Dr. A. Oetker – Jubiläums-Kochbuch (Austria) (1926)

titelUnd jetzt steigen wir ganz tief in den Keller digitalisierter Dokumente und erst recht noch tiefer in eine deutsche Firmengeschichte, die es in sich hat, denn sie steht exemplarisch für vieles …

Im Januar des Jahres 1891 übernahm August Oetker in der ostwestfälischen Stadt Bielefeld die Aschoff’sche Apotheke. Sie war eine von vier Apotheken in der Stadt. Zuvor war er mit seiner kleinen Familie in Berlin nach Abschluss seiner Ausbildung mit ersten Geschäftstätigkeiten aufgefallen. Diese hatten jedoch nicht funktioniert. In Bielefeld angekommen baute er in der alten Apotheke zunächst das Laboratorium aus und kündigte die Übernahme der Apotheke in einer Annonce an: „Mein Bestreben wird es sein, einen jeden, welcher mein Offizin mit seinem Vertrauen beehrt, auf das beste zu bedienen.“

Hier wollte er experimentieren und neue Ideen umsetzen. Zu den ersten Erzeugnissen gehörten ein Gesundheitskakao, eine Fußcreme und eine Warzentinktur. Die Umsätze stiegen, nicht zuletzt weil es Oetker gelang, neben den Waren auch immer sein Wissen mit zu verkaufen. Im Laboratorium der Apotheke sowie im Haus Müller der gleichnamigen Bäckerei führte er erste Experimente zur Herstellung von Backpulver durch. Er kannte die Backvorgänge aus der Backstube seines Vaters, der in Obernkirchen Bäcker gewesen war. Ziel war es, den Brotteig aufzulockern, bis dato hatte man dazu Sauerteig oder Hefe genommen, das war allerdings etwas umständlich. In England war man schon Mitte des 19. Jahrhunderts darauf gekommen, dem Teig Substanzen beizumischen, die Kohlendioxid entwickelten.

beispiel19

Dr. August Oetker

In Deutschland hatte der Chemiker Justus Liebig in diese Richtung experimentiert, seine Stoffe waren jedoch nicht sehr lange haltbar. Einer seiner Schüler hatte die Idee nach Amerika mitgenommen und dort industriell mit Natron und Weinsäure umgesetzt. Davon berichtete, so Rüdiger Jungbluth in seinem Buch, ein Verwandter von Oetker nach Bielefeld. War das die Idee, die Oetker nun umsetzte? Unstrittig ist jedenfalls, dass Oetker das Backpulver nicht erfunden hat. 1891 zeigte Oetker sein Backpulver an und verkaufte es in kleinen Tüten à 10 Pfennige, passend für ein Pfund Mehl. Ein Preis, der äußerst geschickt gewählt war, die kleine Menge kostete ihn fast nichts. Zudem setzte er seinen Doktor-Titel ein, denn so suggerierte er der Öffentlichkeit, hier vertreibe ein Doktor einen neuen, garantiert funktionierenden Hilfsstoff für die Bäckerei. Oetker setzte damit auf sein soziales Renommee als Doktor und positive Werte wie Gesundheit und Qualität. Diese Werbe-Strategie war die eigentliche Erfindung von Oetker, die sein Produkt so erfolgreich machte.

Beispiel17.jpg

Das Patent, 1901

 

Zudem unterstützte er den Wissenstransport an die Kunden, indem er schon bald ein eigenes Backbuch herausgab, in dem Rezepte mit seinem Backpulver verbreitet wurden. Ebenfalls fanden sich Rezeptvorschläge auf den Backin-Packungen. Dies ist einer der ersten erfolgreichen Anwendungsfälle von Content Marketing überhaupt. Gleichzeitig war er auf den Messen vertreten, so gewann er auf einer Kochkunstausstellung in Hamburg eine Goldmedaille, über die er dann in seinen Zeitungsanzeigen berichtete.

Oetker war sich der Wirkung der Werbung sehr bewusst: „Wie kann die Welt wissen, dass du etwas Gutes tust, wenn du es ihr nicht anzeigst?“ 1908 wurde die erste Werbeabteilung eingerichtet. Diese formulierte das Ziel, dass in jeder Zeitung in einem Ort mit mehr als 3000 Einwohnern Annoncen geschaltet wurden.

Nachdem die Idee des portionierten Backpulvers beim Kunden ankam, gründete Oetker 1900 eine Fabrik in der Lutterstraße in Bielefeld, dem heutigen Stammhaus. Von hier aus belieferte er bald das gesamte Deutsche Reich mit Backpulver. Es folgte die Entwicklung weiterer Produkte wie Puddingpulver, Aromen und Speisestärke. Bis zu 100.000 Päckchen wurden hier täglich ausgeliefert.

Oetkers Arbeitsdisziplin war berüchtigt. Seine Regeln formulierte er 1908 und hängte sie im Betrieb auf:

Arbeite, arbeite unter Anspannung aller Kräfte.
Sei sparsam!
Die Zeit ist dein Kapital, jede Minute muss dir Zinsen bringen!

Er schuf bessere Arbeitsbedingungen für seine Arbeiter und ließ in seinem Betrieb eine Lehrküche einrichten, die der Ausbildung der Arbeiterinnen diente, um sie auf die Ehe vorzubereiten.

13216a47aa.tif

Schon nach einem Jahr entstand ein zweites Fabrikgebäude. Seine Vertreter bekamen die Anweisung, dass Oetkers Produkte ab 1907 in jedem Geschäft vertreten sein müssten.

Sein Unternehmen wuchs. 1904 stellte August seinen jüngeren Bruder Eduard Oetker, einen Naturwissenschaftler, als Leiter des Labors ein. 1906 folgte sein Bruder Louis Oetker, der den Außendienst und die Werbeabteilung übernahm. 1913 starb Eduard im Alter von 38 Jahren an Krebs, Louis hatte ein Jahr vorher Bielefeld verlassen und in Hameln den Betriebsteil Reese übernommen.

beispiel18Das Ehepaar August und Karoline Oetker hatte einen Sohn, den am 17. November 1889 noch in Berlin geborenen Rudolf Oetker. Er wuchs auf in dem Bewusstsein, dass er das Unternehmen eines Tages übernehmen sollte. Die Arbeiter und Angestellten schätzten den Nachfolger. Er hatte das Ratsgymnasium in Bielefeld besucht und dann studiert. Am 4. März 1914 war er promoviert worden, der Titel seiner Doktorarbeit lautete: „Über neue Ester einiger Monosaccharide mit Essigsäure, Benzoesäure, Zimtsäure und Kaffeesäure.“ Danach trat er in das Unternehmen des Vaters ein. Doch bald schon brach der Erste Weltkrieg aus. Rudolf Oetker wurde zu den Ulanen eingezogen, bei denen er schon vorher gedient hatte. Doch schon nach einer Woche war er wieder zu Hause, musste jedoch mit seiner frisch angetrauten Frau Ida, geborene Meyer, nach Hannover, um dort Soldaten auszubilden. Nach viereinhalb Monaten musste er wieder an die Front nach Frankreich. Ab dem Jahreswechsel 1914/15 kämpfte er in der Gegend von Verdun, Oetker war dazu von den Ulanen zur Infanterie versetzt worden und führte eine Kompanie von 200 Soldaten. Bald bekam er das Eiserne Kreuz. Im Januar 1916 war er nochmal für kurze Zeit in Bielefeld. Am 8. März 1916 starb er in Verdun durch eine Kugel.

Damit hatte die Familie keinen direkten Nachfolger mehr, der die Fabrik weiterführen konnte, und musste sich neu strukturieren. Der gefallene Sohn hatte zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Beide waren noch klein und konnten die Fabrik nicht übernehmen. August Oetker verlor darüber seine Kraft und den Lebensmut. Der Tod des einzigen Sohns lastete auf ihm. Er regelte seine Nachfolge, indem er den Mitarbeiter Fritz Behringer zum Teilhaber und Geschäftsführer machte. Er sollte das Unternehmen für den Enkel weiterführen und dieses dann an ihn übergeben. Am 10. Januar 1918 starb August Oetker im Alter von 56 Jahren. Sein Enkel war da erst zwei Jahre alt.

beispiel21Die Firma Oetker konnte durch die Kriegswirtschaft profitieren, indem sie Heeresaufträge bekam. Zudem wuchs die Nachfrage nach Backpulver, als die Behörden Ende 1915 verboten hatten, Hefe für Backwaren einzusetzen. 1918 lag der Umsatz doppelt so hoch wie 1914. Zudem hatte August die nationale Karte gespielt: „Deutsche Hausfrauen! Kauft von jetzt an nur noch das deutsche Gustin statt des englischen Mondamin.“

Karoline Oetker überließ die Führung des Betriebs dem als Geschäftsführer eingesetzten Fritz Behringer. Ihre verwitwete Schwiegertochter Ida heiratete 1919 Richard Kaselowsky, einen alten Jugendfreund von Rudolf Oetker, der aus einer Bielefelder Industriellenfamilie kam.

Die Firma Dr. Oetker erzielte einen spektakulären Absatzerfolg, Folgen der durch den Krieg aufgestauten Nachfrage. Dies konnte nicht so bleiben, doch der 1920 einsetzende Einbruch in den Absatzzahlen war gewaltig, die Bestellungen fielen um 75 %. Oetker blieb auf seiner Ware sitzen und konnte die Rechnungen der Lieferanten nicht bezahlen. Die Schulden nahmen zu. Sein Lieferant für das biologische Säuerungsmittel Weinstein war die Chemische Fabrik vorm. Goldenberg, Geromont und Cie. aus Winkel im Rheingau, die in Deutschland das Alleinvertretungsrecht des amerikanischen Herstellers hatte. Beide Firmen waren voneinander abhängig und hatten ab 1916 kreuzweise Beteiligungen ausgehandelt. Aufgrund der Schulden von Oetker versuchte Goldenberg die Dr. Oetker zu übernehmen, indem man drohte, den Kredit fällig zu stellen. Dadurch wäre die Firma Dr. Oetker vom Markt verschwunden. Am 9. Februar 1921 starb der Geschäftsführer von Oetker, Behringer. Seine Nachfolger wurden Richard Kaselowsky neben Louis Oetker, einem Bruder des Firmengründers. Beide wurden am 1. März 1921 Teilhaber bei Dr. Oetker. Kaselowsky führte die Firma als Sachwalter für den minderjährigen Erben Rudolf-August Oetker, nicht als Eigentümer. Er führte einen neuen, harten Ton in den Verhandlungen mit Goldenberg ein: Dr. Oetker würde sich nicht übernehmen lassen, die Schulden würden bezahlt, dafür aber eine höhere Menge des Gewinns abgeführt.

beispiel22

Dieser Vertrag war im Umfeld der Kriegsschulden Deutschlands und der einsetzenden Inflation ein gewagtes Unterfangen. Die Ware konnte in den nächsten Jahren bei einer Inflationsrate von 1300 % (1922) kaum noch mit wertvollem Geld bezahlt werden. In dem Vertrag mit Goldenberg war nicht von solchen Inflationsraten ausgegangen worden. Oetker musste kaum noch etwas für seine von Goldenberg gelieferten Rohstoffe zahlen, da der Preis der Rohstoffe nicht angepasst werden konnte, während der Verkauf der Oetkerwaren sich in immer größere Preisstufen erhöhte. Richard Kaselowsky weigerte sich, den Liefervertrag auf die inflationssichere Goldmark umzustellen. Das anschließende Gerichtsverfahren endete mit einem Vergleich, die Ware wurde zu realen Preisen bezahlt, aber die gegenseitige Beteiligung wurde aufgelöst, Oetker war wieder komplett in Familienhand.

beispiel23Nach der Währungsreform 1923 ging es wieder aufwärts, Deutschland wurde von seinen Schulden befreit und die Unternehmen konnten wieder Kredite aufnehmen. Richard Kaselowsky entschloss sich 1924, ein Zweigwerk in Hamburg aufzumachen, um von dort aus den norddeutschen Raum zu beliefern. Gleichzeitig eröffnete er eine Produktionsstätte in Hamburg, wo das Familienmitglied Albert Oetker eine Marzipanfabrik betrieb. Ein weiteres Zweigwerk wurde in Danzig gegründet, um den osteuropäischen Raum zu versorgen. In Bielefeld wurde investiert und neue Abfüll- und Verpackungsanlagen in einem neuen Fabrikgebäude an der Steinmetzstraße eingerichtet.

Paul Sackewitz erweiterte die Werbung für Oetker. Dabei wurden neue Strategien umgesetzt. Unter anderem wurden mit Fahrzeugen auch die kleinsten Dörfer angefahren und dort Süßspeisen an die Kinder verteilt. In der anschließenden Dr.-Oetker-Backstunde wurden die Produkte unter das Volk gebracht und neue Kunden gewonnen. In den Großstädten wurden zusammen mit der Firma Henkel sogenannte Oetker- und Persilschulen eingerichtet.

Richard Kaselowsky expandierte und übernahm 1925 die Mehrheit an der renommierten Bielefelder Druck- und Verlagsgesellschaft E. Gundlach AG und übernahm den Vorsitz im Gundlach-Aufsichtsrat. Gundlach stellte neben den Verpackungen und Plakaten die Zeitung Westfälsche Neueste Nachrichten sowie weitere Fachzeitschriften und Bücher her. Hier ließ Oetker in hoher Auflage Koch- und Backbücher drucken.

beispiel24

Im Jahr 1930 saß Richard Kaselowsky laut Aktienhandbuch in mehreren Aufsichtsräten, und zwar bei der Chemischen Fabrik Budenheim AG in Mainz, bei der E.Gundlach AG, bei der Fleischwarenfabrik Vogt & Wolf Aktiengesellschaft in Gütersloh und bei der Deutschen Bank.

Von der anschließenden Weltwirtschaftskrise war Oetker ebenfalls betroffen und musste Personal entlassen. (Quelle: wikipedia)

Die nicht sonderliche ruhmvolle Ära dieser Firma in den Zeiten des Nationalsozialismus spare ich mir hier mal, denn dieses Bach-Büchlein (66 Seiten) erschien 1926 und zwar zum 25 jährigen Jubiläum der Firma (andere Quellen sprechen von dem Jahr 1916, das kann aber nicht stimmten).

Und dieses Back-Büchelein erschien speziell für den österreichischen Markt und dort hatte die Firma des Dr. Oetker bereits im Jahre 1908 ihre erste Zweigniederlassung gegründet.

beispiel02

Das ist wohl im Jahr 1908 …

beispiel04

… und hier im Jahr 1926 (viel besser lässt sich wirtschaftlicher Erfolg nicht dokumentieren)

Und blättert man durch dieses Büchlein (und sei es auch nur virtuell) so kann man feststellen, dass so etliche der köstlichen Süßspeisen aller Art, die wir heute kennen (vom Kuchen über die Torten bis hin zum Speise-Eis) schon damals ein Begriff waren.

Interessant wäre es, die damaligen Rezepte mit den heutigen zu vergleichen, aber das überlasse ich gerne berufeneren Geistern … mir fehlt dazu wohl die nötige Sachkunde.

 

beispiel01

beispiel05

Beispiel06.jpg

beispiel07

beispiel08

beispiel09

beispiel10

beispiel11

beispiel12

beispiel13

beispiel14

beispiel15

beispiel16

*
**

beispiel03

Natürlich… nur Männer

Nur zwei Beispiele aus der Gegenwart

Oetker ist einer der Nahrungsmittelkonzerne, die sich gegen die Einführung einer „Lebensmittel-Ampel“ stark machen, wie sie Verbraucherverbände, Krankenkasse, Ärzte und Gesundheitspolitiker seit vielen Jahren fordern.

Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt kritisierte den Nahrungsmittelkonzern dafür, Tierquälerei bei den Hühnern zu dulden, deren Fleisch auf Tiefkühlpizzen des Unternehmens landet. Wenige Wochen später teilte Dr. Oetker mit, für seine in Europa verkauften Produkte spätestens ab 2026 (!!! (*)) nur noch Hühnerfleisch einzukaufen, das mindestens den Kriterien der der Europäischen Masthuhn-Forderung  entspricht. (Quelle: wikpedia)

(*) jeder Verbraucher kann nun seine eigenen Schlüsse ziehen …

beispiel25

Und mein erstes Kochbuch war – verdammt noch mal – ein Kochbuch aus dem Hause Oetker