Klaus Renft – Ein Leben mit dem Rock`n`Roll (2005)

FrontCover1.jpgGanz sicher war er einer der zentralen Figuren des frühen DDR Rocks, der aber auch ständig, aber auch ständig aneckte:

Klaus Renft (* 30. Juni 1942 in Jena; † 9. Oktober 2006 in Löhma; bürgerlich Klaus Jentzsch) war ein deutscher Musiker. Er wurde in der DDR vor allem durch seine Bands Butlers und Klaus Renft Combo bekannt. Sein Künstlername Renft war der Geburtsname seiner Mutter Charlotte.

Seine Kindheit erlebte Klaus Jentzsch in dem zwischen Jena und Stadtroda gelegenen Dorf Gernewitz, wo er in der dortigen Molkerei wohnte. Sein leiblicher Vater war nicht, wie er später erfuhr, der Ehemann der Mutter, sondern ein Arzt aus Stadtroda. Im April 1952 zog er mit seiner Mutter nach Leipzig um und besuchte hier die Petrischule. 1957 hatte er erste Auftritte mit der Schülerband „Kolibri“. Im Jahre 1958 gründete Renft mit einigen Freunden in Leipzig die „Klaus-Renft-Combo“. Sie bestand bis zum Auftrittsverbot 1962 und wurde daraufhin in „The Butlers“ umbenannt. Klaus Jentzschs Leipziger Wohnanschriften waren Mozartstraße 8 und Hohe Straße 49. Im Jahr 1963 legte Klaus Renft die Facharbeiterprüfung als Möbeltischler ab. Am 1. März 1964 gab es den ersten offiziell erwähnten Auftritt der „Butlers“. Im gleichen Jahr erhielt die Band beim Deutschlandtreffen der Jugend eine Auszeichnung. Bereits 1965 wurde den populären „Butlers“ jedoch aufgrund ihres westlichen Stils diesmal ein „unbefristetes Spielverbot“ ausgesprochen. Das geschah zeitgleich zum Verbot vieler anderer Bands in Leipzig, was die in dieser Form einmalige Leipziger Beatdemonstration auslöste.

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Ab 1967 durfte die „Klaus Renft Combo“ nach ihrem Verbot wieder öffentlich auftreten, ab 1971 waren auch Rundfunkaufnahmen möglich.

Ihre Songs, deren Themen häufig von staatlicher Repression (Ketten werden knapper) handelten oder vielschichtig/zweideutig waren wie (Zwischen Liebe und Zorn, Ermutigung, Nach der Schlacht), hinterfragten das durch die Staatsmacht vorgegebene Bild. Daher geriet die bereits 1964 unter dem Decknamen „Wanderer“ geführte Band verschärft ins Visier der Staatssicherheit. Neue Musikaufnahmen wurden ab 1974 nach ihrem Song Aber ich kanns nicht verstehen (Platz 2 bei der „NBI-Beatparade“) nicht mehr zugelassen.

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Im September 1975 wurde die Klaus Renft Combo erneut verboten. Die Musiker beschwerten sich beim damaligen Kulturminister der DDR Hans-Joachim Hoffmann. In der Folgezeit entstanden heimliche Aufnahmen wie die Rockballade vom kleinen Otto, die eine mögliche Flucht aus der DDR zum Inhalt hatte, oder das Lied Glaubensfragen, das mit dem Thema Bausoldat ein staatliches Tabu ansprach.

Ende Oktober 1975 verlor Renft seine Zulassung durch das Kulturministerium. Er besuchte darauf den Regimekritiker Robert Havemann und gab persönlich am 8. Dezember 1975 einen Brief an Erich Honecker ab. Zeitgleich erschien im Spiegel ein Artikel zur Band und ihrer Situation.

Nachdem am 15. Januar eine Vorladung durch den Rat des Bezirkes Leipzig erfolgt war, stellte er im April 1976 einen Ausreiseantrag. Im Mai konnte er nach West-Berlin ausreisen, weil er seine griechische Freundin heiratete. Mehrere Versuche, musikalisch wieder Fuß zu fassen, unter anderem mit der Gruppe Windminister, misslangen. Olaf Leitner, Rundfunkmoderator beim RIAS, gab Renft nicht nur ein erstes wohnliches Unterkommen in West-Berlin – er verschaffte ihm auch einen Job als Musikredakteur beim Sender. Eine erste eigene Wohnung bekam Renft schließlich in der Gotenstrasse 14. 1981 wechselte er an das Renaissance-Theater, wo er bis 1990 als Inspizient und Tonmeister tätig war. Am 20. Juli 1981 wurde Renft die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt.

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Nach der friedlichen Revolution in der DDR kehrte Klaus Renft zurück und trat ab 1990 wieder gemeinsam mit der „Klaus Renft Combo“ auf. Dennoch gelang es ihr wie vielen anderen DDR-Bands nicht mehr, an die früheren Erfolge anzuknüpfen. 1996 musste er die Band wegen interner Differenzen vorübergehend verlassen. Ab März 1998, zu den Jubiläumskonzerten „40 Jahre Klaus Renft Combo“, trat er wieder gemeinsam mit seinen Weggefährten aus den 1970er Jahren auf.

Bereits im Oktober 2000 musste sich Renft einer Chemotherapie wegen einer Darmkrebserkrankung unterziehen, die 2000 diagnostiziert worden war. Er erholte sich zunächst und arbeitete wieder intensiv als Musiker. Doch im Sommer 2005 stellten die Ärzte bei ihm einen neuerlichen Tumor fest, an dessen Folgen er in der Nacht zum 9. Oktober 2006 auf dem Weg in die Klinik verstarb. Seine Urne wurde am 21. November 2006 auf dem Leipziger Südfriedhof (Grab 319/324) beigesetzt. (Quelle: wikipedia)

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Und hier hören wir eine Aufzeichnung eines Solo-Abends mit Klaus Renft am 23. April 2005 in der Leipziger „Runden Ecke“, der ehemaligen Stasibezirkszentrale und heutigen BStU, Außenstelle Leipzig. Klaus Renft erzählt von sich selbst: von seiner Karriere, von großen Erfolgen und vom Scheitern, von Träumen, Abgründen und Zweifeln, von den Schwierigkeiten mit der Bürokratie des Ostens und der Kälte des Westens, aber auch von den Konflikten zwischen den Band-Mitgliedern. Klaus Renft: sensibel, anarchisch, ein Leben im Rausch des Rock. Amüsant und kurzweilig vorgetragen, gewürzt mit Anekdoten aus seinem Leben und mit Ausschnitten aus zum Teil unveröffentlichten historischen Tondokumenten der „Butlers“ und der „Klaus Renft Combo“ aus dem Privatarchiv von Klaus Renft. (Hüllentext)

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Und selten habe ich ein derart interessantes und zugleich sympathisches Hörbuch eines Musiker gehört … das weit mehr ist als „nur“ eine Musiker-Biographie“ … Es ist ein Hörbuch auch über den fast täglichen Terror, dem Musiker von Schlage eines Klaus Renft ausgesetzt war … bis er dann halt ausgebürgert wurde.

Oder aber auch:
Ja, so wie unser Jenni leibte und lebte. Ein Muß für jeden Renft-Fan. Witzig, sachlich und immer mit einem bischen Schalk im Nacken. (W. Zahn)

Und ich bekam ne Gänsehaut, als ich den heimlichen Mitschnitt hörte, in dem ihm erklärt wurde, dass nicht mehr musizieren darf …

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Besetzung:
Klaus Renft (Sprecher)

Inlet

Titel:
01. Stasi-Akte, Tagebuch, Kindheit in Gernewitz 8.38
02. Pinguin-Mambo, 17. Juni und 49 Meter-Band 9.01
03. Kontrabass, Entenarsch und die Blonde aus Lindenthal 8.57
04. The Butlers, Deutschlandtreffen und Spielverbot auf Lebenszeit
05. Wasserwerfer, Kreuzfuge und Singeclub
06. Underground, Rose und Hitparade
07. Gratwanderung, Boykott und Urteil im Recorder
08. Cognac-Fahne im ZK und Stasi liefert Leumund
09. RIAS, Renaissance-Theater und Mauerfall
10. Ich bin Renft! – Es war da eine Zeit…

Alle Texte: Klaus Renft

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Klaus Renft (* 30. Juni 1942 in Jena; † 9. Oktober 2006 in Löhma)

10 Gedanken zu “Klaus Renft – Ein Leben mit dem Rock`n`Roll (2005)

  1. Tja, um das Ganze abzuschließen: Da ich jetzt keine Lust habe, genau nachzugucken, danke ich für diese Worte und muss eben zugeben, etwas falsch verstanden zu haben. Ich meinte nur, mich erinnern zu können, dass Sie über, ein, zwei Künstler geschrieben hätten, diese hätten sich der Staatsführung angedient. Ist aber auch vollkommen egal, Sie haben es ja jetzt eindeutig richtig gestellt und ich wieder etwas dazugelernt 🙂

    • Also, so ganz falsch liegen Sie nun wirklich nicht … ich denke mal der wackere Mr. Bludgeon könnte tendenziell Gift und Galle spucken, wenn ich z.B. für die Puhdys schwärme.

      Und die waren ganz sicher im Vergleich zu Senft staatstragend oder zumindest angepasst (und dennoch gefallen mir insbesondere ihre Frühwerke ausgesprochen gut).

      Und der gute Klaus Renft kam in seinem von mir vorgestelltem Hörbuch auch kurz auf diese Gruppe zu sprechen, weigerte sich dabei aber, den Namen Puhdys in den Mund zu nehmen.

  2. Hätte es anders formulieren sollen 🙂 Also, Musiker aus der DDR werden meinem bisherigen Verständnis der Einträge hier und in Ihrem Blog ja nachträglich immer wieder als Staatskritisch und „Rebellisch“ dargestellt, während Sie immer wieder anders urteilen. Und da Renft sowohl meiner bisherigen Informationen als auch Ihnen nach tatsächlich so kritisch waren wie dargestellt, wird das der Wahrheit dieser Band eben tatsächlich entsprechen.

    • Hm. Ist das ihrer Meinung nach so selten? Auf wen soll das denn nun aber NICHT zutreffen?
      Renft sind die Urväter der Rebellion;
      Pankow und Silly haben ebenfalls allerhand gewagt;
      der 80er-Punk-Underground sowieso: Die blanke Überlebenskunst, als Sandow, die anderen, Wutanfall, Müllstation, Feeling B, Defloration, Ich-Funktion, Expander des Fortschritts – nicht verhaftet zu werden.
      Also die haben alle unstrittig Meriten.
      Schriftsteller und Rocktexter lieferten das, was in den überdomestizierten Zeitungen nicht stand: Das Abbild des Alltags voller Mängel und Zwänge.
      Wie sagte Tamara auf der Silly-DVD: Es ging ja immer um die Texte – nie um die Musik. (Beim Streit mit den Zensoren)

  3. Nachdem Herr Bludgeon ja schon so manchen DDR-Musiker „entmystifiziert“ hat, war ich jetzt wirklich auf seinen Kommentar zu dieser Band gespannt. Freut mich, dass diese bis zum Schluss anscheinend doch glaubwürdig blieben. Kenne Herrn Renft nur aus seinen Interviews in der Doku-Reihe „Pop 2000“ und da schien er mir durch und durch geerdet und sympathisch abgebrüht. Was er da einfach so erzählt hat… Habe ihn immer respektiert, wohl zurecht!

    • „entmystifiziert“? Meine Absicht ist eher das Gegenteil. Die oft verschwiegenen Puzzleteilchen, die ich kenne, sollten die Legende eher steigern. Weil: Wenn man als Ossi Renft nicht verehrt – wen dann?

  4. Wäre die Band nach 1990 nicht weiterhin so „antikommerziell“ drauf gewesen, und hätten sie ein cleveres Management gefunden, hätte sich die Verbotslegende vergolden lassen. Andererseits blieben sie arm und glaubwürdig bis zum Schluss.

    Der Zank, der vor 1975 die Band zermürbte, ging 1990 praktisch nahtlos weiter. Irgendwie war es eine Art Hassliebe sehr unterschiedlicher Charaktere, der sie immer wieder zusammenführte, weil sie ahnten, dass niemand sonst mit ihnen klarkam.

    „Wir gingen zur S-Bahn und an uns vorbei fuhren die Puhdys in dicken schwarzen BMWs.“ (Klaus? Monster? Delle?) In irgend einem der Renftbücher nach der Wende gelesen.
    „Wiedersehen nach dem Mauerfall: Monster und Pjoter griffen sofort Jochen und Cäsar an, sie hätten das Vermächtnis verraten, weil sie mit Karussell Renftsongs gespielt haben.“ (Auch aus einer dieser Schwarten); kopfschütteln beim Lesen, denn: Cäsar hielt dadurch das Erbe lebendig, damit es nicht vergessen werden konnte. Zwischen 1978 und 1983 ging man genau deshalb zu Karussellkonzerten um Renft zu feiern!

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