Chor des Musikgymnasiums Schloß Belvedere – Das Buchenwaldlied (2015)

FrontCover1Im März 2015 konnte ich ein paar Tage in Weimar verbringen.

Und natürlich ging mir mein Besuch des Konzentrationslagers Buchenwald an die Nieren … und wenn man sich allein mit dem sog. „Buchwaldlied“ beschäftigt, kann es einen nur frösteln.

Hier die Historie des Liedes, erzählt von Stefan Heymann, einem ehemaliger Häftling (geschrieben 1945):

Ende 1938 erklärte der damalige Lagerführer Rödl „Alle anderen Lager haben ein Lied, wir müssen auch ein Buchenwald-Lied bekommen. Wer eines macht, bekommt 10 Mark.“ Es wurden nun viele Entwürfe von „Dichtern“ und „Komponisten“ gemacht, aber sie taugten alle nichts oder fanden bei der SS-Führung keinen Beifall. Nur das Lied, das dann ja auch zur offiziellen „Buchenwald-Hymne“ erklärt wurde, setzte sich durch, weil der damalige Kapo der Poststelle, ein BVer, über die nötigen Verbindungen bei, der SS verfügte. Der genannte Kapo bezeichnete sich als Verfasser von Wort und Melodie des Liedes.

Buchenwald02.JPG

Eingangstor zum KZ Buchenwald: Zynischer geht´s nicht mehr.

 

In Wahrheit ist das Lied von zwei österreichischen Häftlingen gemacht: der Text von

Textblatt

Textblatt des Buchenwaldliedes: Das Blatt wurde im Spätsommer 1983 bei Renovierungsarbeiten im 2. Obergeschoss des Kammergebäudes gefunden.

Löhner-Beda, dem Librettisten Lehars, die Musik von Leopoldi, einem Wiener Kabarettsänger. Text und Melodie des Liedes mußten auf den Blocks in der Freizeit eingeübt werden, bis es eines Tages nach dem Abendappell – es war Ende Dezember 1938, bitterkalt und alles tief verschneit – hieß: „Das Buchenwald-Lied singen!“ Selbstverständlich konnte das beim ersten Mal (11.000 Menschen standen auf dem Appellplatz) nicht klappen.

Wütend ließ der stinkbesoffene Rödl aufhören und gab den Befehl, dass jeder Block auf dem Appellplatz solange für sich üben müsse, bis das Lied klappe. Man kann sich denken, welch infernalisches Konzert auf dem Platz losging. Als Rödl merkte, daß es auf diese Weise nicht ging, ließ er Strophe für Strophe gemeinsam singen und immer aufs neue wiederholen. Erst nachdem das ganze Lager auf diese Weise etwa vier Stunden in bitterster Kälte gestanden hatte, gab er den Befehl zum Abmarsch. Aber während sonst jeder Block einfach kehrt machte und im Lager zurückging, war es diesmal anders.

In Zehnerreihen ausgerichtet, musste jeder Block am Tor bei Rödl und anderen betrunkenen SS-Führern stramm vorbeimarschieren und dabei das Buchenwald-Lied singen. Wehe dem Block, der nicht genau ausgerichtet ankam oder bei dem das Singen noch nicht ganz nach Rödls Wunsch klappte! Er mußte unbarmherzig zurück und nochmals vorbeimarschieren. Endlich, gegen 10 Uhr abends, kamen wir ausgehungert und steif gefroren auf unsere Blocks. Diese Szene im tiefsten Winter, als die hungernden und frierenden Menschen im grellen Licht der Scheinwerfer im tiefen, grellweißen Schnee auf dem Appellplatz singend standen, hat sich jedem Teilnehmer unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben.

Rödl, der das Lied bestellt hatte, den man als Initiator betrachten kann, zuletzt SS-Standartenführer in der Ukraine, blieb konsequent, beging 1945 Selbstmord, indem er unter sich eine Handgranate zündete. Und die fünf Direktoren, die den Textdichter totprügeln ließen? Alle fünf waren eng mit Auschwitz verbunden, alle fünf nach dem Krieg angeklagt.

ArthurRödl

Artur Rödl

Und hier der Text:

Buchenwaldlied

Wenn der Tag erwacht, eh´ die Sonne lacht,
Die Kolonnen ziehn zu des Tages Mühn
Hinein in den grauenden Morgen.
Und der Wald ist schwarz und der Himmel rot,
Und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot
Und im Herzen, im Herzen die Sorgen.

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
Weil du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen
Wie wundervoll die Freiheit ist!

O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
Und was auch unsere Zukunft sei –
Wir wollen trotzdem „ja“ zum Leben sagen,
Denn einmal kommt der Tag –
Dann sind wir frei!

Unser Blut ist heiß und das Mädel fern,
Und der Wind singt leis, und ich hab sie so gern,
Wenn treu, wenn treu sie mir bliebe!
Die Steine sind hart, aber fest unser Schritt,
Und wir tragen die Picken und Spaten mit
Und im Herzen, im Herzen die Liebe!

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
Weil du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen
Wie wundervoll die Freiheit ist!

O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
Und was auch unsere Zukunft sei –
Wir wollen trotzdem „ja“ zum Leben sagen,
Denn einmal kommt der Tag –
Dann sind wir frei!

Die Nacht ist so kurz und der Tag so lang,
Doch ein Lied erklingt, das die Heimat sang,
Wir lassen den Mut uns nicht rauben!
Halte Schritt, Kamerad, und verlier nicht den Mut,
Denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut
Und im Herzen, im Herzen den Glauben!

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
Weil du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen
Wie wundervoll die Freiheit ist!

O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
Und was auch unsere Zukunft sei –
Wir wollen trotzdem „ja“ zum Leben sagen,
Denn einmal kommt der Tag –
Dann sind wir frei!

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2014 wurde dann dieses Lied von dem Chor des Musikgymnasiums Schloß Belvedere im Schloß Belvedere aufgenommen, wohl als notweniger Baustein der Erinnerungskultur an jene Zeiten. Und so löblich dieses Unterfangen auch war, dieser feinsinnig inszenierte Chor triff irgendwie die Dramatik und  und vor allem die Tragik dieses Liedes nicht. Deshalb habe ich mir erlaubt, zwei weitere Versionen (von unbekannten Chören) mit einzupacken … die sind weit weniger geschliffen, sondern rau und vielleicht auch ungelenk … aber gerade deshalb passender … Desweiteren befindet sich in der Präsentation ein Artikel der „Thüringischen Landeszeitung“ vom 22.08.2010, in dem Ivan Ivanji, ein weiterer ehemaliger Häftling dieses KZ´s ausführlich über dieses Lieb berichtet.

Und dann sei noch auf das lesenwerte booklet dieser CD (ja, sie hat nur einen Song zu bieten) hingewiesen. Dort finden sich ebenfalls diverse weitere Informationen …

Und: Natürlich haben meine Tage in Weimar auch viel erfreuliche Aspekte gehabt … auch davon wird hier im Laufe der nächsten Tage zu berichten sein.

Buchenwald05

Besetzung:
Chor des Musikgymnasiums Schloß Belvedere unter der Leitung von Annette Schicha

Booklet04A.jpg

Titel:
01. Das Buchenwaldlied 3.50
+
02. Das Buchenwaldlied (Verion 2 – unbekannte Interpreten) 2.22
03. Das Buchenwaldlied (Version 3 – unbekannte Interpreten) 1.28

Musik: Hermann Leopoldi
Text: Fritz Löhner-Beda

CD1

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Buchenwald01

Leichenstapel im Hof des Krematoriums mit Kränzen als Zeichen der Totenehrung (23.April 1945, fotografiert von Sergeant Sutler)


Und damals las ich noch zur gleichen Zeit, dass dem Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich (CDU) aufgrund von Drohungen aus der rechtsradikalen Szene (es wurde ihm die Enthauptung angedroht), Personenschutz gewährt wurde. Grund für die Drohungen: Die geplante Unterbringung von 40 Asylbewerbern in der Gemeinde Tröglitz.