Verschiedene Interpreten – Als die Bilder singen lernten (späte 60er Jahre)

FrontCover1.JPGAlso … darum geht´s:

„Constanze (das war damals ne ziemlich erfolgreiche Frauenzeitschrift) präsentiert auf dieser Langspielplatte 30 Filmstars der 30er Jahre mit ihren Erfolgsschlagern“.

Und so hören wir also Erfolgsschlager aus der Federn von Komponisten wie Peter Kreuder, Robert Stolz und Franz Grothe … na die damaligen Größen halt.

Und etliche Namen kennt man vermutlich noch heute: Ilse Werner, Marika Rökk, Marlene Dietrich, Hans Albers, Johannes Heesters u.v.m.

Und so einige Namen sind in Vergessenheit geraten: Rosita Serrano, Marta Eggerth, Wilhelm Strienz oder Paul Henckels (um nur mal ein paar zu nennen).

Und wir hören ne bunte Mischung aus Schmachtfetzen, aber auch leicht frivolen Liedern … (soweit das halt damals schon möglich war … aber in der Andeutung lag wohl die Würze … „Ob blond, ob braun …Ich liebe alle Frau’n“). Und natürlich kann einem da auch anders werden, denkt man z.B. nur an das Schicksal des Joseph Schmidt (dessen jüdische Abstammung zu seinem Verhängnis wurde).

DieStars03.jpg

Und dann natürlich auch noch der Heinz Rühmann, und da fällt mir ne kleine Geschichte ein: meine erste und letzte (telefonische Begegnung) mit Heinz Rühmann:

Ich war damals in einer Drogenberatungsstelle in einem oberbayerischen Landkreis tätig und weiss der Teufel warum … es muss schon nach 18.00 Uhr gewesen sein, da läutete das Telefon und es meldete sich „Rühmann“ … Ich fragte höflich nach dem Grunde des Anrufs und während er mit seiner unnachahmlichen Stimme erklärte, er wolle eigentlich die (ebenfalls im gleichen Haus befindliche) Sozialstation sprechen, dämmerte s mir, welcher „Rühmann“ das war …

Vor lauter  Ehrfurcht bin ich dann gleich aufgestanden und habe ihm dann stehend erklärt, dass ich seinenAnruf weitergeben werde … mit klopfendem Herzen habe ich dann das Telefonat beendet …

Ach ja … dem Album lag ein vierseitiges Begleitheft mit ganz vielen Fotos bei …

Booklet1.JPG

Titel:

01. Als die Bilder singen lernten (Teil 1:) (19.42)
01.01. Ilse Werner:
Wir machen Musik (aus dem gleichnamigen Film) (IgelhoffSteimel/Käutner/v.Pinelli) 1.38
01.02. Lilian Harvey und Willy Fritsch:
Ich tanze mit dir in den Himmel hinein (aus »Sieben Ohrfeigen«) (Schröder/Beckmann) 1.25
01.03. Heinz Rühmann, Willy Fritsch und Oskar Karlweiss:
Ein Freund, ein guter Freund (aus »Die Drei von der Tankstelle«) (Heymann/Gilbert) 1.08
01.04. Marika Rökk:
In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine (aus »Die Frau meiner Träume«) (Grothe) 1.16
01.05. Marlene Dietrich:
Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt (aus »Der blaue Engel«) (Hollaender) 1.31
01.06. Paul Hörbiger:
Es wird ein Wein sein (Gruber) 1.29
01.07. Rosita Serrano:
Es leuchten die Sterne (aus dem gleichnamigen Film) (Leux) 1.17
01.08. Hans Albers:
Das ist die Liebe der Matrosen (aus »Bomben auf Monte Carlo«) (Heymann/Gilbert) 1.08
01.09. Marta Eggerth:
Mein Herz will ich dir schenken (aus »Die blonde Carmen«) (Grothe/Dehmel) 1.17
01.10. Johannes Heesters:
Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen (aus »Gasparone«) (Kreuder/Beckmann) 1.11
01.11. Al Jolson:
Sonny Boy (aus »The Singing Fool«) (Jolson/De Sylva/Brown/Henderson) 1.50
01.12. Lizzy Waldmüller:
Du hast Glück bei Frau’n, bel ami (aus »Bel ami«) (Mackeben/Beckmann) 1.04
01.13. Zarah Leander:
Der Wind hat mir ein Lied erzählt (aus »La Habanera«) (Brühne/Balz) 1.03
01.14. Joseph Schmidt:
Ein Lied geht um die Welt (aus dem gleichnamigen Film) (May/Neubach) 2.10

02. Als die Bilder singen lernten (Teil 2:) (19.37)
02.01. Wilhelm Strienz:
Heimat, deine Sterne (aus »Quax, der Bruchpilot«) (Bochmann/Knauf) 1.46
02.02. Marika Rökk:
Wenn ein junger Mann kommt (aus »Frauen sind doch bessere Diplomaten«) (Grothe/Dehmel) 0.44
02.03. Erich Ponto:
Nur nicht dran denken (aus »Das Herz der Königin«) (Mackeben) 1.11
02.04. Jan Kiepura:
Ob blond, ob braun (aus »Ich liebe alle Frau’n«) (Stolz/Marischka) 1.01
02.05. Pola Negri + Orchester Peter Kreuder:
Mazurka (aus »Mazurka«) (Kreuder/Rameau) 1.44
02.06. Leo Slezak:
Wenn ich vergnügt bin (aus »Der Frauendiplomat«) (May/Gilbert/Brüll) 1.34
02.07. Paul Henckels:
Lachen und Weinen (Schütz/Nebhut) 1.10
02.08. Kirsten Heiberg:
Warum hat der Napoleon (aus »Napoleon ist an allem Schuld«) (Grothe/Dehmel) 1.24
02.09. Heinz Rühmann, Josef Sieber, Hans Brausewetter:
Das kann doch einen Seeman nicht erschüttern (aus »Paradies der Junggesellen«) (Jary/Balz) 1.00
02.10. Hans Söhnker:
Unter den Pinien von Argentinien (aus »Truxa«) (Leux) 1.33
02.11. Brigitte Horney:
Warum liebt man so die Liebe (Böhmelt/Stemmle) 1.16
02.12. Richard Tauber:
Adieu, mein kleiner Gardeoffizier (aus »Das Lied ist aus«) (Stolz/Reisch) 2.07
02.13. Willi Forst:
Sag‘ beim Abschied leise Servus (aus »Burgtheater«) (Kreuder/Hilm) 1.12
02.14. Paul Hörbiger:
Das gibt’s nur einmal (aus »Der Kongreß tanzt«) (Heymann) 1.44

LabelB1.JPG

*
**

DieStars02.jpg

Verschiedene Interpreten – Das teuerste Programm der Welt (1959)

FrontCover1Okay, der Titel ist ein wenig albern und soll natürlich auch entsprechend reißerisch klingen … aber ansonsten gibt es an dieser bunten Revue der Musik der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts überhaupt nichts auszusetzen.

Genau genommen ist es so eine Art Musik-LP mit Hörbuch-Anteilen, denn durch das Programm führt Waldemar Müller („Conférence“).

Und der galt damals als Star unter den Rundfunkmoderatoren:

Waldemar Müller (* 1918; † 2001) war ein deutscher Hörfunkmoderator.

Müller sammelte bereits als Sprecherkind beim Sender Leipzig erste Mikrofonerfahrungen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als freier Mitarbeiter für den WDR in Köln. 1958 wechselte er zu Radio Luxemburg, wo er unter dem Pseudonym Ferdy berühmt wurde. 1962 ging er zurück zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk und wurde fester Sprecher und Programmgestalter beim SDR.

Unter seinem Künstlernamen Ferdy nahm Müller die deutsche Version von Lorne Greenes Hit Ringo auf. Auf der Rückseite der Single befand sich der ebenfalls zuvor von Greene aufgenommene Titel Sand. (Quelle: wikipedia)

Aber zur Musik: Es war natürlich alles andere als ein „teures“ Programm, denn all die alten Titel gab es damals sicherlich für ein Apel und Ei hinsichtlich der Lizenzgebühren; aber es war dennoch ein amüsantes Programm … eine Revue, die sich nicht nur mit der deutschen Heiterkeit beschäftigte, sondern den Chanson aus Frankreich und den frühen Jazz der USA beinhaltete.

Da reiht sich ein Schmankerl an das andere … und mehr als einmal muss man schmunzeln, z.B. wenn sich Max Schmeling als Entertainer probiert („Das Herz eines Boxers“)

DreiStars

Max Schmeling – Gustaf Gründgens (mit Henny Porten) – Josephine Baker

Da gäbe es mal wieder viel zu berichten, aber weitaus besser ist es wohl, wenn man sich diese Scheibe selber mal anhört und so auf Entdeckungsreise geht. Und nachdem sie ja im Stile einer Radioserndung augenommen wurde, habe ich ausnahmsweise die einzelnen Stücke nicht separiert, sondern einfach Seite 1 und Seite 2 digitalisiert … wäre auch anderes nicht gegangen … wegen all der nahtlosen Übergänge …

BackCover1

Titel:

Seite 1: (23.43)
01.  Admiral-Girls: Ich bin die Marie von der Haller Revue
02. Comedian Harmonists: Drei Musketiere
03. Comedian Harmonists: Leutnant warst du einst
04. Comedian Harmonists: Schöner Gigolo
05. Marlene Dietrich: Ich bin die fesche Lola
06. Odeon Tanzorchester: Mein Papagei frißt keine harten Eier
07. Beka-Tanzorchester: So lang nicht die Hose am Kronleuchter hängt
08. Beka-Tanzorchester: Wir versaufen unsrer Oma ihr …
09. Willi Ostermann: Wenn du eine Schwiegermutter hast
10. Mistinguett: Ca C’est Paris
11.  Joséphine Baker: La Petite Tonkinoise
12. Joséphine Baker: The Original Charleston
13. Carola Neher: Der Mensch lebt durch den Kopf
14. Kurt Gerron: Und der Haifisch …
15. Lotte Lenya: Havanna Lied
16. Karl Reich-Bremen und seine singenden Kanarienvögel: Hawaiian Memories
17. Guido Gialdini: Ay Ay Ay
18. Original Dixieland Jass Band: Tiger Rag
19. Louis Armstrong: St. Louis Blues
20. Marika Rökk: Ich hab dich so gern
21. Peter Igelhoff: Dieses Lied hat keinen Text
22. Nat Gonella: The Flat Foot Floogee

Seite 2: (26.42)
23.  Willi Prager:  Schallplatten, die große Mode
24. Max Schmeling: Das Herz eines Boxers
25. Gustaf Gründgens: O Gott wie sind wir vornehm
26. Juan Llossas: Zwei rote Lippen (Tango Addios Muchachos)
27. Oskar Joost: Herr Ober, zwei Mokka
28. Jack Hylton: Herr Lehmann, Herr Lehmann
29. Hubert von Meyerinck: Ich war nie mit Lilly allein
30. Siegfried Arno: Wenn die Elisabeth
31. Hugo Fischer-Köppe: Du hast was auf dem Herzen
32. Mischa Spoliansky: So eine lausige Veranstaltung
33. Siegfried Arno: Und als der Herrgott Mai gemacht
34. Austin Egen: Wer im Frühling keine Braut hat
35. Jack Smith: Ich küsse ihre Hand, Madame
36. Richard Tauber: Ich küsse ihre Hand, Madame
37. Zarah Leander: Ein Kinostar
38. Heinz Rühmann & Hans Albers: Jawoll, meine Herrn
39. Hilde Hildebrand: Komm spiel mit mir blinde Kuh
40. Kirsten Heiberg: Warum hat der Napoleon
41. Lucienne Boyer: Parlez Moi D’amour
42. Willi Forst: Sag beim Abschied leise servus
43. Joseph Schmidt: Heut ist der schönste Tag in meinem Leben
44. Richard Tauber: Behalten sie mich in Erinnerung

LabelA1

*
**

Inlet01A

War damals so üblich: die Schutzhülle für die LP bot
unzählige Hinweise auf andere Schallplatten
(und heute ist das ne regelrechte Fundgrube)

 

Verschiedene Interpreten – Swing tanzen verboten (Teil 4) (2004)

FrontCover1Jetzt endlich Teil 4 und Schluss der Edition „Swing tanzen verboten“, jener üppig Edition, die sich vorrangig mit den Jazzaufnahmen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland erschienen, beschäftigte.
Die etwas intensivere Beschäftigung mit diesem Thema war für mich sehr lehrreich und zwar in viellerlei Hinsicht:
Zum einen lässt sich wohl festhalten, dass diese Musik den Nazischergen zwar ein Dorn im Auge war, dass sie diese Musik aber dennoch nicht gänzlich untersagen konnten. Auch auf dieser 4 CD finden sich diverse Stücke, die es sich erlaubt haben, englische Titel zu tragen, wie z.B. „Limehouse Blues“, oder „Weekend“. Und dab es dann noch ne Kentucky Melodie.
Oder: da singt die Schwedin Gretta Wassberg (begleitet von ihrem Lands- und Ehemann Arne Hülphers) ganz schön keck „Ich bin ich bin“ (“ … und tue das was mir gefällt“ … !)
Und hier noch ein weiterer geschichtlicher Überblick zu diesem Thema:
Der Jazz hielt aufgrund des Ersten Weltkrieges und der wirtschaftlichen Blockade der Siegermächte erst 1919 seinen Einzug in Deutschland. Vor allem die große Tanzwut der Nachkriegszeit – Ausdruck einer aufgrund der in der Kriegszeit erlittenen Entbehrungen verbreiteten Vergnügungssucht und förderte den Jazz.

Zwischen 1924 -1928 erreichte der Jazz in Deutschland seinen Höhepunkt. Der bis dahin gespielte Jazz der frühen Jahre wurde aber zunehmend als Irrweg und die neue Spielweise als Zähmung des wilden Jazz und als Abkehr von der „Radaumusik“ bezeichnet. Vorbild war vor allem das Orchester Paul Whitemans mit seinem „symphonischen Jazz“. Der Jazzboom bis 1928 war so groß, dass auch außerhalb des musikalischen Bereichs von einer Jazzmode gesprochen werden konnte.
Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre setzte auch eine weltweite Krise der Jazzmusik ein.
Ein erster wirklich bedeutender Einschnitt für den deutschen Jazz im beginnenden NS-Regime war die Errichtung der Reichsmusikkammer (RMK) als Unterabteilung der Reichskulturkammer (RKK) und den damit einhergehenden Einschränkungen für jüdische und ausländische Musiker, den Hauptträgern des Jazz in Deutschland.
WeekendDie Ausübung des Musikerberufes war an die Mitgliedschaft und eine damit verbundene Mitgliedskarte der RMK gekoppelt. Für den Erhalt dieser Karte mussten alle in Deutschland tätigen Musiker eine Eignungsprüfung über sich ergehen lassen. Diese Prüfungen sind im Nachhinein als willkürlich einzuschätzen, worunter in der Mehrheit ausländische und jüdische Musiker zu leiden hatten. Zusätzlich wurden ausländisch klingende Bandnamen verboten, die bekanntlich bei Jazzbands bevorzugt waren.
Ein populäres Beispiel stellen die „Comedian Harmonists“ dar, die sich in „Meistersextett“ umtaufen mussten. Eines der Hauptziele der RMK war die „Säuberung“ von Juden aus ihren eigenen Reihen.
Aufgrund dessen wurden alle Musiker aufgefordert, bis 1934 ihre ethnische und religiöse Zugehörigkeit anzugeben. Allerdings lief die Auswertung der Fragebögen aus organisatorischen Gründen sehr mühsam von statten, so dass nachweislich bis 1939 jüdische Musiker, darunter auch Jazzmusiker, bei der RMK registriert waren. Zusätzlich konnten die Angaben über die religiöse Zugehörigkeit auch gefälscht werden, was die angestrebte „Entfernung“ von Juden erschwerte.

KeinNiggerJazz

Während des gesamten Bestehens des Nationalsozialismus gab es nur wenige musikimmanente Gründe, die gegen den Jazz vorgebracht wurden. So wurde schließlich 1933 das Saxophon als das Jazzinstrument schlechthin ausgemacht und der Verkauf, sowie das Spiel dieses Instruments per Anordnung verboten. (Was so nun wirklich nicht stimme kann; Riffmaster)

BackCover1Der Jazz, in seiner Spielweise Demokratie und Individualismus ausdrückend, nichtarischen Ursprungs und ein Produkt der amerikanischen Lebensart, galt bei den Nationalsozialisten als unerwünschte, „entartete Musik“. Bis 1935 blieb der Jazz aber weitgehend unbehelligt (Goebbels Devise: Überreden und Überzeugen durch Anti-Jazz-Propaganda statt Verbot). Im deutschen Rundfunk wurde in einem gewissen Umfang sogar Jazz gespielt, weil dieser, in populäre Tanzmusik eingebettet, dem Geschmack der Mehrzahl der Hörer entsprach. Das Verbot von Jazzmusik im Rundfunk von 1935, konnte daher auch nicht durchgesetzt werden. Zudem war die NS-Definition von Jazzmusik derart „schwammig“, so dass eine Zuordnung eher willkürlich war.
Mitte der 30er Jahre bis Ende der 40er Jahre begann ausgehend von Amerika die „Swing-Ära“. Der Swing wurde in einer Bigband nach Arrangements gespielt, was die freie Improvisation einschränkte und afro-amerikanischen Elemente zurückdrängte. Dadurch war der von Musikern wie Benny Goodman, Glenn Miller und Tommy Dorsey vertretene Stil zunächst sogar von nationalsozialistischer Seite kurze Zeit als gute Tanzmusik toleriert worden und galt als „kultivierter Überwinder des alten wilden Jazz“. In vielen deutschen Filmen wurde in Anpassung an den Publikumsgeschmack sogar ebenfalls swing orientierte Musik gespielt, teilweise amerikanische Stücke sogar offensichtlich plagiiert.
Höhepunkt der Swingwelle in Deutschland war 1936 als bei der Olympiade in Berlin Weltoffenheit demonstriert werden sollte und ausländische (und deutsche) Musiker bei Gastauftritten Swing spielten.
1937 änderte die Regierung ihren relaxten Kurs im Bereich der Musikpolitik. Es wurden Kontrollen durchgeführt, die das Spielen der unerwünschten Musik unterbinden sollten. Da die musikalischen Kriterien (flotte Tanzmusik schon Jazz?) unzureichend waren, wurde überwiegend nach rassistischen Kriterien vorgegangen. Nichtarische Musiker, Komponisten, Texter und Sänger wurden aus dem Verkehr gezogen, nicht aber der Jazz an sich. Bis zum Kriegsanfang blieb der Kampf des NS-Regimes gegen die Jazz- und Swingmusik daher erfolglos. Ein beliebter Trick, um der Zensur zu entgehen, war die „Eindeutschung“ englischer Titel.
Aus „Tiger Rag“ wurde „Schwarzer Panther“ oder aus „Joseph! Joseph!“ (ein Lied jüdischen Ursprungs) „Sie will nicht Blumen und nicht Schokolade“.

Plattfüsse

„Swing macht Plattfüsse“ – vermutlich aus: Illustrierter Beobachter 1938/1939

Mit Beginn des Krieges änderte sich die Situation. Das Hören ausländischer Rundfunksendungen (spielten oft Swing) wurde verboten. Viele Orchester wurden aufgrund der Einberufung ihrer Musiker zur Wehrmacht zur Auflösung gezwungen. Unter diesen Umständen ist es um so verwunderlicher, dass der Swing in der Kriegszeit nicht nur weiter existierte, sondern bereits 1941-1943 einen erneuten Höhepunkt, eine Art „Swing-Revival“, erlebte. Denn nach dem Westfeldzug richteten die Nationalsozialisten ihr Hauptaugenmerk auf die erfolgreichen Kriegsereignisse und vernachlässigten die Kontrollen im kulturellen Sektor. So konnten ausländische Bands aus den besetzten Gebieten, die zur Unterhaltung der Heimatfront dienten, heiße, swingende Töne nach Deutschland bringen, an denen sich auch die deutschen Bands zunehmend orientierten. Viele jazzige Nummern wurden in das Plattenangebot eingeschmuggelt. Vor allem die Jugend war von der Swingmusik begeistert.
Die schon 1940 einsetzende Verfolgung von swing begeisterten Jugendlichen konnten das „Swing-Revival“aber nicht verhindern, denn die Bedürfnisse der Soldaten, die bei ihrem Heimaturlaub Entspannung bei flotter Musik wollten, hatten Vorrang. Lediglich regional und lokal wurden vereinzelt die Bestimmungen verschärft. Im August 1941 gab es sogar fast ein konkretes Jazzverbot, welches hot- und swingorientierte Musik im Original und als Imitation unterbinden sollte – allerdings wie schon vor dem Krieg ohne Erfolg.
Mit der Wende im Kriegsgeschehen, die im Juli 1944 zur nahezu völligen Schließung der Bars, Kinos, der Theater und Varietés führte, wurden auch die Bedingungen für den Jazz immer schwieriger. Dass die Swingmusik dennoch weiter existierte, beweisen lokale Jazzverbote und Anti-Jazz-Propaganda bis zum Ende des Krieges.
„Swing macht Plattfüsse“ – vermutlich aus: Illustrierter Beobachter 1938/1939
Wie gesagt: die vielen Facetten dieses Themas haben mich schon ungemein beschäftigt und eins ist schon mal ganz sicher: Es wird nicht das letzte Mal sein, dass hier in diesem blog über die Musik jener schlimmen Epoche die Rede sein wird. Die nächste Edition dieser Art ist bereits in Vorbereitung.
Und als bonus habe ich dann noch das booklet dieser Edition beigelegt:

Booklet08A.JPG
Titel:
01. Arne Hülphers & sein Tanzorchester: Ich bin wie ich bin (1939) (Eisbrenner/Dehmel) 2.56
02. Günter Herzog & sein Tanzorchester: Limehouse Blues (1938) (Braham/Furber) 2.40
03. Orchester Ernst Van T’Hoff: Du – immer wieder du (1941) (Frustraci/Gadlieri/Walter) 3.05
04. Jean Omer & Sein Orchester: Schicksal (1942) (Omer) 3.22
05. Tanzorchester Fud Candrix: Musik für Erika (1942) (Candrix) 2.46
06. Robert Gaden & sein Orchester: Ach, ich liebe alle Frauen (1938) (Grothe/Dehmel) 2.13
07. Georges Boulanger & sein Tanzorchester: Liebesserenade zur Nacht (1937) (Goletti) 2.48
08. Will Glahe & seine Bigband: Wenn es vom Schicksal bestimmt ist (1940) (Ernst) 3.08
09. Emanuel Rambour: Weekend (1938) (Meisel) 3.03
10. Pat Bonen & sein Tanzorchester: Frasquita (1937) (Hubert/Weiss) 2.53
11. Peter Igelhoff & sein Ensemble: Dieses Lied hat keinen Text (1942) (Igelhoff) 2.28
12. Bernhard Etté & sein Tanzorchester: Träumen von der Südsee (1939) (Kirchstein) 2.48
13. Georges Boulanger & sein Tanzorchester: Du, du gehst an mir vorbei (1939) (Hess/Misraki) 2.54
14. Kapelle Siegfried Erhardt: Tango Anjuschka (1942 ) (Jäger/Nebhut) 3.06
15. Kurt Engel: Tanzendes Holz (1939) (Engel) 2.44
16. Kurt Henneberg & sein Orchester: So wie ein Lied vom Winde verweht (1941) (Kreuder/Schwenn) 3.12
17. Joop Carlquist & seine Hawaiians: Wenn wir uns einmal wiederseh’n (1937) (van Desys) 2.47
18. Peter Igelhoff & sein Ensemble: Oui Madame (1940) (Jary) 2.55
19. Kurt Wege & seine Solisten: Ich mache alles mit Musik (1940) (Mackeben/Beckmann) 2.57
20. Bernhard Etté & sein Tanzorchester: Kentucky Melodie (1938) (Richartz) 2.53
21. Hans Carste & sein Orchester: Über die Dächer der großen Stadt (1936) (Schröder/Helm) 2.57
22. Robert Gaden & sein Orchester: Vergib (1937) (Winkler) 2.11
23. Georges Boulanger & sein Tanzorchester: Tango – Du bist doch meine Lieblingsmelodie (1939) (Schmitz) 2.55
24. Barnabas von Geczy & sein Tanzorchester: Piccolo Signor (1940) (Apollonie) 3.06
25. Otto Stenzel & sein Tanzorchester: Ti Pi Tin (1936) (Grever/Richter) 2.46

CD4A
*
**

Verschiedene Interpreten – Swing tanzen verboten (Teil 3) (2004)

FrontCover1Nun endlich Teil 3 dieser wirklich beeindruckenden Sammlung von Jazzmelodien aus jenen schrecklichen Jahren des Nationalssozialismus.

Hier ein weiterer kenntnisreicher Beitrag zu diesem Thema:

„Der Jazz wurde nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland erstmalig bekannt und war in den zwanziger Jahren als Tanzmusik in den Vergnügungsstätten der Großstädte beliebt.
In den dreißiger Jahren wurde mit der Swing-Musik der Jazz endgültig populär. Er war praktisch die Popmusik jener Zeit und erlangte eine Beliebtheit, die historisch einzigartig blieb.
Gleichzeitig war der Jazz schon seit jeher als »Negermusik« den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. So wurde 1927 durch entsprechende Protestaktionen Ernst Kreneks Oper »Johnny spielt auf« (die musikalische Anleihen bei der Jazzmusik machte) zum Skandalstück aufgebauscht.

Folgerichtig nahm mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 die Polemik gegen den Jazz zu. Argument gegen den Jazz war natürlich seine ethnische Herkunft. Kritisiert wurden die Klangfarben und das Instrumentarium. Da dieses jedoch fast ausschließlich aus europäischen Instrumenten bestand, mußte man die Kritik an den gestopften Blasinstrumenten festmachen. Weitere Kritikpunkte waren die »sinnlose Anwendung von Synkopen«, die »Schlagzeugorgien«, »künstlerische Zuchtlosigkeit«, »Verlotterung und Verschlampung im musikalischen Ausdruck« und die »unanständigen Tanzformen« . Letztendlich wurde die Jazzmusik sogar zum »politischen Kampfmittel der Juden« hochstilisiert.

Gab es nun ein Jazzverbot durch die Nationalsozialisten?
Diese Frage läßt sich, wie so oft, mit einem »Jein« beantworten.

Die erste offizielle Maßnahme gegen den Jazz fand bereits vor der Machtergreifung statt. 1930 veröffentlichte der thüringische Volksbildungs- und Innenminister, der Nationalsozialist Wilhelm Frick, einen »Erlaß wider die Negerkultur für deutsches Volkstum«6, der jedoch kein dezidiertes Verbot der Jazzmusik beinhaltete.

1933 wird in einem Erlaß der »übertriebene Hot-Rhythmus« verboten, während »melodiöser Jazz« ausdrücklich erlaubt war. Offizielle Verbote des Jazz werden von eifrigen Lokalgrößen in verschiedenen Städten ausgesprochen. Im selben Jahr wird auch der Jazz für die Berliner Funkstunde verboten. Derartige Verbote und Erlasse führten zu Verunsicherung und vorauseilendem Gehorsam unter den Musikern. Es ging sogar das Gerücht um, das Spielen des Saxophons sei verboten worden, worauf Vertreter der einheimischen Musikinstrumenten-Industrie bei der Regierung vorsprachen, die daraufhin versicherte, daß das anständige Spiel auf einem guten Saxophon deutscher Produktion selbstverständlich erlaubt sei.

SwingWerbungEs folgten weitere lokale Verbote, die nicht unbedingt die Musik betrafen, sondern das Swing-Tanzen. Am 12.10. 1935 verkündete Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky das »endgültige Verbot des Niggerjazz für den ganzen deutschen Rundfunk«8 Der Liebe der Deutschen für die Swingmusik tat all dies keinen Abbruch.

Die Musiker begegneten dem swingfeindlichen Klima mit ihrer eigenen Kreativität: Sie gaben den amerikanischen Jazz-Nummern einfach deutsche Titel, um den weitgehend musik-unkundigen Kontrolleuren ein Schnippchen zu schlagen. So wurde zum Beispiel aus dem »St. Louis Blues« kurzerhand das »Lied vom blauen Ludwig«.
Nach wie vor erklang Swingmusik in den großstädtischen Tanzpalästen, Jazzfans stellten ihr Radiogerät einfach auf die Frequenz ausländischer Sender ein (was damals noch erlaubt war) und amerikanische (Musik-) Filme, wie die »Broadway Melodie 1938«, erfreuten sich großer Popularität: »Die Nazis hatten Bücher verbrannt und Gemälde zerstört. Sie konnten dabei auf weit verbreitete Vorurteile und stilles Einvernehmen setzten. Bei der Tanzmusik war die Sache anders. Der Swing war leichte Kost. Auf ihn sprang das Tanzvolk an.«

Anläßlich der Olympischen Spiele 1936 wollte das Regime in besonderem Maße seine vorgebliche Weltoffenheit demonstrieren. Berlin sollte das Bild einer internationalen Metropole erwecken, wozu natürlich auch Jazzmusik gehörte. Der Schweizer Teddy Stauffer war mit seiner Band »Teddy Stauffer’s Original Teddies« der Star jener Tage. Er verkaufte europaweit hunderttausende von Schallplatten, wurde auf der Straße von seinen Fans angesprochen und genoß es, sich im Ruhm zu sonnen. Auch im Falle von Teddy Stauffer bewahrheitete sich die Regel, daß Öffentlichkeit der beste Schutz vor Repression ist. Stauffer erzählt selbst:

»Das Publikum raste vor Begeisterung. Plötzlich aber, gegen Mitternacht, flogen die Türen auf. Zuerst kam die Polizei. Hinter ihr kamen uniformierte SS-Männer. Unsere Vorführung wurde unterbrochen. Ein paar SS-Männer und Polizisten kamen zu mir. Einer deutete auf ein hinter dem Orchester angebrachtes Plakat und fragte böse: ‚Können Sie nicht lesen?‘
Auf dem Plakat stand unübersehbar:
Swingmusik und Swingtanzen verboten
‚Natürlich kann ich lesen‘, sagte ich. ‚Wir haben in der Schweiz allgemeine Schulpflicht.‘
‚Dann verstoßen Sie also absichtlich gegen das Verbot.‘
‚Tue ich das?‘ fragte ich scheinheilig. ‚Spielen wir wirklich Swing? Was ist Swing?‘
Ich erhielt keine Antwort. Statt dessen kam die Gegenfrage: ‚Spielen Sie keine deutsche Tanzmusik?‘

Ich knipste mit dem Fingern und rief meinen Musikern zu ‚Los Boys, die Nummer 124!‘ Auf den Notenpulten des Orchesters erschien der Schlager ‚Bei mir bist du schön‘. Die SS-Männer sahen den deutschen Titel und schmunzelten vergnügt. Sie hatten keine Ahnung, daß ‚Bei mir bist du schön‘ so etwas wie eine jüdische Hymne war.

Wir hatten noch nicht die Hälfte gespielt, als der Boß der SS-Leute wütend abwinkte. ‚Das klingt genau so amerikanisch wie der jüdische Dreck davor!‘ schrie er mich an. Ich knipste wieder mit dem Finger. ‚Buggle Call Rag bitte.‘ Dabei gab ich Zeichen im Marschtempo zu spielen.

Unser Schlagzeuger begann im Schweizer Soldatenstil im Marschtempo zu trommeln. Nach drei Paukenschlägen setzten wir alle mit Volldampf ein, standen auf und marschierten auf der Stelle im Takt mit. Auch das Publikum marschierte. Sitzend. Alles klatschte und marschierte. Der Lärm war größer als bei einer Parade am Brandenburger Tor.

Dann kam das Trompetensolo. Und da übertat sich Riquet Schleiffer etwas und schmuggelte in den ‚Buggle Call Rag‘ Motive aus dem ‚Horst-Wessel-Lied‘ ein. Das war des Guten zu viel und der Anfang vom Ende meines Erfolges in Nazideutschland. Die Herren sahen sich ratlos an, tuschelten miteinander, konnten mir aber nicht sagen, was Swing sei. Schließlich verabschiedeten sich mit bösen Blicken und einem kräftigen ‚Heil Hitler!‘.

YouStartedMeDreaming‚Heil Benny Goodman!‘ rief mein Klarinettist ihnen nach. Ein paar drehten sich um und glotzten den Klarinettisten dumm an. Offenbar wußten Sie nicht, wer Benny Goodman war. Vielleicht hielten sie ihn für eine neue Nazigröße. Jedenfalls zogen sie nach kurzem Zögern ohne jeden weiteren Einspruch ab.«

Tatsächlich war die internationale Karriere von Teddy Stauffer mit Kriegsausbruch beendet und er zog sich in die Schweiz zurück.

Neben ihrer unliebsamen Herkunft verkörperte die Swingmusik Werte wie Anarchismus, Hedonismus und Individualismus, die der nationalsozialistischen Ideologie grundsätzlich widersprachen:
»Beim Swingtanzen erfuhren die Deutschen eine fremde, Freiheit verheißende Botschaft am eigenen Leib. Und dort besetzte sie genau den Platz, den die Ideologen von Blut und Boden selbst mit Haut und Haar einzunehmen gedachten. Hierin lag die Macht des ‚Rauschgift Jazz‘, wie der Titel eines 1939 erschienenen Artikels laute.«

»1937 wird Benny Goodman als typischer ‚Swing-Jude‘ und ‚Rattenfänger von Neu York‘ (Nazi Originalton) zur Zielscheibe erklärt und verboten; Anfang 1938 folgt ein generelles Verbot von Schallplattenaufnahmen von Juden und jüdischen Komponisten«

1939 wird das Abhören ausländischer Sender verboten. Das Verbot war hauptsächlich dazu gedacht, die Bevölkerung vor Informationen, die der NS-Propaganda widersprachen, zu bewahren, führte allerdings auch dazu, daß die Jazzfans ebenfalls in die Illegalität gedrängt wurden.

Im Februar 1941 erklärt Propagandaminister Joseph Goebbels für »grundsätzlich verboten«:
»Musik mit verzerrten Rhythmen,
2. Musik mit atonaler Melodieführung und
3. die Verwendung von sogenannten gestopften Hörnern.
Diese Regelung sei von nun an bindend für die Darbietung jeglicher Art von Tanzmusik«
Dieses Verbot von Joseph Goebbels macht noch einmal die Definitionsprobleme deutlich, die die Nationalsozialisten mit dem Jazz hatten. Was »Verzerrte Rhythmen« sein mögen, ist vollkommen unklar, »atonale Melodieführung« gibt es im Jazz typischerweise gar nicht, bleibt als einziges, praktischerweise auch für den Musikunkundigen erkennbares, Kriterium das Spiel mit »gestopften Hörnern«, was allerdings ebenfalls nicht notwendigerweise zur Jazzmusik gehört.

ZehnUhrZehn1Kein Wunder, daß der 1935 ins Leben gerufene Prüfungsausschuß für Tanzmusik seine liebe Not hatte:
»Aber die Schwierigkeiten beginnen erst, wenn es sich darum handelt, die Grenzen des Jazz festzustellen und ‚Jazz‘ vom ‚Nigger-Jazz‘ streng zu unterscheiden. Wollte man wirklich rücksichtslos vorgehen, dann müßte man die gesamte Jazzbesetzung verbieten mitsamt den von Negern nach Amerika eingeführten Banjo [Das Banjo wurde übrigens von irischen Einwanderern nach Amerika gebracht – Anm. d. Autors] und dem Schlagzeug. Und dazu sämtliche Kompositionen, die ein kurzes abgehacktes, synkopiertes, ständig wiederholtes unmelodisches Thema im ‚Chorus‘ aufweisen. Aber soweit kommt es nicht. Wie mir ein Mitglied der Prüfungskommission verriet, handelt es sich nur um Übertreibungen und offensichtliche Entgleisungen stilistischer Art, die an den alten, in Wirklichkeit schon seit 1925 überwundenen ‚Neger Jazz‘ erinnern.«

Da das Volk aber nun mal tanzen wollte, gab es Bemühungen um eine neue deutsche Tanzmusik, die den ungeliebten Swing ersetzten sollte. So sollte ein Tanzkapellen-Wettstreit 1938 neue »arteigene Klänge« entdecken helfen, die sich durch »mäßigen Gebrauch von Synkopen« und ein »anständig geblasenes Saxophon« auszeichneten. Die Fachschule des Einheitsverbandes Deutscher Tanzlehrer kreierte den »Deutschländer«, der von der tanzenden Bevölkerung weitgehend ignoriert wurde.

1942 wurde »fremdländischer Schallplattenmusik« und die »Herstellung, Verbreitung und Aufführung musikalischer Werke von Autoren der Vereinigten Staaten« verboten. Das bedeutete, daß von nun an keine Schallplatten mit Jazzmusik aus den USA oder auch England offiziell zu kaufen gab. Interessanterweise war jedoch die deutsche Schallplattenindustrie, da sie durch langfristige internationale Verträge gebunden war, verpflichtet amerikanischen Jazz in Europa zu verbreiten. Gleichzeitig wurden auch Schallplatten mit deutschen Jazzorchestern für den Export produziert. Das NS-Regime hatte dagegen nichts einzuwenden, denn der Schallplattenexport brachte dringend benötigte Devisen ins Land. Gleichzeitig konnten auch Deutsche derartige Platten in den Schallplattenläden zumindest bestellen.

TanzorchesterHeinzWehner

Tanzorchester Heinz Wehner

Die Inkonsequenz der Jazzverbote nahm in den Kriegsjahren weiter zu. Propagandaminister Goebbels initiierte das Propaganda-Orchester »Charlie & His Orchestra«. Der Jazzband unter der Leitung von Lutz Templin gehörten auch zahlreiche ausländische Musiker sowie Juden und Zigeuner an, also Menschen, mit denen nach offizieller NS-Ideologie das Regime keinesfalls etwas zu tun haben wollte. »Charlie and His Orchestra« spielte beliebte Jazz-Nummern, die mit Propagandatexten versehen wurden. Diese Musik wurde in Rundfunksendungen ausgestrahlt, die an die West-Aliierten adressiert waren, oder gar in Form von Schallplatten hinter den feindlichen Linien mit dem Flugzeug abgeworfen.

Gleichzeitig nutzen auch die Alliierten den Jazz für ihre Propagandazwecke: Das amerikanische Glenn-Miller-Orchester wurde nach England geflogen, wo es in deutschsprachigen Rundfunksendungen musizierte.

Der deutsche Propagandajazz ist nicht nur ein Beleg für die Inkonsequenz der nationalsozialistischen Ideologie sondern demonstriert gleichzeitig wie sehr die Jazzmusik in jener Zeit die Menschen bewegte, so daß sie sogar als Kriegsmittel geeignet schien.

Aller Propaganda zum Trotz wollten die jungen deutschen Soldaten immer noch am liebsten »ihre« Jazzmusik hören. Der Krieg brachte es also mit sich, daß auch für die deutsche Bevölkerung wieder Jazz gespielt wurde, wenn auch unter der verschämten Bezeichnung »moderne rhythmische Musik«:

»Unsere Soldaten wünschen sich für ihre Ruhepausen, sozusagen als ‚Schallkulisse‘, vorwiegend eine aufgelockerte, stark rhythmische Musik, deren Wiedergabe im Rundfunk fälschlicherweise als ‚Jazz‘ bezeichnet wird. Von ‚Jazz‘ im eigentlichen Sinne kann jedoch in Wirklichkeit nicht die Rede sein.«

OrchesterKok

Orchester James Kok

Zusammenfassend kann man sagen, daß das Verhältnis des NS-Regimes zur Jazzmusik von Widersprüchen geprägt war. Einerseits widersprach sie der nationalsozialistischen Ideologie, andererseits versuchte man sie sich nutzbar zu machen, vor allem weil ihre Beliebtheit in der Bevölkerung nicht zu ignorieren war.

»Es bleibt letztendlich im Kampf gegen Swing und Jazz eigentlich stets beim Theaterdonner, bei Sticheleien, bei lokalen Erlassen; zu einer generellen gesetzlichen Verbotsregelung für den Swing aber kommt es nicht. Wir begegnen hier einem im Nationalsozialismus allgegenwärtigen Phänomen: Zwischen ideologischem Anspruch und Alltagsrealitäten klafft eine große Lücke.“ (Thomas Zippo Zimmermann)

Am deutlichsten wird diese „große Lücke“ bei dem Titel „Pinguin Swing“, trägt dieser Titel doch genau den von den Nazis verhassten Namen „Swing“ in sich … Ansonsten wünsche ich viel Vergnügen mit dieser Musik von all den tapferen Musikern dieser Zeit, sich unverdrossen ihrer musikalischen Leidenschaften hingaben … trotz aller Bedrohungen … Respekt !

KurtWiedemannOrchester

Kurt Widmann & sein Orchester

Titel:
01. Will Glahe & seine Bigband: Kleine Mädchen tanzen gern (Drabek/Walther) (1937)  2.33
02. Orchester James Kok: J.K’s Fliegender Hamburger (Petruschko) (1934) 3.04
03. Julian Fuhs & sein Jazzorchester: Liebesrausch (Michaeloff) (1928) 2.48
04. Will Glahe & seine Bigband: Eskapaden (Arndt) (1939) 2.44
05 . Kurt Widmann & sein Orchester:  Avant De Mourir (Boulanger) (1942) 3.19
06. Hans Bund & sein Tanzorchester:  Mein Kaktus tanzt (Kalthoff) (1934) 2.33
07. Lewis Ruth Band: Bleibe noch ein weilchen hier (Winkler/Grabau) (1934) 3.15
08. Adalbert Lutter & sein Orchester: Cara Mari (Zalden/Siegel) (1936) 3.15
09. Orchester James Kok: Pacific Express (Menchino) (1934) 3.16
10. Will Glahe & seine Bigband: Fräulein Mathilde (Kletsch/Jäger) (1938)2.59
11. Teddy Stauffer & die Original Teddies: Christopher Columbus (Barry/Razaf) (1936) 3.43
12. Tanzorchester Heinz Wehner: Delphi Fox (Ferstl) (1941) 3.13
13. Fritz Weber & Sein Tanzorchester: Pinguin Swing (Zalden) (1937) 2.36
14. Tanzorchester Max Rumpf: The Dipsy Doodle (Clinton) (1939) 3.03
15. Orchester James Kok: Geisterspuk (Mohr) (1934) 3.00
16. Julian Fuhs & sein Jazzorchester: Black Bottom (Henderson) (1926) 2.36
17. Will Glahe & seine Bigband: Everybody Sing (Brown/Freed) (1938) 2.56
18. Hans Bund & sein Tanzorchester: Fertig, Los !!! (Rowicz) (1933) 2.26
19. Ludwig Rüth & seine Band: Ist das nicht romantisch (Rodgers/Robinson) (1932) 3.03
20. Adalbert Lutter & sein Orchester: Sentimento Goucho (Canaro) (1935) 3.25
21. Teddy Stauffer & die Teddies: Is It True What They Say About Dixie (Ceansar/Marks) (1936) 3.07
22. Heinz Wehner & das Telefunken Swing Orchester: Meine Adelheid (Bhlanik/Igelhoff) (1936) 2.17
23. Fritz Weber & Sein Tanzorchester: Zehn Uhr zehn (Zeller/Beckmann) (1938) 2.49
24. Tanzorchester Max Rumpf:  Two Dukes On A Pier (Wagner) (1938) 2.57
25. Rene Schmassmann & die Lanigiros: Little Old Lady (Carmichaels/Adams) (1937) 2.57

CD1

*
**

Joseph Schmidt – Unvergänglich – unvergessen (Folge 91) (1958)

FrontCover1Eine wirklich tragische Geschichte hatte das Leben für den Tenor Joseph Schmidt vorgesehen:

Unter den berühmtesten Tenören des 20. Jahrhunderts nimmt der rumänische Sänger Joseph Schmidt zweifellos eine Sonderstellung ein. 1904 geboren, durchlebte er in einer Zeitspanne von nur 8 Jahren unvorstellbare Triumphe. Trotz weltweiter Erfolge aber sollte sein sehnlichster Wunsch zeitlebens unerfüllt bleiben: die Opernbühne. Auftritte im Kostüm blieben für den 1,54 m kleinen Mann nur Episoden. Hinter seinen vokalen Leistungen musste die optische Wirkung hoffnungslos zurückbleiben. Dennoch gelang es Schmidt sehr früh, seine grosse Chance wahrzunehmen – dank dem damaligen Massenmedium Nr. 1: dem Rundfunk. Sein Debut in Berlin 1929 war ebenso ungewöhnlich wie sein kometenhafter Aufstieg zur Weltelite: Vasco da Gama in Meyerbeers „Afrikanerin“. Bald gab es kaum eine Opernsendung, in der er nicht mitwirkte. Die bedeutendsten Sender bedienten sich seines klingenden Namens: London, Wien, Hilversum, Kopenhagen, Stuttgart, Hamburg, Zürich, um nur einige zu nennen. Seine strahlende Stimme erreichte die Wohnzimmer in aller Welt. Innert 4 Jahren sang Schmidt über 40 Opernpartien, wodurch er zum absoluten Radiostar seiner Zeit avancierte.

Mit der Premiere seines Filmes „Ein Lied geht um die Welt“ im Berliner Ufa-Palast am 9. Mai 1933 erreichte seine Popularität ihren Höhepunkt. Doch zur selben Zeit wird ihm der Zutritt zum Funkhaus verboten; Joseph Schmidt war Jude. Er übersiedelt erst nach Wien, dreht da weitere Filme wie „Ein Stern JosephSchmidtfällt vom Himmel“ -„Wenn du jung bist, gehört dir die Welt“ – „Heut’ ist der schönste Tag in meinem Leben“. Die Begeisterung über diese Kinowerke wird zur Hysterie der Massen, der Tenorstar steht im absoluten Zenit seines Schaffens. Millionenfach gehen seine Platten um den Erdball. In Konzertreisen durch ganz Europa, im Orient und dem Nahen Osten – ab 1937 auch in Amerika – macht der hochbezahlte, umjubelte Künstler die persönliche Bekanntschaft mit seinem Publikum. 1934 und 1936 filmt er auch in England. Als Rudolf in Puccinis „La Bohème“ schafft er 1939 in Brüssel den Sprung auf die Bühne. Mit Beginn des 2. Weltkrieges aber stürzt seine Glückskurve in endloses Dunkel. Eine Kette von unglücklichen Umständen versperrt ihm die Ausreise nach den USA. Zudem hindert ihn sein unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen, die politische Realität zu erkennen. Durch halb Europa gehetzt, erreicht er über Südfrankreich im Oktober 1942 endlich die rettende Insel Schweiz – illegal, denn „das Boot ist voll“. Noch 1940 hatte man ihn im Lande Wilhelm Tells gefeiert … jetzt ist er mittellos. Sein schlechter Gesundheitszustand bewahrt ihn nicht davor, von der Amtsmühle in ein Internierungslager im Zürcher Oberland eingewiesen zu werden. Bis zur „Abklärung seines Falles“ verbietet man dem weltbekannten Sänger jegliches Auftreten. In einem Zürcher Spital behandelt man seine Halsentzündung – seinem Hinweis, auch Schmerzen in der Brust zu haben, wird aber keine Bedeutung zugemessen. Man hält ihn für einen Simulanten. Als „geheilt“ und „wieder lagerfähig“ entlässt man ihn am 14. November 1942. Zwei Tage später ist Joseph Schmidt tot – sein Herz hatte versagt. Im Bombenhagel Europas, von der Welt kaum bemerkt, war sein Stern gefallen – mit 38 Jahren… Auf dem Israelitischen Friedhof „Unterer Friesenberg“ in Zürich fand der Welt kleinster grosser Tenor seine letzte Ruhestätte. Sein Grabstein trägt die Inschrift „Ein Stern fällt“.

 Anlass für diese gigantische Single-Serie (hier präsentierte ich Folge 91!) war der Starts des Filmes „Ein Lied geht um die Welt (Die Joseph-Schmidt-Story)“ (Regie: ). Über den Film schreib das Lexikon des internationalen Films u.a. folgendes: „Mit sentimentalen Sequenzen ausgeschmückte Lebensgeschichte des berühmten Tenors […]. Gefühlvoll gestaltet, in der Darstellung des politischen und zeitgeschichtlichen Hintergrundes verharmlosend. Das Verdienst des Films liegt darin, daß er Schmidts Stimme in technisch aufgefrischten Originalaufnahmen wieder lebendig macht.“ (Wundert mich nicht sonderlich)

Und diese Single enthält 4 dieser aufgefrischten Originalaufnahmen (technisch verbessert im August 1958 ist auf der Hülle zu lesen).

Und vielleicht mag ja der eine oder andere diesem berühmten Tenor mal sein Ohr leihen.

Und gleich der erste Titel dieser EP („Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben“) ist für Joseph Schmid traurige Wirklichkeit geworden.

Filmkurier948A

Besetzung:
Joseph Schmidt (Tenor)
+
Chor und Orchester unter der Leitung von Felix Günther

BackCover1
Titel:
01. Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben (Neubach) (1935) 3.15
02. Ein Stern fällt vom Himmel (May/Neubach) (1934) 2.56
03. Oh Marie ! (di Cappua/Russo) (1936) 5.21
04. Lisetta (May/Neubach) (1934) 2.17

LabelA1

*
**

Verschiedene Interpreten – Swing tanzen verboten (Teil 2) (2004)

FrontCover1Nun Teil 2 dieser spannenden Edition von Jazzaufnahmen, die obwohl es sich um „unerwünschte Musik“ handelte im III. Reich erschienen sind.

Gott sei Dank hat die Forschung über dieses Thema sehr intensiv eingesetzt und so finden sich vielfältige Artiekl undBeiträge zu diesem Thema auch in diversen Internagt blogs. Beispielhaft dafür folgender Beitrag:

„Unter dem dem Titel „Artfremde Kunst und Musik unerwünscht – Jazz im Dritten Reich“ hat Horst H. Lange für die Darmstädter Jazzforschung einen kenntnisreichen Aufsatz verfasst, den ich mir nach langer Zeit wieder einmal zu Gemüte geführt habe. Zitate aus dem Artikel (That’s Jazz – Der Sound des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 1988 ) bilde ich kursiv ab.

Vergegenwärtigen wir uns vorweg den Stand des Jazz im Mutterland dieser Musik in jener Zeit, erkennt man, dass er weit davon entfernt war, die Massen zu erreichen und in breite Schichten vorzudringen. Vergessen wir nicht, dass in Amerika tiefgreifender Rassismus und ethnische Trennung vorherrschten und um 1930 der Jazz auch jenseits des Atlantiks rassistischen Vorurteilen ausgesetzt war. Nicht unbedingt von oben angeordnet, aber inmitten der Gesellschaft tief verwurzelt. Schwarze Musiker arbeiteten unter unwürdigen Bedingungen oder wurden gar daran gehindert, ihre Musik auszuüben.

Nun nach Deutschland: Berlin war Ende der 20er-Jahre durchaus ein Zentrum des internationalen Jazz, angeblich nach New York und London möglicherweise das drittgrößte, da habe ich allerdings meine Zweifel. Die Weltwirtschaftskrise und die „damit verbundene sinkende Kaufkraft und Rückgang der Vergnügungsindustrie“ setzten dem Jazz hierzulande bereits mächtig bei. Und auch vor 1933, zum Ende der Weimarer Zeit, gab es bereits offizielle „Ächtungen“ und wohl auch ein Verbot der Ausstrahlung und Aufführung des Jazz in Thüringen. Die Nazis hingegen haben den Jazz zu keiner Zeit gesetzlich verboten. Das einzige Verbot, ohne allzu augenfällige Verbindlichkeit, erließ der „Reichssendeleiter“ im Jahre 1935. Dazu ein Auszug aus dem „Völkischen Beobachter“: „Der Niggerjazz ist von heute ab im deutschen Rundfunk endgültig ausgeschaltet.“ (… es folgt eine Aufführung, welche Gremien und Personen in Zukunft zu entscheiden haben, was gespielt werden darf…) „Alle Sender des deutschen Rundfunks bringen heute zu noch unbestimmter Zeit innerhalb eines Unterhaltungskonzerts eine Jazzparodie, der Art, wie sie in Deutschland zukünftig nicht mehr geduldet werden. Eine gleich darauf folgende, der deutschen Tanzmusik entsprechende Instrumentierung der gleichen Melodie soll die Unterschiede klar machen, die zwischen Niggersang und deutschem Tanzlied bestehen.“

NaziPlakatAngesichts solcher Zitate meine Frage im oben erwähnten Thread: Wie soll in solch einer Atmosphäre Kunst entstehen, sich der kreative Geist entfalten, wenn von kleinbürgerlichem, angstvollem, rassistisch verseuchtem Gedankengut so etwas verordnet wird? Zu meiner Überraschung: Es ging! Nehmen wir die Verbreitung von Schallplatten: Deutsche Plattenfirmen waren vertraglich international gebunden, dass „selbst die Nazis aus devisenrechtlichen Gründen nichts gegen die Einfuhr amerikanischer und englischer (auch Jazz-)Schallplatten unternehmen konnten“ (…)

Und dann nahm der Jazz kurz nach der Machtergreifung auch noch jene Wende zum allseits gefälligen und unglaublich populären Swing, erstmals auch von weißen Musikern in Amerika entscheidend geprägt, dass er „nunmehr als kultivierter Überwinder des alten „wilden“ Jazz der dekadenten 20er Jahre angesehen wurde.“ Um 1936 erlebte die „reinliche“ Swing-Welle gar eine Blütezeit in Deutschland, man nehme beispielsweise Teddy Stauffer, „von den Nazis als schräge Musik bezeichnet, aber zunächst noch halbwegs toleriert, da man ja das internationale Flair Berlins erhalten wollte.“ Und hier revidiere ich meine Meinung gerne: Dass nämlich auch in Deutschland ganz hervorragende Musiker zugange waren, die sowohl instrumentalistisch, als auch vom Ausdruck hervorragende Leistungen gebracht haben.

Swing war – nahezu einmalig in der Jazz-Geschichte – nicht zuletzt auch ehrliche Tanzmusik. Laut Horst H. Lange stieß den Nazis vor allem das „undeutsche Niggergebaren“ beim Ausüben des Tanzes, weniger die Musik selbst derart übel auf, dass es Ermahnungen der Reichsmusikkammer hagelte. Man konnte sich aber anscheinend dennoch einigermaßen durchlavieren, was nicht zuletzt an der Cleverness der Jazz-Ausübenden und der Bräsigkeit der Funktionäre lag, denen man „die Swingmusik oft als neuen deutschen Tanzstil aufschwatzen konnte.“

Kriegsbeginn. Die Lage ändert sich entscheidend. Jazz – von den deutschen Machthabern immer wieder auch mit England in Verbindung gebracht – war jetzt endgültig die Musik des Feindes. „Feindsender“ hören konnte man mit dem Leben bezahlen. Die in Deutschland tätigen Jazzorchester stellten ihre Arbeit ein, nicht zuletzt dadurch, dass ihre Mitglieder zur Wehrmacht einberufen wurden. Außerdem hatte sich im Ursprungsland des Jazz der Wind musikalisch entscheidend gedreht. Die jungen Wilden machten Furore: Charlie Parker, Thelonious Monk, die die Grundfesten der leichten Muse Swing erschütterten und das Tor zum modernen Jazz aufzustoßen begannen.

Der Krieg tobte an vielen Fronten, im Westen rückten Harry James, Glenn Miller & Co im Zuge der allierten Truppenbetreuung vor, Jazz wurde zum Soundtrack der Befreiung. Und auch in Deutschland selbst war es plötzlich wieder möglich, Jazz zu hören. Musiker wie Kurt Widmann, Michael Jary oder Helmut Zacharias hatten hörenswerte Ensembles, durchaus eigenständig musizierend im Vergleich zu ihren amerikanischen Vorbildern. Nicht zuletzt Goebbels veranlasste „nicht so hart gegen die Landserwünsche von schräger Musik vorzugehen, um in ernsten Zeiten eine Lebensfreude zu erhalten.“ Ein absurder Zynismus. Der brachte immerhin sogar wieder deutsche Rundfunk-Swing-Orchester auf den Plan. Selbst im Elend von Theresienstadt, wo auch Krasa noch wirken „durfte“, tolerierte man die „Ghetto Swingers“, deren berühmtestes Mitglied, Gitarrist Coco Schumann, noch bis vor nicht allzu langer Zeit beredtes Zeugnis jener Tage ablegen konnte. Der „totale Krieg“, der Kampf ums nackte Überleben in nahezu jeder deutschen Großstadt, beendete dann das Jazzleben, wohl auch nahezu sämtliches andere kulturelle Leben.

AdalbertLutter

Adalbert Lutter & sein Orchester

Meine Lektüren, die ich hier nur in kurzen Schlagworten zusammenfassen kann, überraschten mich selbst, ob der Komplexität, wie der Jazz im Dritten Reich gegängelt wurde, sich Nischen gesucht hat, dann wieder gefördert wurde und sich immer seinen Weg bahnen konnte. Klar ist aber auch – und da wären wir noch einmal bei Werner Egk: Wirkliche Größe kann sich nur in Freiheit entfalten. Das Ranwanzen an die Herrschenden ging eigentlich immer einher mit der Aufgabe der eigenen künstlerischen Souveränität und Klasse. In der Grauzone, in der Subversivität und mit der Intelligenz, die kulturlosen Machthaber mit größter Intelligenz zu übertölpeln, sind durchaus große Leistungen machbar gewesen. Ich denke da z.B. an Schostakowitsch.“ (Carsten)

Einen weiteren Überblick zum Thema „Jazz in totalitären Diktaturen der 30er Jahre“, verfasst von Martin Lücke lege ich dieser Präsentation bei.

KeinNigger-JazzImRadioArtikel.jpg

Titel:
01. Lothar Brühne & das UFA Tanzorchester:  Ein Zug fährt ab (Brühne) (1943)  2.43
02. Orchester Willi Stech: Wenn froh ein Lied erklingt (Berking) (1942) 2.42
03. Dreigroschenband: Truxa Foxtrott (Leux) (1937) 3.03
04. The Admirals: Puttin’ On The Ritz (Berlin) (1930) 3.16
05. Adalbert Lutter & sein Orchester: Weißt du, wie lieb du bist? (Drabek/Walter) (1939) 3.17
06. Willy Berking & sein Tanzorchester: Tempo Tempo (Berking) (1943) 2.34
07. Stan Brenders & sein Tanzorchester: An mein Herz (Jary) (1942) 2.27
08. Willi Stech & sein Orchester: Hochzeitsnacht im Paradies 1 (Schröder) (1943) 3.23
09. Willi Stech & sein Orchester: Hochzeitsnacht im Paradies 2 (Schröder) (1943) 3.10
10. Willy Berking & seine Solisten: Tonleiter (Berking) (1944) 2.39
11.  Dreigroschenband: Wenn ich einmal traurig bin (Reisfeld/Marbot) (1932) 2.46
12.  Elite Tanzorchester & Corny Ostermann: Allerschönste aller Frauen (Grothe/Dehmel) (1943) 3.09
13.  Adalbert Lutter & sein Tanzorchester: Oh Marie, oh Marie (Di Ceglie/Schwenn/Schaeffers) (1944) 2.46
14.  Kurt Widmann & sein Orchester: Schwarze Augen (Ferrari) )1942)  2.58
15.  Willy Berking & sein Tanzorchester: Immer wieder Rhythmus (Berking) (1942) 2.29
16.  Kurt Widmann & sein Orchester: Ja, das ist meine Melodie (Bochmann/Balz) (1941) 2.43
17.  Adalbert Lutter & sein Orchester: Rhythmus der Freude (Kennedy/Carr) (1937) 3.13
18.  Willy Berking & seine Solisten: Rauf und runter (Berking) (1944) 2.39
19.  Dreigroschenband: Ich liebe dich und kenn dich nicht (Grothe/Dehmel) (1934) 3.04
20. Orchester James Kok: Fensterpromenade (Mohr/Walter) (1933) 2.52
21.  Julian Fuhs & sein Jazzorchester: Stella (Michaeloff) (1927)  3:05
22. Kurt Widmann & sein Orchester: Ja, das ist nun mal mein Rhythmus (Widmann) (1942)  2.42
23.  Adalbert Lutter & sein Orchester: Nächte am La Plata (Estvilla) (1933)  3.17
24. Willy Berking & seine Solisten: Synkope (Berking) (1944) 2.45
25. Dreigroschenband:Es war einmal ein Musikus (Schwarz) (1932)  2.39

CD1
*
**

Verschiedene Interpreten – Zu schön um wahr zu sein (ca. 1966)

FrontCover1.JPGUnd jetzt wird es wieder mal gnadenlos nostalgisch. Willy Fritsch präsentiert Tonfilmmelodien der zwanziger und dreißiger Jahre … Das Kino-Schlagerprogramm !

Willy Fritsch, geboren als Wilhelm Egon Fritz Fritsch (* 27. Januar 1901 in Kattowitz; † 13. Juli 1973 in Hamburg), war ein deutscher Schauspieler und Sänger. Von 1921 bis 1964 spielte er in fast 130 Kinofilmen und zählte zeitweise zu den beliebtesten Filmstars in Deutschland.

Willy Fritsch war der Sohn des Inhabers der Maschinenfabrik Fritsch & Brattig, Lothar Fritsch. Nach dem Konkurs der Firma zogen seine Eltern mit ihm 1912 nach Berlin, wo der Vater seit 1910 als Betriebsleiter bei Siemens tätig war. Dort begann Willy Fritsch 1915 eine Mechanikerlehre, die er allerdings abbrach. Nach Hilfstätigkeiten am Berliner Landgericht hatte er kleine Einsätze als Komparse im Chor des Großen Schauspielhauses.

Im Jahr 1919 nahm Willy Fritsch privaten Schauspielunterricht an der Max-Reinhardt-Schule und erhielt bald kleinere Rollen am Deutschen Theater. Ab 1920 drehte er regelmäßig Filme und spielte vorzugsweise in Komödien den jugendlichen, eleganten

WillyFritsch01.jpg

Willy Fritsch 1927 auf einer Fotografie von Alexander Binder

Charmeur und Liebhaber an der Seite berühmter Kolleginnen seiner Zeit wie Olga Tschechowa, Ossi Oswalda und Lilian Harvey. Seit 1923 festangestellter Schauspieler der UFA, erlangte er 1925 auch erstmals internationale Beachtung durch seine Hauptrolle in der stummen Operettenverfilmung Ein Walzertraum von Ludwig Berger. Sie brachte ihm ein Angebot der United Artists ein, das er mangels Englischkenntnissen jedoch ausschlug. Durch seine Mitwirkung in den Fritz Lang-Filmen Spione (1928) und Frau im Mond (1929) gelang Fritsch zwischenzeitlich auch der Spagat ins ernsthafte Rollenfach.

Ab 1929 drehte Willy Fritsch Tonfilme, meist mit Lilian Harvey oder Käthe von Nagy. Da es sich häufig um Musikkomödien handelte, nahm er auch Gesangsunterricht. In Melodie des Herzens (1929) sprach er den ersten Satz des deutschen Tonfilms: „Ich spare nämlich auf ein Pferd.“ Jetzt und in den folgenden Jahren wurden viele Melodien aus seinen Filmen zu bekannten und erfolgreichen Schlagern, wie Ein Freund, ein guter Freund oder Liebling, mein Herz lässt dich grüßen (Die Drei von der Tankstelle, 1930), Das gibt’s nur einmal (Der Kongreß tanzt, 1931), Ich wollt‘ ich wär‘ ein Huhn (Glückskinder, 1936) oder Ich tanze mit dir in den Himmel hinein (Sieben Ohrfeigen, 1937). Fritsch spielte außerdem die Hauptrolle in Ihre Hoheit befiehlt (1931) sowie Ein blonder Traum (1932), jeweils nach einem Drehbuch von Billy Wilder. 1935 drehte er unter der Regie von Reinhold Schünzel die von ihm stets als persönlicher Lieblingsfilm bezeichnete, satirische Komödie Amphitryon. Seine Gagen erreichten inzwischen Rekordhöhen. 1937 heiratete Willy Fritsch die artistische Tänzerin Dinah Grace (Ilse Schmidt), mit der er die Söhne Michael und Thomas Fritsch (letzterer ebenfalls Schauspieler) bekam.

WillyFritsch02.jpgWilly Fritsch wurde auf Druck seines Ortsverbandes NSDAP-Mitglied, blieb aber in den Filmen – bis auf zwei Ausnahmen (die Propagandafilme Anschlag auf Baku und Junge Adler) – unpolitisch. Als Parteimitglied wurde er zum Ehrenmitglied der Kameradschaft der Deutschen Künstler sowie in den Beirat der Reichsfachschaft Film berufen, aufgrund seines mangelnden Engagements jedoch nicht mehr mit weiteren Aufgaben betraut. Im August 1944, in der Endphase des Zweiten Weltkriegs nahm ihn Goebbels in die Gottbegnadeten-Liste der Schauspieler auf, die er für die Filmproduktion brauchte, womit Fritsch vom Kriegsdienst freigestellt wurde.

Im Jahr 1939 endete seine Zusammenarbeit mit Lilian Harvey mit dem Film Frau am Steuer, da diese nach Frankreich emigrierte. An der Seite von Marika Rökk spielte er kurz darauf im ersten deutschen Farbspielfilm Frauen sind doch bessere Diplomaten (1940) und wurde allgemein ab 1940 wieder öfter für Kostümfilme besetzt. In dem erfolgreichen, an frühe Tonfilm-Operetten angelehnten und in Wien hergestellten Film Wiener Blut (1942) übernahm Fritsch unter der Regie von Willi Forst neben Theo Lingen und Hans Moser die dritte Hauptrolle. Zusammen mit Hertha Feiler spielte er 1943 außerdem in der Komödie Der kleine Grenzverkehr nach einem Roman von Erich Kästner, der für diesen Film unter Pseudonym auch das Drehbuch verfasste. Die letzten Kriegsmonate verbrachte der Schauspieler in Prag, wo er unter anderem zusammen mit Johannes Heesters für den Film Die Fledermaus vor der Kamera stand und trotz seiner Parteizugehörigkeit wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ von der Gestapo überwacht wurde.

WillyFritsch03.jpg

Nach Kriegsende zog Fritsch nach Hamburg und spielte Ende der 1940er Jahre unter anderem in den satirischen Nachkriegsproduktionen Film ohne Titel (1947) an der Seite von Hildegard Knef sowie Herrliche Zeiten (produziert von Heinz Rühmann, Drehbuch Günter Neumann), der 1950 den Silbernen Lorbeer des David O. Selznick-Preises als „bester, der Völkerverständigung dienender Film in deutscher Sprache“ erhielt.[4] Anschließend wandelten sich seine Rollen mehr und mehr vom Geliebten zum Vater, wie seine Rolle als Romy Schneiders Vater in deren Filmdebüt 1953, Wenn der weiße Flieder wieder blüht. Ferner wirkte er in diversen Heimatfilmen mit, u.a. in dem mit dem Bambi als geschäftlich erfolgreichster Film der Spielzeit 1951/1952 prämierten Film Grün ist die Heide. Mit einer Hauptrolle in dem 1958 nach einem Drehbuch von Dieter Hildebrandt produzierten Film Mit Eva fing die Sünde an, der 1962 durch Francis Ford Coppola als dessen Regiedebüt um weitere Szenen ergänzt und unter dem Titel The Bellboy And The Playgirls wiederveröffentlicht wurde, begab sich Fritsch noch einmal ins kabarettistische Fach. An der Seite von Peter Kraus war er außerdem in dem seinerzeit kommerziell sehr erfolgreichen Film Was macht Papa denn in Italien? (1961) zu sehen. Nach dem Tod seiner Frau (1963) zog er sich jedoch bald vollständig von Film und Öffentlichkeit zurück. Seinen letzten Film drehte er an der Seite seines Sohnes Thomas Fritsch im Jahre 1964 (Das hab ich von Papa gelernt). Er hinterlässt ein Werk von fast 130 Filmen. Willy Fritsch starb im Alter von 72 Jahren an einem Herzinfarkt und wurde auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg beerdigt. Sein schriftlicher Nachlass befindet sich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin(Quelle: wikipedia)

Ilse Werner.jpg

Ilse Werner

Und dieser illy Fritsch führt mit launigen Worten durch diese Filmschlager-Revue … und natürlich war jene Genreration, die sich durch das III. Reich zu quälen hatte, die Zielgruppe für diese LP (Es war bereits die 4. LP dieser Reihe).

Überrascht war ich, wie viele der Filmtitel und die dazu passenden Schlager mir „irgendwie“ bekannt erschienen … Stichwort: kollektives Bewusstsein ….

Und natürlich hören wir keine Worte über jene Zeit, die z.B. dazu führte, dass ein Joseph Schmidt als Jude unser Land im Jahre 1933 verlassen musste … um dann nach einer Odyssee  im Jahr 1942 in einem schweizerischem Lager letztlich qualvoll sterben musste.

JosephSchmidt.jpg

Ein weiteres Beispiel dafür, wie man all diese geschichtlichen Ereignisse so locker vom Hocker verdrängen konnte und wollte.

Also: hier jede Menge Filmhits jener Dekaden … in einer gelegentlich wahrlich „knackigen“ Qualität … mit einem gelegentlich bitterem Beigeschmack.

BackCover1.JPG

Titel:

01. Zu schön um wahr zu sein (Teil 1) 29.42
01.01. Willy Fritsch: Bin kein Hauptmann (aus: „Melodie des Herzens“, 1929)
01.02. Lilian Harvey: Das gibt’s nur einmal (aus: „Der Kongreß tanzt“, 1931)
01.03. Jan Kiepura: Ob blond, ob braun (Ich liebe alle Frau’n, 1935)
01.04. Gitta Alpar: Wir sind jung (aus: „Die oder keine“, 1930)
01.05. Anny Ondra & Hans Söhnker: Auf der Rue Madeleine (aus: „Der Unwiderstehliche“)
01.06. Horst Schimmelpfennig: Donkey Serenade (aus: „Tarantella“)
01.07. Victor de Kowa: Guten Morgen, liebe Sonne (aus: Vielleicht war’s nur ein Traum“)
01.08. Marlene Dietrich: Ich bin von Kopf bis Fuß (aus: „Der Blaue Engel“, 1930)
01.09. Pola Negri: Nur eine Stunde (aus: „Mazurka#“, 1935)
01.10. Jenny Jugo: Ich bin lustig (aus: „Pygmalion), 1935)
01.11. Zarah Leander: Nur nicht aus Liebe weinen (aus: „Es war eine rauschende Ballnacht“, 1939)
01.12. Joseph Schmidt: Ein Lied geht um die Welt (aus: „Ein Lied geht um die Welt„, 1933)

02.Zu schön um wahr zu sein (Teil 2) 29.47
02.01. Evelyn Künnecke: Weißt du noch, Liebling
02.02. Willy Fritsch: Warum hat die Adelheid (aus: „Frau am Steuer“, 1939)
02.03. Comedian Harmonists: Kleiner Mann was nun (aus: „Kleiner Mann was nun„, 1933)
02.04. Rudi Schuricke: Stern von Rio (aus: „Stern von Rio“ 1940)
02.05. Wilhelm Strienz: Steig ein in die Gondel (aus: „Casanova heiratet“, 1939)
02.06. Marika Rökk: Lieder, die uns der Zigeuner spielt (aus: „Heißes Blut“, 1936)
02.07. Willi Forst: Ich liebe, du liebst (aus: „Burschenlied aus Heidelberg“)
02.08. Lizzi Waldmüller: Du hast Glück (aus: „Bel Ami“, 1939)
02.09. Richard Tauber: Dein ist mein ganzes Herz (aus: „Land des Lächelns“ 1932)
02.10. Hans Albers: Das ist die Liebe der Matrosen (aus: „Bomben auf Monte Carlo“, 1931) + Flieger, grüß mir die Sonne (aus: „FP 1 antwortet nicht“, 1931)
02.11. Heinz Rühmann & Hertha Feiler: Mir geht’s gut (aus: „Lauter Lügen“, 1938)
02.12. Ilse Werner: Wir machen Musik (aus: „Wir machen Musik„, 1942)
02.13. Will Glahé Orchester; Können sie schon Fernsehen (aus: „Es geht um mein Leben)

LabelB1.JPG
*
**