Verschiedene Interpreten – Bye Bye, Lübben City (2008)

FrontCover1Also, im Jahr 2008 erschien so ein Buch mit dem Titel „Bye Bye, Lübben City. Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR“ und dieses Buch war eine längst überfällige, und sorgsam recherchierte der Blues-Szene in der DDR:

Lübben hat genauso wenig eine City wie Hintertupfingen und Kleinkleckersdorf. Es ist ein verschlafenes Nest im Brandenburgischen, fernab vom Schuss – ein Ort, wo der Blues lauert. »Bye bye, Lübben City«, die Hymne der ostdeutschen Langhaarigen-Szene, erklärt diese Stadt zum Synonym für den grauen, tristen Alltag in der DDR. Wer nicht den schleichenden Tod vor der Glotze sterben will, geht auf die Piste und hält den Daumen in den Wind.

Das haben seit den Sechzigern unzählige Jeans- und Parka-Träger getan, so, wie es die Berliner Band Monokel in ihrem Song beschreibt: Fünf lange Tage fordern Schule oder Arbeit Tribut, doch am Freitagabend wird Gas gegeben. Und zwar richtig! Montag reiht man sich mit schwerem Schädel, aber voller Batterie wieder in die Tretmühle ein.

Sie nennen sich ›Kunden‹ oder ›Blueser‹, tragen Jesuslatschen, Fleischerhemden und den obligatorischen Shelli. An den Wochenenden sind sie ständig auf Achse. Ausgedehnte Tramptouren führen sie kreuz und quer durch den Osten.

LübbenCity02

Zwiebelmarkt in Weimar, Oktober 1971

Sie feiern in abgeschiedenen Dorfsälen ihre Happenings mit Love & Peace & Suff, okkupieren den Weimarer Zwiebelmarkt oder das Schmöllner Pfefferbergfest. Zu Ostern pilgern sie nach Prag, im Sommer ans Schwarze Meer und im Herbst nach Krakau. Ihr Leitbild bleiben bis in die achtziger Jahre die Ideale der Hippie-Bewegung, der Geist von Woodstock.

Musik ist der Motor. Sie lieben das ›Handgemachte‹, ›Authentische‹: Folk, Southern Rock, vor allem aber siedend heißen, elektrischen Blues. Die Rolling Stones, Doors und ZZ Top sind ihre Helden, Jimi Hendrix, John Mayall und Bob Dylan ihre Götter. (danielweissbrodt.de)

BackCover1

Und hier der passende und auch dringend notwendige Soundtrack zum Buch, denn nur so kann man sich davon überzeugen, mit welcher Kraft und Leidenschaft hier dem Blues mit all seinen unterschiedliche Varianten und Spielarten gefrönt wird.

Und ich sag´s mal so … da hören wir nun wirklich einen Knaller nach dem anderen … das geht schon mit dem titelgebenden Song los … mit einer kleinen Verneigung vor Cream und deren „Crossroads“ Interpretation:

Das Leben der Anderen:
Einige kannte ich ja schon, aber wer bitte ist/war Klaus Renft oder Alexander Blume!? Dass die DDR über eine ganz vorzügliche (Blues-)Musikszene verfügte, die gelegentlich oder öfter so gar nicht dem offiziellen Kulturbild der Funktionäre entsprechen wollte, wussten auch im Westen einige. Aber – und das legt dieser Sampler zum gleichnamigen Buch deutlich genug nahe -, „das Leben der Anderen“ scheint doch einiges mehr gewesen zu sein als die subkulturellen Gitarren- und Harmonikaergüsse ein paar versprengter Freaks, Hippies und Tramps. 16 blues-rockmusikalische Perlen von 16 verschiedenen Bands/Interpreten aus dem einstigen Arbeiter- und Bauernstaat finden sich da, fast alle mit deutschen Texten und in durchgängig ober-erstklassigem Remastering. Das lässt sich hören – in jeder Hinsicht! (Romulus)Was sind wir gepilgert – von Peitz nach Altenburg, vom Freyburger Winzerfest bis in die Samariter Kirche – und immer war er bei uns – der BLUES. Wer wirklich wissen will wer uns neben Canned Heat und Janis Joplin begleitet hat sollte hier reinhören – eine CD nicht nur für Freaks, aber unbedingt für sie…. (amigoberlin)

VorwortBuchausgabe

Aus dem Vorwort des Buches

Was hier gespielt wird,das ist einfach die Bundesliga des DDR Blues,wobei sicher auch die Auswechselbank ihr Mitsagen hat.Schade find ich nur,dass grad die Bluesfans aus dem Westen kaum Ahnung davon haben und wohl auch nicht wollen ? (das ist gelinde gesagt, völliger Quatsch). In Verbindung mit dem Buch stellt es einen wunderbaren Flair des Blueses in der DDR her,der sich leider seine Eigenständigkeit nicht erhalten konnte.Jungs,ich hab Euch schon live erlebt und war davon mehr als beeindruckt!Im Blues wohnt die Seele der Musik und das gilt es zu bewahren ! (Ralf Ackermann)

Und gerde weil ich mich als klassischer Wessi aus den Südstaaten der Republik sehr für diesenn „DDR-Blues“ interessiere …werde ich mich z.B. mit der Band „Panta Rhei“ (für mich eine ganz wertvolle Neuentdeckung und die großarige Veronika Fischer ist auch dabei !) vertiefter beschäftigen.

Und dann schoss mir noch so ein Gedanken durch den Kopf … vielleicht ist diese Musik auch deshalb so intensiv, dann all diese Musiket erlebten ne ganz andere Form der Repression … als ir sie hier als Wessis erlebt haben. Und Blues und Repression … diese Begriffe gehören schon zusammen.

Booklet1

Titel:
01. Monokel: Bye Bye, Lübben City (Kühnert/Linke) 4.22
02. Keimzeit: Ratten (Leisegang) 3.39
03. Engerling: Mama Wilson (Bodag) 4.56
04. Hansi Biebl Band: Für Chuck Berry (Biebel/Schmidt) 5.23
05. Karussell: Autostop (Huth/Demmler) 3.09
06. Stefan Diestelmann Folk Blues Band: Reichsbahn-Blues (Diestelmann) 4.14
07. Jürgen Kerth: Geburtstag im Internat (Kerth) 4.31
08. Panta Rhei; Blues (Swillms/Gerlach) 5.54
09. Klaus Renft Combo: Cäsars Blues (Gläser/Pannach) 5.28
10. Zenit: Dr. Blues (Stolle) 3.24
11. Alexander Blume: Honky Tonk Train Blues (Lewis) 2.55
12. Gitarreros: Johnny B. Goode (live) (Berry) 4.48
13. Jonathan Blues Band: Daddy’s Boogie (Pabst) 5.27
14. Engerling: Der Zug oder die weiße Ziege (Bodag) 4.33
15. Bayon Blues: Vom Gras (Theusner/Gerlach) 4.20
16. Amiga Blues Band: Hoochie Coochie Man (Morganfield) 3.54

CD1

  • (demnächst)
    **
LübbenCity01

Viel geiler geht´s nicht … 

Stefan Diestelmann – My Lights (1994)

FrontCover1.jpgFür mich war und ist er einer der begnadeste Bluesmusiker aus der DDR … und ein Mensch mit verdammt vielen Brüchen wohl auch, weil er ein Wanderer zwischen zwei Welten war …

In München geboren, prägte Stefan Diestelmann die Bluesszene in der DDR in den 70er- und 80er-Jahren wie kaum ein Zweiter. Sein Erfolg und seine deutlichen Worte machten ihm dort allerdings nicht nur Freunde.

„Wenn ich Blues spiele, geht es mir um zwei Dinge: Zum einen will ich den Blues als eigene Musik der schwarzen Bevölkerung Amerikas zu uns reinholen, zum anderen übertrage ich den Blues, versuche ihn mit unseren Problemen zu prägen und ihm mein europäisches Empfinden zu geben.“

Als Stefan Diestelmann diesen Satz sagt, lebt er bereits wieder in München. Hinter ihm liegen 23 Jahre DDR – und jede Menge Reibereien mit der Obrigkeit. Der Blueser und seine Musik haben die Machthaber dort zunehmend in Aufruhr versetzt. Eine Konfrontation mit Ansage.

jurgenkerthstefan-diestelmann

Jürgen Kerth + Stefan Diestelmann

Schwerer kann der Weg für einen 12-jährigen Jungen aus Bayern kaum beginnen: 1961, kurz nach dem Bau der Mauer, verlassen die Diestelmanns die BRD und siedeln aus beruflichen Gründen – Vater und Mutter sind Schauspieler und arbeiten beim DDR-Filmunternehmen DEFA – in den Osten um. Stefan beschäftigt sich intensiv mit dem Blues und bringt sich das Spielen von Gitarre und Mundharmonika bei. Auf diesem Weg findet er erste Bestätigung in seinem neuen sozialen Umfeld. Dabei profitieren er und viele andere Jugendlichen in der DDR von der Entscheidung der regierenden SED, den Blues als Musik der schwarzen Arbeiter Amerikas zu unterstützen und kulturell zu fördern. So kommt 1964 erstmals das American Folk Blues Festival ins Land und mit ihm schwarze Szene-Größen wie Lightnin’ Hopkins, Hubert Sumlin oder Howlin’ Wolf. Die Resonanz ist riesig, schnell entsteht aus der Begeisterung für die Originale eine eigene Szene. Die Jugendlichen bewundern den Blues vor allem für seine Echtheit und Ursprünglichkeit, im Freiheitskampf der Afroamerikaner sehen sie dazu offenkundige Parallelen zu ihrem eigenen Ringen. Stefan Diestelmann ist mittendrin. Schön früh bezeichnet er die DDR als das modernste Gefängnis der Welt, 1967 wird er wegen „Vorbereitung zur Republikflucht“ zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Stefan Diestelmann02

Stefan Diestelmann mit Alexis Korner

Musikalisch geht es für ihn in dieser Zeit nur langsam bergauf. Seine Vorliebe für authentischen, akustischen Blues teilen nur wenige seiner Kollegen, erst mit der Gründung der Stefan Diestelmann Folk Blues Band 1977 kann er seine Präferenzen ausleben und auf der Bühne umsetzen. Sein Handwerk hat er im Lauf der Jahre perfektioniert, seine Coverversionen von Blues-Klassikern wie „Stormy Monday Blues“ oder „Key to the Highway“ begeistern die Fans, auch wenn sie auf einiges Gewohntes verzichten müssen: Komplett ohne Schlagzeug und E-Gitarre serviert die Band urwüchsigen Blues im Stil der alten Meister. Einen von ihnen trifft Diestelmann bei den Aufnahmen zur Debüt-LP seiner Band höchst selbst: Für Memphis Slim komponiert er ein Stück, gemeinsam mit ihm interpretiert er dazu dessen Song „Rockin’ The House“. Die Staatsmacht beäugt das Treiben der Blueser mittlerweile kritisch. Die langhaarigen und häufig bärtigen Fans mit ihrem Hippie-artigen Erscheinungsbild weit abseits der von der Partei gewünschten Konformität sind ihr zunehmend ein Dorn im Auge, Diestelmann gilt ihnen als Aufrührer. Einer, der 200.000 Platten verkauft.

Stefan Diestelmann03Der Konflikt verschärft sich mit der zweiten LP „Hofmusik“. Diestelmann verzichtet hier auf Coverversionen und singt erstmals deutsch. Seine Texte schmecken der Staatsmacht nicht, Songs wie „Der Alte und die Kneipe“ oder „Hof vom Prenzlauer Berg“ zeichnen ein trist-reales DDR-Bild, das dem sozialistischen Selbstverständnis zutiefst widerspricht. Auch sein Auftritt bei einer der von der SED massiv bekämpften Blues-Messen in der Ostberliner Auferstehungskirche im Jahr 1980 trägt zur Eskalation bei. Schikane und Auftrittsverbote sind die Folge. Diestelmann trifft eine Entscheidung. Als er 1984 ohne Band zu einem Konzert nach Hildesheim reisen darf, vollendet er seine Republikflucht und kehrt als 35-Jähriger nach Bayern zurück. Sein Entschluss bleibt nicht ohne Folgen: In der DDR wird sein bereits auf Kassette ausgeliefertes drittes Album „Folk, Blues & Boogie“ aus dem Verkehr gezogen. Diestelmann hingegen bleibt noch ein Jahrzehnt musikalisch aktiv, ehe er sich von der Musik verabschiedet und eine Filmfirma gründet. Er stirbt zurückgezogen im Jahr 2007 – so zurückgezogen, dass der Tod eines der prägendsten Musiker der DDR-Bluesszene erst vier Jahre darauf publik wird. (Chris Hauke)

Und dann quasi als eines der letzten musikalischem Lebenszeichen die skurrile Zusammenstellung, Querschnitt seines Schaffens zwischen den Jahren 1978 – 1994.

Skurril auch deshalb, weil man hier seine Ausflüge in den Jazz-Rock hören kann, diese Ausflüge unternahm er gemeinsam mit einem_Roykey Wydh, seines Zeichens ein schräger Pradiesvogel der deutschen Musikszene:

Roykey Wydh

Roykey Wydh

Roykey Wydh (* 22. August 1955 auf Aruba; † 9. Dezember 2017 in München)[1] war ein niederländischer Musiker der Stilrichtungen Weltmusik, Jazz, Reggae, Roots und Ragga. In den letzten Jahren war er auch als Roykey Creo aufgetreten. (Quelle: wikipedia)

Da hören wir dann ganz überraschende Klänge wie z.B. „Gadd Away“

Aber seine intensiven Bluessongs wie z.B. „Blues And Trouble“ sind dann doch überzeugender. Und solistische fallen dann insbesondere auch die vielen grandiosen Saxophon-Solos auf …

Und der zynische „Tantchen’s Boogie“ spricht Bände …

Und man spürt hier ein um das andre Mal das enorme Potential … von dem sich Diestelmann damals verabschiedete um die „Diestelfilm“ zu gründen, um dann wiederum endgültig in der Versenkung zu verschwinden.

ScreenshotDiestelfilm

Screenshot der website der Firma „Diestelfim“, 2004 (längst offline)

da stelle man sich einfach mal so vor … Da stirbt einer der profiliertesten Bluesmusiker aus deutschen Landen … und man bekommt das erst vier Jahre später mit … Viel trauriger geht gar nicht.

Und wenn ich mir vorstelle, dass ich quasi viele, viele Jahre bei ihm um die Ecke gearbeitet habe und auch nichts wusste …

Und dann fragt man sich noch, welche Dödel das völlig bescheuerte Cover konzipiert hat … Das könnte man getrost für ProgRock oder elektronische Aufnahme nutzen, aber doch bitte nicht für ein Bluesalbum !

Booklet02A.jpg

Aber … auch das gehörte wohl zu dem Stefan Diestelmann:

Diestelmann war menschlich gesehen ein großes Arschloch! Als er schon im Westen war, hat er seinen Keyboarder bei Vai Hu Thomas Abendroth (später „Onkel Tom“) überredet, auch nach dem Westen zu gehen und in seiner Band zu spielen. „Mein Haus ist auch Dein Haus“ hat er zu ihm gesagt. Als Tommy Abendroth dann per Ausreiseantrag in München angelangt war, hat Diestelmann ihn total abblitzen lassen! Von wegen „mein Haus ist auch Dein Haus“… Er könnte ja bei ihm mitspielen, aber ohne Gage! Ich weiß, was ich schreibe- Tommy Abendroth ist mein Schwager und er hat sehr darunter gelitten! Er hatte seine Band „Onkel Tom“ hier aufgegeben, um im Westen wieder mit Distelmann zu spielen… Obwohl er ein genialer Musiker ist, macht er seitdem keine Musik mehr. Die Enttäuschung über diesen „Freund“ war einfach zu groß! (Wilfried Woigk)

Die Geschichte des Stefan Diestelmann ist hier noch längst nicht auserzählt … gleiches gilt für die Blues-Szene in der DDR (ich sag da nur Jürgen Kerth & Co.). Warum auch immer … ich empfinde eine gewisse Scheu, mich diesem für mich eigentlich wichtigem Thema anzunähern …

BackCover1

Besetzung:
Matthew Arnold (drums, percussion bei 01., 02., 04. + 12.)
Steve Arnold (bass bei 02., 04. + 12.)
René Decker (saxophone bei 06. – 08, + 10.)
Igor Flach (harmonica bei 01. + 13.)
Manfred Henning (keyboards, synthesizer bei 06. – 08, + 10.)
Andy Wieczorek (saxophone, oboe bei 02., 04. + 12.)
Roykey Wydh (guitar, synthesizer, bass, drumcomputer, percussion bei 06. – 08. + 10.)

Booklet02A.jpg

Titel:
01. Another Man Done Gone (Traditional/Diestelmann) (1993) 5.10
02. Blues And Trouble (Diestelmann/Hughes) (1985) 6.45
03. Gadd Away (Diestelmann) (1994) 3.57
04. Der Alte und die Kneipe (Diestelmann) (1980) 5.29
05. Tantchen’s Boogie (Diestelmann) (1994) 2.59
06. Erste Begegnung (Diestelmann) (1994) 4.30
07. Kneipenleben (Diestelmann) (1990) 4.59
08. Zwiegespräch (Diestelmann) (1990) 4.39
09. Rückblick (Diestelmann) (1984) 6.02
10. Auf ein Wort noch (Diestelmann) (1990) 5.32
11. Latin Moves (Diestelmann) (1994) 4.06
12. John Henry (Diestelmann/Traditional) (1993) 7.48
13. Reichsbahn Blues – Partout (Diestelmann) (1978) 6.09

CD1.jpg

*
**

Stefan Diestelmann01

Stefan Diestelmann (* 29. Januar 1949 in München; † 27. März 2007 in Tutzing)

Und hier das vermutliche letzte Interview mit Stefan Diestelmann, aufgenommen auf dem Ammersee in Oberbayern:

Stefan Diestelmann – Folk Blues Band (1978)

Ifrontcover1ch stelle mir vor: Da sitzt einer wochen- monate- jahrelang herum und versucht sich am Blues auf der Gitarre – bis die Finger bluten … und dann hat er es geschafft:

Stefan Diestelmann (* 29. Januar 1949 in München; † 27. März 2007 in Tutzing) war ein Sänger, Gitarrist, Mundharmonikaspieler, Textautor, Komponist und Filmproduzent. Von 1961 bis 1984 lebte er in der DDR. Seine jahrelange praktische Erfahrung, die intensive Beschäftigung mit den Ausdrucksformen im Blues und Jazz und die gemeinsamen Auftritte mit Bluesmusikern wie Louisiana Red, Memphis Slim, Alexis Korner und Phil Wiggins machten ihn zu einem versierten Bluesmusiker.

Stefan Diestelmann kam 1949 als Sohn des Schauspielerehepaares Hildegard und Jochen Diestelmann zur Welt. Er beschäftigte sich schon frühzeitig mit dem Blues und brachte sich seine Fähigkeiten autodidaktisch bei. 1961 siedelte er auf Wunsch der Eltern, die beide für die DEFA arbeiteten, zusammen mit ihnen in die DDR um. Als Zwölfjähriger erhielt er von seinen Eltern die erste Gitarre geschenkt und begann zu spielen, sammelte Schallplatten und studierte Literatur über das Leben und Wirken afroamerikanischer Bluesinterpreten. Seine ersten Auftritte hatte Stefan Diestelmann bei den Teddys. Danach spielte er in verschiedenen Amateurbands, bis ihn 1975 Axel Stammberger in dessen Band Vai hu holte. Seiner Neigung zu authentischem, urwüchsigem Blues konnte er jedoch bei Stammberger nicht entsprechen. So gründete er im Mai 1977, nach einem kurzen Zwischenspiel bei der Bluesband Engerling, seine eigene Band. Zur Gründungsbesetzung der Stefan Diestelmann Folk Blues Band gehörten:

Stefan Diestelmann (Gitarre, Gesang, Mundharmonika)
Dietrich Petzold (Violine, Perkussion)
Rüdiger Phillipp (Bass)
Bernd Kleinow (Mundharmonika).

diestelmann01Dietrich Petzold hatte sein Handwerk bei Klaus Lenz und Uschi Brüning erlernt, bevor er mit Diestelmann zusammen spielte. Rüdiger Phillipp kam ebenfalls von Uschi Brüning zunächst zu Vai hu. Obwohl sich die Stefan Diestelmann Folk Blues Band durch ihre betonte Anlehnung an die afroamerikanischen Bluesmusiker (T-Bone Walker, Muddy Waters, B. B. King) und stilistisch (zum Beispiel durch den Verzicht auf ein Schlagzeug) deutlich von anderen Bands wie Engerling, Monokel oder Freygang unterschied, fand sie in der Blueserszene der DDR großen Anklang. Die Nähe zum Publikum und seine Texte brachten Stefan Diestelmann zunehmend den Unmut der DDR-Staatsmacht ein und führte in einigen DDR-Bezirken zu Auftrittsverboten. Bereits am 5. März 1967 war Stefan Diestelmann wegen „Staatsverleumdung“ und „Vorbereitung zur Republikflucht“ zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Seine Texte (Der Alte und die Kneipe oder Hof vom Prenzlauer Berg) spiegelten den Alltag wider und erzählten von verfallenen Häusern, dem Kohlenmann, Kneipen und Besoffenen, und passten nicht in das offizielle Bild der DDR.

Anfang Oktober 1977 trat er auch im Rahmen eines Jugendgottesdienstes der oppositionellen „Offenen Arbeit“ um Pfarrer Christoph Wonneberger in der Dresdner Weinbergsgemeinde sowie 1980 gemeinsam mit „Holly“ Holwas bei der Blues-Messe in der Ost-Berliner Auferstehungskirche auf

Dennoch erhielt Stefan Diestelmann die Möglichkeit zu Rundfunkproduktionen, Auslandsgastspielen und Auftrittsmöglichkeiten bei offiziellen Veranstaltungen, beispielsweise im Berliner Palast der Republik, wo er am 25. Mai 1978 gemeinsam mit Memphis Slim auf der Bühne stand. 1978 erschien bei Amiga seine erste LP, auf der als Gäste Wolfgang Fiedler und Volker Schlott von der Jazz-Rock-Band Fusion zu hören sind. Ein Jahr später trat er in Der Mann aus Colorado 2 erstmals im DDR-Fernsehen auf, und 1981 spielt Diestelmann an der Seite von Dean Reed im DEFA-Film Sing, Cowboy, sing einen Barkeeper. 1984 erhielt Stefan Diestelmann, allerdings ohne die Band, die Möglichkeit, in Hildesheim in der Bundesrepublik Deutschland aufzutreten. Von diesem Konzert kehrte der „Blueskönig der DDR“ nicht mehr in die DDR zurück.

jurgenkerthstefan-diestelmann

Jürgen Kerth + Stefan Diestelmann

Er lebte seitdem am Ammersee in Bayern. In der Bundesrepublik konnte er nicht an seine Erfolge in der DDR anknüpfen. Mitte der 1990er Jahre beendete er seine musikalische Laufbahn, um die Firma Diestelfilm zu gründen. Diestelfilm produzierte Präsentations- und Dokumentarfilme.

Diestelmann starb 2007. Sein Tod wurde erst Ende 2011 durch einen Artikel des Journalisten Steffen Könau bekannt. (Quelle: wikipedia)

Und irgenwie steht man dann fassungslos vor dieser Biographie …

Und hier dieses legendäre Debütalum … Stefan Diestelmann behauptete mal, dies sei das erste Amiga-Album gewesen, auf dem englischsprachige gesungen werden durfte … klingt gut, ist aber falsch: Die Puhdys waren mit ihrem „Rock N Roll Music“ früher dran … und wenn ich an all die Amiga Alben von irgendwelchen internationalen Song-Festivals denke … da wurde schon auch englisch gesungen.

Das mindert den Wert dieser LP allerdings in keinster Weise !

Intensiver akustischer Blues tönt aus den Boxen und beileibe nicht nur ein Blues der tradtionellen Art (was ja wahrlich nicht das Schlechteste wäre) … man höre sich da mal „Flamenco“ an, da wird ganz heftig experiementiert … spannend ohne Ende.

Und ich werde mich weiterhin auf die Spurensuche begeben, denn: Dieser Stefan Diestelmann scheint mir eine der traurigsten Geschichten zu sein, die der deutsche Blues zu bieten hat.

stefandiestelmann

 

Besetzung:
Stefan Diestelmann (guitar, vocals, harmonica, percussion)
Bernd Kleinow (harmonica, percussion)
Dietrich Petzold (vocals, percussion, handclaps bei 02.)
Rüdiger Philipp (bass, percussion)
+
Gerhard Eitner (guitar bei 08.)
Wolfgang Fiedler (piano bei 04., 05., 08. + 09.  mellotron bei 06. + 09., handclaps bei 02.)
Detlev Kessler (drums bei 08.)
Claus-Dieter Knispel (trumpet bei 08.)
Jürgen Kratzenberg (bass bei 08.)
Max Pflugbeil (trumpet bei 08.)
Signor Rotbarth (trumpet bei 08.)
Volker Schlott (saxophone bei 08. + 09.)
Memphis Slim (piano, vocals bei 08.)
Bernd Swoboda (trombone bei 08.)

backcover1
Titel:
01. Reichsbahn-Blues (Diestelmann) 4.08
02. Ma Babe (Dixon) 4.13
03. Blues für Kinder (Diestelmann) 2.37
04. Key To The Highway (Broonzy) 3.20
05. Caldonia (Moore) 4.40
06. Flamenco (Diestelmann) 9.06
07. Blues Für Memphis Slim (Diestelmann) 4.40
08. Rockin‘ The House (Slim) 3.06
09. Stormy Monday Blues (Walker) 4.35

labelb1

*
**

Wer an weiterführenden Informationen, die zur Vertiefung
der einzelnen blog-Beiträgen dienen, interessiert ist,  benötigt ein Passwort.
Dazu schreibe man an

post-fuer-sammelsurium@gmx.net

diestelmann02

Stefan Diestelmann im Westen: Vermutlich eines der letzten Fotos (im Boot auf dem Ammersee/Obb.)