Palast Orchester mit Max Raabe – Die Männer sind schon die Liebe wert (1988)

FrontCover1Dass es für seine Musik tatsächlich nochmal einen Markt geben würde, hätte ich damals, also 1988 nie gedacht. Die Rede ist von dem Palast Orchester und natürlich auch von seinem Sänger Max Raabe:

Das Berliner Palast Orchester wurde 1986 gegründet. Es spielt vorwiegend Schlager-, Tanz- und Unterhaltungsmusik der 1920er und 1930er-Jahre.

Das Orchester wurde 1986 von zwölf Musikstudenten gegründet und stand zunächst unter der musikalischen Leitung von Michaela Hüttich. Man nahm sich dabei die Tanzorchester der zwanziger und frühen dreißiger Jahre zum Vorbild. Sänger Max Raabe wurde später auch der Leiter des Orchesters.

Den Durchbruch schaffte das Orchester 1994 durch die Mitwirkung im Film Der bewegte Mann. Seither folgten zahlreiche Tourneen durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, den Niederlanden sowie 2004 nach Italien und in die USA und 2007 nach Japan.

Dazu kamen Auftritte bei großen Bällen wie dem deutschen Bundespresseball, dem Wiener Opernball 2000 und eine eigene Palast-Revue, die im Berliner MaxRaabeWintergarten, in der Alten Oper Frankfurt, im Deutschen Theater München und im Wiener Ronacher gezeigt wurde. In Summe kommt das Orchester auf über 200 Aufführungen im Jahr. Ergänzt wird das Programm durch zahlreiche CD-Aufnahmen.

Das Repertoire des Orchesters umfasst Schlagerkompositionen der 1920er- und 1930-Jahre, die weitgehend in Originalbesetzung gespielt werden. Darunter Veronika, der Lenz ist da von Walter Jurmann und Fritz Rotter, Ein Kuß nach Ladenschluß (Will Meisel, Charles Amberg, Günter Schwenn) oder Die Männer sind schon die Liebe wert (von Adolf Steimel und Ralph Maria Siegel). Das Orchester spielt auch Neukompositionen (z. B. Kein Schwein ruft mich an, Klonen kann sich lohnen) und Coverversionen aktueller Titel (z. B. von Britney Spears oder Shaggy) im 1920er-Jahre-Stil.

Außerdem war das Orchester in dem Film Nacht über Berlin zu sehen, der am 20. Februar 2013 im Ersten ausgestrahlt wurde. (Quelle: wikipedia)

Und hier das fulminante Debüt-Album und ich liebe es … wohl auch, weil das Palastorchester damals total gegen den Strich … ihr Ding durchziehen wollte …

Und: Bis heute sind einige Lieder davon fester Bestandteil des Live-Programms, so unter anderem „Mein Bruder macht beim Tonfilm die Geräusche“.

Na ja … und dem Titel dieser LP schließich mich ohne wenn und aber an …. *ggg*

BackCover

Besetzung:
Thomas Altherr (drums)
Harald Bendzko (clarinet, saxophone)
Stefan Franz (bass)
Thomas Huder (trumpet)
Michaela Hüttich (violin)
Werner Leonhard (clarinet, saxophone)
Alexander Linkenbach (trumpet)
Max Raabe (vocals)
Jörn Ranke (trombone)
Martin Schedler (clarinet, saxophone)
Ian Wekwerth (piano)

Palastorchester

Titel:
01. Abends, wenn die Lichter glühen (Raymond/Schwenn) 3.12
02. Die Männer sind schon die Liebe wert (Steimel/Siegel) 2.55
03. Schöner Gigolo (Casucci/Brammer) 3.15
04. Musik, Musik, Musik (Kreuder/Beckmann) 2.44
05 . Weißt Du…? (Grothe/Beckmann) 4.01
06. Dinah (Akst) 2.17
07. Ein Kuß nach Ladenschluß (Meisel/Amberg/Schwenn) 2.52
08. My Blue Heaven (Donaldson) 3.32
09. Bei dir war es immer so schön (Mackeben/Beckmann) 3.50
10. Mein Bruder macht beim Tonfilm die Geräusche (Amberg/Raymond/Bernauer) 2.59
11. Liebling, mein Herz läßt dich grüßen (Heymann/Gilbert) 2.27
12. Marie Luise (Meisel) 2.31
13. Veronika, der Lenz ist da (Jurmann) 3.08

LabelA1

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Ostbahn-Kurti & Die Chefpartie – A schene Leich (1988)

FrontCover1Willkommen in der verrückten Welt des Ostbahn Kurti … jener genial schrägen Kapelle aus Österreich, die so einmalig war, wie man nur einmalig sein kann:

Dr. Kurt Ostbahn, vulgo Ostbahn-Kurti, ist eine vom Texter Günter Brödl im Scherz erfundene Kunstfigur, die ein öffentliches Eigenleben entwickelte. Personifiziert wurde sie ab 1983 bis zu ihrer vorläufigen Pensionierung im Jahr 2003 von dem Musiker Willi Resetarits. Seit August 2011 lässt dieser die Kunstfigur Ostbahn in Konzerten wieder aufleben.

Mitte der 1970er Jahre war in der Sendung Musicbox des Radiosenders Ö3 ein musikalischer Jahresrückblick zu hören. Wolfgang Kos fragte seinen Co-Moderator Günter Brödl, wie amerikanische Vorstadtmusiker wie Southside Johnny & the Asbury Jukes wohl in Wien heißen würden. Brödl antwortete „Ostbahn-Kurti & die Chefpartie“.

1979 wurde Brödls Theaterstück Wem gehört der Rock ’n‘ Roll? uraufgeführt. In diesem Stück hatte Kurt Ostbahn bereits eine komplette Biografie. Die Figur wurde damals von Erich Götzinger verkörpert. Angeblich habe Kurt Ostbahn bereits zwei vergriffene LPs produziert, Liedtexte wurden in diversen Literaturzeitschriften publiziert, die Arbeiterzeitung veröffentlichte ein Porträt und die Musicbox sendete ein Interview mit Kurt Ostbahn.

KurtiBrühl

1983 traf Brödl auf Willi Resetarits, der zu diesem Zeitpunkt mit den Schmetterlingen gesellschaftskritischen Folk machte; Resetarits verkörperte nun die Figur Kurt Ostbahn in der Öffentlichkeit. Von da an konzentrierte sich Brödl auf die Texte, Resetarits und Band übernahmen den musikalischen Part. Brödl übertrug Blues-, Country- und Rockklassiker verschiedener Künstler ins Wienerische.Um die Authentizität seiner Kunstfigur zu steigern, inserierte Brödl Anzeigen wie: „Suche Ostbahn-Kurti-LPs!“ oder sprühte an Autobahnbrücken sein Graffito „Kurt Ostbahn lebt!“ Brödl gab sich als dessen Kontaktperson aus.

Fortan übertrug Brödl amerikanische Rock-Klassiker ins Wienerische; so wurde z. B. aus „Sharp Dressed Man“ Neiche Schoin und aus „I Heard It Through The Grapevine“ Wo hamma denn den Foaschein. 1985 erschien die erste LP Ostbahn Kurti & die Chefpartie, gefolgt von unzähligen Live-Konzerten, bei denen Brödl zunächst als Beleuchter, dann als legendärer „Trainer“ immer mit von der Partie war. Von 1985 bis zu seinem plötzlichen Tod am 10. Oktober 2000 verfasste er sämtliche Songtexte für Ostbahn-Kurti & die Chefpartie und später für Kurt Ostbahn & die Kombo, welchselbige auf insgesamt 20 Tonträgern erschienen sind, von denen acht erst nach Brödls Tod veröffentlicht wurden. (weitere Infos finden sich dann hier)

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Hier nun das dritte Album dieses aberwitzigen Musikprojekts, das ja eigentlich auf Lug und Trug basiert …

Macht aber nix … denn zum einen basiert unsere kapitalistische Welt eh nur auf Lug und Trug (nach dem Motto: „It´s another great Rock N Rock swindle“) und wenn er dann noch so sympathisch und dynamisch daher kommt, soll mir das nur recht sein.

Und das Album geht schon gut los … und zwar mit dem Dave Edmunds Klassiker „I Hear You Knocking“ („I hea di klopfn„) …

 

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Kommt mir irgendwie bekannt vor …

 

Und dann geht´s einfach Schlag auf Schlag … großartige Cover-Versionen, eine triumphale Band … und auch die Eigenkompositionen überzeugen … knackiger Rock zuweilen auf der Überholspur eingespielt …

Und wir dann hören Bands/Musiker  wie Thin Lizzy, Mink DeVile, ZZ Top, Frankie Miller, The Streetwalkers (Roger Chapman !!!) und Bad Company („Überstar“ … ganz und gar großartig !) … und auch ein ganz alter Blues von Jimmy Reed ist im Programm ….

Herz ! Was willst Du mehr ?

(Und zur Erweiterung der interkulturellen Kompetenz habe ich dieser Präsentation sämtliche Texte beigelegt

Die Burschen

So warn´s … die Burschen von der Chefpartie .

Besetzung:
Mario Adretti (keyboards)
„Wild“ Willy Brunner (guitar)
Charly Horak (bass)
Edi Jedelsky (drums)
Willi „Ostbahn-Kurti“ Resetarits (vocals, harmonica)
+
Schurl Gabler (organ bei 06. + 11.)
Josef Havlicek (guitar bei 09.)
Fernando „Ferdl“ Lopez (Saxophone bei 07.)
Ẑelko Pisdić (accordion, background vocals bei 07.)
C. Pongo (guitar bei 11.)
+
background vocals bei 07. + 08.:
Hilde Havlicek – Soraya Kuchwalek

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Titel:
01. I hea di klopfn )I Hear You Knocking) (Bartholomew/King/Brödl) 2.14
02. Frog net wos Muagn is (I Must Be Dreaming) (DeVille/Brödl) 4.17
03. Na, so wirst ned oid (Got To Give It Up) (Lynott/Gorham/Brödl) 3.59
04 Schee, schee, schee (Shame, Shame, Shame) (Reed(Brödl) 3.0
05. Neiche schoin (Sharp Dressed Man) (Gibbons/Hill/Beard/Brödl) 3:28
06. Wirklich wahr ( I’d Lie To You For Your Love) (Miller/D.Bellamy/H.Bellamy/arry/Brödl)  3.15
07. Chili Con Carne (Chapman/Whitney/Brödl)  3.25
08. Es gibt Strassn (J.Havlicek/Zech/Brödl) 3.58
09. Überstar (Shooting Star) (Rodgers/Brödl) 5.00
10. Nimm die Fiass in d’Händ (Adretti/Brunner/Horak/Jedelsky/Resetarits/Brödl) 2.32
11. Nochtschicht (88) ((J.Havlicek/Zech/Brödl) 5.46

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Engerling – So oder so (1988)

EngerlingFrontCover1Keine Frage:Engerling – eine meiner Lieblings Blues-Rock Bands, deren Wurzeln in der DDR waren:

„Wir wünschen Ihnen einen Guten Morgen“ grüßen Engerling mit dem Frühprogramm. Das Eröffnungsstück ihres 1988 erschienenen Albums „So oder so“ zeigt wo es langgeht: lyrisch und rockend durch den grauen Alltag.

Es ist die große Stärke von Engerling, dass sie Geschichten erzählen, die zwar irgendwie immer in der DDR zu Hause waren die aber auch jenseits der Mauerzeiten noch immer Alltagssituationen bis in den Kern treffen. Die laute Musik die man braucht, um wieder runter zu kommen nach einem harten Tag, die verschlossenen Gesichter am morgen, die verzweifelte Suche nach dem Unmöglichen.

Musikalisch hatte Engerling die Blueswurzeln zwar nicht verraten. Doch spielen die zwölf Takte in den Liedern nicht mehr diese Rolle, wie noch auf den ersten Alben. Doch dafür hatte Bodag Melodien gefunden, die ohne Anbiederung an irgendwelche jemals aktuellen Trends einfach zeitlos und gut sind.

Engerling1986

Engerling, 1986

Als 1988 „So oder so“ erschien, da waren es vor allem Lieder wie „Nr. 48“ und der „Narkose Blues“, die nicht nur im Radio nicht zu überhören waren. Sie waren auch bei der Bluesgemeinde echte Hits wegen ihrer Texte. (Nur das Muschellied von der „Tagtraum“ und „Gleichschritt“ vom ersten Album sind in ihrer Vieldeutigkeit dem zu vergleichen.) Als die Platte nach der Wende auf CD wiederveröffentlicht wurde, spendierte man ihr als Bonus zwei Titel: Die weiße Ziege und Da hilft kein Jammern waren bislang nur als Single erschienen und die wurde offiziell nicht mehr gespielt. Denn bei einer Melodie hatte sich Bodag zu deutlich bei einer Komposition von Willie Dixon bedient. (Quelle: wasser-prawda.eu)

Und der Wolfram Bodag konnte ja nicht nur komponieren, seine Texte sind auch heute noch mehr als hörenswert.

Und wenn man weiß, dass Engerling die europäische Tourband von Mitch Ryder ist … man wundert sich nicht …

AlternativeFrontCover

Alternative Frontcover

Besetzung:
Wolfram Bodag (keyboards, vocals, harmonica)
Manfred Pokrandt (bass)
Friedemann Schulz (drums)
Heiner Witte (guitar, slide-guitar)

BackCover1

Titel:
01. Frühprogramm 5.33
02 Pfeif drauf 3.24
03 Moll’s Party 3.41
04 Nr. 48 4.21
05. Hat nichts gebracht 3.50
06. Narkose Blues 5.34
07. So oder so 4.27
08. Die anderen 5.03
09. Das letzte Lied 4.47

Musik + Texte: Wolfram Bodag

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Und hier ein Portrait der Band aus ihren frühen Jahren, einfach nur ganz und gar großartig … man lausche z.B. der slide-guitar bei er Instrumentalfassung von „Can´t Find My Way Home“ von Blind Faith !) … man lausche, was Wolfram Bodag über den Blues zu saen hat ….  Aufgenommen überwiegend in ihrem Proberaum in der Dunckerstraße, Berlin)

Udo Jürgens – Das Blaue Album (1988)

FrontCover1Ich weiß nicht, das wievielte Album das jetzt ist …  Die Zahl seiner Alben ist ja nur noch für hartgesottene Udo Jürgens zu überscheuen …

Aber ich weiß, dass ist wieder mal so ein Album, das den Udo Jürgens als bemerkenswerten Entertainer ausweist, wenngleich die ganz zündenden Songideen hier nicht zu finden sind. Dafür aber hören wir wieder so etliche Liedertexte, die es in sich haben …

Das geht schon mit dem ersten Song los … Musik als Überlebensstrategie … Oder aber auch „Hallo, ich bin’s“ … der von einem Telefonat zwischen Sohn und Vater handelt …

Und dann natürlich noch jenes Lied, das damals für ziemlich viel Wirbel ausgelöst hat: „Gehet hin und vermehret euch“ eine unverhohlene und bittere Anklage gegen jene katholische Kirche, die Geburtenverhütung für Teufelszeug hält und entsprechendes an die Gläubigen kommuniziert … bis zum heutigen Tage …

Und das Saxophon bei „Flieg‘, Flamingo“ ist ganz und gar großartig …

Und das Album endet mit dem nachdenklichem „“Da Capo“ … man weiß ja, dass Udo Jürgens seine Texte intensiv ausgesucht hat und so ist es auch sein Verdienst (wenngleich er die Texte ja nicht selbst geschrieben hat), dass wir sie zu hören bekommen.

SingleFront+BackCover

Die Single zum Album

Besetzung:
Franz Bartzsch (keyboards)
Udo Jürgens (vocals, piano)
Frank Lüdeke (saxophone)
Ralph Rudnik (guitar)
George Walther (keyboards)
+
Das Orchester Pepe Lienhard
+
Streicher der Deutschen Oper Berlin
+
Blue Voices Chor
Gropiuslerchen Chor
+
Madeleine Lang (vocals bei 03.)
Katharina Lehmann (vocals bei 10.)
+
Hans Joachim Friedrichs (Sprechstimme bei 06.)

BackCover1

Titel:
01. Die Welt braucht Lieder (Jürgens/Lehmann) 4.43
02. Thema in Blau I  (Jürgens) 1.55
03. Eis zu Feuer (Jürgens/Kunze) 4.35
04 .Die Zeit der Zärtlichkeit (Jürgens/Kunze) 3.41
05. Flieg‘, Flamingo (Jürgens/Lehmann) 3.51
06. Gehet hin und vermehret euch (Jürgens/Lehmann) 5.20
07. Hast du heute schon gelebt (Jürgens/Walther/Kunze) 4.16
08. Die verbotene Stadt (Jürgens/Kunze) 3.06
09. Wir zwei (Jürgens/Christen) 4.13
10. Hallo, ich bin’s  (Jürgens/Lehmann) 4.31
11. Thema in Blau II (Jürgens) 1.36
12. Moskau – New York (Jürgens/Christen) 5.10
13. Da Capo (Jürgens/Christen) 4.22

LabelB

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Es ist Zeit Alarm zu schlagen:
An jedem Tag wächst die Zahl der Menschen
auf unserem Planeten um 300.000,
in jeder Woche über 2 Millionen.
In jedem Monat kommen mehr Menschen
neu auf diese Welt,
als in New York zuhause sind.
Aber wir wollen das nicht wissen,
noch ist es nicht unser Problem,
und was uns nicht berührt,
das geht uns auch nichts an.

Wenn wir es merken, wird es zu spät sein.
Wo die Menschen am ärmsten sind,
vermehren sie sich am schnellsten.
Es ist schon jetzt zu wenig Platz auf dieser Erde.
Und es wird immer weniger Platz sein.
Nicht Kriege, Seuchen und Naturkatastrophen,
es sind die Menschen selbst,
die ihren Lebensraum vernichten.
Wer die Umwelt schützen will,
der muß die Welt bewahren:
Fünf Milliarden sind genug!

Hurra, die 5. Milliarde ist voll!
Und die Bild-Zeitung jubelt: „Ist das nicht toll?“
Neuer Geburtenweltrekord!
Lieb‘ deinen Nächsten und pflanze dich fort!
Jetzt wird dem Hunger der Welt vorgebeugt!
Jetzt wird die nächste Milliarde gezeugt!

Und da hat einer gütige Hände
und ein gutes, kluges Gesicht,
aber denkt er das Diesseits zuende,
wenn er vom Jenseits spricht?

Kondom tabu und Pille verpönt –
denn aus beruf’nem Munde ertönt:
Gehet hin und vermehret euch!
Gehet hin und vermehret euch!

Im Nu ist die 6. Milliarde erreicht.
Aller Anfang ist schwer – alles Ende ist leicht.
Jetzt wird die Erde mit Menschen besatzt,
bis sie aus sämtlichen Nähten platzt.
Die Mächtigen tun, als gäb’s keine Gefahr,
als wäre der Globus aufblasbar.

Und die Welt hat so herrliche Kinder.
Viele nagen am Hungertuch.
Trotzdem freuen sich die armen Sünder
auf den nächsten hohen Besuch.

Noch ist die Show nicht aus und vorbei –
noch sind genügend Stehplätze frei:
Gehet hin und vermehret euch!
Gehet hin und vermehret euch!

Die 10. Milliarde ist vorprogrammiert.
So schnell ist die Menschheit noch nie explodiert.
Werft ja keinen Blick in die Zukunft zurück,
nach uns die Sintflut – vor uns das Glück!
Zum Leben zuwenig, zum Sterben zuviel!
Hat da nicht der Teufel die Hände im Spiel?

Denn der hat ja soviele Gesichter –
schöne Masken der Niedertracht.
Und der Schöpfer wird zum Vernichter,
wenn er so weiter macht.

Hereinspaziert – ob arm oder reich!
Rein ins Vergnügen, alle zugleich!
Gehet hin und vermehret euch!
Gehet hin und vermehret euch!

MCCover

Reinhard Mey – Balladen (1988)

FrontCover1Mit dem Reinhard Mey geht´s mir wie mit dem Konstantin Wecker … je äler ich were, desto mehr schätzte ich ihn …

Oder: Um es gleich mal vorweg zu nehmen: Dieses Album ist schlicht und ergreifend `ne Wucht !!!

Die folgenden beiden Beiträge stammen von namentlich nicht genannten Amazon Kunden … und sie entsprechen doch sehr meinen Empfindungen beim mehrfachem anhören dieser LP.

Reinhard Mey’s 1988 veröffentlichte Album „Balladen“ hält was der Titel verspricht. Eine Mischung aus meist humorvollen, manchmal auch nachdenklich stimmenden oder anklagenden Balladen. Den Auftakt macht das Stück „Bei Hempels unterm Bett“, in dem auf heitere Art und Weise die Verlogenheit einer bieder wirkenden Familie geschildert wird. Auch das folgende Lied „In diesem, unserem Lande“ hat neben der witzigen Seite einen ernsten Hintergrund. Es wird die Geldverschwendung im Großen wie im Kleinen angeprangert. Im weiteren Verlauf wird der Fitneß-Studio-Kult („Die Body-Builder-Ballade“) auf’s Korn genommen, der Alltag eines Hausmanns auf unterhaltsame Weise beschrieben („Aller guten Dinge sind drei“) und auf den allzu sorglosen Umgang mit der Natur hingewiesen („Das Meer“). Neben noch einigen, die zwischenmenschliche Seite berührenden Liedern bildet „Die Eisenbahnballade“ einen krönenden Abschluß. In diesem über 10 Minuten langen Lied wird die Geschichte der Eisenbahn mit all ihren Sonnen- und Schattenseiten erzählt.

„Balladn“ ist eine wunderschöne CD, die durch ihre sowohl musikalische als auch textliche Abwechslung erfreut und immer wieder Spaß zum Hören macht.

Jedesmal, wenn ich die Zeitung aufschlag‘,
Haben die Damen und Herren im Bundestag
Sich schon wieder mal die Diäten erhöht,
Und ich spür‘, wie ich für sie vor Scham erröt‘!
Ich seh‘ Familien, wo es vorn und hinten nicht reicht,
Seh‘ Opa Bölke, dem man cool das Taschengeld streicht,
Mir gehn die Bilder von Armut nicht aus dem Sinn,
Aber die Damen und Herren langen erst mal kräftig hin!
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!

In der Tagesschau zeigt man uns ein Staatsbankett:
Alle ha‘m Übergewicht, und alle sind zu fett.
Doch das gleicht sich wieder aus, denn wie man auch erfährt,
Sind in unserm eigenen Lande Menschen unterernährt.
Wir ha‘m ‘nen Butterberg, und auch ‘nen Milchsee ha‘m wir schon,
Und eine Schweinelawine überrollt die Nation,
Mit der Überschußvernichtung ha‘m wir unsre liebe Not,
Und Opa Bölke hat nicht mal die Margarine fürs Brot.
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!

Am Flugplatz Bonn steht eine ganze Flotte parat,
Die nichts als nur Polittouristen rumzufliegen hat.
Kein Anlaß ist zu nichtig, keine Entfernung zu klein,
Und statt zu Fuß zu gehn, muß es ein Hubschrauber sein.
Für eine Stunde Bonzenjet bekommt man nebenbei
Für dreißig Kinder drei Wochen Ferien auf Norderney.
Und alle naselang düst ein Hanswurst nach irgendwo,
Und Opa Bölke streicht man den Seniorenausflug in den Zoo!
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!

Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht,
Dann hör‘ ich wie‘s Silvester knallt und kracht.
Opa Bölke ist jedesmal zu Tode erschreckt,
Sein Bedarf an Knallerei ist in zwei Weltkriegen gedeckt.
Und für das Geld, das man beim letztenmal verballert hat
Kriegst du eine Million Menschen ein Jahr lang satt!
Da kann die Welt verhungern und in Trümmer fall‘n,
Das ist uns scheißegal, wir wollen weiterknall‘n!
Ist das nicht eine Schande in diesem, unsrem Lande!

Lumpige 50 Milliarden kostet uns das Militär,
Die spar‘n wir uns vom Munde ab, die geb‘n wir locker her!
die Armee soll leben in Saus und Braus,
Dafür schließen wir auch gerne mal ein Krankenhaus.
Selbst Opa Bölke verzichtet aufs Sterben, weil man
Für sein Sterbegeld dann noch mehr Waffen kaufen kann.
Wir streichen Schul‘n und Kindergärten für den guten Zweck,
Nur bitte, bitte, nehmt uns unser Lieblingsspielzeug nicht weg!
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!
Manchmal denk‘ ich, ich wand‘re in die Südsee aus,
Doch es gibt kein Entkommen, hier bin ich zu Haus,
Nirgends wär‘ ich mehr als hier ein freier Mann,
Nirgends, wo ich mich so grün, gelb, rot und schwarz ärgern kann,
Hier leben Freunde, die ich zum Leben brauch‘,
Und die brauchen meine Stimme als Wähler vielleicht auch,
Und weil ich Opa Bölke doch nicht so allein lassen kann,
Und schließlich häng‘ ich irgendwie ja doch daran,
– Das gesteh‘ ich am Rande – an diesem, unsrem Lande!
„Balladen“ ist sicherlich eines der schönsten Alben deutscher Musikgeschichte! Eine Ballade ist schöner als die andere, „Die Mauern meiner Zeit“, „Das Meer“, „Hab Dank für Deine Zeit“ oder „In diesem, unserem Lande“ – das sind Lieder, die einem das Herz aufgehen lassen. Am beeindruckendsten ist aber der Schlußtitel des Albums, „Die Eisenbahnballade“, in deren starken zehn Minuten die Geschichte der Eisenbahn besungen wird.
Wunderschön!

Der Wind reißt an den Hallentoren,
Regen schlägt auf das Wellblechdach,
die Schauer und die Böen rumoren
und hall’n im kalten Hangar nach.
Ich hab die alte Flugmaschine
hereingerollt, jetzt mag sie ruh’n.
Die Plane über der Kabine,
einen Winter lang steht sie nun.

Das letzte Abenteuer,
mein Ausguck hoch im Baum,
Höhle und Lagerfeuer,
mein letzter Kindertraum.
Meine Wiking-Modelle,
mein buntes Schaukelpferd,
Ausweg für alle Fälle,
bevor ich ganz erwachsen werd‘.

Manchmal komm ich, nach ihr zu sehen,
um die Persenning straffzuziehn,
um einfach nur herumzustehen,
im Duft von ÖL, Lack und Benzin.
Wenn sich die ersten Blätter zeigen
und wenn die Winde milder wehn,
werden wir zwei wieder aufsteigen,
Am Himmel uns’re Kreise drehn.

Das letzte Abenteuer,
mein Ausguck hoch im Baum,
Höhle und Lagerfeuer,
mein letzter Kindertraum.
Meine Wiking-Modelle,
mein buntes Schaukelpferd,
Ausweg für alle Fälle,
bevor ich ganz erwachsen werd‘.

Was halt ich Narr für ein paar Stunden
an diesem alten Vogel fest?
Ich hab meine Antwort gefunden:
Weil er mir ein Stück Freiheit läßt.
Er trägt mich – ich muß ja nur wollen –
an jeden Ort der Welt, und dann
geht es auch, dass ich ohne Grollen,
ruhig hier unter bleiben kann.

Das letzte Abenteuer,
mein Ausguck hoch im Baum,
Höhle und Lagerfeuer,
mein letzter Kindertraum.
Meine Wiking-Modelle,
mein buntes Schaukelpferd,
Ausweg für alle Fälle,
bevor ich ganz erwachsen werd‘.

Tief berührt, ob der Intensität dieses Albums … freue ich mich sehr, diese LP hier präsentieren zu können.

Jedesmal, wenn ich die Zeitung aufschlag‘,
Haben die Damen und Herren im Bundestag
Sich schon wieder mal die Diäten erhöht,
Und ich spür‘, wie ich für sie vor Scham erröt‘!
Ich seh‘ Familien, wo es vorn und hinten nicht reicht,
Seh‘ Opa Bölke, dem man cool das Taschengeld streicht,
Mir gehn die Bilder von Armut nicht aus dem Sinn,
Aber die Damen und Herren langen erst mal kräftig hin!
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!

In der Tagesschau zeigt man uns ein Staatsbankett:
Alle ha’m Übergewicht, und alle sind zu fett.
Doch das gleicht sich wieder aus, denn wie man auch erfährt,
Sind in unserm eigenen Lande Menschen unterernährt.
Wir ha’m ’nen Butterberg, und auch ’nen Milchsee ha’m wir schon,
Und eine Schweinelawine überrollt die Nation,
Mit der Überschussvernichtung ha’m wir unsre liebe Not,
Und Opa Bölke hat nicht mal die Margarine fürs Brot.
Ist das nicht eine Schande, in diesem, unsrem Lande!

BackCover1

Besetzung:
Olaf Berneck (drums)
Helge Brink (violin)
Robbie Doyle (whistle)
Anders Forstmann (pedal steel-guitar)
Wilfried Grünberg (guitar, keyboards)
Michael Keevers (bass)
Frank Lüdeke (saxophone)
Max McColgan (whistle)
Reinhard Mey (vocals, guitar)

Booklet1

Titel:
01. Bei Hempels unterm Bett 3.30
02. In diesem, unsrem Lande 3:56
03. Das letzte Abenteuer 3:59
4 Die Body-Building-Ballade 3:30
5 Fünf Gartennelken 1:51
6 Aller Guten Dinge Sind Drei 3:10
7 Hab‘ Dank Für Deine Zeit 3:46
8 Das Meer 3:50
9 Die Mauern Meiner Zeit 3:26
10 Lulu 3:04
11 Welch Ein Glücklicher Mann 2:52
12 Die Eisenbahnballade 10:11

Musik + Texte: Reinhard Mey

LabelB1
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Ein dichter Nebel senkte sich auf die große, fremde Stadt.
Ein langer Arbeitstag lag hinter mir, ich war abgespannt und matt.
Zu müde für die Autobahn, zu spät für den letzten Flug.
Doch ich wollte nach Haus,
Und da fand ich heraus,
Gegen Mitternacht ging noch ein Zug.

Es blieb noch etwas Zeit, ich wußte nicht wohin, so stand ich am Bahnhof herum:
Einem Prunkbau aus längst vergangener Zeit, Drängeln, Suchen und Schieben ringsum.
Ich sah die Reisenden, die Wartenden und die Gestrandeten der Nacht,
So viel Gleichgültigkeit,
So viel Jammer und Leid
Unter so viel kalter Pracht.
Ich trat auf den offenen Bahnsteig hinaus, die naßkalte Luft hielt mich wach.
Ich fröstelte, schlug meinen Kragen hoch und sah meinem Atem nach.
Aus der Dunkelheit schwebten überm Gleis drei Lichter, mein Zug fuhr ein.
Eine Wagentür schlug.
Es war warm in dem Zug,
Und ich war im Abteil ganz allein.
Lautlos fuhren wir an, und die Lichter der Stadt versanken in milchigem Brei.
Und immer schneller flogen erleuchtete Fenster und Vorstadtbahnhöfe vorbei.
Noch ein Bahnübergang, ein paar Scheinwerfer, und die Welt da draußen verschwand.
Mein Abteillicht fiel in weiß
Auf den Schotter am Gleis,
Und ich ahnte das dunkle Land.

Und durch die Dunkelheit drang
Der monotone Klang
Der Räder auf dem Schienenstrang,
Ein einsamer Gesang,
Den stählernen Weg entlang.

Vorn an der Trasse standen sie, die Haut wettergegerbt.
Mit ihren Spaten hatten sie Adern ins Land gekerbt,
Mit Hacken und mit Hämmern hatten sie Berge bewegt
Und Schwellen über Schotter und darauf Schienen gelegt.

In bittrem Frost, sengender Glut, in Regen, Tag für Tag,
Nachts einen Strohsack auf dem Boden im Bretterverschlag.
Und wieder auf beim Morgengrau’n für jämmerlichen Lohn
Und noch ein neues Vermögen mehr für den Stahlbaron.

Und bald fauchte das Dampfroß funkensprühend durch das Land.
Manch neue Industrie und manch Imperium entstand,
Manch unschätzbarer Reichtum, doch an jedem Meter Gleis,
Jeder Brücke, jedem Tunnel klebten Tränen, Blut und Schweiß.
Die Eisenbahn trug Fortschritt, technische Revolution
In jedem Winkel, bis in die entlegenste Station.
Trug Güter von den Seehäfen bis an den Alpenrand,
Verband Menschen und Städte und trug Wohlstand in das Land.
Doch der großen Erfindung haftet stets die Tragik an,
Daß sie dem Frieden, aber auch dem Kriege dienen kann.
Endlose Rüstungszüge rollten bald schon Tag und Nacht:
Kriegsgerät und Kanonen war’n die vordringliche Fracht.

Schon drängte sich auf Bahnhöfen siegesgewiß das Heer,
Den Jubel auf den Lippen und mit Blumen am Gewehr,
In fahnen- und siegesparol’n behangene Waggons
Nach Lemberg oder Lüttich, nach Krakau oder Mons.

Im Trommelfeuer von Verdun erstarb der Siegeswahn,
Aus Zügen wurden Lazaretts, und diesmal sah die Bahn
Den Rückzug der Geschlagenen und – den Kriegsherren zum Hohn –
Im Waggon im Wald von Compiègne, die Kapitulation.
Millionen Tote auf den Schlachtfeldern, sinnloses Leid.
Wer heimkehrte, fand Elend, Not und Arbeitslosigkeit.
Doch auf dem Boden des Zusammenbruchs gediehen schon
Die Schieber und die Kriegsgewinnler, die Spekulation.

Aber es sproß auch aus den Wirr’n verstrickter Politik
Der zarte, schutzbedürft’ge Halm der ersten Republik.
Doch Kleingeist, Dummheit und Gewalt zertrampelten ihn gleich
Mit Nagelstiefeln auf dem Weg ins Tausendjähr’ge Reich.

Die Unmenschen regierten, und die Welt sah zu und schwieg.
Und wieder hieß es: „Räder müssen rollen für den Sieg!“
Und es begann das dunkelste Kapitel der Nation,
Das dunkelste des Flügelrades: Die Deportation.

In Güterwaggons eingeschlossen, eingepfercht wie Vieh,
Verhungert und verzweifelt, nackt und frierend standen sie,
Hilflose Frau’n und Männer, Greise und Kinder sogar,
Auf der bittren Reise, deren Ziel das Todeslager war.

Dann aber brach der Zorn der Gedemütigten herein,
Kein Dorf blieb da verschont, da blieb kein Stein auf einem Stein,
Und Bomben fielen, bis das ganze Land in Flammen stand,
Die Städte ausradiert war’n und der Erdboden verbrannt.
Der Krieg war mörderischer als jemals ein Krieg zuvor,
Und schwer gestraft das Volk, das ihn frevelnd heraufbeschwor.
In Trümmern und Ruinen strichen sie hungernd umher,
Die Überlebenden, die Ausgebombten, nichts ging mehr.

Und immer längere Flüchtlingstrecks kamen Tag für Tag
Und irrten durch ein Land, das unter Schutt und Asche lag.
Der Überlebenswille zwang sie, nicht zu resignier’n,
Die Aussichtslosigkeit, das Unmögliche zu probier’n:

Noch aufzuspringen, wenn irgendwo ein Hamsterzug ging,
Wenn an den Waggontür’n schon eine Menschentraube hing.
Ein Platz auf einem Puffer, einem Trittbrett bestenfalls
Mit Hoffnung auf ein bißchen Mehl, Kartoffeln oder Schmalz.

Was auf dem Bahndamm lag, wurde von Kindern aufgeklaubt,
Und manch ehrlicher Mann hat manchen Kohlenzug beraubt.
Und dann kamen die Züge mit den Heimkehrern besetzt,
Verwundet und zerschunden, abgerissen, abgewetzt.

Wie viele Dramen spielten sich auf den Bahnsteigen ab!
Suchen und Freudentränen, wo’s ein Wiedersehen gab.
Warten, Hoffen und Fragen, wird er diesmal dabei sein?
Viele kamen vergebens, und viele gingen allein.

Zerschoss’ne Loks und Wagen wurden recht und schlecht geflickt
Und auf ein abenteuerliches Schienennetz geschickt.
Und der Puls begann zu schlagen, und aus dem Nichts entstand,
Mit Hoffnungen und Träumen beladen, ein neues Land.
Und durch das Morgengrau’n drang
Der monotone Klang
Der Räder auf dem Schienenstrang,
Ein schwermütiger Gesang,
Den stählernen Weg entlang.
Das Rattern der Räder über eine Weiche rief mich in die Gegenwart.
Übernächtigt war ich aufgewacht, ich war fast am Ziel meiner Fahrt.
Ich rieb mir die Augen und räkelte mich, das Neonlicht schien fahl,
Und im leeren Raum
Zwischen Wachen und Traum
Sah ich sie noch einmal:

Der Adler, der Fliegende Hamburger, die Preußische P 8,
Und die sagenumwobene O5 fauchten vor mir durch die Nacht.
Ein Gegenzug auf dem Nachbargleis riß mich aus den Träumen heraus.
Ein Blick auf die Uhr,
Zehn Minuten nur,
Und zum Frühstück wär‘ ich zu Haus.

Draußen konnt‘ ich für Augenblicke in erleuchtete Fenster sehn.
Sah die Menschen auf dem Weg zur Arbeit auf den Vorstadtbahnhöfen steh’n,
Sah die Scheinwerfer der Autos vor den Schranken am Bahnübergang,
Und eine Hoffnung lag
Über dem neuen Tag
Und in dem Sonnenaufgang.

Konstantin Wecker – Ganz schön wecker (1988)

FrontCover1Die 80er Jahre waren für den Konstantin Wecker ein turbulentes Jahrzehnt (aber eigentlich waren ja alle Jahrzehnte für ihn turbulent).

1980 siedelt er in die Toskana über (was ihm seine Fans verübeln) und legt eine kurze künstlerische Pause ein (das verübeln sie ebenfalls). Von 1984 bis 1993 versucht er sein Glück als Wirt der Musik-Kneipe Kaffee Giesing in München.

In seinem Roman-Debüt „Uferlos“ im Jahr 1992 bekennt sich der Künstler öffentlich zu seiner Kokainsucht. Ende 1995 kommt der Sänger wegen Kokainbesitzes in Untersuchungshaft. Er wird zu zweieinhalb Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt, bleibt aber gegen Kaution auf freiem Fuß. (Quelle: wikipedia)

Und natürlich veröffentlichte er in diesem Jahrzehnt auch diverse LP´s … Ab Mitte der 80er begann seine „Jazz-Zeit“ er spielte mit hochkarätigen Jazzmusikern (siehe Besetung). Das gab seiner Musik natürlich einen neuen und wie ich meine ganz besonderen Anstrich.

Auch textlich is er wieder zupackend, poetisch, sarkastisch, einfühlsam … Jedes Lied ist für sich ein kleines Juwel …

Wecker02

Die Besetzung dieser Platte liest sich wie ein Lexikon der bundesdeutschen Jazz-Rock-Szene, und richtig: Keyboarder und Produzent Wolfgang Dauner und seine Mannen vom United Jazz + Rock Ensemble spielen wie aus einem Guß. Allein, der Liedermacher und seine Texte treffen nicht immer den Ton: Allzu unverbindlich sind die gesellschaftskritischen Anmerkungen („Der Herr Richter“/“Der Wald“) des bayrischen Musikers mit Blues- und Mundart- Kanten. Persönliches wie „Niemand kann die Liebe binden“ hingegen knüpft an Weckers beste Momente an, und auch Dieter Hildebrandts satirischer Sprechgesang in „Der Fachmann“ kann als Einlage überzeugen. (Stereoplay)

Mit dem Blues hatte es Konstantin Wecker schon immer, ebenso mit der Liebe, der Umwelt, den alten und den neuen Nazis und der Angst vor einer konservativen Wende. Daran hat sich bei „Ganz schön Wecker“ trotz feiner Musiker so wenig geändert wie an der überladenen, nicht sonderlich präzi- sen Abmischung. (Audio)

KonstantinWecker01

Besetzung:
Felice Civitareale (trumpet)
Wolfgang Dauner (keyboards)
Frank Diez (guitar)
Stephan Diez (guitar)
Johannes Faber (trumpet, flugelhorn)
Hans Franek (keyboards)
Erwin Gregg (trombone)
Jost H. Hecker (cello)
Colin Hodgkinson (bass)
Andreas Höricht (viola)
Holger Jetter (violin)
Christof Lauer (saxophone)
Frank Loef (saxophone)
Charlie Mariano (saxophone)
Elmar Schmidt (drums)
Ernst Ströer (percussion)
Konstantin Wecker (vocals, piano)
Franz Weyerer (trumpet)
Jörg Widmoser (violin)
Thomas Zoller (saxophone)
+
background vocals:
Claudia Schwarz – Edith Prock – Renate Ricanek

Booklet1

Titel:
01. Der Fachmann 3.56
2 Niemand Kann Die Liebe Binden 3:35
3 Der Herr Richter 2:48
4 Drunt‘ In Der Au 3:37
5 Der Wald 1:01
6 Es Weihnachtet Sehr 4:52
7 Der Himmel Brennt 4:35
8 Anna Blume (Variationen Über Ein Thema Von Kurt Schwitters) 6:04
9 Die Weiße Rose 4:51
10 Zigeuner Ohne Sippe 3:54

LabelA1

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Wecker01

Keimzeit – Irrenhaus (1990)

FrontCover1Ein berkenswertes Debütlabum und das nicht nur wegen der durchgehend guten Musik un den durchgehend anspruchsvollen Texten mit vie Tiefgang, sondern wohl auch, weil es den Zeitgesit jener Jahre irgendwie auf den Punkt bringt:

Zufälliger Wendehit

Wie „Irrenhaus“ zu einem Soundtrack der Umbruchzeit wurde

Bereits 1988 hatte die brandenburgische Band Keimzeit das Album „Irrenhaus“ aufgenommen. Da aber der staatliche Musikvertrieb Amiga das Album in der DDR nicht veröffentlichen wollte, musste die Band bis zu Mauerfall warten. Dann ging alles ganz schnell.

Norbert Leisegang: „Als wir 1988 das Album ‚Irrenhaus‘ aufnahmen, das war ja noch in den Studios des DDR Rundfunks/Radio DDR. Dann gingen wir mit diesem Album, als es aufgenommen war, zur Schallplattenfirma Amiga und dort sagte uns der Agent, dass diese Musik, die wir da aufgenommen haben, nichts tauge und solche Songs wie ‚Frau aus Gold‘ für ihn Unsinn sind und dass wir, wenn wir eigentlich, wenn wir überhaupt mit der Plattenfirma zustande kommen wollten, dann müssten wir noch neue Songs aufnehmen, ja, und dann sind wir da rückwärts aus der Tür wieder raus.“

Ulle Sende + Norbert Leisegang (1987)

Ulli Sende und Norbert Leisegang, 1987

Eine Enttäuschung, die sich in der Karriere von Keimzeit schneller als gedacht als vorteilhaft erweisen sollte. Verbiegen wollen sich Norbert Leisegang und seine Bandkollegen 1988 für einen Plattenvertrag nicht. Sie konzentrieren sich wieder auf ihr Kerngeschäft, die Liveauftritte in ihrer Heimat Brandenburg.

Konzertreisen ins Ausland genehmigt ihnen das Kulturamt in Belzig nicht, das „Kinderlied“, in dem Leisegang das Spiel mit Waffen thematisiert, wird auf den Index gesetzt und darf nicht öffentlich aufgeführt werden. Obwohl sie nur Lokalhelden fernab des DDR-Musikestablishments sind, erleben Keimzeit die künstlerische Enge ihres Landes am eigenen Leib.

Aber dann geht ab dem 9. November 1989 alles ganz schnell.

„Mit der Grenzöffnung hat ja einiges damals ganz schnell stattgefunden, weil man wusste, hier kann man Geld verdienen.“

Den ersten Vertrag zu ergattern, ist auf einmal vollkommen unkompliziert, schon die zweite Plattenfirma, die Hansa aus West-Berlin, greift zu. Die arbeitet u.a. damals mit Rio Reiser, den Leisegang sehr verehrt. Das Risiko für die Hansa ist minimal, die Songs sind ja schon aufgenommen, die Bänder bekommt sie für einen sehr guten Preis. Das Stück „Die Frau aus Gold“ schafft es zwar auch diesmal nicht aufs Album, aber dafür der Song, der Keimzeit 1990 zu der vielleicht ersten gesamtdeutschen Band macht: „Irrenhaus“ als gesamtdeutscher Song.

Keimzeit01

Keimzeit, 1989

Die Worte des Songs „Irrenhaus“ spiegeln scheinbar kongenial die aktuelle Situation nach dem Mauerfall wieder, aber es war alles ganz anders, erzählt Norbert Leisegang.

„Irre ins Irrenhaus ist kompletter Zufall gewesen, ich hatte vorher noch einen anderen Song, der kam aus der NDW-Ecke, irgendwie war der zu spröde, weiß gar nicht mehr, worüber der ging, und dann habe ich die nächste Stufe eines Songs weiterentwickelt und da kam dieses Irrenhaus dabei heraus.“

Unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Veränderungen 1989 ist keiner der 13 Songs auf „Irrenhaus“ geschrieben worden, sagt Leisegang. Die Atmosphäre von Auflösung und Umbruch verströmt das Album unbewusst und trifft damit den Nerv eines deutsch-deutschen Publikums. Nicht nur der DDR-Jugendfunk DT64 spielt das Stück rauf und runter.

RarePromoSingle1990

Rare Promo-Single, 1990

Die jahrelange Keimzeit der Band ist vorbei, die musikalische Saat geht auf, das Album verkauft sich auch nach den Erwartungen einer westdeutschen Plattenfirma gut und zu den Konzerten, die früher eher familiären Charakter hatten, kommen nun um die 1000 Leute. Norbert Leisegang und die Band genießen die Popularität und wie etliche ihrer Landsleute die neue Freiheit.

„Ich hab Tickets gekauft nach Amsterdam, Dublin und New York und hab mir Europa und die Welt angeschaut.“

Eine gesellschaftliche Utopie scheitert, die wirkliche Welt macht sich breit im Osten und im Leben von Keimzeit. Leisegang sieht das definitiv positiv, aber auch recht nüchtern, denn die Reibung mit den Oberen erlebt der Haupttexter, Komponist und Sänger der Band rückblickend als kreativ sehr inspirierend.

„Also für mich war die Marktwirtschaft doch sehr progressiv für mein Leben, vielleicht nicht für meine Songs. Denn einige meiner engen Freunde meinen: Nach der Wende hast Du nix Vernünftiges mehr geschrieben. Vielleicht kann man das nicht so komplett sagen, aber ich erkenne schon, wenn man großen Repressalien ausgeliefert ist, den Hals richtig voll hat, ist man geneigt, nicht unbedingt politisch, aber emotional tiefgreifende, coole Songs zu schreiben. Ich muss nicht Propaganda schreiben, nur ’ne Liebesgeschichte, aber die wird dann echt groovy.“ ( Jutta Petermann, Deutschlandfunk)

MatthiasOpitz

Matthias Opitz

Nicht nur diese Geschichte hinter dem Album hat es in sich…sondern auch das Album selbst.

Bei so etlichen Textzeilen kann man nachvollziehen, warum diese bei den Amiga-Bossen im vorauseilenden Gehorsam nicht gut ankamen.

Da geht es um soziale Ausgrenzung („Mama sag mir warum) und im Titelsong findet man folgendeStrophe:

Du erinnerst mich an diesen Zeitungsburschen
aus Boston oder New York, der sagte:
Lieber geh‘ ich vor die Hunde,
Als daß ich von euch mir irgendwas borg‘.“
Im Film haben die immer Fortuna parat.
Dich hat man wieder über’s Ohr gehau’n
Und dann weggejagt.
Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament !
Selber schuld daran,
Wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt.

Und geht es dann Schlag auf Schlag weiter … Norbert Leisegang war ein wirklich aufmerksamer Beobachter von alltäglichen Szenen und Norbert Leisegang war als Komponist darüber hinaus durchaus facettenreiche Meloidien zu kompinieren.

Und Ulle Sende und Matthias Opitz waren großartige Solisten.

Und wie anfangs geschrieben: ein bemerkenswertess Debütalbum, weil es ein bemerkenswert reifes und intensives Album ist.

Single1

Besetzung:
Hartmut Leisegang (bass)
Norbert Leisegang (vocals, guitar)
Roland Leisegang (drums)
Matthias Opitz (keybords)
Ulle Sende (guitar)
+
Ralf Benschu (saxophone bei 13.)
Peter Schmidt (drums bei 10.)
Ralf Schuldt (bass)

BackCover
Titel:
01. Ratten 3.39
02. Hofnarr 3.22
03. Mama sag mir warum 4:45
04. Irrenhaus 3.11
05. Frühling 4.20
06. Keine Männer 3.57
07. Betrunken 2.00
08. Kintopp 3.08
09. Rosi 3:36
10. Schwein 3.03
11. Der Löwe 4.04
12. Flugzeuge 4.52
13. So 4.25

LabelB1

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