Hildegard Knef – Spricht Jean Cocteau – Die geliebte Stimme (1961)

FrontCover1.jpgDass die Hildegard Knef eine großartige Chanson-Sängerin war, ist vermutlich nicht nur mir bekannt.

Dass sie einen wie mich aber auch als Sprecherin eines 1 Personen-Stückes in den Bann ziehen kann, weiß ich erst jetzt:

Basis für dieses Hörbuch ist ein Theaterstück von Jean Cocteau:

Der Einakter von Jean Cocteau (1889-1963) wurde 1930 als La voix humaine (Die menschliche Stimme) an der Comédie Française in Paris uraufgeführt. Im deutschsprachigen Raum ist das Stück auch als Die geliebte Stimme bekannt. Es handelt sich um einen Reisser, nicht romantisch, aber psychologisch höchst effektvoll dekoriert: das ganze Stück ist ein einziger Monolog am Telefon, das Abschiedsgespräch einer Frau mit ihrem Geliebten, der sie verlassen hat, um eine andere zu heiraten.

„Es gibt nichts, das mehr Orakel sein könnte als das Telefon. Es ist eine Stimme, die für sich allein in die Häuser kommt. Auch das Filmwerk ist orakelhaft, aber das Telefon ist es seinem ganzen Stil nach.“ (Jean Cocteau in einer Unterhaltung mit André Fraigneau)

1948 wurde das Stück von Roberto Rossellini mit Anna Magnani als La voce umana verfilmt. 1967 verfilmte Ted Kotcheff das Stück als Fernsehspiel mit Ingrid Bergman unter dem Titel The human voice.

Klaus Kinskis Adaption wurde 1949 von der englischen Militärregierung in Berlin verboten. Der Modefotograf Helmut von Gaza wollte daraufhin sein Atelier für die Aufführung zur Verfügung stellen, die Vorstellung war auch ausverkauft, jedoch erkrankte Klaus Kinski unpassenderweise an Gelbsucht und konnte nicht auf die Bühne. Cocteau telegraphierte damals nach Berlin: „Ich bin glücklich, dass es Kinski ist, der die Person verkörpert. Ich gratuliere ihm für seinen Mut. Ich werde mein möglichstes tun um bei der Premiere anwesend zu sein.“

Jean Cocteau01

Jean Cocteau

Und darum geht´s:

Das Telefon schrillt, zerreißt die Stille, dringt ins Mark. „Ja? Ja? Bist du’s?“ Die Stimme zittert, droht an sich selbst zu ersticken. Am andern Ende antwortet – niemand, nichts. Nicht einmal ein Echo. Sie, das ist eine Frau, die ein letztes Mal mit ihrem Geliebten spricht. Sie lauscht der gnadenlosen Stille, bis ihr Geduldsfaden reißt, sie verzweifelt bittet, ihre Stimme im Falsett neu Anlauf nimmt. Doch am Ende verlässt sie die Kraft. Sie erdrosselt sich mit der Telefonschnur.

HildegardKnef03

Über 80 Jahre alt ist „Die Geliebte Stimme“. Der Franzose Jean Cocteau schuf mit ihr den ersten großen Telefon-Monolog des europäischen Theaters. Surrealistische Kollegen spotteten, zu simpel sei das Stück, kitschig und veraltet. Heute sind Telefonschnüre veraltet und auch das Frauenbild aus den Dreißigerjahren. Aber viel ist gleich geblieben.

L’amour fou est passé, eine Liebe zu Ende. Ein Mann hat eine Frau verlassen, um eine andere zu heiraten. Es gibt Dinge zu regeln. Wo soll der Hund hin? Wie gibt man Liebesbriefe zurück, ohne sich zu begegnen? „Wenn du die Briefe verbrennst, dann möchte ich, dass du die Asche in der kleinen Schildpattdose aufbewahrst …“, sagt sie und zur Sache mit dem Hund: „Nimm du ihn“ … „Was?“ … „Ach, mich wird er bald vergessen haben.“

HildegardKnef01

Das Ende dieser Liebesgeschichte katapultiert die Dame ins seelische und wirtschaftliche Aus, und es ist der wunde Punkt, an dem Cocteau ihr Innerstes nach Außen kehrt, eine Persönlichkeit demontiert, die nicht der eigenen Kraft vertraut. Eine Frau zwischen Hoffnung, Verzweiflung und Selbstverleugnung.

„Es gibt Lagen, in denen eine Lüge gut und nützlich ist“, hat Jean Cocteau einmal gesagt. Doch nicht immer steht die Lüge auf Abruf bereit. Sie habe heute das kurze schwarze Kostüm getragen, sagt die Frau, ja, sicher, alles wunderbar. Nur eine Schlaftablette habe sie geschluckt. Und fragt, ganz kühl: „Hast du etwa schon einmal angerufen?“ Natürlich weiß sie genau, dass er nicht angerufen hat, sie ist ja den ganzen Tag zu Hause gewesen, um das Telefon herumgeschlichen, ohne Kostüm, hat sich verzehrt nach ihm. Am Abend zwölf Schlaftabletten genommen. Zu wenig.

AlternativeCover+Label

Alternative Ausgabe

Deshalb sitzt sie jetzt da, lügt, weint, wartet verzweifelt (wenn die Verbindung abbricht), jauchzend (wenn sie ihn zu hören scheint), melancholisch, aber immer warm, tief, und zutiefst menschlich. Es ist die Stimme der Schauspielerin Hildegard Knef (1925-2002) von 1961 …

… Für den Hörer ist es Pop und Trash als dramatische Kunst. Grotesk und überspitzt spricht sie, fleht, immer weiter, hastender – bis die schlechte Verbindung sie jäh zerstört, das nächste Kapitel eröffnet, und der Small Talk dem fulminanten Sprachspiel noch mehr Platz einräumt. Panisch hacken ihre Fingerspitzen in die Tasten, ruft sie Hallo? HALLO?, bangt mit angstbelegter Stimme dem nächsten Funkloch entgegen im Kommunikationssystem zwischen Mann und Frau, zwischen dem, der geht und der, die bleibt.

Jean Cocteau prägte als Universalkünstler in der Literatur, auf der Bühne, als Maler und Filmemacher eine ganze Epoche. „Die geliebte Stimme“ wurde im Hörspiel der ersten Nachkriegsjahre mindestens viermal produziert, basierend auf dem Text schuf Francis Poulenc die 1959 uraufgeführte Oper „La Voix Humaine“.

HildegardKnef02

Die Frau sagt: „Dass die Stimme durch so eine dünne Schnur kann.“ Die Schnur liegt schon um ihren Hals. „Sie ist das letzte, was mich mit dir verbindet.“ „Jetzt muss ich mich von dir trennen.“ (Jenni Roth)

Ein wahrlich quälendes Hörspiel, vorgetragen von einer ganz Großen … oder aber: Ein starkes Stück deutscher Hörspielgeschichte.

AlternativesFront+BackCover2

Besetzung:
Hildegard Knef (Sprecherin)

BackCover.jpg

Titel:
01. Die geliebte Stimme (Teil 1) 14.58
02. Die geliebte Stimme (Teil 2) 16.48
+
03. Die geliebte Stimme (TV-Fassung) 58.30

LabelB1.jpg

*
**

Und von diesem Theaterstück gab´s damals auch ne Verfilmung im Fernsehen (Bayerisches Fernsehen 1960, Regie: Franz Josef Wild) … natürlich ebenfalls mit Hildegard Knef … nicht minder eindrucksvoll und hier sehen wir dann auch die gesamte Fassung des Stücks … und mit wohldosierten aber intensiven Jazzklängen auf der Trompete … und man hört Miles Davis!)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s