Hannes Flesner – Frau Wirtin (1969)

frontcover1Nun ja, der deutsche Humor hat halt seine Höhen und Tiefen.
Hier sind wir wieder mal bei jenem Humor angelangt, der mich rätseln lässt, ob ich vielleicht nicht doch lieber zum Lachen in den Keller gehen sollte.

Vielleicht werde ich aber dem Humoristen Hannes Flesner nicht gerecht, denn zumindest war er wohl ein norddeutsches Original:

Hans „Hannes“ Flesner (* 8. Dezember 1928 in Rahester Moor bei Aurich; † 12. Juli 1984 in Leezdorf) war ein deutscher Musik-Journalist, Liedtexter und ostfriesischer Liedermacher.

Der gebürtige Ostfriese Hannes Flesner verbrachte seine ersten Lebensjahre in Bremen, Karlsbad und Łódź. Seine schulische Ausbildung absolvierte er am Ulrichsgymnasium in Norden. Als 16-Jähriger wurde er im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges als Luftwaffenhelfer eingezogen. Nach seiner Reifeprüfung arbeitete er kurz als Bergmann in Nordrhein-Westfalen und in mehreren anderen Berufen. 1949 begann er mit einer journalistischen Ausbildung beim Ostfriesischen Kurier.

1955 wechselte er zur Oldenburger Nordwest-Zeitung und war ab 1956 bei der Bild-Zeitung in Hamburg tätig, wo er das Ressort Leichte Muse aufbaute sowie die regelmäßige Jazz-Kolumne „Für alle, die Jazz lieben“ sowie das „Schlager-Magazin“ betreute. Als einzige Jazz-Kolumne in einer deutschen Tageszeitung trug er zur Popularisierung der Musikrichtung bei. Ab 1959 schrieb er Liedtexte, die in der Regel unter Pseudonymen, wie

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Passend zur LP: Plakat eines „Erotik“ Films aus dem Jahr 1967

„Peter Buchenkamp“ oder „Frank Dogger“ veröffentlicht wurden. Texte von Flesner wurden von Willy Millowitsch, Trude Herr, Walter Scherau und dem Medium Terzett verwendet. Er arbeitete u.a. mit den Komponisten Werner Twardy, mit dem er für Trude Herr den „Spiegel-Twist“ verfasste, und Karl Golgowsky zusammen. Flesner und Golgowsky wohnten damals rund fünf Minuten Fußweg auseinander, so dass ein reger Kontakt gepflegt wurde. Weiterhin spezialisierte Flesner sich darauf, deutsche Coverversionen für amerikanische Hits zu verfassen. Beim „Hamburg-Schlager-Wettbewerb 1964“ erhielt Flesner für den zusammen mit Wolfgang Kretschmar geschriebenen Titel „Die Kleine Bank im Alsterpark“, gesungen von Lale Andersen, am 4. November 1964 aus der Hand des damaligen Innensenators Helmut Schmidt die Urkunde für den zweiten Preis.

1964 nahm Flesner die Stelle eines PR-Managers beim Plattenproduzenten Philips/Phonogram an. Er schrieb weiterhin Texte, allerdings nur noch für Künstler des eigenen Labels. Vier Jahre später machte er sich beruflich selbständig und begann mit der Produktion von Schallplattenaufnahmen – unter anderem mit den Künstlern Conny Plank, James Last und Lisa Fitz.

In den 1970er Jahren nutzte Flesner die Welle der Ostfriesenwitze zur Popularisierung der plattdeutschen Sprache und der Kultur Ostfrieslands. Er brachte die erste Schallplatte mit Ostfriesenwitzen heraus und mischte 1972 auf der Platte „Ostfriesland wie es lacht und singt“ Witze mit selbstgeschriebenen Liedern. In den folgenden Jahren wurde er zu Fernseh- und Rundfunkauftritten als ostfriesischer Liedermacher eingeladen. Zu seinen bekanntesten Hits zählt der Bottermelk-Tango (Buttermilch-Tango). Flesners früherer Schulkamerad Gerd Pundt, der damalige Inselvogt von Memmert und Pädagoge, lieferte zu verschiedenen Flesner-Texten die Melodien. 1975/76 hatte Flesner eine eigene Rundfunksendung bei Radio Bremen, die plattdeutschen „Fußnoten“. Flesner bediente das Klischee vom „naiven, rückständigen und trinkfesten Ostfriesen“

Hier sein Debütalbum, das noch gänzlich frei ist, von seinem ostfriesichem Dialekt … das ändert allerdings auch nichts daran, dass der hier zu hörende „Humor“ wirklich unterste Schublade ist.

Flesner bemüht dabei das volkstümliche „Frau Wirtin“

Herzlich willkommen im „Wirtshaus an der Lahn“! Erwarten Sie bitte keinen Ober im Frack, keine erlesene Weinkarte, keine Plüschsessel – bei Frau Wirtin geht es derber zu, etwa so: Eine Herdstelle, in der das Kienholz knackt und knistert, über der die grobbehauenen Deckenbalken vom Rauch geschwärzt sind, blankgescheuerte Tische mit schweren Stühlen. Feste Kellergewölbe, aus deren hannesflesner2Fundamenten die Findlinge hervorsehen.

Und während die dralle Frau Wirtin den Gerstensaft ausschenkt, und der Spielmann von den unendlich vielen Sachen berichtet, die Frau Wirtin hatte, raunen draußen in den hohen Eichen Geschichten aus alter Zeit…

Das „Wirtshaus an der Lahn“ und seine Frau Wirtin gehören zum ältesten Volksgut des gesamten deutschen Sprachbereichs. Seine Wurzeln sind vermutlich über 700 Jahre alt, besungen werden das Wirtshaus und seine Wirtin mit Sicherheit seit über 200 Jahren. Seit etwas 100 Jahren gibt es gedruckte Wirtinnen-Verse, darunter viele Privatdrucke, weil sich nicht jeder der deftigen Fünfzeiler für die Höheren Töchter eignete.

Die Studenten waren von jeher sehr erfinderisch, wenn es um Wirtinnen-Verse ging. Landsknechte, Söldner, Marketenderinnen und Soldaten haben ihren Teil dazu beigetragen. Andere Wirtinnen-Verse wieder mögen aus Zünften und Stammtischen hervorgegangen sein, doch auch namhafte Aristokraten und große Persönlichkeiten des Geisteslebens nahmen Anteil an dieser Volkskunst – so kräftig diese Kost auch immer sein mochte.

Vieles wurde mündlich überliefert. Verse, die unzeitgemäß geworden waren, wurden durch zeitgenössische Wendungen zu neuem Leben erweckt. Ja, im Laufe der Zeiten sind auch immer wieder neue Wirtinnen-Verse im Volke entstanden. Und wenn es heute bereits Wirtinnen-Verse über die Pille, über den Mini-Rock, über Satelliten und über den Herzinfarkt gibt, so ist das ein Beweis dafür, um welch lebendig Ding es sich bei der Frau Wirtin handelt. Eigentlich eine Art vereinfachter, vom Volk selber gelebter, in ständiger Ergänzung und Erneuerung immer wieder auf den jüngsten Stand gebrachter Sittengeschichte. Literatur in fünf Zeilen.

Frau Wirtin von der Lahn – ein Volkslied, das Jahrhunderte überdauert hat. John, der Spielmann, singt Ihnen auf dieser Langspielplatte 60 Wirtinnen-Verse; Frau Wirtin verschafft ihm zwischendurch mit einigen urigen Witzen Zeit zum Luftholen. Viel Spaß! (Hüllentext)
Ich bin ja nun wahrlich kein Sex-Muffel … aber was hier geboten wird, ist nicht nur teilweise frauenfeindlich, sondern auch überwiegende dümmlich. Natürlich gibt es  – wie bei solchen Schallplatten üblich – auch eingeblendetes Gelächter und es ist das Gelächter jener verklemmten Generation … von der wir uns wohl zu befreien hatten … damals in jenen Tages des Aufbruchs.

Und weil auch dieser blog der Dokumentation deutschen Kulturschaffens ist, kann man sich nun ein eigenes Bild machen (akustische Beeinträchtigungen eingeschlossen … ).

hannesflesner

Besetzung:
Hannes Flesner (Sprecher, accordeon)
+
unbekannte Sprecherin (die als „Frau Wirtin“ zotige Witze erzählt)

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Titel:
01. Frau Wirtin (Teil 1)
02. Witz 1
03. Frau Wirtin (Teil 2)
04. Witz 2

usw. usw. usw.

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Manche Filme muss man wirklich nicht gesehen haben und so manche Schallplatte muss man auch nicht wirklich aufheben.