2raumwohnung – Kommt zusammen (2001)

FrontCover1Also … dieses Duo kann ja auch auf eine bewegte Geschichte zurückblicken:

2raumwohnung ist ein deutsches Elektropopduo, das um das Jahr 2000 in Berlin gegründet wurde. Mitglieder sind die Sängerin Inga Humpe und ihr Lebensgefährte Tommi Eckart. Den bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere erreichten sie mit dem Album 36 Grad, das sich insgesamt 33 Wochen in den deutschen Musikcharts befand. Ihre erfolgreichste Single war der ausgekoppelte gleichnamige Titel. Außerdem sind 2raumwohnung auch auf internationalem Parkett durch Auftritte etwa bei der Expo 2010 oder ihre Tätigkeit als DJ-Team anerkannt.[2][3]

2raumwohnung lernten sich im Ostteil Berlins kennen, wo sie sich bereits kurz nach der Wende niedergelassen haben. Inga Humpe war zuvor Sängerin bei den Neonbabies und DÖF, Tommi Eckart arbeitete unter anderem mit DJ Hell, Ralf Hertwig und Andreas Dorau zusammen. 2raumwohnung leben nach eigener Aussage seit 1993 in einer Beziehung.[5] Ihren ersten Auftritt hatte die Band im Jahr 2001 im Sternradio, einem legendären Club am Alexanderplatz.[6] Bereits zuvor waren sie als Studioprojekt aktiv, ihre Musik wurde unter Pseudonym beispielsweise in der Werbung von Cabinet (Song Wir trafen uns in einem Garten) und der HypoVereinsbank verwendet. Letztere unterlegte einen Fernsehspot zur Einführung des Euro mit dem Titel 2 von Millionen von Sternen, dessen Herkunft einer breiten Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht bekannt wurde.

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Die Veröffentlichung des ersten Albums erfolgte am 2. Juli 2001 unter dem Titel Kommt zusammen. Es enthielt insgesamt 13 Titel und war noch unter Regie von Goldrush beziehungsweise dem Plattenlabel BMG entstanden. Die Rezensionen waren überwiegend positiv und reichten von einer „neuen Leichzeitigkeit“ bis zur „esoterischen Kinderdisco“.[8] Aufgrund des erfolgreichen Verkaufs wurde im Januar 2002 zusätzlich eine Remix-Version von Kommt zusammen produziert, auf der sie House- und Elektro-Elemente kombinierten. Im September desselben Jahres erschien In wirklich, mit dem das Duo an den Erfolg des ersten Albums nahtlos anknüpfen konnte. Zwar fehlte einigen Kritikern zufolge in weiten Teilen der Charme, der das letzte Album ausgemacht hatte,[10] es stieg jedoch trotzdem auf Anhieb auf dem fünften Platz der deutschen Charts ein.

2raumwohnung wurden für In wirklich mit dem Deutschen Dance Award als bestes Album ausgezeichnet. Im August 2004 folgte mit Es wird Morgen bereits das nächste 2raumwohnung02Werk, das insgesamt zwölf Titel enthielt und in insgesamt drei CD-Variationen in den Handel kam. Rezensenten stellten die Lieder in die Tradition der Musik der 1980er Jahre und attestierten 2raumwohnung eine „beeindruckende musikalische Reife“, wenn auch eine gewisse Belanglosigkeit. Die zu Es wird Morgen gehörende Tournee führte 2raumwohnung durch Deutschland und vereinzelt durch angrenzende europäische Länder. Als Vorgruppe traten Jansen und Kowalski auf.[13] 2005 folgte das Sommeralbum Melancholisch Schön, für das 2raumwohnung zwölf ihrer bekanntesten Songs ausgewählt und diese im Bossa-Nova-Stil neu abgemischt hat. Bestandteil des Albums war beispielsweise die Single Sexy Girl, die zuvor auf Kommt zusammen erschienen war und überregionale Bekanntheit erreichte. Ferner erhielten 2raumwohnung im Jahr 2005 die Goldenen Stimmgabel als bestes Duo.

Für das Album 36 Grad, das nach einer kurzen Pause im Februar 2007 veröffentlicht wurde, komponierten 2raumwohnung zwei Songs mit Peter Plate von Rosenstolz sowie dem Produzenten Ulf Leo Sommer.[15] Mit der Single Besser geht’s nicht erreichte das Duo vorab erstmals auf Anhieb eine Platzierung unter den besten Dreißig der deutschen Charts, außerdem verwendete man es in einem Werbespot der AOK.[16] Die zweite Auskopplung 36 Grad war noch erfolgreicher und stieg direkt unter den besten Zehn ein. Die Single wurde einer der Sommerhits 2007 und auch in den folgenden Jahren häufig weiter gespielt. Inga Humpe selbst bezeichnete den Titel als ihr Last Christmas, er habe eine lange Haltbarkeit und werde immer wieder überarbeitet.[17] In der Tat veröffentlichte sie zum Beispiel 2008 Rhythms del Mundo, auf dem kubanische Musiker unter anderem mit 2raumwohnung an einer überarbeiteten Fassung von 36 Grad gearbeitet haben.[18] Vertreten waren auch Rosenstolz, Culcha Candela, Ich + Ich sowie Jan Delay.

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Tommi Eckart

Kommerziell gesehen war 36 Grad das bisher erfolgreichste Album von 2raumwohnung, es erreichte den Platz 63 in den Jahrescharts 2007. Daneben erfolgte die Produktion diverser Remixe unter anderem mit Paul van Dyk und Oliver Huntemann. Die Tournee 36 Grad im Sommer 2007 führte das Duo durch insgesamt 17 Städte, darunter Berlin, Köln und München, aber auch Wien und Zürich. Anschließend veröffentlichten 2raumwohnung unter 36 Grad Live eine Video-DVD, auf der sowohl das gesamte Konzert in der Berliner Columbiahalle als auch ergänze Auftritte aus den Jahren 2003 bis 2005 enthalten sind.

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Inga Humpe

Nachdem 2008 kein neues Album herausgegeben wurde, erschien im August 2009 schließlich Lasso. Die Bezeichnung wählte man in Anlehnung an Orlando di Lasso. Insgesamt enthielt das Werk 13 Stücke, darunter auch die Singles Wir werden sehen und Rette mich später. Obwohl Lasso nicht ganz an den Erfolg von 36 Grad anknüpfen konnte, bescheinigten Rezensenten dem Album die Fähigkeit, das „Lebensgefühl der Berliner in allgemein verständliche Musiksprache“ umzusetzen. Inga Humpe gab in einem Interview zu, der Großstadtdschungel habe ihr jüngstes Werk maßgeblich beeinflusst. Auch mit Lasso gingen 2raumwohnung auf Tournee (Lasso Tour 2009), gemeinsam mit dem deutsch-amerikanisch-persischen Musiker Malakoff Kowalski. Außerdem erschien 2010 auch von Lasso ein Remix-Album, unter anderem in Zusammenarbeit mit Paul Kalkbrenner, Blake Baxter und Abe Duque.

2010 gab das Management der Band bekannt, man werde zwei Gastauftritte in der Seifenoper Gute Zeiten, schlechte Zeiten spielen. Die Episoden wurden am 12. und 15. Februar ausgestrahlt, wobei 2raumwohnung sowohl den Titel 36 Grad als auch Rette mich später im sogenannten Mauerwerk präsentierten. Der Auftritt diente dem promoten des neuen Albums und der anschließenden Tournee. Neben dem Fernsehen hielten 2raumwohnung auch Einzug in die neuere deutsche Literatur: So tanzt etwa im Roman Nachrückende Generationen von Oliver Bendel ein Junge zu Wir sind die anderen. Außerdem zeichnete die B.Z. die Band im Januar 2010 mit ihrem Kulturpreis aus. 2011 spielten 2raumwohnung zusammen mit dem hr-Sinfonieorchester unter dem Komponisten Moritz Eggert die 5. Sinfonie von Gustav Mahler. Das sogenannte Music Discovery Project hatte zum Ziel, unterschiedliche musikalische Welten miteinander in Verbindung zu bringen.

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Am 6. September 2013 erschien das Album Achtung fertig. Es wurde unter anderem in Los Angeles produziert, die erste Single Bei dir bin ich schön wird bereits im August desselben Jahres veröffentlicht. Im Vorfeld wurde der Titel Ich mag’s genau so als kostenloser Download bereitgestellt, die Videos zu beiden Songs drehte der Schauspieler Henning Gronkowski. Im Oktober und November 2013 sowie im März 2014 gingen 2raumwohnung mit Achtung fertig auf Tournee durch Deutschland, Österreich, Luxemburg und die Schweiz.

Ihr achtes Album Nacht und Tag, das erste Doppelalbum der Band, erschien am 16. Juni 2017. Die erste Single Somebody Lonely and Me daraus erschien im Februar 2017. Im Mai 2017 folgte mit Hotel Sunshine die zweite Single, im Juni die dritte Single mit dem Titel Ich bin die Bass Drum. Das Video für einen Remix entstand von Helene Hegemann.

2018 gab 2raumwohnung im Rahmen der Eröffnung der Olympischen Winterspiele ein Konzert im südkoreanischen Seoul. (Quelle: wikipedia)

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Zigaretten sind geil. Zigarettenwerbung noch geiler. Was? Diese Behauptung ist nicht pc? Ist mir scheißegal, denn eine Zigarettenwerbung ist ja schließlich der Grund, warum es 2raumwohnung überhaupt gibt. Gut, ich werde mir wahrscheinlich nie eine „Cabinet“ anzünden, aber die Macher der Kampagne haben meinen Respekt.

Der langsam um sich greifende Erfolg von „Wir trafen uns in einem Garten“ führte zwangsläufig zur kompletten Platte. Wenn ein auf die Schnelle komponierter Song des Duos solch penetrante Ohrwurmqualitäten hat, dann steckt sicherlich noch mehr kreatives Potential in dem Duo Humpe/Eckert. Das dachten sich wohl die Labelleute und recht haben sie. Der Titeltrack und „Wir werden singen“ bilden die Klammer, die sich harmonisch um das Album schließt. Ja, wir kommen zusammen, um zu singen. Lasst uns die schönen Melodien nachträllern, die hier auf einem gar lieblichen Teller serviert werden.

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Mit Waschbrett-Skiffle-Rhythmus und Maultrommel gehts gleich in die Vollen. Vom ersten Ton an flauscht sich Ingas Stimme samtweich ins Ohr und die Instrumentierung schwingt pendulös zwischen Minimalismus („Liebe ohne Ende“) und hypnotischem Elektrogefiepe und Geblubber („Du und Ich“). Bevor ich weiter schwelge, muss ich aber erst mal eine Portion Gemecker ablassen. „Wir trafen uns in einem Garten mit Max“ ist überflüssig, diese Version der ersten Auskopplung war ja auch schon auf der Maxi, und wer die Idee hatte, „Nimm mich mit“ als nächstes zu veröffentlichen, handelt entweder streng nach Marktregeln, oder hat bei Megaburnern (wie der Hip Hopser sagen würde) wie „Sexy Girl“ einfach die Ohren zu gemacht. Vom Takt und der Instrumentierung her scheint „Nimm mich mit“ fast identisch mit dem Garten zu sein. Egal, denn sowohl von den zuweilen erfrischend ironischen Texten, als auch von den immer schön knapp am Kitsch vorbeischrammenden Liedleins her, passt hier alles gut zusammen.

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Ich habs ja seinerzeit vermutet und jetzt scheint es sich langsam zu bestätigen. In Deutschland kann nicht nur stupider Euro-Dance und Abziehbildmucke Erfolg haben, sondern des Teutonen Herz schlägt auch für intelligent gemachte Pop-Musik, siehe Paula.

Darauf muss ich mir jetzt erst einmal eine Zigarette anzünden! (Alexander Cordas)

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Und natürlich zähl´ alter Knacker nicht zur Zielgruppe dieses Duo … und die Musik entspricht auch nicht meinem Lebensgefühl, aber es gibt so etliche Momente, da spüre ich Vibrations, die selbst mich packen (z.B. bei dem hypnotischem „Wir trafen uns in einem Garten mit Max“ und „Sie kann fliegen“ – hier stand allerdings Tom Petty Pate … siehe „Learning To Fly“)

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Besetzung:
Tommi Eckart
Inga Humpe (diverse Instrumente)
+
Maximilian Hecker (guitar bei 07. + 11.)
+
background vocals bei 11:
Anett Ecklebe – Helene Heyder

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Titel:
01. Kommt zusammen (Eckart/Humpe) 3.55
02. Du und ich (Eckart/Humpe) 3.22
03. Sexy Girl (Eckart/Humpe) 4.47
04. Nimm mich mit – Das Abenteuer Liebe usw (Fahrenkrog-Petersen/Kospach) 3.37
05. Bleib geschmeidig (Eckart/Humpe) 4.56
06. Mit viel Glück (Eckart/Humpe) 3.48
07. 2 Von Millionen von Sternen (Eckart/Barth) 4.48
08. Liebe ohne Ende (Eckart/Humpe) 3.54
09. Wir trafen uns in einem Garten mit Max (Loderbauer/Humpe) 5.50
10. Lachen und weinen (Loderbauer/Humpe) 5.35
11. Sie kann fliegen (Eckart/Humpe) 4.58
12. Wir trafen uns in einem Garten (Eckart/Humpe) 3.43
13,. Wir werden singen (Eckart/Humpe) 4.45

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„Wir machen Musik für Leute, die die Sinnfrage stellen, die nicht so RTL-geprägt sind.“ (Inga Humpe, 2002)

Die aktuelle website:

website

 

Klaus Renft – Ein Leben mit dem Rock`n`Roll (2005)

FrontCover1.jpgGanz sicher war er einer der zentralen Figuren des frühen DDR Rocks, der aber auch ständig, aber auch ständig aneckte:

Klaus Renft (* 30. Juni 1942 in Jena; † 9. Oktober 2006 in Löhma; bürgerlich Klaus Jentzsch) war ein deutscher Musiker. Er wurde in der DDR vor allem durch seine Bands Butlers und Klaus Renft Combo bekannt. Sein Künstlername Renft war der Geburtsname seiner Mutter Charlotte.

Seine Kindheit erlebte Klaus Jentzsch in dem zwischen Jena und Stadtroda gelegenen Dorf Gernewitz, wo er in der dortigen Molkerei wohnte. Sein leiblicher Vater war nicht, wie er später erfuhr, der Ehemann der Mutter, sondern ein Arzt aus Stadtroda. Im April 1952 zog er mit seiner Mutter nach Leipzig um und besuchte hier die Petrischule. 1957 hatte er erste Auftritte mit der Schülerband „Kolibri“. Im Jahre 1958 gründete Renft mit einigen Freunden in Leipzig die „Klaus-Renft-Combo“. Sie bestand bis zum Auftrittsverbot 1962 und wurde daraufhin in „The Butlers“ umbenannt. Klaus Jentzschs Leipziger Wohnanschriften waren Mozartstraße 8 und Hohe Straße 49. Im Jahr 1963 legte Klaus Renft die Facharbeiterprüfung als Möbeltischler ab. Am 1. März 1964 gab es den ersten offiziell erwähnten Auftritt der „Butlers“. Im gleichen Jahr erhielt die Band beim Deutschlandtreffen der Jugend eine Auszeichnung. Bereits 1965 wurde den populären „Butlers“ jedoch aufgrund ihres westlichen Stils diesmal ein „unbefristetes Spielverbot“ ausgesprochen. Das geschah zeitgleich zum Verbot vieler anderer Bands in Leipzig, was die in dieser Form einmalige Leipziger Beatdemonstration auslöste.

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Ab 1967 durfte die „Klaus Renft Combo“ nach ihrem Verbot wieder öffentlich auftreten, ab 1971 waren auch Rundfunkaufnahmen möglich.

Ihre Songs, deren Themen häufig von staatlicher Repression (Ketten werden knapper) handelten oder vielschichtig/zweideutig waren wie (Zwischen Liebe und Zorn, Ermutigung, Nach der Schlacht), hinterfragten das durch die Staatsmacht vorgegebene Bild. Daher geriet die bereits 1964 unter dem Decknamen „Wanderer“ geführte Band verschärft ins Visier der Staatssicherheit. Neue Musikaufnahmen wurden ab 1974 nach ihrem Song Aber ich kanns nicht verstehen (Platz 2 bei der „NBI-Beatparade“) nicht mehr zugelassen.

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Im September 1975 wurde die Klaus Renft Combo erneut verboten. Die Musiker beschwerten sich beim damaligen Kulturminister der DDR Hans-Joachim Hoffmann. In der Folgezeit entstanden heimliche Aufnahmen wie die Rockballade vom kleinen Otto, die eine mögliche Flucht aus der DDR zum Inhalt hatte, oder das Lied Glaubensfragen, das mit dem Thema Bausoldat ein staatliches Tabu ansprach.

Ende Oktober 1975 verlor Renft seine Zulassung durch das Kulturministerium. Er besuchte darauf den Regimekritiker Robert Havemann und gab persönlich am 8. Dezember 1975 einen Brief an Erich Honecker ab. Zeitgleich erschien im Spiegel ein Artikel zur Band und ihrer Situation.

Nachdem am 15. Januar eine Vorladung durch den Rat des Bezirkes Leipzig erfolgt war, stellte er im April 1976 einen Ausreiseantrag. Im Mai konnte er nach West-Berlin ausreisen, weil er seine griechische Freundin heiratete. Mehrere Versuche, musikalisch wieder Fuß zu fassen, unter anderem mit der Gruppe Windminister, misslangen. Olaf Leitner, Rundfunkmoderator beim RIAS, gab Renft nicht nur ein erstes wohnliches Unterkommen in West-Berlin – er verschaffte ihm auch einen Job als Musikredakteur beim Sender. Eine erste eigene Wohnung bekam Renft schließlich in der Gotenstrasse 14. 1981 wechselte er an das Renaissance-Theater, wo er bis 1990 als Inspizient und Tonmeister tätig war. Am 20. Juli 1981 wurde Renft die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt.

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Nach der friedlichen Revolution in der DDR kehrte Klaus Renft zurück und trat ab 1990 wieder gemeinsam mit der „Klaus Renft Combo“ auf. Dennoch gelang es ihr wie vielen anderen DDR-Bands nicht mehr, an die früheren Erfolge anzuknüpfen. 1996 musste er die Band wegen interner Differenzen vorübergehend verlassen. Ab März 1998, zu den Jubiläumskonzerten „40 Jahre Klaus Renft Combo“, trat er wieder gemeinsam mit seinen Weggefährten aus den 1970er Jahren auf.

Bereits im Oktober 2000 musste sich Renft einer Chemotherapie wegen einer Darmkrebserkrankung unterziehen, die 2000 diagnostiziert worden war. Er erholte sich zunächst und arbeitete wieder intensiv als Musiker. Doch im Sommer 2005 stellten die Ärzte bei ihm einen neuerlichen Tumor fest, an dessen Folgen er in der Nacht zum 9. Oktober 2006 auf dem Weg in die Klinik verstarb. Seine Urne wurde am 21. November 2006 auf dem Leipziger Südfriedhof (Grab 319/324) beigesetzt. (Quelle: wikipedia)

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Und hier hören wir eine Aufzeichnung eines Solo-Abends mit Klaus Renft am 23. April 2005 in der Leipziger „Runden Ecke“, der ehemaligen Stasibezirkszentrale und heutigen BStU, Außenstelle Leipzig. Klaus Renft erzählt von sich selbst: von seiner Karriere, von großen Erfolgen und vom Scheitern, von Träumen, Abgründen und Zweifeln, von den Schwierigkeiten mit der Bürokratie des Ostens und der Kälte des Westens, aber auch von den Konflikten zwischen den Band-Mitgliedern. Klaus Renft: sensibel, anarchisch, ein Leben im Rausch des Rock. Amüsant und kurzweilig vorgetragen, gewürzt mit Anekdoten aus seinem Leben und mit Ausschnitten aus zum Teil unveröffentlichten historischen Tondokumenten der „Butlers“ und der „Klaus Renft Combo“ aus dem Privatarchiv von Klaus Renft. (Hüllentext)

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Und selten habe ich ein derart interessantes und zugleich sympathisches Hörbuch eines Musiker gehört … das weit mehr ist als „nur“ eine Musiker-Biographie“ … Es ist ein Hörbuch auch über den fast täglichen Terror, dem Musiker von Schlage eines Klaus Renft ausgesetzt war … bis er dann halt ausgebürgert wurde.

Oder aber auch:
Ja, so wie unser Jenni leibte und lebte. Ein Muß für jeden Renft-Fan. Witzig, sachlich und immer mit einem bischen Schalk im Nacken. (W. Zahn)

Und ich bekam ne Gänsehaut, als ich den heimlichen Mitschnitt hörte, in dem ihm erklärt wurde, dass nicht mehr musizieren darf …

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Besetzung:
Klaus Renft (Sprecher)

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Titel:
01. Stasi-Akte, Tagebuch, Kindheit in Gernewitz 8.38
02. Pinguin-Mambo, 17. Juni und 49 Meter-Band 9.01
03. Kontrabass, Entenarsch und die Blonde aus Lindenthal 8.57
04. The Butlers, Deutschlandtreffen und Spielverbot auf Lebenszeit
05. Wasserwerfer, Kreuzfuge und Singeclub
06. Underground, Rose und Hitparade
07. Gratwanderung, Boykott und Urteil im Recorder
08. Cognac-Fahne im ZK und Stasi liefert Leumund
09. RIAS, Renaissance-Theater und Mauerfall
10. Ich bin Renft! – Es war da eine Zeit…

Alle Texte: Klaus Renft

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Klaus Renft (* 30. Juni 1942 in Jena; † 9. Oktober 2006 in Löhma)

Gerd Albrecht – Musikinstrumente – und wie man sie spielt (1975 – 1977)

Musikinstrumente01ASchon einmal war hier von dem großartigen Gerd Albrecht zu reden und zwar im Zusammenhang mit der LP Der Zauberlehrling. Schon damals war ich hellauf begeistert von Albrecht´s Intention, die klassische Musik aus ihrem Elfenbeinturm zu befreien und sie verständlich und nachvollziehbar – nicht nur für Kinder – zu machen.

Und auch der Leser Jan R. schrieb damals einen Leserbrief mit den Zeilen:

Albrechts Einführungskonzerte in Wagners „Fliegenden Holländer“ und einige andere Wagner-Opern sind mir unvergessen. Auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, dass die Schulklassen im Saal teilweise völlig desinteressiert waren: Wenn sich auch nur EINEM der Zauber dieser Werke erschlossen hat, dann war es Albrechts Mühe wert.

Hier ein weiteres Beispiel seines Anliegens, diesmal in Form eines Büchleins (65 Seiten). Erschienen ist es im Jahr 1975, mir liegt die 2. Auflage aus dem Jahr 1977 vor und ursprünglich war dieses Exemplar im Bestand der Stadtbibliothek München.

Später (ich glaube im Jahr 2003) erschien dann noch eine überarbeitete Fassung; diesem Buch lag dann noch eine CD mit Hörbeispielen bei (noch, ich betone: noch liegt mir diese Neuauflage nicht vor).Dieses Buch wurde dann auch in die Empfehlungsliste pädagogisch wertvoller Bilderbücher 2004 der Gesellschaft für Jugend- und Sozialforschung GJSF. aufgenommen.

GerdAlbrechtWie der Titel schon sagt, geht es hier darum, all die klassischen Musikinstrumente darzustellen, zu erläutern und ihre Spielweise zu erklären:

„Man kann das Schlaginstrumentarium auch mit einer Zauberküche vergleichen. Wie ein guter Koch seine Gewürze mit feiner Zunge abstimmt, nachdem er sie mit geschickter Hand verteilt hat, so kann der findige Schlagzeuger in seiner Zauberküche die schönsten Leckerbissen für unsere Ohren zubereiten …“

So bildreich führt Gerd Albrecht in seinem Buch „Musikinstrumente und wie man sie spielt“ kleine und große Leser – spielerisch und informativ zugleich – durch das Orchester. Entstehungsgeschichte, bauliche Merkmale, Tonerzeugung, Klang und Spielweise der Instrumente werden leicht verständlich und anschaulich geschildert. „Welches ist das älteste Instrument des Orchesters? Wo hat die Pauke auf dem Podium ihren Platz? Was ist ein „Zitronenmund“ und welche Rolle spielt er für einen Bläser?“

Und wer sich ein bisschen mehr für Musik interessiert, kommt an einer Art Instrumentenkunde eigentlich gar nicht herum und von daher kann ich dieses Büchlein zum und als Einstieg nur empfehlen. Es wurde geschrieben von einem – wie ich vermute  – großem Humanisten – dem die Wissensbildung- und vermittlung ohne akademischem Dünkel ein Anliegen war.

Und die Illustrationen von Camillo Osorovitz aus Paris sind einfach nur gut und entsprechen irgendwie auch dem Charme eines Loriots.

Und man besuche seine website, die auch nach seinem Tode im Februar 2014), weiter geführt wird. Dort erfährt man dann z.B. mehr über sein Projekt „Klingendes Museum“, das man sich in Hamburg bzw. Berlin anschauen kann.

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Hier ein paar Vorschaubilder, bevor es dann zur Präsentation geht:

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Verschiedene Interpreten – Bertelsmann Schallplattenring – Werbeplatte (50er Jahre)

FrontCover1Als zu Beginn der 1950er Jahre die bis dahin marktbeherrschende Schellackplatte von der Vinyl-Schallpatte technisch abgelöst wurde, sorgte der neue Tonträger rasch für eine ungemeine Belebung des deutschen Musikgeschäfts. Unter dem Eindruck der Erfolgsgeschichte des 1950 gegründeten Bertelsmann Leserings, der innerhalb von 4 Jahren auf über eine Million Mitglieder angewachsen war, reiften auch im Hause Bertelsmann die ersten Pläne, sein Buchprogramm durch ein ausgewähltes Musikprogramm harmonisch zu ergänzen. Zudem war die robuste Kunststoffplatte gegenüber der leicht zerbrechlichen Schellackplatte ideal geeignet für den Postversand, auf dem das Clubgeschäft in der Hauptsache basierte. Bertelsmann startete 1955 eine erste Testphase: Lesering-Mitglieder konnten über das zum Buchclub gehörende Versandhaus Heim und Buch eine Auswahl an Schallplatten der Marken Orbis und Diamant günstig erwerben. Diese Schallplatten wurden in der Sammlung mit dem Vermerk „Altbestand Versandhaus Heim und Buch“ gekennzeichnet. Der Testlauf zeigte, dass auch im Lesering das Interesse an Schallplatten groß war. Am 1. Juli 1956 nahm der Bertelsmann Schallplattenring offiziell seine Tätigkeit auf.

Schallplattenring Illustrierte

‚Frühe Exemplare der Klubzeitschrift “ Schallplattenring Illustrierte“

Er übernahm das Sortiment von Heim und Buch und präsentierte zum Start rund 150 Schallplatten aus Klassik und Unterhaltung, die über einen eigenen Katalog, der Schallplattenring-Illustrierten, beworben wurden. Die vielen Erfahrungen aus der Leseringarbeit ließen sich jedoch nicht wie erhofft auf den Schallplattenring übertragen. Die Großfirmen der Schallplattenindustrie waren zunächst nicht bereit Lizenzen aus ihrem Repertoire an den Club abzutreten. Über die eigene Bertelsmann-Clubproduktion ließen sich neben Lale Andersen, Zarah Leander und dem Pianisten Alexander Jenner SingleASeite1kaum weitere umsatzbringende Künstler exklusiv verpflichten. Daraufhin gründete Bertelsmann 1958 mit der Ariola GmbH eine eigene Schallplattenfirma, welche die bisherigen Künstlerverträge des Schallplattenrings übernahm und diesen in enger Abstimmung zukünftig mit Eigen- und Lizenzproduktionen versorgen sollte. Die Laufnummern der bisherigen Schallplattenring-Veröffentlichungen wurden im III. Quartal 1958 einheitlich auf die Ariola-Systematik umgestellt. Ariola zur Seite stand die im gleichen Jahr gegründete Schallplattenfabrik Sonopress, welche fortan die technische Produktion der schwarzen Scheibe übernahm. (Quelle: vinyl.bertelsmann.com)

Soweit zu den Anfängen, wie sie von dem Bertelsmann Konzern selber dargestellt wird.

Nachdem der Lesering erfolgreich bei uns eingeführt wurde, musste nun ein wenig die Werbetrommel gerührt werden, um aus „uns“ auch regelmäßige Schallplatten-konsumenten zu machen. Ich behaupte mal, dass der Bertelsmann Schallplattenring einen nicht unerheblichen Anteil daran hatten, dass wir dann auch Schallplatten-sammler wurden, jedenfallsbei der Generation die in den 50er Jahren dann auch schon alt genug waren (was bei mir noch nicht der Fall war gggg).

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Eine dieser Werbeaktionen war dann wohl die Verteilung dieser einseitigen Flexi-Single (Tonfolie), bei der ein Sprecher mit seriösem Timbre in der Stimme Werbung für diesen Klub machte und dabei natürlich eine handvoll Musikbeispiele anspielen ließ. Diese Single gab´s dann „mit freundlichen Grüßen“ aus dem Musikhaus Fackler, Traunstein / Bad Reichenhall.

Tja, ein kleines, aber sehr feines Beispiel der frühen Unterhaltungsmusik aus den 50er Jahren in der „aufstrebenden“ Bundesrepublik Deutschland … noch dröhnte der Rock n Roll noch nicht.

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Titel:
01. Kostproben 5.09
01.1. Einleitung
01.2. RIAS Tanzorchester/(Werner Müller: Cherokee (Noble)
01.3. Freddy Quinn: Einmal in Tampico (Olias/Moesser)
01.4. Caterina Valente: Tipitipitipso (Gietz/Feltz)
01.5. Peter Alexander: O Josefin, die Nacht in Napoli (Gietz/Feltz)
01.6. Helmut Zacharias: Spatz und Spätzchen (Poliakin)
01.7. Max Greger: Hula Baby (Knox/Bradtke)
01.8. Helmut Zacharias: Boogie für Geige (Zacharias)

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Diese Präsentation wurde nur möglich, weil die Graugans wieder mal tief  in ihr Schallarchiv gegriffen hat und mir dieses seltene Stück überlassen hat … Dafür ein herzliches Dankeschön !

Ulla Meinecke – Der Stolz italienischer Frauen (1985)

FrontCover1Auch wenn ich mit ihr niemals so richtig warm geworden bin, gehört sie natürlich zu den zentralen weiblichen Figuren des Deutsch-Rocks der letzten Jahrzehnte:

Der Charme dieser 1985er Scheibe ist noch immer ungebrochen, denn Ulla Meineckes Songs sind so zeitlos wie sie selbst. Wenn man sich ihrer klugen Weitsicht öffnet, versinkt man schnell in den emotionalen Stromschnellen ihrer stimmungsvollen Sprachgemälde, die, getränkt mit bodenloser Menschenkenntnis, den Blick für das Verborgene erschließen.
Ihre Worte sind heißes Öl auf offenes Feuer, die behutsamen bis powervollen Sounds verstärken das Gesagte. Geschichten, in denen sich wirklich jeder wiederfinden kann, lassen nach der ersten Berührung selten wieder los, sind Rat, Trost und Lebenshilfe einer starken Frau – einer Glücksjägerin, die den Mut besitzt, hinter den Kulissen des Lebens nach Sternenstaub zu suchen. Lieder wie Wilde Walzer, Prinzessin, Was Ich An Dir Mag oder Gewitter graben sich energisch in die Seele, machen das Herz weit und wecken vergessen geglaubte Gefühle. „Hör auf dich zu drehn und du wirst sehn: alles dreht sich um dich!“…[Andre Göbel]

Und ich kann es drehen und wenden wie ich will: Selten hat mich eine Scheibe emotional so kalt gelassen wie diese. Weiß der Teufel, warum.

UllaMeineckeBesetzung:
Michael Brandt (guitar)
Christian Evans (drums)
George Kochbeck (keyboards)
Peter Küchhold (bass)
Ulla Meinecke (vocals)
Richard Wester (saxophone)
+
Anselm Kluge (bass)
Matthias Raue (keyboards)
Peter Weihe (synthesizer bei 06.)
Edo Zanki (vocals bei 07.)

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Titel:
01. Wilde Walzer (Meinecke/Evans/Arndt/Brandt) 4.06
02. Heisser Draht (Meinecke/Mitteregger) 4.54
03. Ey Kleine (Meinecke/Mitteregger) 3-57
04. Prinzessin (Meinecke/Zanki) 5.17
05. Der Stolz italienischer Frauen (Meinecke/Mitteregger) 4.25
06. Alles dreht sich (Meinecke/Zanki) 4.01
07. Gewitter (Meinecke/Evans) 4.29
08. Was ich an dir mag (Pudelko) 2.49
09. Reprise (Kluge) 1.48

LabelA1

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Nicht nur mal so nebenbei: Erhard Eppler

Erhard Eppler

Nachruf von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung:

 

Der SPD-Politiker Erhard Eppler war ein sozialdemokratischer Prophet. Er hatte Einfluss auf das Denken der Bundesrepublik – und war schon Ökologe, als die meisten das Wort noch gar nicht kannten.

Er war nicht groß, aber er war ein Großer. Er war ein schmächtiger, ja asketisch aussehender Mann. Aber in ihm steckte ungeheuer viel Kraft und Geist. Äußerlich hatte Erhard Eppler mit Martin Luther wenig gemein; aber er hatte einen Furor und eine Sprachgewalt, die einen an den Reformator erinnern. Er war ein evangelischer Christ und ein demokratischer Sozialist, er war ein belesener, nachdenklicher Mensch, er war einer, der auf das politische Denken der Bundesrepublik Einfluss hatte.

Er war viele Jahre lang Vorsitzender der Grundwertekommission der SPD – und solange er das war, merkte man das der SPD an. Er war das Gewissen seiner Partei, er war die Verkörperung der Nachhaltigkeit in der Politik. „Links leben“ war der Titel seiner grandiosen Autobiographie, die er 2015 auf 336 Seiten publiziert hat. Er lebte das, was er von einem Politiker in seinen Büchern immer wieder verlangte: „Das Wichtigste ist Glaubwürdigkeit.“ Weil das so war, hat sein Eintreten für Schröders Agenda 2010 im Jahr 2003 entscheidend dazu beigetragen, dass Schröder damit in der Partei durchkam. Ganz wohl war Eppler aber dabei nicht. Und er übte später auch Selbstkritik: „Mir war noch nicht klar, was das für den Einzelnen für Folgen haben kann.“

Erhard Eppler war kein Macher, er war ein politischer Denker und ein politischer Prediger. Seine Predigten waren aber keine gefällige Salbaderei, sondern sprachgewaltige Weckrufe. Eppler konnte Parteitage überzeugen und Großdemonstrationen begeistern. Er war kein radikaler Pazifist, aber ein begnadeter Friedenspolitiker: 200 000 Menschen hörten ihm 1981 im Bonner Hofgarten, bei der Großdemonstration gegen die Nachrüstung, mit revolutionärer Andacht zu.

Einer wie Willy Brandt konnte mit Eppler ganz viel anfangen: Der Bundeskanzler Brandt machte ihn deshalb 1968 zum Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Einer wie Helmut Schmidt konnte mit Eppler freilich gar nichts anfangen: Der Kanzler Schmidt protzte sich damit, den „Pietcong“ – wie Herbert Wehner über Eppler spottete – 1974 aus dem Kabinett entfernt zu haben. Das stimmte so nicht. Eppler selbst hatte sein Amt zur Verfügung gestellt, weil er sich mit Schmidt über grundsätzliche Haushaltsfragen nicht einigen konnte. Die politischen Prioritäten von Schmidt und Eppler waren zu unterschiedlich. Eppler gab dem Entwicklungshilfeministerium ein idealistisch-visionäres Profil: Er verstand sein Haus nicht als Institution zur Förderung deutscher Exporte.

Wenn Erhard Eppler eine SPD-Kommission leitete, konnte man sicher sein: Da wird akribisch gearbeitet. War es eine Grundsatzkommission, wusste man: Sie verdient ihren Namen. War es eine Steuerreform-Kommission, war den Fachleuten klar: Eppler geht den Dingen auf den Grund, bis er ihn findet. Er tat das mit Klugheit, Fleiß, Bescheidenheit und der besessenen Akribie, wie sie den Schwaben oft eigen ist. Er war ein Programmatiker, der schludriges Denken nicht hat durchgehen lassen – und wenn ihm das doch unterlief, wie wohl bei der Agenda 2010, dann deshalb, weil ihn die Sorge um die Einheit der Partei trieb.

Wer ihn zum Vorsitzenden einer Kommission wählt, so hat Erhard Eppler einmal gesagt, der müsse wissen, wen er wählt – und dann hat er sich selbst beschrieben: Er sei einer, „der viel von Karl Marx gelernt hat, der aber versucht, vom Neuen Testament her zu leben, zu denken und zu handeln“. Deshalb war er nicht nur ein wichtiger Mann in der SPD, sondern, zumal in den Zeiten, in denen er in der SPD nicht so gelitten war, ein prägender Mann in der Evangelischen Kirche. Er war Kirchentagspräsident – und ein Mann auf der Suche nach Gerechtigkeit.

Er war das vierte von sieben Kindern eines Oberstudiendirektors aus Ulm, gelernter Philologe. Seine Mutter stammte aus einem protestantischen schwäbischen Pfarrhaus. Er war evangelischer Christ und demokratischer Sozialist, er war ein belesener, nachdenklicher Mensch, einer, der auf das politische Denken der Bundesrepublik profunden Einfluss hatte. „Der Aufbegehrende und der Verzweifelnde als Heldenfiguren der Elisabethanischen Tragödie“ war der Titel seiner Doktorarbeit. Er passt auch zu seinem eigenen Leben.

Anders als viele meinen, die ihn nur wenig kennen, ging Eppler zum Lachen nicht in den Keller. Er war ein freundlicher, zugewandter, höflicher, ja herzlicher Mensch, ohne die rustikale Pampigkeit, die manche Sozis für linke Traditionspflege halten. Viele Jahre lang war er die Zentralfigur der Linken in der SPD, er hat sowohl die Friedensbewegung als auch die Umweltbewegung geprägt.

Man kann sich Erhard Eppler als den weißbärtigen Urgroßvater von Greta Thunberg vorstellen. Ihrer Bewegung „Fridays for Future“ stand er so nahe, wie Heiner Geißler in seinen letzten Lebensjahren der globalisierungskritischen Bewegung „Attac“ nahestand. Das 21. Jahrhundert war noch weit weg, als Eppler schon der Überzeugung war, dass die Ökologie ein Kernthema der Politik werden wird. Er wollte die SPD grün machen, er wollte in dieser Partei das Soziale und das Ökologische verbinden. Schon vor mehr als vier Jahrzehnten hatte Eppler den Ausstieg aus der Kernenergie gefordert, das Ende des Wachstumsfetischismus und die ökologische Erneuerung der Volkswirtschaft. Weil er ein glänzender Formulierer war, modellierte er auch die Wörter dafür: die „Lebensqualität“ zum Beispiel, und das „qualitative Wachstum“. Er war schon ein Ökologe, als die meisten das Wort noch gar nicht kannten.

Und er redete nicht nur von Ökologie, er lebte sie auch. Wenn man ihn telefonisch zu erreichen versuchte, hörte man von seiner Frau oft: „Mein Mann ist im Garten.“ Dort saß er nicht in der Hollywood-Schaukel; in so etwas hätte er sich nie gesetzt. Es war der Garten seines Elternhauses, in das er 1990 gezogen war, auf einem Hügel über Schwäbisch-Hall, dem Friedensberg. Dort arbeitete er bis in den späten Herbst hinein täglich stundenlang im Garten und ernährte sich von dessen Erzeugnissen. Dem Besucher sagte er, durchaus stolz: „Die Kartoffeln, die ich anbaue, reichen bis Mitte Januar“.

Erhard Eppler war in der SPD das protestantische Pendant zum Katholiken Hans-Jochen Vogel. Beide sind 1926 geboren, beide gehören zum letzten Rest der Kriegsjahrgänge; Eppler war erst Flakhelfer, dann im Reichsarbeitsdienst, dann im Heer an der Front in Russland. Die Kriegserfahrung ließ sie in den vergangenen Jahren dafür werben, Russland nicht aus Europa zu verbannen. Adenauers Wiederaufrüstungspolitik hatte den jungen Eppler „fassungslos“ gemacht und ihn in die Politik getrieben. Er schloss sich zunächst der Gesamtdeutschen Volkspartei des Gustav Heinemann an und wurde dann, wie dieser, Sozialdemokrat.

Eppler war kein Ehrgeizling; er war ein nachdenklicher, idealistischer linker Patriot, Sozialdemokrat alter Schule, einer, der sich nach eigener Beschreibung „aus den Widerlichkeiten des politischen Geschäfts davongestohlen“ hätte, wenn da nicht stets das Gefühl gewesen wäre, Verantwortung zu haben. Ein Star der Talkshows wurde er deshalb nicht. Das Gegockel vor Mikrofonen und Kameras war ihm zu albern.

Eppler hat in vielen Büchern und Texten gegen den Marktradikalismus geklagt und den starken sozialen Staat gefordert. – auch in dieser Zeitung. In der Bibel heißen Leute wie er Propheten. Wenn Habgier triumphierte, redeten sie der Gerechtigkeit das Wort. Das hat Erhard Eppler stets getan.

Für mich war er neben Willy Brandt der bedeutendste Sozialdemokrat, der auf mich ein prägenden Einfluss hatte.

Deshalb verneige ich mich vor dem großem Sozialdemokraten und Humanisten Erhard Eppler.

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