Bremer Kinder- und Jugendkantorei + das Bremer Kaffeehaus Orchester – Die roten Reporter (2011)

FrontCover1Ein bemerkenswertes, ein bewundernswertes, ein sehr ambitioniertes Projekt, was da 2011 in Bremen entstanden und uraufgeführt wurde.

In dieser Produktion aus dem Jahr 2010 der Bremer Kinder- und Jugendkantorei (gegründet im August 2008)  geht es um Loyalität und Verrat, um den Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit. Und: Die Geschichte hat einen historischen Kern:

Die „Roten Reporter“ waren in Bremen und darüber hinaus berühmt-berüchtigt: als Theatertruppe, die politische und soziale Missstände der Zeit aufs Korn nahm. Die Weimarer Republik war in den „goldenen Zwanzigern“ entstanden, die Hochstimmung endete bekanntlich in einer Katastrophe. Vor allem für die Arbeiterschaft wurde das Leben nach der Weltwirtschaftskrise zum täglichen Existenzkampf. Wer sich für ihre Rechte einsetzte – wie die „Roten Reporter“, die selbst aus dem Milieu stammten – begab sich in Lebensgefahr. Soweit der Hintergrund. Im kollektiven Gedächtnis hat sich diese Geschichte in Bremen kaum bewahrt. Doch genau darum geht es Chorleiterin Ilka Hoppe: Um die Erinnerung daran, was war – und um die Wertschätzung dessen, was ist.

IlkaHoppe

Ilka Hoppe

Ihre eigene erste Begegnung mit den „Roten Reportern“ war reiner Zufall, erzählt Ilka Hoppe. Im Rahmen einer Recherche zu einem ganz anderen Thema entdeckte sie im Staatsarchiv alte Polizeiprotokolle: Darunter die minutiöse Dokumentation der Theaterstücke und Lieder der „Roten Reporter.“ Eine Ironie der Geschichte sei es, sagt die Musikerin, „dass fast alles, was von diesen Aufführungen herauszufinden ist, nur wegen der Polizeiakten überlebt hat.“ Daraus und aus dem reichen Fundus der Zeit, die eine vor Kraft strotzende künstlerische und intellektuelle Avantgarde und Politkultur hervorbrachte, hat Ilka Hoppe ihre „Agit-Prop-Revue“ konstruiert und erstmals vor vier Jahren auf die Bühne gebracht. Doch lässt sich mit einem Musikstück über eine politische Bewegung einer längst vergangenen Zeit die junge Generation gewinnen? Und wie, sagt Ilka Hoppe. Denn es geht dabei auch um Loyalität, Liebe und Verrat, um Zivilcourage und Mut.

Auch wenn, das will ich gleich mal anräumen, mir die Musik und vor allem der Gesang mehrfach ob ihres klassenkämpferischen Sound eher nicht zusagt, finde ich das Projekt als jemand, der sich brennend für Geschichte interessiert, extrem spannend. Das Bremer Kaffeehaus Orchester ist allerdings ne Klasse für sich – aber davon später mehr …

Da gibt es zum einen spannende Texte wie „Ich steh auf dem Boden der Tatsachen“ (1931) oder „Hitler und Goethe. Ein Schulaufsatz.“ (von Kaspar Hauser; 1932;   hinter diesem  Pseudonym steckt übrigens Kurt Tucholsky.

Und dann noch jede Menge historische Lieder aus der Weimarer Republik … Lieder die zeigen, dass es auch damals viele Menschen und Künstler gab, die sich auf ihrer Weise gegen das drohende Unheil aufstemmten …

Grußwort

Und natürlich war ein Reporter der „Linken“ – Landesverband Bremen von einer Liveaufführung ziemlich begeistert:

„Die Texte kamen mit einer unter die Haut gehenden Intensität „rüber“. Auf die Frage, was wichtiger sei, das Künstlerische oder das Politische an dieser Polit-Revue, antwortete Ilka Hoppe in einem Gespräch vor der Aufführung: „Das ist beides, und ich finde, das ist für uns nicht zu trennen, denn der Ausdruck kommt aus der Musik. Es ist auch immer so, dass wir immer alle Strophen singen. Und das ist auch Absicht, denn es ist tatsächlich so, dass man die ersten zwei Strophen dieser Lieder inhaltlich ganz stark mittragen kann. Und dann geht’s los Richtung Moskau. Immer. In der dritten Strophe kommt immer Moskau oder Russland. Und das darf man natürlich nicht verhehlen.“

Die Texte wären auch ein ganz großer Diskussionspunkt bei der Erarbeitung des Programms gewesen. Wie könne man das aufführen, so dass es stimmig wäre? Ilka Hoppe: „Das haben wir in drei Monaten mit den Kindern erarbeitet. Das war eine ganz wache Zeit. Es war auch so, dass man den Kindern diese Texte nicht einfach ‚vorlatzen‘ kann und sagen, komm her, spiel mal. Sondern wir haben das erst mal gelesen, das dann sacken lassen, dann haben wir uns Informationen geholt. Und dann wurde es diskutiert. Das war richtig anstrengend. Jeder hatte ’ne Meinung, und jeder wollte was sagen. Das war Tumult. Und dann wurde alles haarklein besprochen, warum der oder die das sagen oder tun muss. Und was wir damit zeigen wollen. Wir haben die Originalstücke und -songs der Agitprop-Gruppen genommen. Das ist so aktuell, da läuft es einem kalt den Rücken runter. Das ist schon erstaunlich!“

BackCover1.jpg

Die Idee, eine kommunistische Polit-Revue der „Roten Reporter“ von 1930 wieder aufzuführen, und zwar von einem eher kirchlich orientierten Kinder- und Jugendchor, begleitet von einem Salon-Orchester, ist schon genial. Und ihre Umsetzung gelungen! Es stimmte alles: der schmissige Sound des Salonorchesters, die szenischen Darstellungen, Auswahl und Arrangement der Stücke, die ganz unterschiedlichen Musikstile, das Tempo während des Abends und der Abwechslungsreichtum von ernsten und politischen bis hin zu lyrischen bis gefühlvollen Texten. Sogar der „Bleicherin Lied“ von Robert Schumann wurde aufgeführt und konnte dazu gehören. Aber die stärkste Wirkung, die zu Tränen rühren konnte, kam von der ungebrochenen Begeisterung und der Identifikation der Kinder mit diesen historischen Texten.“

Und ich fände es spannend mehr zu wissen von all diesen linken Gesangsgruppen der Weimarer Republik, ob sie nun „Rotes Sprachrohr“, „Rote Reporter“, oder „Rote Rakaten“ hiessen, zu wisssen …

Beigefügt habe ich noch einen Videoclip, indem Ilka Hoppe und Klaus Fischer in der Radio Bremen Sendung „Buten un binnen“ Sendung vom 01. Mai 2011 weitere Auskünfte über dieses nun wirklich spannende Projekt geben.

Booklet06A

Besetzung:
Bremer Kinder- und Jugendkantorei unter der Leitung von Ilka Hoppe:

Besetzung+
das Bremer Kaffeehaus-Orchester:

Konstantin Dorsch (violine)
Klaus Fischer (flute)
Johannes Grundhoff (piano)
Anselm Hauke (bass)
Gero John (cello)

Booklet11A

Titel:
01. Wir sind das rote Sprachrohr (Rotes Sprachrohr) 0.50
02. Mus – ismus (Hoppe) 1.44
03. Reizend (Hollaender) 2.04
04. Arbeitsmann du lebst in Not (Kolonne links) (Rotes Sprachrohr/Hoppe) 1.47
05. Hafenproleten (Rotes Sprachrohr) 2.27
06. Solidarität (Brecht(Eisler) 1.55
07. Klassenprimus (Wrobel) 1.50
08. Truppenlied der roten Reporter (Rote Reporter) 1.38
09. Gaslied (Rote Raketen) 2.39
10. Pinkerton Oper (Rote Raketen) 2.21
11. Roter Wedding (Weintert/Eisler) 1.17
12. Roter Raketenmarsch (Rote Raketen) 2.04
13. Ich steh auf dem Boden der Tatsachen (Die Nachrichter) 2.18
14. Raus mit den Männern (Hollaender) 3.46
15. Die Herren Männer (Tiger/Hollaender) 4.48
16. Eine neue Welt (Renn/Wolpe) 0.49
17. Eine kleine Sehnsucht (Hollaender) 3.26
18. Wie hab ich nur leben können (Hollaender) 4.06
19. Hitler und Goethe. Ein Schulaufsatz. (Hauser) 2.30
20. Marsch ins Dritte Reich (Traditional/Brecht) 3.48
21. Eine Moritat (Hoppe) 2.34
22. Anstreicher Hitler (Brecht/Eisler) 1.50
23. Bleicherin Nachtlied (Schumann) 2.17
24. Song von den brennenden Zeitfragen (Die Nachrichter) 3.05

CD1

*
**