F.W. Bernstein: Abschied (2018)

Einer, der antrat, die deutsche Gesellschaft satirisch aufzulockern

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Er dichtete das Motto der Neuen Frankfurter Schule und war Mitbegründer der Zeitschrift „Pardon“: Der Lyriker und Zeichner F. W. Bernstein ist im Alter von 80 Jahren gestorben.

In nachklassischen Zeiten ist es fast unmöglich, mit einem Vers in den Volksmund zu gelangen. F. W. Bernstein, dem Dichter und Zeichner, der jetzt im Alter von 80 Jahren verstarb, ist dies gelungen. „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“: Unbestreitbare Weisheit fand hier im Gestalt einer kleinen Überraschung – wer würde Elche kritisieren? – zu einer gültigen, mühelos zu memorierenden Form.

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Lustig und wahr: Damit wurde der Doppelzeiler zum Motto der Neuen Frankfurter Schule, die sich Anfang der Sechzigerjahre in der Stadt von Adorno um die Satirezeitschrift pardon sammelte. Wer an fünfzig Jahre 1968 erinnert, der darf nicht von dem Parallelunternehmen dieser Künstlergruppe schweigen. Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Chlodwig Poth, Hans Traxler, F. J. Waechter und eben F.W. Bernstein fanden sich reimend, zeichnend, erzählend zum Großunternehmen satirischer Lockerung der deutschen Gesellschaft zusammen.

Bernstein, der eigentlich Fritz Weigle hieß, und Gernhardt waren die beiden Zeichnerpoeten des Kreises. „Die Wahrheit über Arnold Hau“ (Bernstein mit Gernhardt und Waechter) von 1966 und „Besternte Ernte“ (Gernhardt und Bernstein, 1976) wurden Klassiker für eine neue bundesrepublikanische Lesergeneration, der keine Literaturkritik die Wege wies, denn die war gerade mit der Gruppe 47 nach Princeton verreist.

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Der aus Göppingen stammende Schwabe Bernstein war der Einzige der Gruppe, der es, wie er gern vermerkte, zu etwas Ordentlichem gebracht hatte, als Kunsterzieher und Hochschullehrer nämlich (von 1984 bis 1999 war er Professor für Karikatur und Bildgeschichte in Berlin), zugleich war er der Stillste und Uneitelste, manche sagen auch: der Sperrigste. Ein unglaublich angenehmer Zeitgenosse, dessen Genialität daher auch, wie Eckhard Henscheid soeben bemerkte, kaum gebührend anerkannt wurde.

Ein Meisterwerk, mit dem sich Bernstein zusammen mit Gernhardt und Waechter in der deutschen Kulturgeschichte verewigt hat, war die Doppelseite „Welt im Spiegel“ in der pardon. Rubriziert als „Unabhängige Zeitung für eine saubere Welt“ trug sie unter einem Globus das wuchtige Motto „Pro Bono Contra Malum“ (für das Gute gegen das Böse), in Anspielung auf den Berliner Tagesspiegel, der ebenso lateinisch Ursachenerkenntnis zusagt: „Rerum cognoscere causas“ (hier ist alles erfunden und alles wahr). Schon die Überschriften (wir zitieren aus dem Jahrgang 1968) zeigen die Richtung: „Ein Sex-Buch, das uns mißfällt“. „Warum wir dieses scheußliche Bild veröffentlichen“.

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„Der schiefe Turm von St. Blasen“ wird gezeigt, ein phallisches Gebilde mit der Unterschrift: „Kunsthistoriker lehnen ihn ab. Voreilig?“ Bilder, Rubriken („Gut gesagt!“), Comics simulieren eine Zeitung, ein verträumtes Paralleluniversum von Presse, zum Zweck des Spiels mit ihren Hohlformen.

Zu Gernhardt gibt es inzwischen eine ausgebreitete Sekundärliteratur, auf die der zurückhaltende Bernstein noch warten muss. Dabei ist seine Lyrik nicht weniger ergiebig. Wer würde schon eine mit Heine verformte Nibelungenstrophe vermuten, wenn es um den Abgesang auf den R4 geht: „Uns wird in alten Mären/ wunder was erzählt/ von Automobilen, von schweren,/ die wären sehr zu verehren;/ Herr Gott – wie’s gefällt.“ Was dann folgt, ist nicht weniger als eine Kulturgeschichte der alten Bundesrepublik in vierzig Strophen, ein Epos: „Doch ach! Nichts ist von Dauer!/ Vorüber! Vorbei! C’est la vie!/ Die Zeiten, sie werden rauher,/ doch die Mitscherlichkeit zur Trauer,/ die haben wir irgendwie!“

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Ach ja, die haben wir! „Hab keine Romane geschrieben;/ keine einzige Sinfonie“, sagt Bernstein im Gedicht „Bilanz“. „Mein Umsturz ist Stückwerk geblieben;/ wie meine Tanztheorie./ Nicht eine Kathedrale!/ Kein Dachgeschoß ausgebaut!/ Und wenn ich mal male,/ wird’s Mist.“ Was ja nicht stimmte. Ganz still das Ende: „Nur dieses kleine Gedicht./ Reicht das nicht?“ Mindestens. (Gustav Seibt)

Ich verneige mich.

Zur Erinnerung ein kleines Bernastein Päckcen, jeweils ein Nachruf im Radio udnd im Fernsehen (ARD, Hessenschau)

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Fritz Weigle alias F. W. Bernstein (* 4. März 1938 in Göppingen ; † 20. Dezember 2018)

Titel:
01. Radio-Nachruf 4.14
02 Fernseh-Nachruf 2.48

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Die aktuelle Startseite der Website f.w.bernstein.de

„Zwanzig Stückchen Käsebrot, einunddreißig Veilchen, biete ich Dir, Gevatter Tod, verschon mich noch ein Weilchen.“

Lutz Görner – Trunken von Gedichten (2000)

FrontCover1.jpgAlso eigentlich bin ich mit der deutschen und sonstigen Lyrik weder vertraut, noch wurde ich bisher mit ihr  besonders warm (mit wenigen Ausnahmen) … Das änderte sich ziemlich schlagartig, als ich diese Doppel-CD hörte:

Lutz Görner (* 1. Januar 1945 in Zwickau) ist ein deutscher Rezitator.

Görner wuchs im Rheinland auf und stand als Schüler in Statistenrollen und als Tänzer im Stadttheater Aachen auf der Bühne. Er wollte zunächst Theaterintendant werden, studierte in Köln Theaterwissenschaft, Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie und besuchte dort die Schauspielschule. Es folgten Tätigkeiten an verschiedenen deutschen Bühnen als Bühnenarbeiter, Requisiteur, Schauspieler und Regisseur. Politisch organisierte sich Görner viele Jahre in der DKP.

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Lutz Görner, ca. 1977

Mitte der 1970er Jahre war Görner zunächst in München als Rezitator der Werke Heinrich Heines tätig. 1981 unternahm er zusammen mit Tahsin İncirci eine Tournee durch Deutschland unter dem Titel Ich liebe mein Land als Rezitator der Werke Nâzım Hikmets. Bis 1988 arbeitete er eng mit Ulrich Türk zusammen, der seine Programme und LPs musikalisch ausgestaltete. Programme wie Goethe für alle öffneten ihm die Stadttheater und Spielstätten auf der ganzen Welt. Görners Interpretation von Heinrich Heines Gedicht Deutschland – Ein Wintermärchen hatte im Großen Saal der Glocke in Bremen seine 1.000 Aufführung. Görner ging mit Programmen wie Droste für alle, einem Brecht-Programm (musikalisch begleitet von Oliver Steller, Dietmar Fuhr und Bernd Winterschladen) und über Friedrich Schillers Opiumschlummer und Champagnerrausch (mit Stefan Sell) auf Tournee. Von 1992 bis 1999 leitete Görner in Köln sein eigenes „Rezitheater“.

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1994 – Lasker-Schüler: Deutsche Dichterin

Im Fernsehen war Görner von 1993 bis 2010 durch die 200-teilige Serie „Lyrik für alle“ vertreten, eine kleine gesprochene Literaturgeschichte der Lyrik vom Barock bis heute, die jeden Sonntagmorgen bei 3sat gesendet wurde.

Seit 2012 tritt Görner im Rahmen von ihm inszenierter und begleiteter Klavierabende auf. Diese Abende sind eine Mischung aus Literatur und Musik von Komponisten, meist des 19. Jahrhunderts. Bisher sind Programme über Franz Liszt, Frédéric Chopin, Richard Wagner, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert sowie italienische Musik von Rossini, Donizetti, Bellini, u. a. unter dem Titel Eine italienische Nacht entstanden.

Lutz Görner lebt im Oberbergischen bei Köln. (Quelle: wikipedia)

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1998 – Zauberlehrling & Co von li Gerd Harder, Marcel Mader, Lutz Görner, Oliver Steller.

Und hier ein Querschnitt seines Schaffens … diese Doppel-CD trägt daher auch den Untertitel „Die fünfzig schönsten Texte aus fünfundzwanzig Jahren Rezitation“. Und es entfaltet sich vor uns ein wahrlich prachtvolles Kaleidoskop überwiegend deutscher Sprachgewalt, gewaltig diese Brandbreite … veredelt durch diesen Lutz Görner … ein Meister seines Fachs, wie er all diese Sprachklänge modulieren kann … betonen und somit den Kern einer Lyrik herausarbeitet … das ist wirklich famos !

Doch damit nicht genug: Görner nutzt dieses Best Of Album auch für sehr persönliche Rückschau auf seine Karriere wirft und dabei auch die Rückschläge nicht unter den Tisch fallen lässt.

Interessant auch sein Wandel vom politischen Rezitator hin zu einem, der sich auch an die deutschen Klassiker heranwagte. Und Görner bezeichnet sich im übrigen auch weiterhin als ein „68er“. Da steht mal wieder einer zu seiner Biographie und seinen Prägungen.

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2003 – Pessefoto Brecht-Programm. (v.l. Oliver Steller, Lutz Görner, Bernd Winterschladen, Dietmar Fuhr)

Von daher ein ganz besonderes Album. Leider lag meinem Exemplar (gebraucht erworben) kein Begleitheft bei, eigentlich ganz und gar nicht vorstellbar bei dem hochwertigem Naxos Label … Sehr schade !

Na, jedenfalls wird sich hier zukünftig mehr Lyrik tummeln und der Lutz Görner ist daran schuld !

Zwei erste und zwar dringende Empfehlungen: „Die Wahlesel“ (Heinrich Heine, passend zur Landtagswahl in Bayern) und „Krieg dem Kriege“ (Kurt Tucholsky, passend zur Weltlage).

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2013: Lutz Görner im Wagner-Museum in Bayreuth

Besetzung:
Lutz Görner (Sprecher)

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Titel:

CD 1:
01. Robert Gernhardt: Seht mich an, der Fuß der Zeit… 2.21
02. Christian Hoffmann: Von Hoffmannswaldau bei Antretung des 55. Jahres 1.49
03. Heinrich Heine: Vorrede zu „Geschichte der Philosophie“ 2.23
04. Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte 1.04
05. Novalis: Wenn Nicht Mehr Zahlen Und Figuren… 0.41
06. Joseph von Eichendorff: Schläft ein Lied in allen Dingen… 0.29
07. Robert Gernhardt: Gedichte sind Beschissen… 2.57
08. Heinrich Heine: Die Wahlesel 6.08
09. Kurt Tucholsky: Krieg dem Kriege 6.03
10. Bertolt Brecht: Diese Arbeitslosigkeit 2.11
11. Theodor Storm: Der Lump 2.23
12. Nazim Hikmet: Ich liebe mein Land 1.58
13. Nazim Hikmet: Die Mehrzahl der Menschen 1.34
14. Nazim Hikmet: Das Meer muß man sein 1.35
15. Louis Fürnberg: Das Nußbaumblatt 2.25
16. Johann Wolfgang von Goethe: Monolog aus Faust II.Teil 7.12
17. Unbekannt König Salomo: Aus dem Buch Prediger: Es ist alles ganz eitel… 6.32
18. Wilhelm Busch: Vorwort aus „Maler Klecksel“ 6.36
19. Wilhelm Busch: Der alte Narr 1.35
20. Wilhelm Busch: Verlust der Ähnlichkeit 1.49
21. Heinrich Heine: Die Launen der Verliebten 3.20
22. Johann Wolfgang von Goethe: Über allen Gipfeln ist Ruh… 1.15
23. Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck… 3.07
24. Peter Maiwald: Das Meer 0.56

CD 2:
01. Robert Gernhardt: Folgen der Trunksucht 1.46
02. Berns: Lob der Schwarzen Kirschen 2.02
03. Robert Gernhardt: Ein Gleichnis 1.18
04. Robert Gernhardt: Monolog des Prinzen von Hamburg 3.14
05. F. W. Bernstein: Aus dem Schmatzkästlein… 4.32
06. Hadamar von Laber: Kometorik 1.47
07. Gotthold Ephraim Lessing: Der über uns 3.52
08. Clemens Brentano: Singet leise, leise, leise… 0.43
09. Clemens Brentano: Hörst du, wie die Brunnen rauschen… 2.18
10. Eduard Mörike: An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang 2.28
11. Matthias Claudius: Der Mensch 1.19
12. Matthias Claudius: Die Sternseherin Lise 2.20
13. Else Lasker-Schüler: Ein Alter Tibetteppich 1.16
14. Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier 1.43
15. Annette von Droste-Hülshoff: Mondesaufgang 4.45
16. Joachim Ringelnatz: Seepferdchen 2.13
17. Joachim Ringelnatz: Überall 1.01
18. Joachim Ringelnatz: Cassel 2.33
19. Christian Morgenstern: Die Schildkröte 1.08
20. Christian Morgenstern: Der Hecht 0.43
21. Christian Morgenstern: Das Wasser 0.39
22. Christian Morgenstern: Das Butterbrotpapier 2.47
23. Christian Morgenstern: Drei Hasen 2.03
24. Johann Wolfgang von Goethe: An Den Mond 3.01
25. Joachim Ringelnatz: Zum Aufstellen der Geräte (live) 2.33
26. Kurt Tucholsky: Ein deutsches Volkslied (live) 8.57
27. Johann Wolfgang von Goethe: Umsonst (live) 2.25
28. Patrizia Fortenkopp: Ohne Titel (live) 1.36

CD2A

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Das Schönste an Lutz Görner ist, dass er unprätentiös mit ein paar gebrochenen verspielten Gesten seine gut pointierten Texte spricht und mit ironischem Spaß die Dichtung und das Leben der Dichter zu trennen und aufeinander zu beziehen weiß. (Süeddeutsche Zeitung)

 

Lützel Jeman, F.K.Waechter, F.W.Bernstein – Im Wunderland der Triebe (1967)

FrontCover1Ziemlich schräg, ziemlich einmal, ziemlich gut, diese „Pardon Platte Nr. 2“ Schallplatte aus dem Jahr 1967.

Es lohnt ein kleiner Rückblick:

„Es war im glorreichen Jahr 1967, dem nicht nur politische Umwälzungen folgen sollten, sondern ganz besonders solche der neu erwachenden Erotik, der sexuellen Revolution und ihrer Praktiken, als drei damals noch junge Herren der Neuen Frankfurter Schule beschlossen, die unvollständig informierte Welt schonungslos mit den nackten Wahrheiten aus deutschen Schlafzimmern zu konfrontieren. Auf der seinerzeit von Oswald Kolle losgetretenen Aufklärungslawine, die uns völlig neue Erkenntnisse über den Mann und die Frau als jeweils unbekannte Wesen, über den Orgasmus, in der Folge über Schulmädchen, Krankenschwestern, unser aller Helga und den Sanitätsgefreiten Neumann bescherte, surften sie frohgemut mit: der unvergessene F.K. Waecher, Robert Gernhardt, der sich damals noch Lützel Jemann nannte und F.W. Bernstein, heute unter seinem bürgerlichen Namen Fritz Weigle Kunstprofessor in Berlin und immer noch der geniale Spaßmacher von damals: nebenan übrigens als Laudator für Eugen Egner zu sehen, der nicht mehr aufs Bild gepaßt hat.

Und weil die drei Herren beim Verlag Bärmeier & Nikel und dessen frechem Satire-Magazin „pardon“ in Lohn und Brot standen, konnte  aus dem versammelten Jux zum Sex eine Schallplatte werden, die legendäre PARDON-Platte Nr. 2. An der Realisierung der köstlichen Parodie auf die verschwiemelte Pseudo- Aufklärung dieser Zeit haben sich damals als Sprecher bekannte Größen wie u.a. Hans Timerding, Uwe Dallmeier (1923-1985) und die süße Andrea Rau (die Sünde in Person) beteiligt. Rau damals und später das Lieblings- Titelmädchen von „pardon“, erfüllte in den Jahren danach mit Filmen wie „Quartett im Bett“, „Liebe durch die Hintertür“, „Komm nach Wien, ich zeig dir was“, und „Frau Wirtin bläst auch gern Trompete“, sowie mit ihren ansehnlichen Rundungen und Schmollmund das Vermächtnis der schonungslosen sexuellen Aufklärung.

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Andrea Rau

2006 wurde dann diese Scheibe erstmalig als CD wiederveröffentlicht: Und siehe da: nichts von der Komik der damaligen Texte ist verloren gegangen. F.W. Bernstein sei hier mit den Worten Robert Gernhardts aus dem Booklet zitiert: „Wir waren die ersten! 1968 bereits (es war aber 1967, Anm.) beschrieben wir Erektion und Befruchtung in einer derart handfesten Art, daß Woody Allen dem nichts hinzuzufügen wusste, als er 1972 Was sie schon immer über Sex wissen wolltenmachte.“ In der Tat, da hat der gute Woody heftig abgekupfert! Nochmal mir F.W. Bernstein gesprochen: „Es war alles sehr gut. Besonders wenn Anita P. das Chanson „Madeleine Madeleine“ (in Nr. 9) vorträgt „…denn frivoler geht´s nicht mehr…“, und Conny Jackls Trompete Zwischenbemerkungen macht, dann trägt´s uns auch heute noch leicht aus der Kurve. “

Ein besonderes Schmankerl ist der Schlußgesang der drei Dichter mit den besten erotischen Tiergedichten zur Melodie „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Also anhören und amüsieren.“

So isses … auch wenn natürlich sich für manchen jene damaligen Zeit heute nicht mehr erschließen und von daher der humoristische Nährwert dieser köstlichen Aufnahmen nicht mehr spürbar ist.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass es bei der Wiederveröffentlichung auch eher skeptische Besprechungen gab:

„Es war das Jahr 1968, man(n) stand und wartete. Die politische Umwälzung hielt Händchen mit der sexuellen Revolution und wollte doch so viel mehr.

Da kamen die drei von humoristischer Potenz nur so strotzenden Pardon- Redakteure Robert Gernhardt, F. K. Waechter und F. W. Bernstein – weder zu früh noch zu spät – und „beömmelten“ sich hörbar „über die bürgerliche Hoppelmoral“, wie es im Booklet heißt. Mit der Pardon-Schallplatte Nr. 2 „Im Wunderland der Triebe“ ritten sie auf der Aufklärungswelle der Zeit mit und erzählten ihren lustleidenden Hörern „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ – Jahre vor Woody Allen und auch noch bevor Regisseur und Autor Oswalt Kolle in Deutschland Liebe zum Gesellschaftsspiel erklärte. So verkündet der „spiritus erector“ des Projekts, Robert Gernhardt, stolz im Booklet der Hör-CD: „Wir aber dürfen sagen, wir waren die ersten! 1968 bereits beschrieben wir Erektion und Befruchtung“.

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Robert Gernhardt im Jahr 2006

Die Pardon-Schallplatte der drei damals noch jungen Herren der „Neuen Frankfurter Schule“ als Hör-CD neu aufzulegen, entspricht dem Trend, die vor nicht allzu langer Zeit verstorbenen Gernhardt und Waechter zu ehren – und ist absolut angebracht. Aber auch wenn viele Seiten ihres Schaffens heute noch so witzig sind wie damals, ist nicht all ihr einstiger Humor zeitlos.

„Im Wunderland der Triebe“ ist ein Zeugnis und Kind seiner Zeit. So wird in der Einführung der CD darauf verwiesen, dass diese nur für Ehepaare bestimmt ist und Minderjährige den Raum zu verlassen haben. Als Running-Gag dringt aber immer wieder ein Jugendlicher ein und will mithören. Das ist für heutige Humorgewohnheiten platt und erwartbar. Bei dem darauf folgenden Pseudo-Lauschen an den Schlafzimmertüren anderer Kulturen und den gestellten Straßeninterviews über das Sexualwissen der Deutschen wird die Lust auf überraschenden Humor leider auch nicht befriedigt. Die Einblicke in die körperlichen Vorgänge des Sexualvorgangs erinnern den Hörer an die Biologiezeichentricksendung „Es war einmal das Leben“ aus den Neunzigern und stehen deswegen heute in einem völlig anderen Kontext. Da hilft es auch nicht, dass die Spermatozoen Dialekt sprechen – „Im Wunderland der Triebe“ klingt für den Jetztzeit-Hörer einfach nur putzig, aber nicht mehr lustig.

Da befriedigt es auch nicht, wenn der flotte Autoren-Dreier als Höhepunkt der Platte „erotische“ Tiergedichte zu der Melodie von „Das Wandern ist des Müllers Lust“ singt.

So erregt die Hörspiel-Dokufiktion „Im Wunderland der Triebe“ leider nur Nostalgiker und Pardon-Fans. (Jule D. Körber)

Und unfreiwillig komisch ist folgender Kommentar eines Amazon-Kundens:
„Laßt Euch nicht vom Titel der CD täuschen. Das alles ist u.a ein Aufguss von Otto Waalkes „Auge an Großhirn…“. Nichts, was man nicht schon irgendwo gehört oder gelesen hätte. Habe mich maßlos über jeden Cent geärgert, den ich hierfür ausgegeben habe.“

Solche Einschätzungen entstehen, wenn man die Geschichte der deutschen Satire so gar nicht begriffen hat …

ZweitausendEinsAusgabe

Nachdruck für Zweitausendeins

Sprecher:
Joachim Böse, Uwe Dallmeier, Karl Friedrich, Margret Gute, Heide Joram, Hans Joachim Krietsch, Andrea Rau, Peter Schmitz, Hans Timerding
+
Anita P. (vocals)
Peter Grzeschik (guitar)
Conny Jackl (trumpet)

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Titel:
01. Seite 1 21.13
02. Seite 2 26.47

Alle Texte: F.K. Waechter – Lützel Jeman (= Robert Gernhardt) – F.W. Bernstein
Regie: Volker Kühn

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