Van Cliburn – Konzert für Klavier und Orchester Nr 1. b-moll (Tschaikovsky) (1958)

FrontCover1Auch wenn der ausführende Künstler ein Ami war … hier eine LP, die auch speziell für den deutschen Markt aufbereitet und veröffentlicht wurde (inklusive deutschem Hüllentext).

Dass das „Konzert für Klavier und Orchester Nr 1. b-moll“ von Tschaikovsky zu den großartigsten Klavierwerken der klassischen Musik zu zählen ist, dürfte unstrittig sein.

Dass ein Klavierkonzert (komponiert von einem Russen), aber in den Zeiten des kalten Krieges derart Furore macht … war mir nicht so geläufig:

Und dazu habe ich einen feinen Beitrag in dem Wochenzeitung „Der Freitag“ gefunden, dieser erschien anlässlich seines Todes im Februar 2013::

Jetzt ist auch Harvey Lavan (Van) Cliburn, „Der Texaner, der Russland eroberte“ (SZ), am Mittwoch an einem Krebsleiden gestorben. Ende August 2012 war bei ihm Knochenmarkskrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert worden. Dem ist er jetzt erlegen.

„Wunderkind“ nennt ihn die Süddeutsche Zeitung, von einem „kühlen Virtuosen“ spricht die FAZ, die ihm gleichzeitig „fehlende geistige Durchdringung des Werkes über den bloßen Notentext hinaus“ bescheinigt. Und da mag was dran sein – vor allem rückblickend. Denn versucht man sich zurückzuversetzen in die 50er und 60er Jahre – was nicht einmal mir aus Altergründen so richtig gelingen mag – dann könnte das Urteil milder und damit auch angemessener ausfallen.

FAZ

Quelle: FAZ

Das deutsche Fernsehen steckte in den Kinderschuhen und auch das Radio war noch weit entfernt vom Spartenschwachsinn. Das Prinzip war: ein Programm für alle. Und das hieß auch: Klassik, Oper, Theater für alle. Und in der Konsequenz verlangte das auch den Klassikstar als „Popstar“, der mit dem Schlagerstar zu konkurrieren hatte. Für die Mehrheit war ohnehin die „Wochenschau“ im Kino das einzige filmische Nachrichtenmedium. Und dass sich Van Cliburn in meinem (damals kindlichen) Gedächtnis als DER pianistische Superstar festgesetzt hat und alle nachfolgenden Pianisten bis heute irgendwie emotional überschattet, hat wohl auch damit zu tun. Anders jedenfalls kann ich mir dieses irrationale Phänomen nicht erklären.

Und da kam einem Karajan, einem Rudolf Schock – und eben auch einem Van Cliburn eine Bedeutung zu, die das Feuilleton heute wohl kaum mehr verstehen kann – und das mit Musikwissenschaft nichts zu tun hat. Und in Deutschland vermutlich noch weniger als z.B. in den USA.

van_cliburn

Insofern dürfte es John Schaefer auf Soundcheck treffender auf den Punkt gebracht haben als deutsche Nachrufe:

„…in the late 1950s and through the ’60s, one classical pianist was a larger-than-life, rock-star figure on at least two continents. He was a pop-music phenomenon, with a debut album that went triple platinum. Everyone knew who he was.“

Und ein immenser politischer Aspekt kam hinzu:

„….the early days of the Space Age, when the Soviets launched their satellites first and it took a classical pianist to restore our national pride.“

Time1958

Titelbild der „Time“, 1958

So war Van Cliburn nicht nur ein unumstrittener Tastenvirtuose, er war auch der Beweis dafür, dass die USA auch Klassik konnten. Dass den USA das ausgerechnet vom Erzrivalen Sowjetunion attestiert wurde, und dass Van Cliburn in seinem Schwärmen vom russischen Publikum anstelle von wilden, roten Horden plötzlich ein Bild von kultivierten Menschen aufscheinen ließ, macht den Kennedy des Pianos sozusagen zum ersten, frühen „Mauerspecht“.

So war Van Cliburn kurzzeitig ein bedeutender Pianist/ Klaviervirtuose, historisch betrachtet aber auch eine bedeutende Persönlichkeit.

Und wann immer ich diese Komposition höre, krieg ich feuchte Augen, bo der Wucht und Intensität dieses Werkes … und hier erst recht, ob der zeitgeschichtlichen Bedeutung dieses Werkes …

Und weil entscheidende Jahrzehnte meines Lebens vom kalten Krieg geprägt waren …

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Besetzung:
Van Cliburn (piano)
+
Symphonie Orchester unter der Leitung von Kyrill Kondraschin

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Titel:
01. Satz: Allegro Non Troppo E Molto Maestoso. Allegro Con Spirito 20.08
02. Satz: Andante Simplice. Prestissimo + 3. Satz: Allegro Con Fuoco 13.21

Komposition: Peter Tschaikowsky

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Und hier sein Auftritt mit diesem Klavierkonzert im Jahr 1962
(und wieder mal in Moskau):

 

 

Hüllentext

Hüllentext der deutschen LP Veröffentlichung