Between – Hesse Between Music (1975)

OriginalFrontCover1Und schon wieder so ein Projekt, dass man einfach ambitioniert nennen muss:

Between war eine Instrumentalgruppe in den 1970er Jahren, die sich zwischen Minimal Music, Ethno-Jazz und Weltmusik ansiedelte. Die Gruppe war zunächst als Improvisationsgruppe für Kammermusik konzipiert, spielte aber bereits bei den ersten Plattenveröffentlichungen überwiegend ein festes Repertoire.

Ende der 1960er Jahre begegneten sich in München improvisierende Musiker aus verschiedensten Sparten und spielten „Musik zwischen den Welten“, zwischen Avantgarde, Elektronik, Folklore, Mittelalter, Stegreifspiel und Samba. Between bestand 1970 im Kern aus den beiden jungen Münchner Komponisten Peter Michael Hamel und Ulrich Stranz, dem seit 1966 in München lebenden argentinischen Gitarristen und Instrumentenbauer Roberto Détrée und dem gebürtigen New Yorker Robert Eliscu, zu jener Zeit Solo-Oboist der Münchner Philharmoniker.

PeterMichaelHamel1972

Peter Michael Hamel, 1972

Hinzu kamen 1971 die beiden amerikanischen Perkussionisten Cotch Blackmon und Charles Campbell, der Flötist James Galway aus Irland, damals Soloflötist der Berliner Philharmoniker, und anlässlich der ersten Aufnahmen der Tonmeister Ulrich Kraus. Von 1973 an setzten weitere Musiker aus aller Welt ihre Akzente bei Between: Tom van der Geld (Vibraphon) und Roger Jannotta (Holzblasinstrumente), beide aus den USA, Gary Lynn Todd aus USA (Kontrabass), Jeffrey Biddeau aus Trinidad (Congas), Pandit Sankha Chatterjee aus Kalkutta (Tabla) sowie als Gäste Walter Bachauer (Elektronik), Peter Müller-Pannke (Tanpura), Duru Omson (Bambusflöte, Perkussion), Al Gromer Khan (Sitar), der amerikanische Jazz-Saxophonist Bobby Jones und der damalige Münchner Domorganist Franz Lehrndorfer.

„Stilübergreifend, aus verschiedensten Kulturen schöpfend, entstehen mal fernöstlich inspirierte Klänge, leicht und transparent wie Seidenpapier, dann hört man altvertraute volksliedhafte Melodien, dann plötzlich einen swingenden Charleston. So […] geht es diesen Musikern nicht um Abgrenzungen, sondern um Verbindung, Verständigung, Vertrauen.“ (Quelle: wikipedia)„Einflüsse experimenteller, klassischer und mittelalterlicher Musik mit außereuropäischen Elementen vor allem aus Lateinamerika und Asien. […] Da entsteht wirklich Musik ‚between‘: Und das heißt hier allemal: es wird differenzierter, klischeedurchbrechender Musik gemacht als anderswo in diesem Genre.“

Ihr Album „Hesse Between Music“ war wohl ihr erfolgreichstes Album … Kein Wunder: denn mit der musikalischen Beschäftigung mit Hermann Hesse trfen sie den Nerv der Zeit, zumindest bei jenen Menschen, die sich (wie ich)von Hesse als einerseits spirituellen andererseits Autor begeistern konnten:
Für ihr viertes Album hatten sich Between etwas Besonderes vorgenommen. Ausgesuchte Texte von Hermann Hesse sollten im Mittelpunkt des Albums stehen, vorgetragen von Gert Westphal und musikalisch ergänzt und umrahmt von Between. Das Ganze war wohl hauptsächlich eine Idee von „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt, der schon seit den frühen 50er Jahren Projekte unter dem Motto „Dichtung & Musik“ (oder „Jazz & Lyrik“) veranstaltete. Berendt hat „Hesse Between Music“ nicht nur produziert, sondern auch die Texte ausgewählt.

Wort und Musik stehen bei „Hesse Between Music“ also nebeneinander. Westphal liest (spricht) Ausschnitte von Hesse und Between musizieren dazu. Die Musik der Gruppe stellt dabei eine ähnliche Mischung aus Jazz, Indischem, Klassik und einer Spur Elektronischem dar, wie schon auf den Vorgängerscheiben.

HermannHesse

Hermann Hesse

Einige ausgesprochen schöne Stellen sind allerdings bemerkenswert. Da ist einmal „Om Namo Buddhaya“ (welches in anderer Form schon auf „Dharana“ aufgetaucht ist), das mit dem Wolkentext aus „Peter Camenzind“ versehen, federleicht aus den Boxen schwebt. Ähnlich stimmungsvoll, allerdings deutlich indischer, ist „Govinda“ ausgefallen, begleitet von Ausschnitten aus „Siddharta“. Der unumstrittene Höhepunkt des Albums ist allerdings „Suicide“, welches das Ende (in doppeltem Sinne) von „Klein und Wagner“ vertont. Sich langsam steigernd entwickelt sich hier ein ausgesprochen ergreifendes Gebilde aus Wort und Klang, ein Gemenge aus elektronischen Flächen, Sitar, Orgel und Stimme, welches aufs trefflichste den dazu erklingenden Text widerspiegelt: „… aus dem Gesang der Seligen und aus dem endlosen Qualschrei der Unseligen baute sich über den beiden Weltströmen eine durchsichtige Kugel oder Kuppel aus Tönen auf, ein Dom von Musik“! Dabei steigert sich Westphal mit seinem Vortrag in eine Innbrunst hinein, die das Stück, vor allem in der zweiten Hälfte, zu einem unglaublich intensiven Klangerlebnis werden lässt. Welch wichtige Rolle Westphal hier inne hat Vorgängerscheiben. Etwas abwechslungsreicher ist die Musik allerdings ausgefallen, stehen hier doch meditative, hypnotisch-hymnische Klanggebilde, schlichte Improvisationen und filigrane Ethnotongespinste neben fast ordinären Ragtimenummern, konfusem Getröte („Lachen, Lachen, Lachen“) oder „normalen“ Jazz- und Rockstücken. Die Stimmung der Musik passt sich den jeweiligen Hessetexten an, die mal poetisch-wortmalend, mal humorvoll-direkt, gelegentlich auch ironisch, fast sarkastisch ausgefallen sind. Im Grossen und Ganzen gelingt es der Gruppe dabei die richtige Stimmung zu treffen und Text und Musik zu einer Einheit zu verschmelzen. Ein wenig aufgesetzt und aufgezwungen wirkt das Ganze allerdings stellenweise, etwas gewollt intellektuell. Da sich die Musik oft den Texten unterordnet, wirkt dieselbe mitunter auch etwas blass und simpel, wie Begleitmusik eben.

Betweenzeigt der Vergleich mit der auf dem CD-Reissue zu findenden Instrumentalversion (Track 1). Hier wirkt das Ganze wenig spektakulär, klangvoll zwar, doch fehlt die fast manische Intensivität der Textversion.

„Hesse Between Music“ bietet eine interessante Gratwanderung zwischen Musik, Poesie und Lyrik. Ein ähnliches Konzept, allerdings mit deutlich rockorientierterer „Begleitmusik“, hatten die Italiener von Pholas Dactylus. Wer deren einziges Album schätzt, etwas für Hesse übrig hat und den kontemplativen Indojazz(rock) von Between mag, der sollte auch einmal in „Hesse Between Music“ reinhören! (Achim Breiling)

Produziert wurde das Album (aufgenommen im Juni 1974) von dem „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk.

Oder um es mal ganz einfach zu sagen: Schlicht und ergreifend ein Meisterwerk !

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Alternatives Frontcover (mit englischsprachigem Sprecher)

Besetzung:
Holger Brandt (drums)
Charles Campbell (percussion)
Roberto Détrée (guitar)
Robert Eliscu (oboe, flute)
Tom van der Geld (vibraphone, harpsichord)
Peter Michael Hamel (keyboards, vocals, tamboura, electronics)
Bobby Jones (saxophone, clarinet)
Gary Todd (bass)
Gert Westphal (narrator)
Jerzy Ziembrowski (bass)
+
Al Gromer (sitar bei 06.)
Franz Lehrndorfer (organ bei 09.)

OriginalBackCover

Titel:
01. Om Namo Buddhaya (Hamel) 4.10
02. Whistlin‘ (Eliscu/v.d.Geld) 2.24
03. From Tom’s Diary (v.d.Geld) 1.20
04. Glück (Nicolai) 1.00
05. Chinese Legend (Hamel/Détrée/Sarangi/Müller) 2.47
06. Suicide (Hamel) 10.41
07. When You’re Smiling (Goodwin/Shay/Fisher) 3.02
08. Zarathustra (Hamel) 2.13
09. Variationen über „Eisenach“ I – III (Lehrndorfer/Hamel/Détrée) 7.23
10. Leb wohl, Frau Welt (Lohmann) 1.20
11. Govinda (Hamel/Sarangi/Müller) 6.50
12. Lachen, Lachen, Lachen (v.d.Geld) 1.44

Alle Texte: Hermann Hesse

LabelB1

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Front + Backcover der CD