Knut Kiesewetter – That’s Me (1967)

FrontCover1.jpgSeit den 60er Jahren hat der Knut Kiesewetter bei mir einfach einen Stein im Brett … vermutlich weil er doch ein ganz schön musikalische Spannbreite hatte … :

Knut Kiesewetter wurde am 13.9.1941 in Stettin an der Ostsee geboren. Als Dreijähriger kam er Anfang 1945 nach Garding auf die Halbinsel Eiderstedt (Nordfriesland). Nach Beendigung der Schule in St.Peter-Ording an der Nordsee studierte er in Lübeck und Hamburg Musik (klassische Posaune). Sein Interesse an der Musik weckte der weltspitzen Jazzposaunist Jack Teagarden, den er heute noch sehr bewundert.

Weil Jack Teagarden auch ein hervorragender Sänger war, fing Knut Kiesewetter ebenfalls an zu singen. Um sich beim Gesang begleiten zu können, brachte er sich das Gitarrenspiel selbst bei. Eine Gitarrengrifftabelle hat KK nie gesehen, so wie er auch nie eine Stunde Gesangsunterricht gehabt hat.

Seine erste Posaune besorgte er sich als 14jähriger und stand am 1. Februar 1957 als 15jähriger beim Faschingsfest des Gymnasiums St. Peter-Ording zum 1. Mal als Musiker auf der Bühne.

KnutKiesewetter01Mit neunzehn Jahren machte er seine ersten Schallplattenaufnahmen. Als Gesangssolist der Gruppe „Die Tramps“ wurde bereits seine zweite Single ein großer Hit (Am Missouri 1961). Im selben Jahr hatte er auch als Posaunensolist mit der Gruppe „Blue River Boys“ einen Hit in Skandinavien (Chopsticks Twist).

Weil der Name Knut Kiesewetter den Schallplattenfirmen zu unkommerziell klang, verpasste man ihm alle möglichen Künstlernamen, z.B. Kid Kiets, Nut Weather, The Big Kid etc..

Als neunzehnjähriger gewann er auch beim Düsseldorfer Amateur-Jazz-Festival. Dieses Festival wurde damals für so wichtig genommen, dass es dem „Jazz-Papst“ Joachim Ernst Berendt zwei Fernsehsendungen wert war. Berendt war von Kiesewetter so begeistert, dass er ihn in seinen Zeitungsartikeln, Rundfunk- und Fernsehsendungen so über den grünen Klee lobte, dass Kiesewetter folgerichtig im nächsten Jahr auch den deutschen Jazz-Poll (eine Publikums- und Kritikerumfrage) gewann.
Ab jetzt waren auch die Schallplattenfirmen bereit, ihn unter seinem richtigen Namen zu veröffentlichen.
Den deutschen Jazz-Poll gewann KK noch über 10mal. Auch den europäischen Jazz-Poll der führenden französischen Jazz-Zeitschrift „Blue Note“ gewann er drei Mal.

Kiesewetter hatte nie Berührungsängste mit anderen Musikrichtungen, wie es in den Fünfzigern und Sechzigern üblich war. Schon als Achtzehnjähriger teilten er und seine Jazz-Band sich die Bühne im Hamburger „Indra“ mit einer jungen englischen Rock-Band, die sich „The Beatles“ nannte.

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So machte er in den 60er Jahren Blues-, Jazz-, Rock-,
Soul-, Gospel-, Chanson- und Folk-Aufnahmen.
Sogar Johann Sebastian Bachs Liebeslied: „Willst Du Dein Herz mir schenken“ spielte er 2mal ein.

Er war einer der wenigen deutschen Sänger, der auf dem legendären Label „Star Club Records“ erschien.
Das im Gospelgesang weltweit führende amerikanische schwarze „Golden Gate Quartett“ akzeptierte 1965 den weissen Gospelsänger KK als Mitwirkenden bei einer dreiwöchigen Tournee durch Polen. Er blieb noch lange mit ihnen befreundet.
Auch im Jazz hielt er wenig von strikter Trennung der Stilrichtungen, sondern sang und spielte mit Inbrunst alles, was ihm gefiel. So unter anderem mit den Oldtime-Klarinettisten George Lewis und Albert Nicholas, aber auch mit den Modernen Tony Scott und Rolf Kühn. Mit den Trompetern „Wild“ Bill Davison und Henry „Red“ Allen, andererseits mit Chet Baker oder Dizzy Gillespie. Mit dem Posaunisten Chris Barber, aber auch mit Albert Mangelsdorf. Mit dem Altsaxophonisten Benny Waters wie auch mit Phil Woods. Er ließ sich am Piano von Horst Jankowsky, Paul Kuhn, Wolfgang Dauner, Mary-Lou Williams und Joe Zawinul begleiten, von dem Ellington-Bassisten Ernie Sheppard als auch von dem sagenumwobenen Nils-Henning Oersted-Pedersen und nahm auf mit den Schlagzeugern Kenny Clarke und Charly Antolini. Er spielte mit Bands wie Barrell-House Jazzband und Old Merrytale Jazzband, aber auch mit der Big-Band Peter Herbolzheimer und arbeitete mit dem Orchester Count Basie. Er sang und spielte im Duett mit Bill Ramsey, Gitte Henning und Alexis Korner.
Diese Liste ist eher zufällig und ließe sich beliebig fortsetzen.

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Natürlich bekam Knut Kiesewetter auch einige darstellende Rollen in Filmen im In- und Ausland.

Während Knut Kiesewetter in den 60er Jahren viel in kommerziellen Sendungen wie „Musik aus Studio B“ (7 Mal) oder „EWG“ auftrat, moderierte er gleichzeitig seine eigenen Fernsehserien („Songs, Chansons, Lieder“), bei denen u.a. Reinhard Mey, Roger Whittaker, Insterburg & Co., Schobert und Black und die französische Chansonette Barbara auftraten. Andererseits auch die Sendereihen „Hits a go go“, „Sonntagskonzert“ (Ende der 70er) und „An hellen Tagen“ (80er).
6mal wurde von der ARD (Das Erste) ein eigenes einstündiges Portrait über Knut Kiesewetter gedreht, wobei „Knut Kiesewetter singt“ 1968 die Ehrengabe des europäischen Prix Jeunesse erhielt. Auch das Dänische Fernsehen (DR) drehte sein eigenes Portrait über KK.
Ende der 60er Jahre fing er dann auch an, sich in die Riege der deutschen Liedermacher einzureihen.

Viele seiner später erfolgreichen Kollegen wurden von ihm entdeckt und von ihm auch produziert, z.B. Hannes Wader, Fiede Kay, Volker Lechtenbrink, die Gruppen „Moin“ und „Speellüüd“. Er produzierte auch seine englischen Kollegen Alex Campbell (Daddy of Folk) und Harvey Andrews.

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Zwischen 1972 und ´90 sang KK viele Titel für die Kinderserie „Sesamstraße“ ein. Z.B. synchronisierte er die schwarze Puppe Roosevelt Franklin in deutsch (Eberhard Freitag). Er textete und sang für die Serien „Garfield“ und „Barbapapa“ und produzierte und sang ein JANOSCH-Album (Die Maus hat rote Strümpfe an).

Er besitzt noch alle Tonträgerrechte für die Aufnahmen des legendären Kabarettisten Heino Jaeger und des ebenfalls inzwischen verstorbenen Politikers, Schriftstellers und Kabarettisten Jochen Steffen, den er auch heute noch sehr verehrt.

Für Kollegen, die von größeren Schallplattenfirmen als zu unkommerziell erachtet wurden, um sie zu veröffentlichen, gründete KK sein eigenes Label NFR – Nordfriesland Records, damit solche Künstler Ihrem Publikum nicht vorenthalten wurden.

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1971 kehrte Knut Kiesewetter nach Nordfriesland zurück. Er kaufte sich den 12 km nördlich von Husum gelegenen 300 Jahre alten Bauerhof, der seit seiner Entstehung „Fresenhof“ heißt. Auf diesem lebte er mit Frau und Sohn, Pony, Ziege, Hunden, vielen Katzen und noch mehr Tauben. Wieder zu Hause in Nordfriesland fiel ihm auf, dass sowohl die friesische als auch die plattdeutsche Sprache immer weniger gesprochen wurde. Das lag wohl daran, so glaubte er, dass diese Sprachen in den Medien damals überhaupt nicht vorhanden waren. Um dem ein wenig entgegen zu wirken, entschloss er sich, völlig ohne kommerziellen Hintergedanken und gegen den Willen seiner Schallplattenfirma die LP „Leder vun mien Fresenhof“ mit friesischen und plattdeutschen Liedern zu machen. Diese Produktion wurde komischerweise die erfolgreichste seiner etwa 50 Alben (Gold!).

Er setzte damit eine norddeutsch-musikalische Welle in Bewegung, die nachher seiner Meinung nach leider immer mehr ins Volkstümliche abglitt.

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Die plattdeutschen und friesischen Lieder, die KK auf Tonträgern veröffentlichte, waren grundsätzlich von ihm selbst geschrieben. Er war also nie ein Sänger norddeutscher Volkslieder, wie in vielen Medien verbreitet wurde und auch in manchem Lexikon steht.
Auch Lexika irren manchmal.

Schon früh hatte sich KK für die Problematik der Umweltzerstörung sensibilisieren lassen und schrieb 1973 mit „Umweltverschmutzung“ sein erstes Lied zu diesem Thema. Hierfür bekam er 1974 die Goldene Europa. Als sich 2 Jahre darauf die erste Umweltschutz-Wählergemeinschaft Deutschlands (Grüne Liste Nordfriesland) zusammenfand, war Kiesewetter mit dabei. Als sich ein paar Jahre später diese Wählergemeinschaft mit anderen grünen Wählergemeinschaften, die inzwischen entstanden waren, zur Partei Die Grünen zusammenschloss, machte KK nicht mehr mit. Er hatte enttäuscht und mit Entsetzen festgestellt, dass es vielen Mitgliedern der Grünen (wie in anderen Parteien) gar nicht um die Sache selbst, sondern um ihr persönliches Prestige und ihre Karriere ging. Er fing an, selbst etwas für seine Umwelt zu tun und bepflanzte Strassen und Bäche in der Umgebung seines Fresenhofs mit Büschen und Bäumen, von den leider viele von missgünstigen Menschen der Gegend wieder herausgerissen wurden.

Viele Preise, die Kiesewetter verliehen werden sollten, lehnte er einfach ab (z.B. Herman Löns Preis, Deutscher Schallplattenpreis, Deutscher Kleinkunstpreis).

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In den 80er Jahren bekam KK an der Hamburger Hochschule für Musik und darstellende Kunst eine Professur für Liederkomposition und Liedertexte und war dort eine Zeit lang Fachbereichssprecher.
Auch schriftstellerisch war Kiesewetter schließlich tätig. Er schrieb Kurzgeschichten und Kritiken, Beiträge für Rundfunksendungen, sowie Artikel für Sportzeitungen. Die Sportartikel beschränkten sich auf den Boxsport, den er in den 60er und 70er Jahren intensiv trainiert hatte. Seinen letzten Kampf machte er 1976 im norddeutschen Buchholz vor dem „interessierten“ Zuschauer Max Schmeling. Mit vielen Profis aus dieser Zeit ist er heute noch befreundet.

Am 17. August 2000 wurde Knut Kiesewetter auf der Ronneburg von SD Fürst Wolfgang Ernst zu Ysenburg und Büdingen für seine Verdienste um den deutschen Jazz zum Ritter geschlagen.

Anlässlich seines 60. Geburtstages wurde am 9. September 2001 vom Fernsehen des Norddeutschen Rundfunks (N3) ein zweistündiges „Knut Kiesewetter – Special“ mit Fernsehaufnahmen aus den letzten 40 Jahren gesendet.

Am 28. Februar 2012 wurde Kiesewetter in Kiel für seine Verdienste um die friesische und die plattdeutsche Sprache der Verdienstorden des Landes Schleswig-Holstein vom Ministerpräsidenten persönlich verliehen. (Selbstdarstllung für seine mittlerweile gelöschte website von Hans Thomas)

Ergänzt muss dann leider noch werden, dass Knut Kiesewetter dann am 28. Dezember 2016 in Nordfriesland gestorben ist.

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Und auf diesem Album (es müsste sein zweites Soloalbum sein) hören wir ihn mit einer gospelgetränkten Beatmusik, die freilich schon 1967 ein wenig antiquiert klang, bedenkt man, was sich 1967 berits in der internationalen Szene für Sounds breitgemacht haben (von Jefferson Airplane über Cream bis hin zu Jimi Hendrix).

In manchen Momenten klingt das Album dennoch ganz gut (z.B. seine Version des Hollies Hits „Stop, Stop, Stop“; auch die knackige Hornsection fällt immer wieder mal positiv auf), in manchen Momenten jedoch auch  arg pathetisch ,,, aber singen, ja singen das konnte er schon … kann man hier auch hören.

Aber das Beste komm noch … Denn dieses Album wird geadelt durch die Expertise des Leiters der „Klasse für Jazz und jazzverwandte Musik an der Staatlichen Hochschule für Musik“ in Hamburg, Herrn Werner L. Fritsch.

Er verfasste ein längeres Essay über die Beatmusik im allgemeinen und über die künstlerischen Fähigkeiten des Knut Kiesewetters im besonderen.

So lesen wir z.B.:

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Vom Minnegesang zur Beatmusik … selten habe ich derart überfrachtete kulturhistorischen Erläuterungen zur Beatmusik gelesen.

Aber es geht noch weiter:

Hüllentext2

Das hätte mal mein Vater wissen müssen … Der Sohn hört moderne Madrigalmusik !!!

Von daher bietet diese LP eben dank dieses Hüllentextes eine extra Portion Erheiterung … und das frei Haus !

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Besetzung:
Knut Kiesewetter (vocals)
+
eine kleine Schar unbekannter Studiomusiker

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Titel:
01. That’s Me (Moslem/Goldfield) 2.06
02. You Bring Out The Best In Me (Martin/Coulter) 3.01
03. Just The Same As You (Barnett/Tolley/Blunt/Harding/Bennett) 1.54
04. What Should A Young Man Do (Keyes/Singleton) 2.32
05. What Is Wrong – What Is Right (Hopwood/Leckenby/Lisburg) 2.26
06. Color Me Bed (Moslem/Goldfield) 2.15
07. You Gotta Stay By Me (Martin/Coulter) 2.47
08. Stop Stop Stop (Gouldman) 2.46
09. Try Me (Radcliff/Scott) 2.20
10. You Were Born For Me (Pomus/Farrell) 2.07
11. A Little Bit Of Me Dies (Martin/Coulter) 2.33
12. Trouble (Alfred/Farrell) 2.18
13. Yes My Lord (Kiesewetter) 1.55
14. Don’t Loose Your Head (Martin/Coulter) 2.01

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Hüllentext3

Da werden sich die Studenten des Jahres 1967 aber gefreut haben !

The Beathovens – Happy To Be happy (1967)

FrontCover1.jpgUnd gleich nochmal der Rolf Zuckowski, diesmal aber in einer ganz anderen Rolle …

Wie so viele Jugendliche in dieser Zeit war auch er vom Beatvirus angesteckt … und auch er gründete eine Beatband … The Beathovens aus Hamburg …

Und sie fanden sogar ein Label … und veröffentlichten dort gar eine Single und LP !

Aber … die Zeit für derart schlichte und eher unbedarfte Beat-Musik war 1967 schon längst vorbei … Swinging  London und die Westcoast-Szene in den USA hatten längst das Kommando übernommen … aber die Beathovens hatten wohl eher den Sound der Hollies im Kopf und klar die Beatles hatten auchihren Eindruck hinterlassen.

Mir wäre allerdings ne gepfefferte Prise R & B und Rolling Stones lieber gewesen.

Und wer da hin und wieder auf dem Klavier klimpert, ist nicht bekannt.

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Anzeige in der Zeitschrift „Leg auf und sieh fern“

Hatte der Rolf Zuckowski später dann jede Menge guter Songideen, hier ist davon noch nichts zu spüren, da helfen die blumigen Anpreisungen auf der Rückseite der LP Hülle auf nichts mehr:

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Und auch wenn das Album ziemlich unausgegoren klingt (Prädikat: harmlos), ist es natürlich eine nette Ergänzung zum Rolf Zuckowski … Hier kann man ihn als Azubi der Beatmusik hören, später wurde er dann ein Meister in einem anderen musikalischem Fach.

Der Sologitarrist scheint übrigens im Jahr 2018 gestorben zu sein …

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Besetzung:
Peter Metz (drums)
Joachim Mc Pauly (guitar)
Michael Rick (bass)
Rolf Zuckowski (vocals, guitar)

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Titel:
01. A Message To You (Zuckowski) 2.18
02. Another Day (McPauly) 2.12
03. Happy, To Be Happy (Zuckowski) 2.31
04. I Send A Letter (McPauly) 2.39
05. Little Darling (Zuckowski) 2.26
06. Mistrodden (Zuckowski) 2.50
07. Na na na (Zuckowski) 2.22
08. Paradise (Zuckowski) 2.21
09. Sometimes (Zuckowski) 2.57
10. Sweet Music (McPauly) 2.05
11. The Blow-Up Machine (Zuckowski) 3.09
12. Then I Need Only You (Zuckowski) 2.34

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Die erste und letzte Single der Beathovens:

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SingleLabelA+B

 

Verschiedene Interpreten – Die Frankfurt Szene (Smash … ! Boom …. ! …. Bang !) (2002)

FrontCover1Man kann es kaum glauben … hinter diesen „Smash … ! Boom …. ! …. Bang !“ Editionen verstecken sich Raritäten der ungeahntesten Art … Und ich beginne mal mit dem Sampler „Die Frankfurt Szene“:

„Frankfurt. Heute schmückt sie sich ja gern mit dem Metropolis-Flair, protzige Skyline, Mainhatten eben, doch früher reichte die South Bronx sozusagen bis direkt in die Innenstadt – das Rotlicht leuchtete unmittelbar neben dem Eingang zur Bank. Dort, wo sich Herren im grauen Dreiteiler morgens zur Arbeit begaben, kamen die GI´s lallend die Straße hinunter, die Zähne wie Kleingeld in der Hosentasche, die Ausgehuniform fleckig vom Bier, das Portomonnaie dünn wie ein unbenutzter Briefumschlag.

Wenn sie Glück hatten, begleitete sie eine Mieze noch ein Stückchen die Straße runter, aber die Schachtel Zigaretten war man dann auch noch los.

Frankfurt, da lebten die US-Boys den Rock `n`Roll auf den Rücksitzen, zwischen den Mülltonnen im Hinterhof und in Clubs von überregionalem Renommee. Sie lechzten nach blonden und brünetten Fräuleins, mit langen Beinen und engen Pullis, nach schmuddeligem Rock `n`Roll von den härtesten Typen überhaupt und nach der Gelegenheit, den Sold gegen flüssiges Gold einzutauschen.

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Die Deutschen schauten ihnen nur anfangs neidvoll zu, dann legten sie selbst Hand unter die Röcke, an die Whisky-Gläser und die Gitarrensaiten. Sie zeigten den Besatzern, was eine Harke ist und Stück für Stück eroberten sie ihr Terrain zurück“ (Hans Jürgen Klitsch)

Soweit der einleitende Text in dem mehr als üppigen booklet … was dann musiklisch folgt, sucht seinesgleichn. Es geht los mit dem urkomischen „Äppelwoi Slop“ und dann geht´s Schlag auf Schlag und ich weiss gar nicht, welche der insgesamt 28 Titel ich besonders hervorheben soll, denn irgendwie ist dieses Album so ne Art Gesamtkunstwerk.

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Besonders aufgefallen sind mir aber jene Songs, die ich mal in die Kategorie „zornige junge Männer“ einreihen möchte, vermutlich, weil sie meinem Naturell am ehsten entsprechen (wobei ich ja auch ne ausgesprochene Ader für romantische Melodien habe).

Da sind z,B, die Ravers mit einer großartigen Live – Version von „Night Time Is The Right Time“, eine profunde Verneigung vor den Animals. Und die Skins brüllen ihre Version de Pretty Things Klassikers „L.S.D.“ raus, das es eine wahre Freude ist, Und dann spielen die auch noch triumphal ihr „What To Do“ … einfach nur großartig !

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Mit „Jack The  Ripper“ feiern die Spotlights die heute ziemliche vergessene Band Casey Johns & the Governes“ und deren Stones Dadption „I´m Free“ ist von nicht minder schlechten Eltern … ein weiterer Höhepunkt auf diesem an Höhepunkten nicht armen Sampler.

Aber auch das „Black Is Black“ von den Rangers kann überzeugen und selbst das eigentlich eher harmlose „Here Comes My Baby“ von Cat Stevens wird hier mit viel Enthusiasmus von den Trembles vorgetragen, was ihnen aber viel Ärger eingetragen hat, denn die CBS ließen der Band gerichtlich ihren Namen verbieten, weil dieser dem Namen „Tremeloes“ (die ebenfalls diese Cat Stevens Komposition aufgenommen hatten) zu ähnlich sei … Man sieht, schon damals wurde mit harten Bandagen gekämpft …

Trembles

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass das von Hans Jürgen Klitsch verfasste booklet (52 Seiten !!!) meisterlich gestaltet und vor allem getextet wurde (kenntnisreicher gehts nicht mehr) … eine schier unglaubliche Fundgrube an Detailinformationen über eine durch und durch vitale Zeit in den 60er Jahren.

Wer hier nicht zugreift, dem ist einfach nicht mehr zu helfen …

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Tracklist:
01. The Taifuns: Äppelwoi Slop  2.38
02. The Raves: Everything’s Alright  3.17
03. The Raves: Night Time Is The Right Time 3.46
04. The Skins: L.S.D.  2.21
05. The Details: I Cried All Night  2.13
06. The Details: What Shall I Do 2.12
07. The Skins: What To Do 3.36
08. Adam & Eve mit Hush: Feelin‘  2.50
09. The Spotlights: Jack The Ripper 4.01
10. The Spotlights: I’m Free 3.19
11. The Rangers: Black Is Black  3.08
12. The Trembles: Here Comes My Baby  2.33
13. The Trembles: Baby Stop That Playin‘ Around 2.23
14. The Rangers: Lovers Of The World Unite 2.23
15. The Sad Sack Set: Number One 2.37
16. The Sad Sack Set: The World For Us 2.37
17. Adam & Eve: They Can Look At Us  2.30
18. The Cheats: Valentine 3.26
19. The Cheats: That’s My Day 3.16
20. The Rock Ready & Raves; Jimmy Jimmy Coco Nut 1.52
21. The Taifuns: Go, Go  2.40
22. Heiko Henss & His Comets: Mona  2.17
23. Heiko Henss: Und der Himmel weint (You Were On My Mind)  2.59
24. The Tonacs: Darlin‘  3.12
25. The Krauts: I Can Understand  2.52
26. The Krauts: You Came Along  2.04
27. The Krauts (als Beatchers): Ally Ally Oxen Free  2.19
28. The Krauts (als Beatchers): A Lot Of Love  2.49

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ÄppelwoiSlop

Verschiedene Interpreten – All You Need Is Love + 3 (1967)

FrontCover1Nun – wie versprochen – eine weitere Single aus dem Beständen von Tempo Schallplatten – jenem Billig-Label aus den 60er Jahren, die stets am Puls der Zeit waren und deshalb oft auch Coverversionen von internationen Hits veröffentlichten.

Bei dieser EP ist nicht nur die Musik amüsant, fast noch amüsanter ist das Cover, soll es doch wohl suggerieren, dass auch ganz brave und lernwillige Buben und Mädchen solch´eine Musik hören, die ja musikalische Höhepunkte der „Flower Power“ Bewegung waren.

Neben 2 absoluten Top-Hits des Jahres 1967 („All You Need Is Love“ und „San Francisco“) gab´s dann auch 2 Songs, die nun wahrlich keine Rockgeschichte geschrieben haben: „Even The Bad Times Are Good“ (Tremeleos) und „Jackson“ (wurden u.a. von Johnny Cash und Nancy Sinatra eingespielt).

Die interessanteste Band auf dieser EP sind die „Beat Kings“ einfach deshalb, weil sie quasi die Beat-Haus-Kappelle von Tempp Schallplatten waren und diverse Singles mit englischsprachigen Songs eingespielt haben. Wer sich hinter dieser Kapelle verbirgt, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen.

Gleiches gilt bedauerlicherweise auch für „Rusty And Johnny“ und auch bei „Johnny Smash“ muss ich mit den Schultern zucken.

So bleibt ein weiteres, kleines, verstaubtes Relikt aus jenen Tagen. in der solche musikalischen Torheiten noch möglich waren (wer würde heute einen internationalen Smash-Hit als Cover-Version auf einem Billig-Label unters Volk bringen wollen ) ?

BackCover1Titel:
01. The Beat Kings:  All You Need Is Love (Lennon/McCartney) 3.53
02. The Beat Kings: Even The Bad Times Are Good (Murray/Calender) 2.35
03. Rusty And Johnny: Jackson (Rogers/Wheeler) 2.58
04. Johnny Smash: San Francisco (Phillips) 2.48

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Deutschlandfunk – Schlager Derby Montag 27.06.1966 (1966)

FrontCover1Jetzt mal ein ganz besonderer Leckerbissen für Oldies-Fans … der Mitschnitt der Sendung „Schlager – Derby“ des Radiosenders „Deutschlandfunk“ vom 27.Juni 1966:

Das Schlagerderby war zwischen 1963 und 1978 eine legendäre Musiksendung im Deutschlandfunk, die in der damaligen Bundesrepublik Deutschland und der DDR gerne von jungen Leuten gehört wurde. Besonders ermöglichte die Sendung den Hörern in der DDR ungefiltert die aktuellen westdeutschen und internationalen Musikstücke zu empfangen. In großen Teilen der Bundesrepublik und besonders der DDR konnte der Deutschlandfunk allerdings nur über Mittelwelle und Langwelle gehört werden, was zu Einschränkungen bei der Tonqualität führte.

Über die Platzierung der zwanzig gespielten Titel entschieden die Hörer durch Einsendung einer Postkarte. Die DDR-Hörer konnten Kontakt zum Kölner Sender über westliche Privatadressen herstellen, so dass eine Abstimmung zur Platzierung der Titel auch für sie möglich war. Pro Sendung wurden fünf Musikstücke für die Neuplatzierung vorgestellt. Nach zehnmaliger Platzierung schied das entsprechende Musikstück aus. Die Sendung moderierte ab August 1965 Carl-Ludwig Wolff (Carlo W.). Die Erkennungsmusik Apollo Flight von der Boston Show Band erlangte Kultstatus. Der Sendetermin war anfangs montags (mit einer gekürzten Wiederholung im Aktuellen Plattenteller am Mittwoch um 18:15 Uhr), später mittwochs 20 Uhr (mit der Wiederholung am Donnerstag).

Autogrammkarte Carl-Ludwig Wolff

Autogrammkarte Carl-Ludwig Wolff

Und: Jahresbestplatzierte Interpreten waren Cliff Richard (1963–1964), Pierre Brice (1965–1966), Lords (1967), Roy Black (1968), Barry Ryan (1969/1972), Ricky Shayne (1970–1971), Sweet (1973/1975), Renate Kern (1974), Bay City Rollers (1976–1978). Internationale Top-Stars waren die Beatles, die Rolling Stones, die Beach Boys, die Bee Gees, Status Quo, Creedence Clearwater Revival, Alice Cooper, Simon & Garfunkel, Aretha Franklin und viele andere. (Quelle: wikipedia)

Die Hitparaden-Sendung, moderiert von Carl-Ludwig Wolff, genannt Carlo, hat von Montag, dem 23. August 1965-197? in West und Ost-Deutschland, und – auf Grund der Verbreitung via Mittelwelle auch in ganz Europa) Hörfunk-Geschichte geschrieben, wobei der Anteil der Zuschriften aus der „Ostzone“ (der Begriff „DDR“ war im Regierungssender DLF nicht erwünscht) gleich zu Anfang zwischen 2 bis 5% der Zuschriften ausmachte. Die Resonanz auf die ersten Sendungen war jedenfalls „eine Wucht!“, so das Zitat aus Carlos Buch „Das Derby – Sieg, Platz oder … Sturz?“ (Quelle: die mehr als empfehlenswerte Seite: intermediarte.de/dlf-schlagerderby)

Wer wissen will, wie es sich angehört hat … damals … als „Musk für die Jugend“ gesendet wurde … kann ja gar nicht anders, als sich hier mal zu bedienen. Da finden sich die Rolling Stones mit ihrem genialen „Get Off Of My Clouds“ neben Freddy Quinn mit seinem „Hunder Mann und ein Befehl“. Und auch die damals intensiv diskutierte Frage „wer ist besser: The Lords oder die Rattles“ wird bei dieser Sendung eindeutig entschieden: So nett „Poor Boy“ auch sein mag … „Las Vegas“ haut einfach tierisch rein … (*zwinker*)

Und weil ich ein begeisterter Radio-Hörer bin … kündige ich weitere Beiträge dieser Art an … denn der edle Spender  dieser Aufnahmen (der ungenannt bleiben will) hat weitere Leihgaben dieser Art angekündigt !

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So war das damals wohl … als wir entfesselt wurden …

Titel:

Schlager Derby Montag 27.06.1966: (1.21.36)

01. Intro: Kurt Edelhagen And His Orchestra – Trumpets
02. Pierre Brice – Wunderschön
03. The Beatles – We Can Work It Out
04. Roy Black – Ganz in weiß
05. Marika Kilius & Hans-Jürgen Bäumler: Wenn junge Leute bummeln …
06. Lords – Poor Boy
07. Rattles – Las Vegas
08. Beach Boys – Barbara Ann
09. Simon & Garfunkel – The Sound Of Silence
10. The Beatles – Girl
11. The German Blue Flames – Sha-La-La-La-Lee
12. Freddy Quinn – Hundert Mann und ein Befehl
13. The Rolling Stones – Get Out Off My Cloud
14. Conny Froboess – Ich geh durch den Regen
15. The Walker Brothers – The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore
16. The Beatles – Nowhere Man
17. Herve Vilard – Capri C’est Fini
18. Drafi Deutscher – Honey Bee
19. The Beatles – Day Tripper
20. Freddy Quinn – Abschied vom Meer
21. Rex Gildo – Nie hast du gefragt
22. Kurzdurchlauf
23. Outro: Kurt Edelhagen And His Orchestra – Trumpets

Voilá :

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Filmband Tiffanys – Fleisch ist mein Gemüse (Soundtrack) (2008)

FrontCover1.jpgIch habe ja neulich den Film „Fleisch ist mein Gemüse “ in den höchsten Tönen gelobt und von daher verwundert es vermutlich nicht, wenn ich nun nur zu gerne den Soundtrack zu diesem Film nachschiebe …

Als Heinz Strunk zum ersten Mal die Band “Tiffany´s“ hörte, in der er in den nächsten zwölf Jahren Saxophon und Querflöte spielen sollte, war er nicht gerade begeistert: “Klöter klöter klöter, schrammel schrammel schrammel, matsch matsch matsch. Auch der Sound war eine Katastrophe. Katzenmusik. Und dem Publikum war es immer seltsam egal gewesen. Entweder, weil sie es nicht anders gewohnt waren, oder vielleicht auch, weil das dilettantische Geklöter bewies, dass die Band wirklich live spielte.“

Doch zur Entschuldigung der über niedersächsische Dorffeste tingelnden “Tiffany´s“ muß vorgebracht werden, dass sie sich in keinster Weise als Musiker verstanden. Sie sahen sich vielmehr als “Mucker“, die einen oft mehr als fünf Stunden andauernden Liveauftritt “abzuliefern“ hatten. Seine Erlebnisse mit “Tiffany´s“ und deren Bandleader Gurki mit den meisterlichen Anmoderationen (“Swing time is good time – good time is better time!“) verarbeitete Strunk alias Mathias Halfpape zum tragikomischen “ziemlich autobiografischen“ Buch “Fleisch ist mein Gemüse“, das sich mehr als 250.000mal verkaufte und von Christian Görlitz auch äußerst launig verfilmt wurde.

FilmbandTiffanys01.jpg

Ein sehr schönes Nebenprodukt ist das durchaus bewusstseinserweiternde Soundtrackalbum, das auch den potentiellen von Bela B. komponierten Hit “Gestern ist vorbei“ enthält. Bereits im Film wurden die Szenen auf 70er-Jahre- Hochzeiten und Schützenfesten äußerst lebensnah nachgestellt und intensiv ausgespielt. Für die CD intoniert die Filmband, zu der auch die Original-“Tiffany´s“ Heinz Strunk und Jens Carstensen gehören, “beherzt aufgemischte“ und gnadenlos ausgespielte Versionen damaliger Fetenhits wie “Needles And Pins“, “Dans op de deel“, “Geil“ oder “Polonäse Blankenese“. Unweigerlich werden nicht immer erfreulich Erinnerungen wach, denn öfter als nötig musste ich als kleiner Junge in niedersächsischen Käffern miterleben wie in knallbunte Festgewänder gezwängte Menschen stundenlang zu Musik geschwoft haben, die sie sich ansonsten niemals freiwillig angehört hätten. Doch aus sicherer Distanz betrachtet und gelauscht macht der ganze Quatsch sehr viel Spaß. (Quelle; hightlightzone.de)

Film Title: Fleisch ist mein Gemu?se.

„Swingtime is good time and good time is better time“: Nachdem es Heinz Strunks schaurig-lustige Autobiografie „Fleisch ist mein Gemüse“ über das Leben als Tanzmusiker während der achtziger Jahre auch ins Kino geschafft hat, kann man nun den passenden Soundtrack auf der eigenen Feier – Landhochzeit oder Schützenfest wären ideal – in den CD-Schacht schubsen.

Und was die „Filmband Tiffanys“ mit Schauspieler und Sänger Andreas „Gurki“ Schmidt, Heinz Strunk, Jens Carstensen, Lieven Brunkhorst, Dirk Schlag (Truck Stop) und Ali Busse (Jan Delay) da an 23 Stücken eingeheult hat, dürfte als schrägster deutscher Soundtrack überhaupt in die Geschichte eingehen: „I’m A Believer“, „Dans op de deel“, „Geil“, „Polonäse Blankenese“ oder „Tequila“ poltern schön rumpelig und neben dem Ton aus den Boxen. („Der Spiegel“, Mai 2008)

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Wohin der rebellische Ansatz des Rock’n’Roll führt, wenn die Musik erst mal in der norddeutschen Provinz angelangt ist, wurde uns noch nie so deutlich vor Augen geführt wie im Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ von Heinz Strunk. Doch der Roman war graue Theorie im Vergleich zur Verfilmung und dem dazugehörigen Soundtrack. Terror ist kein Ausdruck für Songs wie „Dans op de deel“ oder „Polonäse Blankeneese“, er ist ein Euphemismus, eine Verharmlosung für das, was diese Musik selbst aus der zeitlichen Distanz zu Heinz Strunks Jugend in den 80ern mit uns anrichtet. Das Verheerende dieser Musik drückt sich in unserem Gefühl aus, das auf unerträgliche Art zwischen schlichtem Erschaudern und extensivem Drang zum Erbrechen pendelt. Und zwischenrein knattern die Originalsaxofonsoli von Heinzer himself, dem alten Sadisten. Wer eine absolut abgedrehte Party schmeißen und dabei „geile Musik abliefern“ will, kommt um diesen Soundtrack nicht herum. (Quelle:jw/Kulturnews)

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Wir hören hier – auf grandiose Weise eingespielt – Glanz und Elend all jener Tingel-Tangel Kapellen, die eben in der „Provinz“ das Landvolk musikalisch erfreut, dem grauen Alltag ein paar bunte, zuweilen auch grelle Lichter hinzufügt.

Und: die „Filmband Tiffanys“ waren – allen voran – Heinz Strunk – ne geniale Filmband, als da wären:

Ali Busse (Jan Delay), Jens Carstensen (der spielte früher tatsächlich mal mit Strunk in der Tanzkapelle Tiffanys, später trommelte er dann für Rosenstolz), Dirk Schlag (Truck Stop) und – na ja – Andreas „Gurki“ Schmidt war eben nicht nur ein großartiger Schauspieler … denn singen konnte er auch noch. Und der Lieven Brunkhorst ist ja eigentlich Saxophonist, aber er macht auch an den Keyboards keine schlechte Figur.

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Und auf dem Soundtrack zum Film ist der Titel “Gestern ist vorbei” vertreten, der von Bela B. geschrieben wurde, ja, genau, der von den Ärzten … und sein Song „Gestern ist vorbei“ ist ein echte Disko-Knaller.

Und das plattdeutsche Lied „Dans op de Deel“ hat ne ganz eigene Geschichte:

Der Hit „Dans op de Deel“ ist die plattdeutsche Aufforderung zum Tanz, ein Titel, der inzwischen schon als Volksgut vereinnahmt wurde. Sven Jenssen und Lorenz (Lonzo) Westphal, als Teufelsgeiger von Eppendorf in der Hamburger Szene bekannt geworden, hatten 1979 die Idee zu einem richtigen Mitsing- und Schunkellied. Keiner wollte zunächst den Titel haben, jedenfalls keine Plattenfirma. Also baute Sven ihn bei seinen Live-Auftritten ein, der Passat-Chor, der gerade mal wieder eine LP machen sollte und auf der Suche nach neuem Repertoire war, wurde auf den Titel aufmerksam und plötzlich hieß die ganze LP „Dans op de Deel“, eingesungen vom Passat-Chor mit Sven Jenssen.

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Das Erstaunliche geschah: Dieses Lied übersprang die regionalen Grenzen, setzte sich auch südlich der Elbe durch und wurde über zig Landessprachen in unterschiedlichen Versionen gesungen und gespielt. So war „Das op de Deel“ beispielsweise als Reggae mit der Gruppe Chi Kale in Ghana die Nummer Eins der Charts. Wen wundert es da, dass der Hit von einst nun auch die Kinoleinwand erobert hat. (Quelle: sikorski.de)

Damit nicht genug: Wir hören auch noch zwei Heinz Strunk Kompositionen, gesungen von den beiden Sängerinnen des Films (Anna Fischer und Anja Krenz). Und insbesondere „Put It All Behind“ lässt da aufhorchen ! Und bei „Tonight“ sieht man förmlich die Disco-Kugel glitzern …

Und wenn dann der Heinz Strunk zu seine furiosen Saxophon Solos anhebt, da kriegt man schon ne Gänsehaut (siehe „Spanish Eyes“) … Seine Instrumental_Version von „I´m A Believer“ ist ganz sicher eine besondere Erwähnung wert !

Selten hat „billige“ Musik soviel Spaß gemacht wie hier. Und schade, dass aus der im lesenswerten Begleitheft angedeutete Deutschland-Tournee dieses Combos nichts wurde.

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Besetzung:
Lieven Brunkhorst (keyboards)
Ali Busse (bass)
Jens Carstensen (drums)
Dirk Schlag (guitar)
Andreas „Gurki“ Schmidt (vocals)
Heinz Strunk (saxophone, flute, clarinet)
+
Anna Fischer (vocals bei 21. + 23.)
Anja Krenz (vocals bei 22.)

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Titel:
01. Gurki; Swingtime Is Good Time … 0.07
02. Hello Mary Lou (Mangiaracina/Pitney) 2.20
03. Blue Suede Shoes (Perkins/Moessner) 2.06
04. Rock’n’Roll Music (Berry) 2.34
05. I’m A Believer (Diamond) 3.14
06. Dans op de Deel (Westphal/Jenssen) 4.19
07. Geil (Earlam) 3.21
08. Hello Dolly (Herman) 1.41
09. Polonäse Blankenese (Böhm-Thorn/Jud) 3.09
10. Moviestar (Harpo) 3.14
11. Gurki: Swingtime Is Good Time … 0.08
12. Wenn i mit dir tanz (Steinhauer/Frey) 3.09
13. Needles And Pins (Nitzsche/Bono) 2.42
14. Spanish Eyes (Kaempfert) 4.20
15. Faslamlied (Traditional) 1.16
16. Stumblin‘ In (Chapman/Chinn) 3.44
17. Sun Of Jamaica (Stein/Jass) 4.38
18. Tanzen möcht‘ ich (Kálmán/Jenbach/Stein) 2.15
19. Tequila (Rio) 1.54
20. Wooly Bully (Samudio) 2.32
21. Put It All Behind (Strunk) 3.23
22. Tonight (Strunk) 4.26
23. Gestern ist vorbei (Jeo/Bela B.) 3.18

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Verschiedene Interpreten – Halbstark – Die wilden 50er und 60er (1991)

FrontCover1Da haben wir auf der einen Seite so einen „billigen“ Sampler, der 1991 erschienen ist und von dem Privatsender „Pro 7“ promoted wurde und dann haben wir auf der anderen Seite einen Sampler, der letztlich das musikalisch kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation repräsentiert … einer Generation die mittlerweile in Rente ist (oder demnächst in Rente gehen wird … ) Und natürlich ist hier nur von der pre-Beat-Ära die Rede … denn als Liverpool musikalisch die Welt eroberte, erloschen viele dieser Schlagerstars …

Und dennoch: Es wird nicht nur mir so gehen: Viele Titel sind mehr als gut bekannt, viele Titel haben uns in der späten Kindheit/frühen Jugend begleitet und keine Frage: So etliche Songs enthielten erste Attacken auf jene bigotte Spießbürger-Welt, die es galt , aus den Angeln zu heben. „Schuld war nur der Bossa Nova“ war eine Provokation, „Halbstark“ war erst recht ein weitere Provokation. Und mit der deutschen Fassung von „Tobacco Road“ versuchten sich die Lords als sozialkritische Kapelle. Und auch „Wenn ich ein Junge wär“ von Rita Pavone war eine kaum verhohlene Attacke auf die damaligen Geschlechterrollen. Und der Gitte Song „Ich will einen Cowboy als Mann“ ist hier noch gar nicht enthalten..

Über dieses Album habe ich dann noch eine interessante Besprechung gefunden:

„Wilde“ deutschen Songs aus den Jahren 1958-65 — das ist natürlich ein Widerspruch in sich. Erst Mitte der 1960er begannen einige Beat-Bands wie die Boots, tatsächlich mal ein bisschen zu rocken und nicht nur weichgespülte Schlagersoße auszudünsten. Trotzdem muss man der Auswahl zugutehalten, dass zumindest versucht wurde, „fetzige“, „pfiffige“ Stücke auszuwählen, und es sind auch einige nette Songs vertreten (u.a. von den Yankees, Drafi Deutscher und Benny Quick). Allerdings ist auch viel dabei, was ich persönlich schwer ertrage, oftmals unsäglich eingedeutschte Coverversionen. Trotzdem — es gibt sicherlich wesentlich schlechtere Sampler dieser Richtung; wer noch Material zum Beschallen einer Kitsch-Kult-Schlager-Oldie-Party sucht, der wird hier fündig. (Die zweite Teil Halbstark, Folge 2: Teenagermelodien zum Shaken, Twisten und Knutschen ist genauso „gut“. (Herr „Dr. Kurt Euler“ Offler)

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So ganz kann ich dem wertem Dr. da nicht folgen. Natürlich gab es auch vor den Boots „wilde Songs“, denn das „Halbstarken-Milieu“ in Deutschland war definitiv vorhanden, und die bürgerliche Presse hatte immer wieder seine Gründe, sich darüber aufzuregen. Zu weiteren Vertiefung dieses Themas habe ich dieser Präsentation den lesenswerten Aufsatz der Historikerin Vanessa Erstmann „Halbstark! – Generationskonflikte in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik“ (Quelle: aventinus nova Nr. 23 [04.08.2010] / Perspektivräume Jg. 1 (2010) Heft 1, S. 57-91) beigelegt.

Und mehr als einmal wanderten meine Gedanken zu der Frage, was aus all den Jugendlichen geworden ist, die damals ihre Münzen in die Musik-Box warfen, um ihre wilden aber auch sentimental-kitschigen Hits zu hören … Nun ja …, meinen Werdegang kenne ich ja *ggg*

Und um das Paket komplett zu machen, habe ich mir die „Mühe“ gemacht, alle Single-Hüllen der hier vertretenen 36 Lieder in eine eigene „Cover-Galerie“ zu packen.

SingleHüllen

Wie gesagt: Für die einen einfach eine nostalgische Schmunzeltour, für die anderen aber auch die Möglichkeit inne zu halten und über die Fragen „Wie wir wurden, was wir sind“ zu reflektieren. Für mich war bei der Beschäftigung mit diesem Sampler beides möglich. Und natürlich will ich darauf hinweisen, dass sich auf diesem Sampler auch so etliche Raritäten befinden wie z.B. „He, Little Blondie“ (von Steff und dahinter versteckt sich der spätere Liedermacher Stephan Sulke), „Wilhelm Tell Twist“ (von den rätselhaften Charly Cotton und seine Twist-Makers; dahinter versteckte sich Christian Bruhn, dem späteren Ehemann von Katja Ebstein) oder „Der Twist (The Twist)“ (von Oliver Twist & The Happy Twistler; über die weiß man eigentlich gar nichts …) … und … und … und …

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Titel:

CD 1:
01. Die Yankees: Halbstark (Adamowsky,/Bartelt 2.15
02. Drafi Deutscher: Marmor, Stein und Eisen bricht (Bruhn/Loose) 2.41
03. Benny Quick: Motorbiene (Laudis/Helmer) 2.36
04. Manuela: Schuld war nur der Bossa Nova (Weill/Mann/Buschor) 2.30
05. Rex Gildo: Speedy Gonzales (Kaye/Lee/Hill/Gerard)  2.37
06. The Swinging Blues Jeans: Tutti Frutti (deutsche Version) () 2.03
07. Ted Herold: Da Doo Ron Ron (Spector/Barry/Greenwich/Niessen/Alzner) 2.23
08. Connie Francis: Ich geb‘ ne Party heut‘ Nacht (Bush/Hunter/Vincent) 2.18
09. Ricky Shayne: Ich sprenge alle Ketten (Moroder/Holm)  2.13
10. Teddy Parker: Nachtexpress nach St. Tropez (Mayer/Niessen) 2.27
11. Rita Pavone: Wenn ich ein Junge wär (Buchholz/Loose) 2.14
12. Charly Cotton und seine Twist-Makers: Wilhelm Tell Twist (Weinzierl/Rieden) 1.56
13. Jan & Kjeld: Hello, Mary Lou (Pitney/Blecher) 2.14
14.  Rita Pavone & Paul Anka: Kiddy, Kiddy Kiss Me (Munro/Arnie) 2.42
15.  Conny Froboes: Diana (Anka/Strtöm) 2.15
16.  Detlef Engel:  Mr. Blue (Nicolas/Blackwell) 2.23
17.  Oliver Twist & The Happy Twistler:  Der Twist (The Twist) (Ballard/Helmer) 2.42
18.  The Lords: Tobacco Road (Loudermilk/Moesser) 2.11

CD 2:
01. Drafi Deutscher: Shake Hands (Relin/Gaze) 2.15
02. Manuela: Ich geh‘ noch zur Schule (Traditional/Bruhn/Loose) 2.29
03. Benny Quick: Twist um Mitternacht mit Susi (Hertha/Götz/Hellmer) 2.21
04. Rex Gildo: Liebe kälter als Eis (Devil In Disguise) (Kaye/Giant/BaumBuchenkamp) 2.18
05. Connie Francis: Schöner fremder Mann (Nicolas/Gordon/Hosey) 2.41
06. Five Tops: Rag Doll (Bader/Crewe/Gaudio) 2.52
07. Steff:  He, Little Blondie (Little Honda) (Wilson/Nicolas/Love) 2.12
08. Helen Shapiro: Frag‘ mich nicht warum (Tell Me What He Said) (Barry/Siegel) 2.48
09. Peter Kraus: Sugar Baby (Scharfenberger/Busch/v.Pinelli) 2.30
10. Tommy Kent: Susie Darlin‘ (Luke/Moesser) 2.34
11. James Brothers: Wenn (When) (Evany/Reardon/May/Blecher) 2.20
12. Lil Malmkwist: Bobby’s Girl (Klein/Hofman/Felming) 2.21
13. Ted Herold: Moonlight (Scharfenberger/Busch) 2.42
14. Oliver Twist & The Happy Twistler: Steiler Zahn (Crier/Schwabach) 2.43
15. Hans Blum: Charly Brown (Blecker/Leiber/Stoller) 2.26
16. Swinging Blue Jeans: Good Golly Miss Molly (Deutsche Version) (Marascalgo/Martinez/Blackwell/Retter) 2.04
17. Conny Froboess: I Love You Baby (Anka/Siegel) 2.10
18. Johnny Hallyday + The Rattles: Das alte Haus in New Orleans (House Of The Rising Sun) (Traditional/Price/Hellmer) 3.58

Horst Buchholz in dem Film "Die Halbstarken" (1956)

Horst Buchholz in dem Film „Die Halbstarken“ (1956)

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