Nicht nur mal so nebenbei: Erhard Eppler

Erhard Eppler

Nachruf von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung:

 

Der SPD-Politiker Erhard Eppler war ein sozialdemokratischer Prophet. Er hatte Einfluss auf das Denken der Bundesrepublik – und war schon Ökologe, als die meisten das Wort noch gar nicht kannten.

Er war nicht groß, aber er war ein Großer. Er war ein schmächtiger, ja asketisch aussehender Mann. Aber in ihm steckte ungeheuer viel Kraft und Geist. Äußerlich hatte Erhard Eppler mit Martin Luther wenig gemein; aber er hatte einen Furor und eine Sprachgewalt, die einen an den Reformator erinnern. Er war ein evangelischer Christ und ein demokratischer Sozialist, er war ein belesener, nachdenklicher Mensch, er war einer, der auf das politische Denken der Bundesrepublik Einfluss hatte.

Er war viele Jahre lang Vorsitzender der Grundwertekommission der SPD – und solange er das war, merkte man das der SPD an. Er war das Gewissen seiner Partei, er war die Verkörperung der Nachhaltigkeit in der Politik. „Links leben“ war der Titel seiner grandiosen Autobiographie, die er 2015 auf 336 Seiten publiziert hat. Er lebte das, was er von einem Politiker in seinen Büchern immer wieder verlangte: „Das Wichtigste ist Glaubwürdigkeit.“ Weil das so war, hat sein Eintreten für Schröders Agenda 2010 im Jahr 2003 entscheidend dazu beigetragen, dass Schröder damit in der Partei durchkam. Ganz wohl war Eppler aber dabei nicht. Und er übte später auch Selbstkritik: „Mir war noch nicht klar, was das für den Einzelnen für Folgen haben kann.“

Erhard Eppler war kein Macher, er war ein politischer Denker und ein politischer Prediger. Seine Predigten waren aber keine gefällige Salbaderei, sondern sprachgewaltige Weckrufe. Eppler konnte Parteitage überzeugen und Großdemonstrationen begeistern. Er war kein radikaler Pazifist, aber ein begnadeter Friedenspolitiker: 200 000 Menschen hörten ihm 1981 im Bonner Hofgarten, bei der Großdemonstration gegen die Nachrüstung, mit revolutionärer Andacht zu.

Einer wie Willy Brandt konnte mit Eppler ganz viel anfangen: Der Bundeskanzler Brandt machte ihn deshalb 1968 zum Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Einer wie Helmut Schmidt konnte mit Eppler freilich gar nichts anfangen: Der Kanzler Schmidt protzte sich damit, den „Pietcong“ – wie Herbert Wehner über Eppler spottete – 1974 aus dem Kabinett entfernt zu haben. Das stimmte so nicht. Eppler selbst hatte sein Amt zur Verfügung gestellt, weil er sich mit Schmidt über grundsätzliche Haushaltsfragen nicht einigen konnte. Die politischen Prioritäten von Schmidt und Eppler waren zu unterschiedlich. Eppler gab dem Entwicklungshilfeministerium ein idealistisch-visionäres Profil: Er verstand sein Haus nicht als Institution zur Förderung deutscher Exporte.

Wenn Erhard Eppler eine SPD-Kommission leitete, konnte man sicher sein: Da wird akribisch gearbeitet. War es eine Grundsatzkommission, wusste man: Sie verdient ihren Namen. War es eine Steuerreform-Kommission, war den Fachleuten klar: Eppler geht den Dingen auf den Grund, bis er ihn findet. Er tat das mit Klugheit, Fleiß, Bescheidenheit und der besessenen Akribie, wie sie den Schwaben oft eigen ist. Er war ein Programmatiker, der schludriges Denken nicht hat durchgehen lassen – und wenn ihm das doch unterlief, wie wohl bei der Agenda 2010, dann deshalb, weil ihn die Sorge um die Einheit der Partei trieb.

Wer ihn zum Vorsitzenden einer Kommission wählt, so hat Erhard Eppler einmal gesagt, der müsse wissen, wen er wählt – und dann hat er sich selbst beschrieben: Er sei einer, „der viel von Karl Marx gelernt hat, der aber versucht, vom Neuen Testament her zu leben, zu denken und zu handeln“. Deshalb war er nicht nur ein wichtiger Mann in der SPD, sondern, zumal in den Zeiten, in denen er in der SPD nicht so gelitten war, ein prägender Mann in der Evangelischen Kirche. Er war Kirchentagspräsident – und ein Mann auf der Suche nach Gerechtigkeit.

Er war das vierte von sieben Kindern eines Oberstudiendirektors aus Ulm, gelernter Philologe. Seine Mutter stammte aus einem protestantischen schwäbischen Pfarrhaus. Er war evangelischer Christ und demokratischer Sozialist, er war ein belesener, nachdenklicher Mensch, einer, der auf das politische Denken der Bundesrepublik profunden Einfluss hatte. „Der Aufbegehrende und der Verzweifelnde als Heldenfiguren der Elisabethanischen Tragödie“ war der Titel seiner Doktorarbeit. Er passt auch zu seinem eigenen Leben.

Anders als viele meinen, die ihn nur wenig kennen, ging Eppler zum Lachen nicht in den Keller. Er war ein freundlicher, zugewandter, höflicher, ja herzlicher Mensch, ohne die rustikale Pampigkeit, die manche Sozis für linke Traditionspflege halten. Viele Jahre lang war er die Zentralfigur der Linken in der SPD, er hat sowohl die Friedensbewegung als auch die Umweltbewegung geprägt.

Man kann sich Erhard Eppler als den weißbärtigen Urgroßvater von Greta Thunberg vorstellen. Ihrer Bewegung „Fridays for Future“ stand er so nahe, wie Heiner Geißler in seinen letzten Lebensjahren der globalisierungskritischen Bewegung „Attac“ nahestand. Das 21. Jahrhundert war noch weit weg, als Eppler schon der Überzeugung war, dass die Ökologie ein Kernthema der Politik werden wird. Er wollte die SPD grün machen, er wollte in dieser Partei das Soziale und das Ökologische verbinden. Schon vor mehr als vier Jahrzehnten hatte Eppler den Ausstieg aus der Kernenergie gefordert, das Ende des Wachstumsfetischismus und die ökologische Erneuerung der Volkswirtschaft. Weil er ein glänzender Formulierer war, modellierte er auch die Wörter dafür: die „Lebensqualität“ zum Beispiel, und das „qualitative Wachstum“. Er war schon ein Ökologe, als die meisten das Wort noch gar nicht kannten.

Und er redete nicht nur von Ökologie, er lebte sie auch. Wenn man ihn telefonisch zu erreichen versuchte, hörte man von seiner Frau oft: „Mein Mann ist im Garten.“ Dort saß er nicht in der Hollywood-Schaukel; in so etwas hätte er sich nie gesetzt. Es war der Garten seines Elternhauses, in das er 1990 gezogen war, auf einem Hügel über Schwäbisch-Hall, dem Friedensberg. Dort arbeitete er bis in den späten Herbst hinein täglich stundenlang im Garten und ernährte sich von dessen Erzeugnissen. Dem Besucher sagte er, durchaus stolz: „Die Kartoffeln, die ich anbaue, reichen bis Mitte Januar“.

Erhard Eppler war in der SPD das protestantische Pendant zum Katholiken Hans-Jochen Vogel. Beide sind 1926 geboren, beide gehören zum letzten Rest der Kriegsjahrgänge; Eppler war erst Flakhelfer, dann im Reichsarbeitsdienst, dann im Heer an der Front in Russland. Die Kriegserfahrung ließ sie in den vergangenen Jahren dafür werben, Russland nicht aus Europa zu verbannen. Adenauers Wiederaufrüstungspolitik hatte den jungen Eppler „fassungslos“ gemacht und ihn in die Politik getrieben. Er schloss sich zunächst der Gesamtdeutschen Volkspartei des Gustav Heinemann an und wurde dann, wie dieser, Sozialdemokrat.

Eppler war kein Ehrgeizling; er war ein nachdenklicher, idealistischer linker Patriot, Sozialdemokrat alter Schule, einer, der sich nach eigener Beschreibung „aus den Widerlichkeiten des politischen Geschäfts davongestohlen“ hätte, wenn da nicht stets das Gefühl gewesen wäre, Verantwortung zu haben. Ein Star der Talkshows wurde er deshalb nicht. Das Gegockel vor Mikrofonen und Kameras war ihm zu albern.

Eppler hat in vielen Büchern und Texten gegen den Marktradikalismus geklagt und den starken sozialen Staat gefordert. – auch in dieser Zeitung. In der Bibel heißen Leute wie er Propheten. Wenn Habgier triumphierte, redeten sie der Gerechtigkeit das Wort. Das hat Erhard Eppler stets getan.

Für mich war er neben Willy Brandt der bedeutendste Sozialdemokrat, der auf mich ein prägenden Einfluss hatte.

Deshalb verneige ich mich vor dem großem Sozialdemokraten und Humanisten Erhard Eppler.

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