Bergisch-Brandenburgisches Quartett • Bergisch-Brandenburgisches Quartett (1982)

FrontCover1.jpgDas war schon ganz schön starker Tobak, den diese Free-Jazz-Kapelle aus der DDR fabrizierte. Und es war ein in der Tat erstaunliches Quartett: 2 Musiker kamen aus Westdeutschland, einer aus Schweden und einer eben aus der DDR…

Mit dem „Bergisch-Brandenburgischen Quartett“ war man Teil der „ersten mauerübersteigenden Band zur Zeit des kalten Krieges“ (Hans Reichel)

Vielleicht war das auch nur so einer Art von Musik möglich, man lese sich mal die verwendeten „Instrumente“ durch, dann weiss man, was ich meine und dann weiß man, auf was man sich einlässt, wenn man diese Scheibe anhören will.

Selbst ein dreiwöchiger Ausflug in die USA war damals möglich. Die DDR-Musikzeitschrift berichtete dann auch darüber:

„Alle Wertungen weglassend, bei nüchterner Rekapitulation all dessen, was mir Ernst-Ludwig Petrowsky über seine Reisen erzählt hat, ist doch gleich zu Beginn ein Superlativ unvermeidlich: Kunstpreisträger Petrowsky ist der am weitesten gereiste, der „weltläufigste“ Jazzmusiker der DDR. Im Oktober 1981 war er knapp drei Wochen mit dem Bergisch-Brandenburgischen Quartett in den USA unterwegs; ein Vierteljahr später tourte er mit Heinz Becker und Klaus Koch vierzehn Tage durch Indien.

Keines der vorfabrizierten Bilder schien sich mit der erlebten Wirklichkeit zu decken. Sich der Einmaligkeit, auch der Zufälligkeit eigener Eindrücke bewusst, möchte Petrowsky die Verfestigung von Vorstellungsmustern auch im Gespräch über das Gesehene und Gehörte vermeiden. Er weiß, wie stark der Eindruck eines Landes von Bewegung und Rhythmus (im wörtlichen und übertragenen Sinne) abhängt. Und schon sind wir beim Thema. „Das Alltagserleben in den Straßen von New York lässt ein ganz anderes rhythmisches Gefühl, ein ganz anderes Timing entstehen, als die bei allem äußerlichen Durcheinander noch spürbare Gelassenheit indischer Lebensauffassung.“ Das ist schwer zu beschreiben und wird doch sogleich musikalisch evident, wenn Petrowsky eine aus Indien mitgebrachte Platte auflegt, die mit einem unsagbar weitgezogenen Shenai-Solo anhebt. Für Petrowsky war Indien die Bekanntschaft mit einem bedrückend armen Land, zugleich aber auch die Begegnung von Würde, das Erlebnis von sehr viel Schönheit und alter Kultur. Von den USA spricht Petrowsky mit einer Mischung aus Faszination und Beunruhigung: ein Land, das bei allen phantastischen technischen und landschaftlichen Dimensionen auf Schritt und Tritt Widersprüche und eine unterschwellige Aggressivität erkennen ließ, in der Petrowsky eine Entsprechung zur Expansion und Arroganz politischer Macht sieht.

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Konzertplakat

Petrowskys USA-Tour mit dem Saxophonisten und Klarinettisten Rüdiger Carl, dem Gitarristen Hans Reichel (beide BRD) und dem schwedischen Schlagzeuger, Akkordeonspieler und Sänger Sven-Ake Johansson begann am 10. Oktober 1981 im New Yorker „Soundscape“, einem vorbildlich geführten Klub, in dem im gleichen Monat beispielsweise auch Sun Ra, Dewey Redman, David Murray, Alexander von Schlippenbach und Toshinori Kondo auftraten. New York wurde dann für das Quartett eine Zeitlang zur „Operationsbasis“, von der aus Vorstöße ins Landesinnere unternommen wurden: Nach Baltimore (Maryland), Richmond (Virginia), Greensboro (North Carolina), Philadelphia (New Jersey), Allentown (Pennsylvenia). Das Bergisch-Brandenburgische Quartett, dessen wunderlich verwegenen musikalisch-aktionistisch-lyrisch-dramatischen Spielabenteuer im Februar dieses Jahres zum zweiten Mal auch in der DDR zu erleben waren, spielte in den USA sowohl in Klubs als auch in Galerien, Universitäten, Konservatorien, kleinen Theatern und Lofts. Überall, berichtete Petrowsky, hätte es begeisterte Zuhörer, zumeist auch Fragen zur Musik und stundenlange Diskussionen gegeben. Zu der vom Bergisch-Brandenburgischen Quartett vorgestellten „europäischen“ Spielart von Jazz gibt es seit einiger Zeit auch amerikanische Entsprechungen, kleine Kreise von Musikern und Publikum, die es in einer weitgehend vom Mainstream und zudem kommerziell beherrschten Jazzszene doppelt schwer haben. Jazz aller Art kann man in New York rund um die Woche hören. Petrowsky traf im „Village Vanguard“ auf Steve Kuhn, Sheila Jordan und Al Jarreau, hörte Alleinunterhalter und Avantgardgitarristen, begegnete nachts auf irgendeiner Straße (zufällig) Art Blakey und sah die Namen von Musikern wie Pepper Adams auf Speisekarten gedruckt. Man mag letzteres als Herabwürdigung ansehen – trotzdem, der musikalische Gesamtbefund von Petrowsky (nicht so der gesellschaftliche!) fällt eher positiv aus: „Swingende Musik ist vielfach ins Leben integriert, sie scheint mitunter tatsächlich aus dem Asphalt zu springen.“

Aufgenommen im Haus der jungen Talente, Berlin, Germany, 01. März 1982

 

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Besetzung:
Rüdiger Carl (saxophone, accordeon, vocals, clarinet)
Sven-Åke Johansson (drums, schlagtuch, accordeon, vocals, schuhspanner, telefonbücher, bandeisen)
Hans Reichel (violine, zigarrenkiste, guitar, rundfunksender)
Ernst-Ludwig Petrowsky (saxophone, ratsche, harmonica, clarinet)

Bergisch

Titel:
01. Ohne Telefonbücher 4.13
02. Empfindungen und Nachempfindungen (3.47
03. Eskapaden (Carl, Johansson, Petrowsky, Reichel 9.25
04. Die Kuh Mit Den Zehn Litern (Carl, Johansson, Petrowsky, Reichel 4.45
05. Kalldautzki (Carl, Johansson, Petrowsky, Reichel 6.31
06. Neapolitanische Schwermut (Carl, Johansson, Petrowsky, Reichel 9.21
07. Blue Skies in the Background (Carl, Johansson, Petrowsky, Reichel 1.46

Alle Kompositionen: Carl/Johansson/Petrowsky/Reichel

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