A.R. & Machines (Achim Reichel) – Die grüne Reise (1971)

FrontCover1Achim Reichel zählt ganz zu den wichtigsten Musikern der deutschen Rockmusik. Natürlich hatte alles angefangen mit den Rattles, die mich damals einfach umgehauen haben … dann seine Einberufung zur Bundeswehr (so richtig verstanden habe ich das damals nicht), dann die kurzlebige Formation „Wonderland“ die mit „Moscow“ einen veritablen Hit hatte (Produzent: James Last !) und dann, na ja und dann seine psychedelische Phase Anfang der 70er Jahre.

„Reichel wandte sich danach als Produzent und Solokünstler zunächst verschiedenen experimentellen und sehr psychedelisch beeinflussten Projekten zu. Es begann mit dem Soloprojekt A.R. & Machines, dessen erstes Album Die grüne Reise wegen seines meditativen, Trance und Industrial vorwegnehmenden Charakters von Kritikern mit Kraftwerk und Tangerine Dream verglichen wurde.“ (Quelle: wikipedia)

Nun, Achim Reichel erinnert sich an diese Phase rückblickend wie folgt:

„Der musikalischen Kinderstube entwachsen:

Während ich mit A.R. begann, durchlief ich einen grundsätzlichen inneren Wandel. Ich war meiner musikalischen Kinderstube entwachsen und wollte etwas Neues probieren. Internationalen Standards mochte ich nicht mehr nachlaufen. In einer fremden Sprache zu singen, empfand ich plötzlich als so etwas wie Urkundenfälschung.

Künstlerische Pubertät:

StudioBlattAuch war ich damals ein glühender Fan von Ravi Shankar und auf jedem seiner Konzerte zu finden. Ich stieß auf Symphonische Dichtungen, die Minimal Art von Terry Riley und Steve Reich und … und … und … Lauter spannende Entdeckungen.

Man könnte auch sagen: Klein-Achim kam musikalisch in die Pubertät – und das in einer ziemlich wilden Zeit. Die Hippy-Bewegung war am Abklingen. Die dabei konsumierten Drogen können ja auch tatsächlich ganz hilfreich sein für die Selbsterfahrung, genauso aber auch für die Selbstentfremdung. Die grüne Reise ging nach Osten.

In den Jahren der grünen Reise war ich unterwegs zu fernöstlichen Entspannungs-Techniken. Da eröffnete sich mir eine völlig unbekannte Welt. Was die östlichen Philosophen lehrten habe ich gierig in mich aufgesogen. Und ich muss sagen, all das prägt mein Selbstverständnis und Weltbild bis zum heutigen Tag. Wofür ich übrigens sehr dankbar bin.“

Das Album Die Grüne Reise (auch The Green Journey) ist ein Album von A.R. & Machines, welches im Jahr 1971 erschien. Hinter diesem Projekt steht vor allem der deutsche Musiker Achim Reichel, mit dabei waren Hans Lampe und Dicky Tarrach an den Percussions. Brian Eno bezeichnet die grüne Reise als eine Inspiration zu seinem Album Another Green World. In den USA wird das Album als das Beste des Krautrock bezeichnet, was es je gab.

Dabei war dieses Album zunächst äußerst erfolglos und wurde vom Markt genommen. Im Prinzip war es auch nur ein Produkt spielerischer Triebe. Achim Reichel erkannte beim Herumspielen mit Gitarre und diversen Geräten die Möglichkeiten des Akai X-3300, welches (für damalige Verhältnisse) überraschende Echoeffekte lieferte. Das Ergebnis dieser Experimente war dieses Album Die Grüne Reise. Das Album ist eines der Phänomene deutscher Musikgeschichte. Am Anfang wurde das Album niedergemacht, heute ist es Kult. Selbst Achim Reichel scheint davon überrascht gewesen zu sein, denn auch er wollte lange Jahre nicht mehr viel von diesen A.R. & Machines Alben wissen. Eines Tages kam, so Reichel, seine Tochter nach Hause und ließ ihm Grüße von ihren Freunden ausrichten. Diese bezeichneten Grüne Reise als eine geile Scheibe. Das Album hatte mittlerweile in Trance-Kreisen eine Art Kultstatus erreicht und wurde rege als Bootleg gehandelt, weil es offiziell nicht mehr verfügbar war. Achim Reichel legte die A.R. & Machines Alben dann im Jahr 2007 noch einmal neu auf, was von der Musikwelt sehr positiv aufgenommen wurde.

AchimReichel1971_02Musikalisch ging es darum, mit der damals verfügbaren Technik eine Art mantramäßige meditative Stimmung zu erzeugen. Dazu erging sich Reichel in ausufernden Echoorgien. Damals wurde das als stümperhaft bezeichnet, heute ist es Kult. Reichel musiziert abseits des Mainstream, er selbst nennt das Werk „einen starken Tobak, der nicht jedermanns Sache ist“.

Schwerpunktmäßig handelt es sich bei Grüne Reise um ein experimentelles Album. Die Gitarre dominiert, dazu gibt es eher spärlichen Gesang oder besser gesagt Sprechgesang. Die rhythmische Gestaltung ist bemerkenswert. So donnert gleich der Opener „Globus“ richtig gut los und wirkt wie eine kleine Reise über den Globus. Das ist toll umgesetzt. „In The Same Boat“ rockt mit dem Basisgitarrenriff härter, dazu gibt es psychedelischen Sprechgesang mit abgedrehten Sprechparts. „Schönes Babylon“ knüpft thematisch an den ersten Song an. „I’ll Be The Singer“ klingt vergleichsweise eingängig, das hätte damals in jeder Disco laufen können. „Body“ knüpft wieder an die experimentelleren Songs 1 und 3 an, darauf folgt ein lässiger Blues. Thematisch an Globus und Schönes Babylon knüpft „Als hätt‘ ich das alles schon mal gesehn“ an. Wieder werden ähnliche Lines genutzt, wieder ist ein hypnotischer Groove unterlegt. „Cosmic Vibration“ klingt noch etwas experimenteller, während „Come On People“ mit der Akustikgitarre wieder vergleichsweise eingängig klingt. Wie I’ll The Singer hätte der Song durchaus in die Discos jener Zeit gepasst. Eine Besonderheit ist der letzte Song „Wahrheit und Wahrscheinlichkeit“, der mit über 11 Minuten der längste Song ist. Hier ergeht sich Reichel in Experimenten, wobei verstärkt mit der Stimme gearbeitet wird. Das klingt einerseits sehr interessant, weist aber auch gewisse Längen auf.

Fazit Das ist schon mehr als interessant, was Reichel damals vorlegte. Einige Songs sind mit einem fast schon hypnotischen Groove unterlegt und klingen so wie eine Mischung aus Trance und Weltmusik. Dazu kommen einige recht psychedelische Songs mit abgedrehten Ideen. Das erinnert manchmal an die frühen Pink Floyd und natürlich auch an den Krautrock der frühen Siebziger. Viele Betrachter sind sogar der Meinung, dass Reichel mit der Musik viel von der Musik z. B. von Tangerine Dream und Kraftwerk oder Neu! vorwegnahm. Ich denke, das ist nicht mal übertrieben. Erklären kann man so ein Album nicht, das muss man selbst anhören. Eines ist aber sicher: wer auf frühren Krautrock steht, kann oder muss hier sogar zugreifen. Dieses Album ist definitiv Kult und ich schließe mich den Meinungen aus den USA an: die grüne Reise gehört zum Besten, was es im Bereich Krautrock gab. Ich schließe mich aber auch Achim Reichel an, wenn er von „starkem Tobak, der nicht jedermanns Sache ist“ spricht. (Quelle: rezentator.de)

Später kamen dann all seine spannenden „deutsche Werke“ …

Und hier kann man sich schmunzelnd zurücklehnen und sich vielleicht sogar ein wenig veträumt an jene Tage erinnern, als so eine Musik noch bei Polydor veröffentlicht wurde. Es waren nicht die schlechtesten Tage …

Und: wer sich seine Gehörgänge für Klänge dieser Art offen gehalten hat, wird feststellen …dass sich dieser musikalische Trip auch heute noch anhören lässt … und zwar gut (na ja … zumindest teilweise, um ehrlich zu sein)

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Besetzung:
Achim Reichel (alle Instrumente)
+
Hans Lampe (percussion)
Dicky Tarrach
 (drums, percussion)

BackCover

Titel:
01. Globus 2.57
02. Im selben Boot (In The Same Boat) 2.05
03. Schönes Babylon (Beautiful Babylon) 5.02
04. Ich bin dein Sänger – Du bist mein Lied (I’ll Be Your Singer – You’ll Be My Song) 2.24
05. Body 1.59
06. A Books Blues 1.35
07. Als hätt‘ ich das alles schon mal gesehen (….As If I Have Seen All This Before) 5.33
08. Cosmic Vibration (Ein Nachmittags-Konzert) – (An Afternoon Concert) 4.43
09. Come On People 2.52
10. Wahrheit und Wahrscheinlichkeit (Ein Lexikon zur Selbsterkenntnis) – Truth And Probability (A Lexicon For Self-Knowledge) 11.44

Musik: Achim Reichel
Texte: Frank Dostal

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