André Heller – Stimmenhören (1983)

FrontCover1Ganz sicher eine Ausnahmeerscheinung in der deutschprachigen Musik- und Kunstszene, auch wenn er genauso sicher so etlichen auf den Senkel ging:

André Heller (* 22. März 1947 in Wien; geboren als Francis Charles Georges Jean André Heller-Hueart) ist ein österreichischer Chansonnier, Aktionskünstler, Kulturmanager, Autor, Dichter und Schauspieler.

Heller entstammt väterlicherseits einer wohlhabenden jüdischen Familie von Süßwarenfabrikanten: Sein Vater Stephan (1895−1958) war der Sohn von Wilhelm Heller, einem der beiden Gründer der Wiener Süßwarenfabrik „Gustav & Wilhelm Heller“. Diese Firma wurde durch die Erfindung der Dragées weltbekannt. Seine Mutter ist Elisabeth Heller (* 1914), sein älterer Bruder Fritz leitete nach dem Tod des Vaters das Unternehmen. Wegen seines Vaters, der nach dem Krieg hauptsächlich in Paris lebte, hatte André Heller anfangs die französische Staatsbürgerschaft.

Nach seinen eigenen Aussagen war für seine literarische Orientierung schon während seiner Schulzeit der fast tägliche Besuch im Café Hawelka ausschlaggebend. In diesem Wiener Kaffeehaus traf er auf Literaten wie Friedrich Torberg, H. C. Artmann und fallweise Elias Canetti sowie Hans Weigel und Helmut Qualtinger, mit dem er später zusammenarbeitete und auftrat. Bei Hans Weigel und dessen Lebensgefährtin Elfriede Ott nahm er Schauspielunterricht.

André Heller spielte zunächst mit wenig Erfolg an Wiener Avantgardebühnen und versuchte sich später als Programmgestalter beim Österreichischen Rundfunk (ORF).

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André Heller, 1967 im ORF

1967 gehörte er zu den Gründern des ersten deutschsprachigen Popsenders Ö3, bei dem er zunächst die Sendung Musicbox moderierte. 1968 wurde er Co-Autor der erfolgreichen Fernsehsendung Wünsch Dir was. Im selben Jahr erschien auch seine erste Langspielplatte mit dem lakonischen Titel Nr 1. Einem breiteren Publikum in Österreich und in der Folge auch in Deutschland wurde Heller 1972 bekannt, als der ORF die surreale Fernsehshow Wer war André Heller? ausstrahlte. Außerdem erschien in diesem Jahr seine zweite LP namens Platte, und bei den Wiener Festwochen wurde sein erstes Theaterstück mit dem Titel „King-Kong-King-Mayer-Mayer-Ling“ uraufgeführt.

Heller erspielte sich über 15 Jahren hinweg einen Ruf als Chansonnier und Liedermacher. Dabei arbeitete er mit internationalen Künstlern wie Astor Piazolla, Dino Saluzzi, Freddie Hubbard, aber auch österreichischen Künstlern wie Toni Stricker, Wolfgang Ambros oder Helmut Qualtinger zusammen. Heller vertonte vielfach eigene Lyrik, sang aber auch Texte anderer Autoren. So wurde der Titel Catherine aus dem Jahr 1970 zu einem der ersten Hits von Heller. Den Text schrieb der noch weitgehend unbekannte Reinhard Mey, die Musik der Austro-Kanadier Jack Grunsky.[4] Er spielte von Werner Schneyder ins Wienerische übersetzte Chansons von Jacques Brel wie „Franz“ (nach dem Brél-Titel Jef) ein und gab in Titeln wie Angstlied (Verwunschen, 1980) anhand von traumatischen Kindheitserlebnissen intime Einblicke in seine Biographie und seine katholisch-jüdische Herkunft. Titel wie Miruna, die Riesin von Göteborg (Verwunschen, 1980) sind wiederum von der Wiener Schule des „Phantastischen Realismus“ beeinflusst. Das Lied vom idealen Park (Narrenlieder, 1985) oder die im Duett mit Wolfgang Ambros eingespielte Bob-Dylan-Coverversion Für immer jung (Stimmenhören, 1983) gelten heute als klassische Titel des Austropop. Der ebenfalls 1983 auf Stimmenhören erschienene Titel Erhebet euch Geliebte war eine der „Hymnen“ der Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre.

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Erika Pluhar, André Heller und Henry Miller, 1970

Dennoch wandte er sich seit Beginn der 1980er Jahre zunehmend spektakulären Inszenierungen, Aktionen und Installationen zu und beendete dafür 1982 seine erfolgreiche Konzerttätigkeit. 1985 folgte das Album Narrenlieder, das aber kein Erfolg mehr wurde. Es war bis in die 2000er Jahre seine letzte Plattenaufnahme. Zwischen 1967 und 1985 veröffentlichte er insgesamt vierzehn LPs, die ihm zwölf Goldene Schallplatten und siebenmal Platin einbrachten. 1991 schrieb er rückblickend über diese Zeit:

„Ich habe 1967 begonnen, meine Gedichte mittels meiner Stimme über Schallplatte und in Liederabenden Millionen Menschen zugänglich zu machen. Dies war nach dem Beispiel Bob Dylans zunächst sinnvoller als Lyrikbändchen im Selbstverlag oder bei Suhrkamp zu veröffentlichen. 1982, also durchaus im Zenit dieser Karriere, mußte ich meine Konzerttätigkeit beenden, weil es mir zur Qual wurde, um 20 Uhr vor einigen tausend Zuhörern begabt zu agieren, nur weil sie Eintritt bezahlt hatten.“ (André Heller in den Liner Notes der 1991 erschienenen „Kritischen Gesamtausgabe“)

2004 wurde er mit dem Amadeus Austrian Music Award für Ruf und Echo ausgezeichnet. Diese 3-CD-Retrospektive wurde von Chris Gelbmann initiiert, einem österreichischen Liedermacher und damaligen A&R-Manager von Universal Music.

Aus Anlass seines 60. Geburtstags gab André Heller im April 2007 im Wiener Radiokulturhaus nach fünfundzwanzigjähriger Bühnenabstinenz einen Liederabend unter dem Titel „Konzert für mich“.

1976 gründete Heller zusammen mit Bernhard Paul den Zirkus Roncalli, stieg jedoch noch im Gründungsjahr wieder aus dem Gemeinschaftsprojekt aus, seiner Darstellung nach, weil er „den Erfolg nicht teilen wolle“.

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André Heller mit Harry  Belafonte und Hannes Wader, 1982

1977 scheiterte Heller mit seinem Versuch, die Stadt München für eine „Weltausstellung der Phantasie“ auf dem Olympiagelände zu gewinnen, da die Behörden die finanzielle Realisierbarkeit bezweifelten. 1983 begann er eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Stefan Seigner, der bis 2003 seine Geschäfte führte.

Bereits 1968 war Heller (Pseudonym: André Miriflor) Mitfinancier des mit Erika Pluhar hauptbesetzten Films Moos auf den Steinen, für den er nach eigenen Angaben sein Erbteil aufgebraucht habe. Bald stand er aber auch selbst vor der Kamera. Neben seinen Spektakeln spielte André Heller Hauptrollen in diversen internationalen Kinofilmen, unter anderem in Hans-Jürgen Syberbergs Karl May und Hitler, ein Film aus Deutschland, Radu Gabreas Fürchte Dich nicht Jakob und Doktor Faustus von Johannes Schaaf, sowie in Peter Schamonis Frühlingssinfonie sowie eine Nebenrolle in Maximilian Schells 1979 herausgekommener Verfilmung der „Geschichten aus dem Wienerwald“ von Ödön von Horváth. Bereits 1969 hatte Heller in einer Fernsehfassung von Arthur Schnitzlers Tragikomödie Das weite Land unter der Regie von Peter Beauvais mitgewirkt: An der Seite von O. W. Fischer (als Friedrich Hofreiter), Ruth Leuwerik (Genia Hofreiter), Walter Reyer (Dr. Franz Mauer), Helmut Qualtinger (Bankier Natter) und anderen verkörperte er Gustav Wahl, den Bruder von Erna Wahl (Sabine Sinjen). 1989 war er auch als Briefmarkenkünstler tätig. Im Auftrag der Postverwaltung der Vereinten Nationen entwarf er die Briefmarke zum zehnjährigen Jubiläum der UNO-Wien.

Zuletzt war er als Kulturkoordinator für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland tätig. Er gestaltete im Jahr 2000 die Finalpräsentation für die erfolgreiche bundesdeutsche Bewerbung und entwarf 2003 einen „Fußball-Globus“, der als „architektonischer Vorbote der WM“ durch Deutschland tourte. In einem Urheberschafts-Streit um den Fußball-Globus warfen die Architekten Friedemann und Nikolai Kugel André Heller vor, die Idee kopiert zu haben. Unumstritten ist aber die Heller-Eigenerfindung des Fußball-WM-Mottos „Die Welt zu Gast bei Freunden“.

Die für die Fußballweltmeisterschaft von André Heller geplante Eröffnungsgala im Olympiastadion Berlin, an der auch Brian Eno und Peter Gabriel beteiligt waren, wurde am 13. Januar 2006 durch die FIFA abgesagt. Als Grund wurde genannt, dass der Rollrasen, der nach Ende der Gala neu verlegt hätte werden müssen, bis zum ersten dort stattfindenden Spiel (13. Juni 2006) möglicherweise nicht mehr in perfekter Qualität angewachsen wäre. Gerade wegen des Scheiterns bilanziert Heller dieses Projekt als „interessante Erfahrung“.

Grundsätzlich lässt sich André Heller – laut eigenen Angaben – nur auf Arbeiten ein, die ihn in seinem künstlerischen Lernhorizont weiterbringen. Selbst ein hypothetisches Angebot von 100 Millionen Dollar seien ihm nicht Grund genug, eine Sache umzusetzen, die für seine Entwicklung nicht sinnvoll sein würde. „Das ist zwar verlockend, weil mir einiges einfällt, was man an klugen und tiefen und spannenden Projekten mit 100 Millionen Dollar machen kann, aber letztlich darf ich nicht meine Zeit veruntreuen. Ich weiß doch nicht, ob ich nicht im nächsten Satz tot umfalle“, äußerte Heller in einem SWR-Interview.

AndreHeller2006

André Heller, 2006

Seit 2003 ist Robert Hofferer sein Manager und führt die Firma Artevent, mit Sitz in Wien.

André Heller war von 1970 bis 1984 mit der Schauspielerin, Sängerin und Autorin Erika Pluhar verheiratet. Einige Jahre lebte er in den 1970er-Jahren mit der Burgschauspielerin Gertraud Jesserer zusammen, viel später mit der Schauspielerin Andrea Eckert. Kurzzeitig liiert war Heller Mitte der 1980er-Jahre auch mit Anke Kesselaar, der damaligen Ehefrau Rudi Carrells.

Der Künstler besitzt eine Wohnung in einem Wiener Stadtpalais in der Renngasse im 1. Bezirk, das im Eigentum des Chorherrenstifts Klosterneuburg steht. In der Renngasse empfing Heller im Jahr 2000 den damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Zeitweilig lebt Heller auch in der dem Giardino Botanico A. Hruska zugehörigen Villa in Gardone Riviera. Gegenwärtig lebt Heller mit dem früheren Model Albina Schmid zusammen. Er hat einen Sohn namens Ferdinand Sarnitz, der unter dem Künstlernamen „Left Boy“ Musik macht.

In seinem „heiteren Liebesroman“ Die Vereinigung von Körper und Geist mit Richards Hilfe lässt der Satiriker Chlodwig Poth den Wiener Chansonnier Andreas Herb auftreten, der ein leicht erkennbares Porträt Hellers darstellt. Poth schildert ein Abendessen der Frankfurter pardon-Redaktion mit Herb und gießt dabei reichlich Spott über den Künstler aus. (Quelle: wikipedia)

Notizbuch

2 Seiten aus dem Notizbuch des André Heller

Hier also sein Album „Stimmenhören“, das von vielen als sein wichtigstes Album eingeschätzt wird.
Es erschien fast ein Jahr nachdem Heller seine Konzerttätigkeit aufgegeben hatte.

Die Aufnahmen zu Stimmenhören fanden zwischen November 1982 und März 1983 statt und wurden in verschiedenen Tonstudios in Wien und in Hamburg eingespielt. Stilistisch lässt es sich kaum als ein „typisches“ Austropopalbum einordnen, es enthält Liedermacherelemente, wie auch frühe Beispiele von World Music. An dem Album wirkten wie fast immer bei Heller ebenso prominente wie herausragende Gastmusiker mit. Darunter der argentinische Bandoneonspieler Dino Saluzzi, der US-amerikanische Jazztrompeter Freddie Hubbard und der österreichische Geiger Toni Stricker.
Wichtige Titel

„Für immer jung“ wurde als Bob-Dylan-Cover im Duett mit Wolfgang Ambros eingespielt und gilt heute ebenso wie „Wie mei Herzschlag“ als eine der „klassischen“ Stücke des späteren Austropop. „Erhebet euch Geliebte“ war ein wichtiger Titel für die Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre. Die Stücke „Der Mikado“ und das laut den Liner Notes auf einer Eisenbahnfahrt nach Kanton entstandene „Mir träumte“ sind Beispiele für die musikalisch-poetische Anlehnung Hellers an die Schule des Phantastischen Realismus. Bemerkenswert ist auch das von Heller auf Jiddisch gesungene und von Toni Stricker auf der Geige begleitete Volkslied „Zehn Brider“.

Das Cover zeigt ein Gemälde von Christian Ludwig Attersee unter Verwendung einer Fotografie Hellers aufgenommen von Gabriela Brandenstein.

Keine Frage: Ein beeindruckendes Album, nicht nur wegen der bunten Mischung der beteiligten Musiker (von Freddie Hubbard bis Konstantin Wecker), sondern auch wegen der poetischen Kraft von Heller´s Betrachtungen … ach, da gäbe es so anzumerken … Aber: dieses Meisterwerk selber zu entdecken ist ja auch ganz interessant.

Und ja, ein eitler Pfau war auch, zeitlebens.

Booklet01A

Besetzung:
André Heller (vocals)
Mischa Krausz (bass)
Horacio Lopez (drums)
Pete Maunu (guitar)
Manogo Mujica (percussion)
Peter Wolf (keyboards)
+
Wolfgang Ambros (vocals bei o6.)
Fritz Beyer (clarinet bei 05.)
Günter Dzikowski (keyboards bei 06.)
Freddie Hubbard (fluegelhorn bei 07.)
Peter Koller (guitar bei 06.)
Helmut Nowak (drums bei 06.)
Helmut Pichler (bass bei 06.)
Dino Saluzzi (bandoneon bei 03., 04.)
Toni Stricker (violin bei 05.)
Konstantin Wecker (piano bei 10.)
Benno Wieser (english horn bei 07.)
Ina Wolf (background vocals bei 02. + 07.)
+
Der Hamburger Friedenschor unter der Leitung von Irmgard Schleier (bei 09.)

HellerWecker

mit Konstantin Wecker in der Toskana (wo sonst ?)

Titel:
01. Der Mikado (Heller) 1.43
02. Wie mei Herzschlag (Thompson/James/Christopher/Heller) 3.25
03. Tulios Lied (Heller/Hoffmann) 4.17
04. Die Hundertjährige (Sardou/Heller) 4.04
05. Zehn Brider (Jiddisches Volkslied/Heller) 6.13
06. Für immer jung (Dylan/Ambros/Heller) 3.54
07. Der erste Reif in Rimini (Wolf/Heller) 4.17
08. Mir träumte (Wolf/Heller) 4.20
09. Erhebt euch Geliebte (Heller/Hoffmann)     4:16
10. Nachbemerkung (Wecker/Heller) 2.25

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Peter Kreuder mit der ORF Big Band ‎– Peter Kreuder spielt Udo Jürgens (1977)

FrontCover1Tja, da spielt der Großmeister der deutsch – österreichischen Unterhaltungsmusik (geboren ist er ja in Aachen, aber 1959 wurde er dann ganz offiziell Österreicher … begraben ist dann aber wiederum in München …) spielt Melodien von Udo Jürgens.

Und glaubt man dem Covertext, so konnte Udo Jürgens gar nichts besseres passieren, als dass Peter Kreuder sich seiner Melodien annahm:

„Peter Kreuder, als Pianist ebenso populär wie als Komponist, spielt 12 Lieder von Udo Jürgens, Hits, die heute schon zu Evergreens geworden sind. Kreuder hat selbst ungezählte immergrüne Melodien geschrieben. Mit dieser Langspielplatte erweist er dem jüngeren Kollegen seine Reverenz. „Denn Udo Jürgens ist eine der wenigen Ausnahmeerscheinungen am trüben deutschen Unterhaltungshimmel“, sagt der „Poet am Klavier“, wie Peter Kreuder oft genannt wird. Einhellige Kommentare zu der Produktion: Diese Instrumentalversionen verdeutlichen einmal mehr, wie reich an musikalischen Einfällen die Kompositionen von Udo Jürgens sind, wie viel melodische Substanz sie besitzen. Die von Robert Opratko liebevoll arrangierten Titel zeigen aber auch, daß sich der Komponist Udo Jürgens keinen einfühlsameren und verständnisvolleren Interpreten als Peter Kreuder wünschen kann.“

Nun ja, mir sind die Originale von Udo Jürgens schon deutlich lieber (allein schon wegen der Stimme !), aber dennoch: ganz nett zum anhören … eine amüsante Ergänzung für den Udo Jürgens Sammler allemal.

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Besetzung:
Peter Kreuder (piano)
+
ORF Big Band unter der Leitung von Robert Opratko

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Udo Jürgens + Peter Kreuder

Titel:
01.  Illusionen (Alexandra/Jürgens) 3.44
02.  Zeig mir den Platz an der Sonne (Hachfeld/Jürgens) 3.27
03.  Was wirklich zählt auf dieser Welt (Jürgens/Brandin) 2.42
04. Griechischer Wein (Kunze/Jürgens) 3.28
05. Was ich dir sagen will (Fuchsberger/Jürgens) 2.48
06. Warum nur, warum (Jürgens) 2.28
07. Matador (Jürgens/Brandin) 3.17
08. Ich glaube (Jürgens/Brandin) 3.12
09. Merci Chérie (Hörbiger/Jürgens) 2.33
10. Wenn ich die Zarin von Rußland wär (Hachfeld/Gmür/Jürgens/Brandin) 3.11
11. Siebzehn Jahr, blondes Haar (Hörbiger/Jürgens) 2.27
12. Sag ihr, ich laß sie grüßen (Bohlen/Jürgens) 2.48
+
13. Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen (Kreuder/Schröder/Beckmann) 2.50

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Esther & Abi Ofarim – Melodie einer Nacht (1965)

FrontCover1Seit geraumer Zeit stapeln sich meine Esther & Abi Ofarim LP´s und warten geduldig darauf, dass sie hier auch mal Erwähnung finden. Nun aber ist es soweit:

Esther & Abi Ofarim waren ein israelisches Gesangsduo, das in den 1960er Jahren international bekannt war.

Ester Zaied lernte Ende der 1950er Jahre Abraham Reichstadt kennen. Beide traten in Israel mit folkloristischen Titeln unter dem Künstlernamen „Ofarim“, was so viel wie „Rehkitz“ bedeutet, auf. 1961 heirateten die beiden und nannten sich dann Esther und Abi Ofarim. Esther war auch als Schauspielerin tätig und trat u.a. in dem Film Exodus auf – im Abspann wird sie als Esther Reichstadt genannt. Nach ihrem Erfolg beim Eurovision Song Contest 1963 in Großbritannien, bei dem Esther für die Schweiz mit dem Titel T’en Va Pas den 2. Platz belegte, wurde das Paar auch international bekannt. In Deutschland war Esther zuerst als Solistin erfolgreich mit Melodie einer Nacht (Platz 39 im August 1963) und Morgen ist alles vorüber (Platz 23 im Februar 1964). Danach nahmen sie Schallplatten in mehreren Sprachen auf und wurden zu einem der erfolgreichsten Gesangsduos der 1960er Jahre.

Esther + Abi Ofarim (1963)

1964 nahm das Duo bei den Deutschen Schlager-Festspielen in Baden-Baden teil. Ihr Titel Schönes Mädchen erreichte einen beachtlichen 4. Platz. Im selben Jahr hatten sie im deutschsprachigen Raum einen Hit mit Morgen ist alles vorüber. Weitere Hits folgten, bei denen Abi ab 1966 auch selbst für die Produktion verantwortlich war. (Quelle: wikipedia)

Mit „Melodie einer Nacht“ gelang Esther Ofarim 1963 erstmals der Einstieg in die deutschen Bestsellerlisten. Die gleichnamige Langspielplatte, die 1965 erschien, enthält auch einige Aufnahmen, bei denen die Sängerin von ihrem Ehemann Abi gesanglich und musikalisch begleitet wird.

Europaweit auf sich aufmerksam machte die Interpretin aus Israel, als sie 1963 für die Schweiz am Grand Prix d´Eurovision teilnahm und den zweiten Platz belegte. Ihr Wettbewerbsbeitrag „T´en vas pas“ wurde anschließend in deutscher Sprache als „Melodie einer Nacht“ veröffentlicht.

Erst 1962 waren die Ofarims, die Ende 1959 geheiratet hatten, von Tel Aviv nach Europa gekommen und hatten ihr Domizil in Genf aufgeschlagen. Bis dahin galten sie in erster Linie als Folklore-Duo, doch dann gewann Esther als Solistin den Schweizer Vorentscheid zum Eurovision Song Contest und ihre Teilnahme an dem internationalen Gesangswettbewerb war zugleich ihr Einstieg ins Pop- und Schlagergeschäft. Der erfolgreiche Filmkomponist und Produzent Peter Thomas übernahm ihre künstlerische Betreuung und stellte sie zunächst weiterhin als Solistin in den Vordergrund. Doch weil die Ofarims – vor allem auf der Bühne – als Duo einfach perfekt harmonierten und sich ihnen künstlerisch auch weitaus mehr Möglichkeiten boten, wurde Abi später bei den Plattenproduktionen mit einbezogen.

DieOfarimsBei der vorliegenden Langspielplatte richtet sich der Fokus allerdings etwas mehr auf Esther Ofarim. Es handelt sich bei den Aufnahmen um die schönsten Lieder einer Fernsehshow, die ebenfalls unter dem Titel „Melodie einer Nacht“ ausgestrahlt wurde. Das verrät der Text auf der Rückseite der Plattenhülle. Den überwiegenden Teil des Repertoires bilden die Single-Produktionen der israelischen Sängerin aus den Jahren 1963/64, wobei die Lieder größtenteils aus der Feder von Peter Thomas stammen. Dazu gehört „Das ist meine Liebe“, die Titelmelodie des Films „Es war mir ein Vergnügen“, in dem die Interpretin auch die Hauptrolle spielte. Eine zweite Hit-Notierung gelang ihr 1964 mit der Werner-Scharfenberger-Komposition „Morgen ist alles vorüber“, die hier ebenfalls zu hören ist. Im selben Jahr nahmen Esther & Abi Ofarim an den Deutschen Schlagerfestspielen in Baden-Baden teil. Mit „Schönes Mädchen“ erreichten sie einen ehrenvollen vierten Platz.
Folklore – Spezialität der Ofarims

Neben den überwiegend chansonhaften Schlagern enthält die Zusammenstellung auch einige folkloristische Aufnahmen: den temperamentvollen spanischen Song „Viva la feria“, das jiddische Lied „Adama Adamati“ oder den englisch gesungenen Titel „Cha Cha Ballahoo“. Typisch für diese Beiträge ist, dass Abi Ofarim mit seinem Gitarrenspiel die musikalische Begleitung beisteuert. Auf dem amerikanischen Evergreen „Cottonfields“ basiert das Stück „Wenn ich bei dir sein kann“. Allerdings ist das Original in der neuen Bearbeitung nicht auf Anhieb zu erkennen. Durch ihre besondere Art der Interpretation gelingt es den Ofarims, die Grenzen zwischen Schlager, Pop, Chanson und Folklore aufzuheben.

Esther & Abi waren damals Stammgäste auf den bundesdeutschen Fernsehbildschirmen. Bei ihren Auftritten und Tourneen wurden sie vom Publikum gefeiert und selbst die Fachleute sparten nicht mit Superlativen. Besonders die künstlerische Ausdruckskraft Esther Ofarims wurde immer wieder hervorgehoben. Auch der bereits erwähnte Text, der sich auf der Plattenhülle befindet, singt ein wahres Loblied auf die Interpretin, in dem sogar ein Hauch Poesie mitschwingt. So heißt es u.a.: „Sie ist eine Ton-Malerin, zahllos die Farben auf ihrer Palette“ oder „Zärtlich wie die Nacht ist ihre Stimme, aber sie kann auch wild sein, bangend, hoffend, sehnsuchtsvoll und anheimelnd.“

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In etwas anderer Aufmachung und mit leicht abgewandelter Songauswahl wurde das Album, das bei uns monatelang in den LP-Charts notiert war, 1966 von Amiga in der DDR herausgebracht. Für eine Single wurden dort die Titel „Wenn ich bei dir sein kann“ und „Cha Cha Ballahoo“ ausgekoppelt. (WDR 4 Schallplattenbar)

Ich denke mal, „die Ofarims“ haben uns Deutschen schon ein wenig die Ohren geöffnet und zwar nicht durch ein trunkene Fernwehmusik, sondern durch extrem stilsichere Interpratationen von Folklore-Songs und Chansons aus aller Welt …

Für mich ein ganz und gar großartiger Höhepunkt „Dirty Old Town“ von dem britischem Folksänger Ewan MacColl (eigentlich: James Henry Miller), der dieses Lied bereits 1949 komponierte und das dann vonden „Dubliners“ populär gemacht wurde.

Bei dieser LP könnte man glatt auf den Gedanken kommen, dass diese Aufnahmen im Laufe der Jahre reifen, wie es eben auch bei einem guter altem Whisky der Fall ist.

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Die Amiga Ausgabe

Besetzung:
Abi Ofarim (guitar, vocals)
Esther Ofarim (vocals)
+
Orchester Peter Thomas

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Titel:
01. Das ist meine Liebe (Thomas/Rotter/Jacobi) 2.29
02. Dirty Old Town (McColl/Lach) 2.37
03. Komm doch zu mir (D’Ardario/Charles/Schwenn) 2.39
04. Komm, leg deinen Arm um mich (Thomas/Schwenn) 2.13
05. Cha Cha Ballahoo (Minkoff/Hellerman) 2.33
06. Mein Weg nach Haus (Traditional) 2.08
07. Bonjour l’amour (Scharfenberger/Busch) 2.42
08. Schönes Mädchen (v.d. Dovenmühle/Berlipp) 2.02
09. Adama Adamati (Pen/Zaira) 1.54
10. Morgen ist alles vorüber (Scharfenberger /Busch) 2.32
11. Du bist so weit von mir (Thomas/Hertha) 2.33
12. Viva la feria (Traditional) 1.49
13. Wenn ich bei dir sein kann (Traditional/Blecher) 2.31
14. Melodie einer Nacht (Voumard/Gardar/Tiri) 2.31

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Hanns Ernst Jäger ‎– Bertolt Brecht – Songs Gedichte Prosa (1968)

FrontCover1Wie bitterböse Bertold Brecht sein konnte, das kann man hier auf dieser Hanns Ernst Jäger LP hören. Veröffentlicht wurde diese LP 1968 bei „Pläne Records“ (die Geschichte dieses Labels wäre auch ein eigener Beitrag wert !)

Aber zurück zu Hanns Ernst Jäger:

Hanns Ernst Jäger wurde am 1. Januar 1910 als Sohn eines Kriminalrats in Wien geboren. Nach dem Abitur studierte er zunächst Jura und Medizin, entschied sich dann aber für die Schauspielerei. Schon während des Studiums war er aufgefallen, wenn er mit seiner unverwechselbaren Stimme aus Werken der Weltliteratur rezitierte. Sein Bühnendebüt gab der angehende Schauspieler am Wiener „Scala-Theater“, weitere Engagements in Linz, Graz und Chemnitz schlossen sich an, wo Jäger meist den klassischen jugendlichen Helden gab. Zwischen 1941 und 1944 trat Jäger in Darmstadt auf, musste dann seine Karriere zunächst beenden, da er noch gegen Ende des 2. Weltkrieges als Soldat eingezogen wurde. Erst nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft konnte der Schauspieler seine Laufbahn fortsetzen, über Baden-Baden, Essen, Mannheim und Frankfurt kam er schließlich 1951 nach Bochum, wo er bis 1955 auf der Bühne stand, anschließend war er drei Jahre lang am Wiener Burgtheater verpflichtet. Danach band sich Jäger nicht mehr fest an ein Haus, arbeitete als freischaffender Schauspieler.

Während seiner Zeit in Bochum brillierte Hanns Ernst Jäger beispielsweise als „Shylock“ in einer der ersten Nachkriegsinszenierungen von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ (1952), seine Titelrollen in Kleists „Amphitryon“ und Shakespeares „Othello“ waren ebenso eindrucksvoll wie seine Verkörperungen des Kurfürsten in Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“, des Marquis Posa in Schillers „Don Carlos“ oder des vermögenden Kaufmanns Lopachin in Tschechows „Der Kirschgarten“. Doch vor allem als herausragender Brecht-Darsteller machte sich Jäger einen Namen, mit seinen Interpretationen des „Herrn Puntila“ oder des „Schweyk“ schrieb er Theatergeschichte. Die Figur des „Schweyk“ wurde zu einer seiner Paraderollen, Brecht selbst hatte in seinem Vermächtnis verfügt, dass nur Jäger seinen „Schweyk im zweiten Weltkrieg“ in Westdeutschland spielen solle. 1954 hatte Bertolt Brecht den Ausnahmeschauspieler in Frankfurt als Dorfschreiber Azdak im „Kaukasischen Kreidekreis“ gesehen und war beeindruckt von Jägers eigenwilligen Gestaltung der Rolle, drei Jahre nach Brechts Tod stand Hanns Ernst Jäger 1959 als erster westlicher „Schweyk“ auf der Bühne – mehr als 300 Mal begeisterte er – verschmitzt, aggressiv und listig – damit sowohl Zuschauer als auch Kritiker.
Weitere Glanzrollen von Jäger waren unter anderem der Dorfrichter Adam in Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“, der „Theodor“ in Hofmannsthal Posse „Der Unbestechliche“ oder der Diener Ludwig in Walsers Schauspiel „Überlebensgroß Herr Krott“. Doch vornehmlich ist er als Brecht-Interpret in Erinnerung geblieben, gab auch Brechts „Galilei“ („Das Leben des Galilei“) oder den Koch in „Mutter Courage und ihre Kinder“, arbeitete mit so renommierten Brecht-Regisseuren wie Peter Palitzsch, Harry Buckwitz und Manfred Wekwerth zusammen. Seine Liebe zu Brechts Werken aber auch zu Brecht als politischem Menschen zeigt Jäger auch mit der heute auf CD erhältlichen Veröffentlichung „Songs, Gedichte und Prosa“, dass er beispielsweise auch Texte von Kurt Tucholsky bevorzugte, beweist die Audio-Produktion „Opposition! Opposition!“ mit Texten und Liedern wie „Was darf die Satire“, „Über Krieg“ oder „Rückkehr zur Natur“.

Jäger01Auch vor einem großen Publikum konnte Jäger seine Glanzrollen wie den Dorfschreiber Azdak oder den „Schweyk“ darbieten, das Fernsehen zeigte beispielsweise 1958 Brechts „Der Kaukasische Kreidekreis“ in einer Inszenierung von Franz Peter Wirth, Rainer Wolffhardt setzte 1961 „Schweyk im zweiten Weltkrieg“ in Szene. Weitere Literatur-Adaptionen waren unter anderem Peter A. Horns Tschechow-Verfilmung von „Der Bär“ (1955) mit Jäger als „rasend“ verliebter Gläubiger Smirnóff und Käte Jaenicke als trauernde Witwe Popówa oder das von Egon Monk inszenierte Maxim Gorki-Stück „Wassa Schelesnowa“ mit Therese Giehse (Wassa Schelesnowa) und Josef Dahmen (Sergej Schelesnow).

Vereinzelt übernahm Jäger auch Aufgaben in Kinoproduktionen, so spielte er in Josef von Bákys „Dunja“ (1955, nach Puschkins Novelle „Der Postmeister“) neben Eva Bartok und Ivan Desny, war an der Seite von Gert Fröbe und Hansjörg Felmy in Paul Mays Verfilmung von Trygve Gulbranssens „Und ewig singen die Wälder“1) (1959) zu sehen. Kurt Hoffmann besetzte ihn mit der Rolle des „Schlender“ in „Die Ehe des Herrn Mississippi“ (1961, nach Dürrenmatt), mit Wolfgang Reichmann und Heinz Weiss spielte er in dem Kriegsdrama „Division Brandenburg“ (1960).
Dass Jäger auch in Krimis zu überzeugen wusste, bewies er auf dem Bildschirm 1960 als zwielichtiger Zahnarzt Dr. Stevens in dem Mehrteiler „Es ist soweit“2), der ersten Durbridge-Produktion des deutschen Fernsehens. Drei Jahre später tauchte er in einer Episode von „Das Kriminalmuseum“ auf, mimte in der Folge „Das Haus bei den Blutbuchen“ (1968) aus der Reihe „Sherlock Holmes“ den merkwürdigen Mr. Rucastle. Zu Jägers letzten Arbeiten vor der Fernsehkamera zählen 1970 bzw. 1972 zwei Episoden aus der populären TV-Serie „Der Kommissar“ sowie der Mehrteiler „Die Reise nach Mallorca“ (1973).

Hanns Ernst Jäger starb am 15. August 1973 im Alter von 63 Jahren in einem Münchener Krankenhaus an Herzversagen. Während einer Aufführung von Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ – Jäger spielte wie immer grandios den „Puntila“ – hatte er im März einen Zusammenbruch erlitten, von dem er sich nicht mehr erholte.
Der Theaterwissenschaftler, Dramaturg und Journalist Werner Schulze-Reimpell würdigt Jäger in Rowohlts „Theaterlexikon 2“ als einen vitalen, in seinen Mitteln verschwenderisch ausladendenden, manchmal auch zu effektverliebten Darsteller mit großer Ausstrahlung und den Qualitäten eines Volksschauspielers. (Quelle: steffi-online)

Die „Fraqgen eines lesenden Arbeiters“ haben mir vor vielen, vielen Jahren die Augen geöffnet, haben nicht nur meinen Zugang zur Geschichte grundlegend verändert, hat mich zu Bert Engelmann geführt.

Und heute, beim wiederhören dieser LP empfinde ich ich so viel Sympathie – insbesondere bei seinen mehrals deutlichen Anti-Kriegs-Texten. Beeindruckend die Klarheit seiner Worte, beeindruckend die Radikalität seiner Worte !

Jäger

Besetzung:
Hanns Ernst Jäger (Sprecher)
+
mir unbekannte Musiker (die musikalische Leitung hatte Klaus Melchers)

 

BackCover

Titel:
01. Vom armen B. B. 3.03
02, Das Lied von der Schlacht 1.20
03. Das Lied von der Widersinnigkeit des Krieges 2.16
04. Das Lied vom Chaos, von der Schönheit der Revolution 3.44
05. Legende von der Entstehung des Buches Taoteking 4.12
06. Gegen Verführung 1.06
07. Fragen eines lesenden Arbeiters 2.07
08. An meine Landsleute 1.27
09. Der Soldat von La Ciotat 4.02
10. Bei der Kanone dort 1.17
11. Der Kälbermarsch 2.14
12. Das deutsche Miserere 2.12
13.  Das Lied von der Moldau 1.40
14.  Die Nachtlager 1.25
15.  Die Regierung als Künstler 1.57
16.  Bei der Geburt eines Sohnes 0.45
17.  Wenn die Haifische Menschen wären 4.03
18.  Kinderhymne 0.50
19.  Ich benötige keinen Grabstein 0.23

Texte: Berthold Brecht – Musik Hanns Weil

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Verschiedene Interpreten – Musik erklingt (1965)

FrontCover1.jpgDa gab es mal – in grauer Vorzeit – den „Bertelsmann Schallplattenring“, der es sich (ganz sicher total uneigennützig) zur Aufgabe gemacht hat, Musik unters Volk zu bringen … und zwar preislich günstig.

Und so kam es dazu:

Nachdem der Unternehmer Reinhard Mohn bereits 1950 seinen Bertelsmann Lesering (heute Der Club) gegründet hatte, der es den Mitgliedern ermöglichte, aktuelle Bücher preiswert zu beziehen, wollte er sein Angebot Mitte der 50er Jahre auch auf Schallplatten ausweiten. 1956 gründete man unter der Devise „Zum guten Buch gehört ein schöner Klang“ den Bertelsmann Schallplattenring. Das junge Unternehmen hatte jedoch mit Startschwierigkeiten zu kämpfen. So wollten die Plattenfirmen anfangs die erforderlichen Lizenzen zum Vertrieb der Platten über den Schallplattenring nicht vergeben. Darüber hinaus war es anderen Presswerken mitunter aus vertraglichen Gründen nicht möglich, Aufträge von Bertelsmann anzunehmen. Aus diesem Grund errichtete man 1957 das Presswerk Sonopress in Gütersloh.

Am 22. April 1958 kam es zur Gründung der Ariola Sonopress GmbH sowie eines österreichischen Tochterunternehmens, die mit einer Presskapazität von 225.000 Platten monatlich ausgestattet waren. Die erste Veröffentlichung unter dem neuen Namen war Die Regenbogenkinder von Josephine Baker. Anfangs umfasste das Repertoire nur insgesamt 72 Titel von sechs Interpreten, was es dem Unternehmen schwer machte, in der Branche Fuß zu fassen. Langsam stellten sich jedoch erste Erfolge ein und in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg und Stuttgart wurden Geschäftsstellen gegründet, 1961 wurde in Köln eine weitere Musikproduktion eröffnet. Zuvor hatte Ariola 1960 mit dem Kölner Volksschauspieler Willy Millowitsch seinen bisher umsatzstärksten Erfolg mit dem Stimmungslied „Schnaps, das war sein letztes Wort“, von dem 900.000 Exemplare umgesetzt wurden. (Quelle: wikipedia)

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Die Kataloge des Schallplattenrings nannten sich „Schallplattenring Illustrierte“

Und um diese „Schallplatten-Ring“ zu promoten, gab es immer wieder Promo-Singles („unverkäufliche Werbeplatte“), die auf das aktuelle Programm des Rings hinwiesen. Hier ein Exemplar aus dem Jahr 1965. Mittlerweile hatte man auch die Akzeptanz der anderen Schallplatten-Firmen, denn auf der Rückseite dieser Single (die man allerdings mit 33 Umdrehungen abzuspielen hatte) wird stolz verkündet:

GanzSchönStolz

Musikalisch wendete man sich eher an die „reifere Jugend“, die Hildegard Knef mit ihrem Lied „Aber schön war es doch“ war schon ganz schön progressiv für diese Promo-Single.

Aber es gibt dann auch noch diesen Peter Kreuder Titel namens „Du gehts mir durch all meine Träume“, der wirklich ne Wucht ist … ansonsten kann man sich in die Welt der Oper und der Klassik verführen lassen, wobei der „Tanz der Stunden (Finale)“ überraschend gut daher kommt …

Hier also in 18 1/2 Minuten ein Schnelldurchlauf von 12 Musikstücke die damals Deutschland erfreut haben, während ich damals mit offenem Mund „Midnight To Six Man“ von den Pretty Things hörte … mit offenem Mund und geröteten Backen.

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Titel:
01. Mario Lanza: Maria, Mari (Russo/Di Capua) 1.41
02. Mantovani und sein Orchester: Fascination (Marchetti) 1.31
03. Hildegard Knef: Aber schön war es doch (Niessen/Relin/Wilden) 1.27
04. Peter Kreuder: Du gehst durch all meine Träume (Kreuder/Beckmann) 1.44
05. Hans Albers: Auf der Reeperbahn nachs um halb eins (Roberts) 1.06
06. Nini Rosso: Il silencia (Rosso/Celeste/Brezza) 1.43
07. Walter Berry: Der Vogelhändler bin ja ich (Mozart) 1.15
08. Fritz Wunderlich: Man wird ja einmal nur geboren (Lortzing) 1.20
09. Ingeborg Hallstein: Frag´ ich mein beklomm´nes Herz (Rossini) 1.10
10. Artur Rubinstein: Minutenwalzer (Chopin) 1.53
11. Renata Tebaldi: Es glänzte schon das Sternenheer (Verdi) 1.40
12. Arturo Toscanni &  das NBC Orchester: Tanz der Stunden (Finale) (Ponchielli) 1.59

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Promo1965

Werbung für den Schallplattenring

Sinfonieorchester der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf + Die Toten Hosen – Entartete Kunst – Willkommen in Deutschland (2015)

FrontCover1.jpgVon engagierten Projekten wie diesem kann ich gar nicht genug kriegen:

Entartete Musik – Willkommen in Deutschland ist ein Live-Album des Sinfonieorchesters der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf und der Band Die Toten Hosen. Es erschien am 30. Oktober 2015, produziert von Hans Steingen als Doppel-CD und Dreifach-Vinyl beim bandeigenen Label JKP. Die Ausgabe beinhaltet zudem eine DVD mit einer Dokumentation über die Entstehung.

Das Album wurde an drei Konzertabenden aufgenommen, welche Die Toten Hosen und das Sinfonieorchester der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf im Oktober 2013 in der Düsseldorfer Tonhalle gaben. Die Konzerte waren zur Erinnerung an die Künstler veranstaltet worden, die unter anderen mit der Propaganda-Schau Entartete Musik, eröffnet am 24. Mai 1938 im Ehrenhof in Düsseldorf durch die Kulturpolitik der Nationalsozialisten verunglimpft und verfolgt wurden.

Auf dem Frontcover steht die Inhaltsangabe in weißen und schwarzen Buchstaben auf rotem Hintergrund. Das Begleitheft zeigt schwarzweiße Fotos der Interpreten während der Konzerte in der Tonhalle im Oktober 2013. Es enthält die Texte zu den Titeln A Survivor From Warsaw op. 46 und Sog nit Kejnmal zuzüglich einer deutschen Übersetzung, sowie Informationen über den historischen Hintergrund sämtlicher Originaltitel sowie biografische Angaben über die an der Entstehung beteiligten Künstler.

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Nach dem Konzept von Thomas Leander, Professor an der Robert-Schumann-Hochschule, gaben die Band Die Toten Hosen zusammen mit dem Sinfonieorchester der Universität unter der Leitung des Dirigenten Rüdiger Bohn am 19., 20. und 21. Oktober 2013 je ein dreistündiges Gedenkkonzert in der ausverkauften Tonhalle in Düsseldorf. Des Weiteren war der Kinderchor des Humboldt-Gymnasiums Düsseldorf unter der Leitung von Dennis Hansel an den Aufführungen beteiligt.

Die Band bestand zum Zeitpunkt der Aufnahmen aus den Gitarristen Andreas von Holst und Michael Breitkopf, dem Bassisten Andreas Meurer, dem Schlagzeuger Vom Ritchie und dem Sänger und Frontmann der Gruppe Campino. Die Arrangements für Die Toten Hosen schrieb Hans Steingen, mit dem die Band seit 1996 zusammenarbeitet, und der bereits einige Titel für das Unplugged-Album Nur zu Besuch umgeschrieben hatte.

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Als Solisten traten Inge Du, Vita Gajevska, Thomas Leander und Hans Steingen am Klavier, Micea Gogoncea an der Gitarre, Christina Marzi an der Klarinette, Georg Sarkisjan an der Violine Alexander Kovalev am Violoncello, und Linda Hergarten und Susanne Storck als Sängerinnen auf. Die Stimmen im a-cappella-Vokalstück Ich muss heute singen, der unter dem Titel Les fenêtres chantent von den Comedian Harmonists im Jahr 1937 erstmals in Frankreich veröffentlicht wurde, übernahmen Keno Brandt, Julian Freibott, Gereon Grundmann, Jin-Su Park und Campino.

Die Veröffentlichung der Konzerte als Tonträger war zunächst nicht geplant und wurde erst zwei Jahre später durch Hans Steingen initialisiert, der die Aufnahmen in seinem Big Noise Studio in Düsseldorf abmischte und masterte. Bei verschiedenen Stücken erfolgte eine weitere Abmischung durch Vincent Sorg.

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Alle an den Konzerten künstlerisch Beteiligten, verzichten auf ihre Honorare, sowie das Schallplattenunternehmen JKP auf sämtliche Gewinne. Die Einnahmen aus dem Projekt werden zur Unterstützung von Stipendiaten und Konzertprojekten der Robert-Schumann-Hochschule zur Verfügung gestellt.

Neben dem 16-minütigen Instrumentalstück aus dem Spielfilm Der Herr der sieben Meere und Arnold Schönbergs Melodram Ein Überlebender aus Warschau, dem 11-minütigen Werk Kol Nidrei op. 47 von Max Bruch und Remembrances von John T. Williams aus dem Soundtrack zu Schindlers Liste, dem Kanonensong, der Zuhälter-Ballade und der Moritat von Mackie Messer aus Die Dreigroschenoper, dem Alabama Song aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, den Stücken Seht ihr den Flieger dort und Ihr müsst auf Freundschaft bau’n aus Brundibár, Deutsches Miserere aus Schweyk im Zweiten Weltkrieg, dem Vokalstück Ich muss heute singen von den Comedian Harmonists, den Liedern Einen großen Nazi hat sie!, Komm, Zigany aus der Operette Gräfin Mariza, Sog nit Kejnmal und Sholem-Alekhem, Rov Feidman! enthält das Album die von Campino vertonten Gedichte Stimmen aus dem Massengrab von Erich Kästner, Im Nebel von Hermann Hesse, das Lied Die Moorsoldaten, erschaffen von den von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor und das Schlaflied Wiegala von Ilse Weber.

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Zudem sind auf dem Album die bandeigene Kompositionen Willkommen in Deutschland und Sascha … ein aufrechter Deutscher vom Album Kauf mich! aus dem Jahr 1993, Das Mädchen aus Rottweil vom Album Auswärtsspiel aus dem Jahr 2002 und Ballast der Republik, Drei Kreuze (dass wir hier sind) und Europa vom Album Ballast der Republik aus dem Jahr 2012 vertreten. Die Stücke wurden eigens für die Gedenkkonzerte in Zusammenarbeit mit dem Sinfonieorchester neu eingespielt.

Das Album erreichte auf Anhieb Platz zwei der Charts in Deutschland, den siebten Platz in Österreich[4] und den siebten Platz der Schweizer Hitparade.

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Alexander Austel rechnet der Band in seinem Artikel auf laut.de hoch an, wie „selbstlos“ sie sich „in das Gefüge eines Orchesters einreiht“, es zeige, „dass sich aus den einstigen Autodidakten Berufsmusiker entwickelten“.

Arno Frank hingegen hält in seinem Review vom Oktober 2015 im Musikexpress „das Crossover aus Hochkultur, Politik und Punk das sich vor einst verfemtem Liedgut verbeugt“ für einen „Bärendienst“. Es sei „als Platte nur schwer zu ertragen“. Die Präsenz der Toten Hosen sei „problematisch“ und „eher dumpfwalzenhafte Ästhetik“ (Quelle: wikipedia)

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Da kann ich dem Arno Frank so gar nicht folgen, da finde ich folgende Zeilen weitaus passender:

Vor zwei Jahren initiierten die Toten Hosen ein Konzert mit Musik, die die Nazis als „entartet“ gebrandmarkt hatten. Nun erscheint es auf CD und DVD – und ist von erschreckender Aktualität.

Zur Unzeit kommt diese Veröffentlichung nun wirklich nicht, auch wenn das Ereignis, auf das sie sich bezieht, inzwischen 77 Jahre her ist. 1938 nämlich wurde im Düsseldorfer Kunstpalast die Ausstellung „Entartete Musik“ eröffnet, mit der die Nationalsozialisten die Hetzjagd auf unliebsame Komponisten rechtfertigen wollten.
Gnadenlos verfolgt wurde, was jüdisch, kommunistisch oder „undeutsch“ war,

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Vor zwei Jahren, anlässlich des 75. Jahrestags, hat das Orchester der Düsseldorfer Robert-Schumann-Musikhochschule auf Initiative des Prorektors Thomas Leander zusammen mit den Toten Hosen ein Gedenkkonzert mit Werken verfolgter Musiker veranstaltet. Jetzt erst, zwei Jahre später, kommt dieses Konzert auf den Markt, in Form zweier CDs und einer DVD sowie als Non-Profit-Projekt zugunsten der Stipendiaten und des Orchesters der Musikhochschule.

Die zweieinhalb Stunden sind ein beeindruckender Querschnitt durch die Musikgeschichte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Denn was den Nazis als „entartet“ galt, ließ sich nicht einmal durch irgendwie greifbare, ästhetische Kategorien begründen. Die treffen am ehesten noch auf den Jazz zu, auf die verhasste „Negermusik“. Ansonsten aber wurde gnadenlos verfolgt, was jüdisch, kommunistisch oder auf andere Weise „undeutsch“ war.

Auf den CDs hört man zum Beispiel ebenso „Komm, Zigány“ aus Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ wie Filmmusik zum „Herrn der Sieben Meere“ von Erich Wolfgang Korngold, das der nicht mehr in seine Heimat zurückkehrende Wiener Jude 1940 in Hollywood schrieb, einen Song der Comedian Harmonists oder Arnold Schönbergs Zwölfton-Melodram „A Survivor from Warsaw“. Es finden sich Kurt Weills Moritaten aus der Dreigroschenoper und ergreifende Zeugnisse von Musik aus den KZs und Vernichtungslagern, wie den Kinderchor „Ihr müsst auf Freundschaft baun“ aus der in Theresienstadt weiterentwickelten Kinderoper „Brundibár“ des tschechoslowakischen Komponisten Hans Krása oder das Lied von den „Moorsoldaten“ aus dem KZ Börgermoor.

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Beklommen macht auch die Erkenntnis, dass die wenigen Stücke der Toten Hosen auf dem Album, wie das 20 Jahre alte „Willkommen in Deutschland“, entstanden unter dem Eindruck brennender Flüchtlingsheime, kaum etwas von ihrer Aktualität verloren haben. (Franz Kotteder)

Ein eminent wichtiges und eindrucksvolles Album … und ich bilde mir ein, ich muss das nicht weiter ausführen.

Hinweisen will ich dann noch auf das wirklih fulminante Begleitheft und die dem Album beigelegte DVD Dokumentation dieses Ereignisses gibt es dann demnächst …

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Besetzung:
Michael Breitkopf (guitar)
Andreas „Campino“ Frege (vocals)
Andreas von Holst (guitar)
Andreas Meurer /bass)
Vom Ritchie (drums)
+
Sinfonieorchester der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf unter der Leitung von Rüdiger Bohn
+
Kinderchor des Humboldt-Gymnasiums Düsseldorf unter der Leitung von Dennis Hansel

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Titel:

CD 1:
01. The Sea Hawk-Suite (Korngold) 16.28
02. Die Moorsoldaten (Goguel/Esser/Langhoff) 6.01
03. Einen großen Nazi hat sie! (Weiss/Grünbaum) 3.35
04. Kanonensong (Brecht/Weill) 2.34
05. Zuhälter-Ballade (Brecht/Weill) 4.38
06. Die Moritat von Mackie Messer /Brecht/Weill) 4.09
07. Seht ihr den Flieger dort (Krása/Hoffmeister/Harre/Harders-Wuthenow) 2.23
08. Ihr müsst auf Freundschaft bau’n (Krása/Hoffmeister/Harre/Harders-Wuthenow) 3:29
09. Stimmen aus dem Massengrab (Frege/Kästner) 3.33
10. Deutsches Miserere (Brecht/Eisler) 2.14
11. Wiegala (Weber) 4.42
12. A Survivor From Warsaw op. 46 (Schönberg/Monod) 7.25

CD 2:
13. Kol Nidrei op. 47 (Bruch) 11.17
14. Komm, Zigany (Kálmán/Grünwald/Brammer) 5.27
16. Sog nit Kejnmal (Pokrass/Glik) 3.10
17. Ich muss heute singen (Marbot/Reisfeld/Cab/Varna) 2.51
18. Sholem-Alekhem, Rov Feidman! (Kovács) 7.04
19. Remembrances (Williams) 6.54
20. Im Nebel (Frege/Hesse) 4.51
21. Willkommen in Deutschland (Breitkopf/Frege) 4.30
22. Alabama Song (Brecht/Weill) 5.25
23. Sascha … ein aufrechter Deutscher (FregeMüller) 3.00
24. Drei Kreuze (dass wir hier sind) (v.Holst/Sorg) 1.41
25. Ballast der Republik (Frege/Marteria) 3.18
26. Europa (Breitkopf/Frege) 4.21
27. Das Mädchen aus Rottweil (Frege/v.Holst/Meurer) 4.32
28. Drei Kreuze (dass wir hier sind) (Reprise)n (v.Holst/Sorg) 2.21

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Bei diesem Lied krieg ein aufs andere mal ne Gänsehaut:

Wohin auch das Auge blicket, Moor und Heide nur ringsum,
Vogelsang uns nicht erquicket, Eichen stehen kahl und krumm.

Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit den Spaten ins Moor

Hier in dieser öden Heide ist das Lager aufgebaut,
wo wir ferne jeder Freude hinter Stacheldraht verstaut.

Wir sind die Moorsoldaten …

Morgens ziehen die Kolonnen in das Moor zur Arbeit hin
Graben bei dem Brand der Sonne, doch zur Heimat steht der Sinn.

Wir sind die Moorsoldaten …

Heimwärts, heimwärts, jeder sehnet zu den Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet, weil wir hier gefangen sind.

Wir sind die Moorsoldaten …

Auf und nieder gehen die Posten. Keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten! Vierfach ist umzäunt die Burg.

Wir sind die Moorsoldaten …

Doch für uns gibt es kein Klagen. Ewig kann ’s nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen: Heimat, du bist wieder mein!

Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor

 

Udo Jürgens – Deinetwegen (1986)

FrontCover1In den 80er Jahren war der Udo Jürgens mit seinen Schallplattenaufnahmen nicht mehr so erfolgreich, aber die „Maschinerie Udo Jürgens“ lief weiterhin wie geschmiert … und seine Alben dienten meist dazu, eine weitere große Udo Jürgens Tournee anzukündigen, und die waren weiterhin mehr als gut besucht.

Hier also nun ein Album aus den 80er Jahren:

Mit dem Album „Deinetwegen“ setzte Udo seinen musikalischen Stil den er zu Beginn der 1980er eingefahren hat weiter erolgreich fort. Eingängige Songs (eine Mischung zwischen Pop-Rock-Orchester-Schlager) verbunden mit Swing und wunderbaren Balladen. Einzig der Opener „Narrenschiff“ mit seinem doch schrägem Intro will nicht so richtig zünden. Anspieltipps sind auf alle Fälle „Sperr mich nicht ein“, „Guten Morgen mein Liebes“ und „Unsichtbar“. Ach ja und der Swing-Song „Ladies and Gentleman“. Neben einer sprissigen Melodie ist hier Udo textlich On Top vom Superstar der immer sein Bestes gibt um oben zu bleiben. Als bekanntestes Lied ist hier „Jeder so wie er mag“ vertreten. Gute Laune Song mit Reaggie Einflüssen. Selbstverständlich hat auch Udo seine Balladen im Album mit eingestreut, davon wirklich positiv hervorzuheben ist der o.g. Song „Guten Morgen, mein Liebes“, welcher vom Sorgen des Alltags handelt.

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Mit „Ich will-ich kann, I can-I will“ ist Udo eine hervorragende Melodie gelungen, doch mit dem Deutsch Englischem wirkt der Song doch schon arg am Kitsch, getreu dem Motto Deutsche Lieder müssen sich international behaupten. Aber naja Unfälle können jedem Künstler passieren. Das Album im Ganzem ist aber rundherum gelungen und klingt auch nach beinahe 30 Jahren top. Udo R.I.P. Danke für all Deine Lieder und dieser CD. (Volker Nagel)

Der ganz große Wurf ist dieses Album nun nicht, aber der Text zu „Narrenschiff“ ist wirklich wieder mal ein Höhepunkt (siehe unten)

Weitere Lieder, die ich guten Gewissens empfehlen kann wären dann noch „Nach all‘ den Jahren„;

Gleich Segelschiffen, die die Anker lichten,
geh’n mir Erinnerungen durch den Sinn.
Und märchenhafte Weißt-du-noch-Geschichten
begleiten mein „Woher“ in mein „Wohin“:

Ich denk‘ an euch, ihr Freunde meiner Jugend,
an Eltern, Brüder, Nachbarn nebenan;
ich denke an die Not und an die Tugend,
die ich nicht voneinander trennen kann.

Ich denk‘ an Szenen, die im Gestern spielen,
an Liebe, die ich nur im Traum umwarb,
an Sehnsucht nach zu hoch gesteckten Zielen,
an Glück, das nicht in der Erfüllung starb.

Ich denk‘ an jeden Sturz ins Bodenlose,
an jeden Tiefenrausch im Höhenflug.
Ich atme noch den Duft von jeder Rose,
die je in meinem Herzen Wurzeln schlug.

Ich denk‘ an die, die anders weiterleben,
an meine Kinder, die erwachsen sind,
an Menschen, die auf meiner Strecke blieben –
nicht miterfaßt von meinem Rückenwind.

An alle, die mir unentbehrlich waren
und sind und bleiben – nach all den Jahren.

Ich denke an euch Musiker und Dichter
Heinz, Walter, Willy, Bob – wie ihr auch alle heißt,
an hunderttausend Publikumsgesichter
mit Liebe, die noch heut‘ mein Herz zerreißt.

Oh ja, auch an die Liebe muß ich denken,
die so manches Spielchen mit mir trieb,
ich ließ mich allzuleicht von ihr beschenken,
wobei ich sicher vieles schuldig blieb.

Stößt mancher Anruf auch auf taube Ohren,
haut auch ein Wiedersehen mit euch nicht hin,
aus meinen Augen hab‘ ich euch verloren –
doch ich verlor euch niemals aus dem Sinn.

Ich denk‘ an euch, ihr Freunde meines Lebens,
wo ihr auch seid, ihr seid ein Stück von mir.
Der Teufel nimmt es und die Götter geben’s.
Erinnerung beflügelt mein Klavier.

Ich denk‘ an Wunder, die sich heut erst offenbaren –
nach all den Jahren – nach all den Jahren.

Aber auch der Ttelsong „Deinetwegen“ lässt aufhorchen:

Meinetwegen – ich träume
ganz egal, was ihr denkt,
ich spiele weiter verrückt!

Wie ein Clown ohne Zirkus,
trotzdem ist mir bis heut‘
fast jedes Lachen geglückt!

Wer auf mich baut ist verlor’n,
wer mit mir tanzt ist nie allein
auf dem Seil ohne Halt.
Ich werd‘ nie wieder geboren,
bin nie der, den ihr meint.
Und vor allem – wer spinnt,
wird nie alt!
Ich hab‘ genau so wie du
meine Karte am Eingang bezahlt!

Meinetwegen – ich lebe.
Glaubt keinem Träumer wie mir,
der doch nur macht, was er will.

Ist es leeres Gerede?
Ist es Ernst oder Spiel?
Wer’s glaubt ist früher am Ziel!

Wer auf mich baut ist verlor’n…

Meinetwegen – ich falle,
das Orchester spielt auf.
Ich bin der letzte im Saal.

Es erklingt das Finale,

ich steh‘ auf und ich tanz‘
nur deinetwegen nochmal.

Ich werd‘ nie wieder geboren.
Ich bin nie der, den ihr meint.
Und vor allem – wer spinnt,
wird nie alt!
Ich hab‘ genau so wie du
meine Karte am Eingang bezahlt!

Wie gesagt, kein Album mit durchschlagender musikalischen Wucht … aber ein Album, dass wieder mal eine kleine Schar von hörenswerten Titeln enthält. Und, na ja … sein „Sperr mich nicht ein“ war wohl eine, seine kleine Hymne auf sein doch ziemlich ausschweifendes Leben …

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Besetzung:
Udo Jürgens (piano, vocals)
+
Orchester Pepe Lienhard:
Osvldo Aden (trumpet)
Francesco Castellani (trombone)
Tom Howard (trumpet)
Peter Lübke (drums)
Capo Mayer (bass)
Billy Prosper (percussion)
Don Randolph (trombone)
Steven R. Rentschler (trumpet)
Laszlo Spiro (guitar)
Kudjoe Todzo (percussion)
Georges Walther (keyboards)
+
Franz Bartzsch (keyboards)
Francis Colena (guitar)
Sonja Kimmons (vocals bei 07.)
Frank Ludecke (saxophone)
Eddie Taylor (saxophone)
+
background vocals:
Claudia Garden – Draga Hoffmann – Agnes Skolud – Angelika Henschen – Norman Ascot – Achim Götz – Frank Turba

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Titel:
01. Narrenschiff (Jürgens/Hofer) 4.30
02. Sperr mich nicht ein (Jürgens/Kunze) 4.31
03. Jeder so wie er mag (Jürgens/Kunze) 4.09
04. Guten Morgen, mein Liebes (Jürgens/Christen) 4.33
05. Stolze Verlierer (Jürgens/Kunze) 4.28
06. Ladies And Gentlemen (Jürgens/Lehmann) 3.36
07. Ich will – ich kann, I Can – I Will (Jürgens(Christen) 3.49
08. Radio (Jürgens/Kunze) 4.11
09. Weißt du noch (Sternstunden) (Jürgens/Kunze) 4.56
10. Nach all‘ den Jahren (Jürgens/Lehmann) 4.34
11. Unsichtbar (Jürgens/Kunze) 4.13
12. Deinetwegen (Jürgens/Christen) 4.14

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Fern am Horizont,
auf dem Meer der Zeit,
schwebt ein Schiff zu neuen Gestaden.
Nur mit Zuversicht
und mit Menschlichkeit
und mit Licht und Liebe beladen.

Und wenn die Nächte wie aus Glas sind
und die Silberwinde wehn,
kannst du die letzten Idealisten
in ihren bunten Kleidern seh’n.

Auf dem Narrenschiff

Es trägt den Dichter,
der die Worte weiß,
welche Herzen öffnen und Türen.
Und den Musiker,
der die Töne kennt,
die an’s Innerste in dir rühren.

Auf dem Narrenschiff…

Es trägt den Maler,
der die Hoffnung malt,
und die Seelen der Menschen und Bäume.
Und den Weisen,
der die Wege kennt,
in das Land aller Träume.

Auf dem Narrenschiff…

Und wir sogenannten Klugen
merken nicht die Ironie,
daß wir dümmer und verlass’ner
und viel ärmer sind als die.

Auf dem Narrenschiff…
Und bevor die Welt
noch an Hochmut stirbt
und die weißen Tauben fliehen,
möchte ich mit dir
zu den Narren geh’n,
um mit ihnen fortzuziehen!

Auf dem Narrenschiff…

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