Christoph Dietrich – In einem tiefen, dunklen Wald (Paul Maar) (Hörspiel) (2000)

frontcover1Hier nun wirklich ein ganz, ganz reizendes Märchen aus der Neuzeit:

Und darum geht´s:

In einem tiefen, dunklen Wald … ist ein Kinderbuch von Paul Maar mit Illustrationen von Verena Ballhaus.

Es handelt sich dabei um eine Erzählung, in der mit den Elementen und Stereotypen des Märchens gespielt wird. Die Geschichte spielt in einer Zeit, als es noch sehr viele Könige gab, deren Reiche manchmal aber kaum größer waren als ein Badezimmerteppich.

In jener Zeit lebte die verwöhnte Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora, der keiner ihrer Brautwerber zusagte. Deshalb beschließt sie, sich von einem Untier entführen zu lassen und den Prinzen zu heiraten, der sie befreite. Zu diesem Zweck werden Späher ausgesandt, die nach einem Wald mit einem vegetarischen Untier Ausschau halten sollen. Dazu binden sie Schafe vor den Wäldern an und finden tatsächlich einen Wald, in dem ein vegetarisches Untier wohnt. Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora packt ihre Sachen und lässt sich dorthin bringen. Wie sie alleine dort sitzt und wartet, kommt ein entsetzlich stinkendes Wesen mit riesigen Füßen, das den Essenskorb rauben will und Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora samt Korb in den Wald zieht. Die Prinzessin nimmt sogleich die Höhle des Untiers in Beschlag und macht es zu ihrem Diener.

Ihr Vater schickt nun – wie geplant – Boten in die umliegenden Königreiche, die verkünden, dass Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora von einem Untier entführt worden sei und dass ihr Befreier sie zur Frau bekäme sowie das halbe Königreich dazu. So erfahren auch die vier Königskinder des winzigen Königreichs Lützelburgen davon und versuchen ihr Glück. Doch alle drei Söhne scheitern bereits im Ansatz. Ihre jüngste Schwester, Simplinella, will es ebenfalls versuchen, doch sie erntet nur Heiterkeit.

Da schleicht sich Simplinella nachts in Männerkleidern aus dem Schloss und kommt am Morgen hungrig in einem Nachbarkönigreich an. Dort lernt sie den königlichen Küchenjungen Moritz (genannt Lützel) kennen, dem sie sich als Simpel Rabenhauer vorstellt. Lützel schmuggelt sie in die Schlossküche, wo sie ihm ungeschickt bei der Küchenarbeit hilft. Unterdessen hört man von draußen, dass der König von Lützelburgen dem Finder seiner verschwundenen Tochter Simplinella sein halbes Königreich verspricht. Da überlegt sich Lützel, ob er nicht davonlaufen und Simplinella suchen solle. Als eine arrogante Königstochter nun Simplinella befiehlt, ihre Mütze abzunehmen, weigert sich Simplinella, denn dann wäre ihre Tarnung aufgeflogen. Ihre Notlüge, sie habe Läuse, führt dazu, dass sie zusammen mit Lützel fliehen muss.

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Diverse Buchausgaben

Die beiden wandern nun direkt nach Osten, wo sie Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora zu finden glauben, und tatsächlich finden sie auch den Wald. Sie folgen dem stinkenden Untier vom Waldrand zu der Höhle und finden tatsächlich die gesuchte Prinzessin, und Simpinella lüftet ihr Inkognito. Doch Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora ist gar nicht damit einverstanden, sich von Simplinella befreien zu lassen, und rennt davon. Aber das Untier freut sich umso mehr, dass Simplinella eine Prinzessin ist, und lässt sich von ihr durch einen Kuss erlösen. Er ist nämlich der verzauberte Prinz Edmund von Großburgen und will seine Erlöserin sofort heiraten. Doch Prinzessin Simplinella will keinesfalls einen Prinzen heiraten, der auch eine so dumme Pute wie Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora geheiratet hätte, wenn sie ihn erlöst hätte. Als Dank schenkt ihr Prinz Edmund immerhin acht Fässer voll Gold. Eines davon überlässt sie Lützel. Dann verabschieden sich die drei voneinander, und Prinz Edmund verspricht Simplinella, sie später zu besuchen. Dann will sie auch erneut mit ihm über den Heiratsantrag sprechen.

Prinzessin Simplinella wird zuhause mit großer Freude empfangen und bringt auch die Fässer voll Gold mit, mit deren Hilfe sich ihre Familie einige lang gewünschte Annehmlichkeiten leisten können. Doch Simplinella wartet sehnsüchtig auf Prinz Edmund, der nach einem Jahr endlich am Horizont auftaucht. (Quelle: wikipedia)

Und hier das ko-geniale Hörspiel (ursprünglich eine Produktion des Südwest Rundfunk, Stuttgart)  zu diesem Buch:

„Konrad Heidkamp ist erleichtert, dass diese „liebenswerte Gesellschaftssatire“ kongenial auf CD gebrannt wurde: Eltern müssen sich also nicht schämen, dass sie zu faul zum Vorlesen sind. Die musikalische Bearbeitung von Christoph Dietrich für die CD-Version gefällt ihm mindestens so gut wie die „fröhlich-lakonischen“ Zeichnungen von Verena Ballhaus im gleichnamigen Buch. So freut er sich über einen „gemütliche Tubagrunzer hinterm schrecklichen Untier“, die einen „musikalischen Schluckauf“ markiere. Und die Geschichte selbst mag er sowieso: bei so viel „Sprachwitz“ folge Maar „jedes Kind“ – selbst in den Wald.“ (Quelle: perlentaucher.de)

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Paul Maar

Und selbst Gender-sensible Gemüter finden das Buch einfach nur Klasse:

„In einem tiefen dunklen Wald“ ist eine spannende Phantasie-Geschichte für Kinder ab 4 Jahren. Das Buch ist ansprechend und interessant bebildert, was es auch für das Erstlesealter interessant macht, da es eine Einführung im Comicstil gibt. Erst nach ein paar Seiten findet sich der gewohnte Fließtext, welcher jedoch von kleinen Bilder aufgelockert wird. In der Mitte des Buches und am Ende sind ebenfalls große Bilder zu finden, welche dazu anregen, interpretiert zu werden und ins Gespräch zu kommen. Der Stil der Bilder ist einfach und humorvoll gehalten, so dass sie den Text gut begleiten und gleichzeitig vertiefen.

„In einem tiefen dunklen Wald“ ist eine Geschichte, welche sich an gängigen Märchenklischees orientiert und sie gleichzeitig dekonstruieren, hinterfragen möchte. Primäre Mittel dafür sind Überzeichnung und Karikierung. Vater König ist schwer von Begriff, die Prinzen ängstlich und ungeschickt, die Ungeheuer eigentlich ganz harmlos und unsere Protagonisten, die Prinzessinnen aufständisch und unangepasst. Gerade im Hinblick auf den Genderbezug wird so eine Auseinandersetzung und Diskussion geradezu provoziert. Etwa, wenn in einem Atemzug behauptet wird, Prinzessinnen hätten damals nichts gekonnt außer schön zu sein, da sowieso davon ausgegangen wurde, ein kluger Prinz würde sei eines Tages heiraten. So wird sich im nächsten Satz und anhand einer Illustration deutlich davon distanziert. Es sei ja schließlich schon lange her, das die Geschichte stattgefunden habe. Auch wenn sich die Prinzessin als Junge verkleidet und bis in die wörtliche Rede hinein ihre weiblichen Merkmale zu überspielen versucht, wird ein „doing gender“ unmittelbar erlebbar. Eine besondere Stärke des Buches ist dabei, alle handelnden Figuren jeweils realistisch reagieren zu lassen. So muss die Protagonistin z.B. auch rollenbedingte Zuschreibungen wie das Verbieten der Übernahme von „männlichen Aufgaben“, hier geschildert als das Befreien der entführten Prinzessin durch eine Prinzessin, hinnehmen und sich entsprechend positionieren. Ich denke, das Buch beschreibt einen vorbildlichen Umgang mit solchen Konflikten, da durchweg Lösungen aufgezeigt werden, welche das klassische Rollendenken hinterfragen.

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Sprachlich weist die Erzählung einige Besonderheiten auf, welche das Buch einzigartig machen. Besonders zu erwähnen sind die experimentellen Ansätze, unterschiedliche wörtliche Reden einzusetzen. So kann etwa das entführende Ungeheuer nur den Vokal „o“ aussprechen, was für viele Lacher und einige Missverständnisse innerhalb der Geschichte sorgt. Auch die Prinzessin probiert unterschiedliche Sprechweisen aus, wenn sie sich außerhalb ihres väterlichen Hofes bewegt. Ihre Erfahrungen im Wechsel von höfischer Sprechweise (Anrede grundsätzlich in der dritten Person) in gemeine Alltagssprache wird in den Reaktionen der agierenden Personen wirklichkeits bezogen und für Kinder gut nachvollziehbar dargestellt. Vielleicht werden die Zuhörenden durch diese realistische Beschreibung angeregt, selber mit ihrer Sprache zu experimentieren.

Der Erzählstil der Geschichte ist dynamisch gestaltet. So wechseln sich länger gefasste Passagen mit detaillierten Einzelbeschreibungen ab, was verdichtete Spannungsmomente und emotionales Einfühlen erlaubt. Z.B., wenn die Prinzen sich darin versuchen, das Ungeheuer zu besiegen und dabei durch den dunklen Wald stapfen. Ein durchweg tragendes Element ist der Humor. Immer wieder musste ich beim Lesen herzhaft lachen, sind doch die Figuren und ihre Handlungen herrlich komisch dargestellt.

Zusammenfassend kann ich sagen, das dieses Buch einen humorvollen und leicht zugänglichen Einstig in eine Gender-Diskussion bieten kann. Die spannende Geschichte, der phantasievolle Rahmen und die liebevolle, lustige Illustration bergen in meinen Augen das Potential für ein Lieblingsbuch.“ (Quelle: Jakob Held bei gender-kinderbuch.de)

Und wirklich: das ist ein witziges Märchen, köstlich in der Ausführung ist und musikalisch sowas von passend instrumentiert wurde …

Damit werde ich dann wohl meine Enkelkinder überraschen, wenn ich sie demnächst wieder treffe …

Also: Ein Genuss für kleine und große Kinder … und ein gewisser Rufus Beck ist auch mit von der Partie !

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Verena Ballhaus, geboren 1951 in Deutschland, ist freischaffende Illustratorin. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Sie lebt heute in München.

Besetzung:
Kathrin Angerer (Henriette-Rosalinde-Audora)
Oliver Baierl (Bartholomäus)
Rufus Beck (Untier/Prinz)
Ingo Biermann (Barto)
Peter Fricke (König von Lützelburgen)
Hubertus Gertzen (Bote/Koch)
Donata Höffer (Königin von Lützelburgen)
Torben Kessler (Lützel)
Walter Renneisen (Erzähler)
Margarete Salbach (Josefa)
Martin Seifert (König)
Dagmar Sitte (Simplinella)
Erika Skrotzki (Königin)
Andreas Szerda (Bote/Diener)

Musik: Matthias Thorow
Regie: Christoph Dietrich

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Titel:
01. Kapitel 1 / 11.51
02. Kapitel 2 / 14.29
03. Kapitel 3 / 15.01
04. Kapitel 4 / 10.03

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