben erhalten“, meint Achim Reichel nun zu seinem neuen Album. Auf „Volxlieder“ finden sich 15 traditionelle Lieder aus dem deutschsprachigen Raum, altehrwürdiges Liedgut wie „Die Gedanken sind frei“, „Der Mond ist aufgegangen“ oder „Röslein auf der Heiden“. Da Volkslieder von jeder Generation immer wieder anders ausgelegt werden, ist es die Aufgabe des kreativen Künstlers, die Lieder inhaltlich und stilistisch zu aktualisieren. Genau das gelingt Achim Reichel, der vor über vierzig Jahren mit den Rattles für Beat „made in Germany“ sorgte. „Volxlieder“ spielt mit der Tradition, hält sie dadurch lebendig und lässt sie Teil einer globalen Weltmusikkultur werden. (Amazon.de)

Booklet03A

Als Achim Reichel sein neues Album Volxlieder aufnahm, ahnte er wohl kaum, dass die WM ein neues, entspanntes Nationalbewusstsein auslösen würde. Ihm ging es beim Entstauben alten, deutschen Liedguts darum, „es aus den Fesseln der Falschheit zu befreien“. Und dafür hat er in der Vergangenheit schon mit Projekten wie Dat Shanty Alb‘m und deutschen Gedichtvertonungen auf Regenballade ein großes Talent bewiesen. Von den 15 Liedtexten dieser CD sind viele über die Jahrhunderte hinweg politisch missbraucht und inhaltlich verfälscht worden. Reichels informative AchimReichel01Anmerkungen in dem aufwändig gestalteten Booklet samt Textausschnitten und Notationen sind also auch ein bisschen Zeitgeschichte.

Musikalisch arbeitet er jedoch aus dem Bauch heraus, nähert sich den traditionellen Melodien intuitiv, macht sie auch rhythmisch zeitgemäß hörbar, befreit von falschem Pathos und Kitsch. Das Arsenal der eingesetzten Instrumente umfasst eine Bandbreite von Elektronik bis Exotik. Doch das größte Plus ist Reichels markante und gefühlvolle Bassstimme, die jedes Lied so glaubwürdig und authentisch klingen lässt, als sei es ihm gestern eingefallen. „Der Rosemund“ und „Der Lindenbaum (Am Brunnen vor dem Tore)“ instrumentiert er als zünftigen Country, „Die Gedanken sind frei“ segelt mit Flöte und Bläsern dahin, eine folkige, mitreissende Liebesballade ergibt „Du liegst mir (im Herzen)“. Aus „Im schönsten Wiesengrunde“ wird eine nachdenkliche Rockballade, „Der Mond ist aufgegangen“ zur meditativen Lautmalerei, „Röslein auf der Heiden“ klingt leichtfüßig frivol, und von ausgelassener Fröhlichkeit sind „Ick bün Kock, segt he“ und „Weisst du wieviel Sternlein stehen“, ganz überraschend als Blasmusik-Landler umgesetzt. Eine Volkslied-Renaissance wird Reichel wohl nicht auslösen, aber vielleicht einen offeneren Blick auf zeitlose Schönheit. (Ingeborg Schober)

Auch wenn er keine „Volkslied-Renaissance“ ausgelöst hat, das Album hat Eindruck gemacht und zwar mächtig und das mit mehr als gutem Grund. Klar, es gab Formationen wie Liederjan u.a. die schon viel, viel früher versuchten, deutsches Liedgut von dem Mief früherer Interpretationen zu befreien (und das machten sie auch wahrlich nicht schlecht), aber Achim Reichel setzte diese Bestrebungen dann noch eine weitere Krone auf …

Und so kann man sich nun an einen Werkvergleich machen: „Hohe Tannen“ in der Fassung von Ronny und in der von Achim Reichel …

Und mein herzliches Dankeschön geht an den spendablen Herrn Ärmel, der mir diese Leihgabe zur Verfügung stellte !!!

Booklet05A

Besetzung:
Uwe Granitza (bass, tuba, trombone)
Achim Reichel (guitar, dobro, bandoura, bouzouki, bass, percussion, keyboards, vocals)
Pete Sage (violin, mandoline, guitar, accordeon, background vocals)
Berry Sarluis (accordeon, harpsichord, keyboards, background vocals)
Frank Wulff (harp, celesta, flute, guitar, zither, hurdy-gurdy, harmonium, background vocals)
Helge Zumdieck (drums, percussion)
+
Piet Abele (piano bei 12.)
Stoppok (banko bei 01.)

CoverIllustration

Titel:
01. Der Rosenmund 3.35
02. Der Lindenbaum (Am Brunnen vor dem Tore) 2.32
03. Die Gedanken sind frei 2.38
04. Hohe Tannen 3.09
05. Im schönsten Wiesengrunde 4.02
06. Kein Feuer, kein Kohle 2.40
07. Der Mond ist aufgegangen 3.10
08. Oh wie kalt ist es geworden 3.38
09. Röslein auf der Heiden 2.28
10. Leise zieht durch mein Gemüt 2.41
11. Du liegst mir (im Herzen) 2.53
12. Die Ballade von den Königskindern 5.18
13. Weisst du wieviel Sternlein stehen 3.13
14. Ick bün Kock, seht he 2.53
15. Hammonia 2.34

Alle Lieder: Traditionals

CD1

 

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4 Gedanken zu “Achim Reichel – Volxlieder (2006)

  1. In diesem Zusammenhang nochmals meine Empfehlung:
    Achim Reichel – Solo mit Euch. Mein Leben meine Musik, gesungen und erzählt.

    Das ist eine DoCD von 2010. Da kann man einen Menschen erleben, der nicht auf Celebrity machen muss. Der hats einfach drauf…

  2. „Volxlieder“ hat Platz 3 in meiner Wertschätzung seiner Platten.
    Platz 1: Regenballade
    Platz 2: Blues in blond
    Auf der „Volxlieder“ nehm ich ihm ein klein bissl übel, dass er ausgerechnet den „Lindenbaum“ nicht gut hinbekommt. Den hätt‘ ich mir melancholischer, romantischer gewünscht.

    Was das Nationalbewusstsein von 2006 angeht – das ist ja nun wieder weitgehend verkorxt.

    • Ja, da kann ich dich verstehen,. beim „Lindenbaum“ bin ich auch gespalten … einerseits bin ich froh, daß endlich mal einer nicht in Gefühlssoße schwimmt … aber dieses Lied hat einfach eine Grundmelancholie und die so ganz zu ignorieren, passt mir irgendwie auch nicht … aber das ist wohl Geschmackssache

  3. „Regenballade“ hab´ ich vor Jahren mal aus der Grabbelkiste gezogen. Tolles Album! Reichel hatte/ hat die Fähigkeit, Lyrik und Musik zu einem stimmigen Ganzen zu verpacken, bei dem sich beides ergänzt. Das ist im „Rock“-Bereich beileibe keine Selbstverständlichkeit, da braucht man ein gewisses Gefühl dafür.

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