Anne Bennett + Otto Lechner & Ensemble – Die Stimmen von Marrekesch (Elias Canetti) (2008)

FrontCover1Eine viel angemessenere Weise, sich gedanklich und emotional von meinen bewegenden Tage in Marrakesch so allmählich zu verabschieden, kann ich mir eigentlich kaum vorstellen.

Hier darf ich eines dieser spannenden Literatur / Musik Projekte vorstellen, das meinen Puls gleich heftig höher schlagen lässt.

Ausgangspunkt für dieses Projekt sind die Reiseschilderunen „Die Stimmen von Marrekesch“ von Elias Canetti aus dem Jahr 1967:

Canetti führt den Leser als Ich-Erzähler in die marokkanische Großstadt Marrakesch, die er in den 1950er Jahren in Begleitung eines Filmteams bereist hat, wobei er (der in London lebte), vor den Einheimischen als Engländer auftritt, sich gegenüber den Einwohnern der Mellah, des jüdischen Viertels, aber auch als Jude zu erkennen gibt.

Originalausgabe1967

Original-Ausgabe von 1967

Sein Buch ist kein Reisebericht im üblichen Sinne, sondern (wie der Untertitel bereits andeutet) eine Sammlung von Erinnerungsstücken, die zu Skizzen geronnen sind, Momentaufnahmen, mit denen er den Charme der Stadt einzufangen, zumindest blitzlichtartig zu beleuchten versucht.

Die einzelnen Abschnitte sind grundsätzlich unabhängig voneinander, auch wenn gelegentlich Verweise oder Übergänge eingebaut werden, die das Buch im Inneren zusammenhalten sollen.

„Die Stimmen von Marrakesch“ ist jenes Buch, durch das Canetti dem Leser so etwas wie ein vertrauter Freund wird und in dem aus allen Schilderungen von orientalischer Großstadtmisere am Rande menschlichen Daseins eine Art Freude an allem Menschlichen (…) erstrahlt. François Bondy

„Klassisch möchte man den Weltbezug dieser Prosa nennen, weil ihr Autor mit so unbeirrbarer Kraft auf die Menschen, Tiere und Gegenstände von Marrakesch blickt, ohne dass die Subjektivität des Schauenden sich je in den Vordergrund drängte.“ Rudolf Hartung

„So behutsam und scheu Canetti vorangeht, der Leser wird Zeuge eines Erkenntnisprozesses. Ein Vorgang ohne jede intellektuelle Strapazierung … Es bleibt, was immer Canetti in Marrakesch erlebt und beobachtet, reine erzählerische Vergegenwärtigung, sinnlich nah und greifbar.“ Eberhard Horst (Quelle: wikipedia)

Elias Canetti01

Elias Canetti

Und aus diesem Klassiker der Literatur formten Anne Bennett und das Otto Lechner & Ensemble eine Art „Klangbuch“, das seines Zeichens sucht.

„Bibliothek der Töne“ nennt sich eine der im wahrsten Sinn bezauberndsten Reihen auf dem Hörbuch-markt: Produziert vom kleinen, feinen Wiener Mandelbaum-Verlag entstehen Kostbarkeiten biblio- wie audiophiler (Kunst-)Natur. Wenige, nur drei Produktionen entstanden bisher. Jede eine Entdeckungsreise wert. Die sorgsame Komposition dieser Klangbücher soll hier an dem jüngsten der drei angedeutet werden: Elias Canettis Die Stimmen von Marrakesch, gelesen von Anne Bennent zu Musik von Otto Lechner & Ensemble. Rote Kamele ziehen über den sandfarbenen Umschlag, eine Karawane, die im Inneren des Booklets fortwandert: Gestaltet wird die gesamte Bibliothek der Töne von der Kinderbuchillustratorin Linda Wolfsgruber, der für diese Kunstwerke der dringend zu gründende Hörbuch-Cover-Preis verliehen werden möge.

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Bevor auf den CDs Anne Bennents klare Stimme anhebt, entführen Klänge an den Ort des literarischen Geschehens – in den Bauch von Marrakesch. Die Erzählung aus der Bar Scheherazade präludiert ein Chanson von Jacques Prévert, gesungen von Anne Bennent. Musik von Prévert-Komponist Joseph Kosma untermalt die Lesung – und erzeugt eine Atmosphäre, als säße Bennent, nach Singen des Chansons, auf einem Barhocker dortselbst. – Nacht, eine Fremde in Marrakesch, dem Text, einem Fremden, begegnend. Einander geleitend, weben Musik und Sprache einen Klangteppich, der die von Canetti beschriebene Reise nahezu körperlich erfahren lässt. (Cornelia Niedermeier)

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Ein wahrhaft magisches „Hörbuch“ … Die Verschmelzung von Texten und Musik gelingt scheinbar so mühelos, dass man sich dieses Buch eigentlich gar nicht mehr anders vorstellen will.

In dem ausführlichem Begleitheft gibt insbesondere Anne Bennett Auskunft über das Entstehen dieses Albums und dabei berichtet sie vor allem von ihren Zweifeln … Angesichts dieser Zweifel (z.B. auch hinsichtlich der Sprache von Canetti) ist ein erstaunliches Werk entstanden …

‚Bennett´s Ausführung zum Thema Fremdsein sind lesenswert, wenngleich ich nicht all ihren Empfindungen hinsichtlich dieser Reiseschilderungen folgen mag …

… Hier haben wir ein großartiges Werk zu bestaunen …

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Besetzung:
Marwan Abado (oud)
Anne Bennent (vocals)
Melissa Coleman (cello)
Georg Graf (reeds)
Pamelia Kurstin (theremin)
Otto Lechner (accordeon)
Karl Ritter (guitar)
Peter Rosmanith (percussion)

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Titel:

CD 1:
01. Le feuilles mortes (Prévert/Kosman) 2.45
02. Sheherezade (Canetti/Kosma) 21.05
03. Le Feuilles mortes (Prévert/Kosman) 2.11
04. Die Frau am Gitter (Canetti/Rosmanith) 12.41
05. Die Entführung aus dem Serail (Overtüre) (Mozart) 4.31
06. Collage 1 (Coleman) 5.37
07. Die Familie Dahan (Canetti/Lechner) 15.47
08. Collage 2 (Coleman) 2.03

CD 2:
01. Zirkelreise des Plubutsch (Lechner) 3.54
02. Kamele (Canetti/Abado) 11.52
03. Wüstenschloß (Abado) 4.13
04. Friedhof (Ritter) 0.56
05. Der jüdische Friedhof (Canetti/Ritter) 11.31
06. Atmen (Ritter) 5.15
07. Der Unsichtbare (Canetti/Graf) 7.47
08. E’nas Rahou (Abado) 5.23

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