Ernst Ginsberg – Deutsche Lyrik des Barock (1964)

FrontCover1Und gleich nochmal ein wenig Lyrik … allerdings aus einer ganz, ganz anderen Zeit.

Und ich gestehe, ich habe mich diesem Hörbuch (hieß damals allerdings noch nicht so) mehr als schwer getan.

Zum einen stammt diese 10″ LP aus väterlichem Bestand (kein Wunder: etliche schlesische Dichter sind hier vertreten) und diese Aufnahmen stehen für mich für jene Jahre, in denen ich mein Elternhaus immer verknöcherter fand.

Zum anderen ist der Vortraggstil von Ernst Ginsberg so gestaltet, dass ich mich mehrfach an die markige Sprache der Nationalsozialisten erinnerte. Und das genau bei dem Ernst Ginsberg:

Ernst Ginsberg (* 7. Februar 1904 in Berlin; † 3. Dezember 1964 in Zollikon) war ein deutscher Schauspieler, Hörspielsprecher, Rezitator, Regisseur und Theaterleiter.

Ginsberg war Sohn eines Augenarztes und kam über München und Düsseldorf 1928 nach Berlin und 1932 nach Darmstadt. Dort als Jude entlassen emigrierte er 1933 in die Schweiz und kam an das Zürcher Schauspielhaus. Außer von Molière spielte er folgende Rollen: Mephisto, Tasso, Franz Moor, Don Carlos, Hamlet. Er war jüdischer Herkunft, ließ sich jedoch 1935 katholisch taufen.

ErnstGinsberg011946 bis 1950 war er Regisseur in Basel, 1944 Herausgeber von Lyrik des 17. Jhs., 1946 des 18. Jhs., 1951 Herausgeber von Else Lasker-Schüler und 1956 von Berthold Viertel.

Nach seiner Emigration wirkte er bis 1962 als Mitglied des Zürcher Schauspielhauses und arbeitete von 1952 bis 1961 gleichzeitig als Schauspieler und Regisseur am Residenztheater (München). Von 1955 bis 1960 war er Leiter der Literaturproduktion der Deutschen Grammophon, als der er 1957 zur Verwirklichung seiner Vision einer „akustischen Handbibliothek der Weltliteratur“ das Plattenlabel Literarisches Archiv ins Leben rief.

Dort wurden und werden bis heute – inzwischen auf CDs – literarische Schallplatten (vornehmlich Sprechplatten) herausgegeben. Sprecher der ersten Stunde des literarischen Archivs waren u. a. berühmte Autoren wie Thomas Mann oder Gottfried Benn. Auch Ginsberg selbst sprach für die Reihe.

Er war auch sehr häufig als Hörspielsprecher im Einsatz. So konnte man ihn beispielsweise auch in zwei Paul-Temple-Hörspielen erleben, so 1957 in dem vom WDR produzierten Mehrteiler Paul Temple und der Fall Gilbert (Regie: Eduard Hermann, mit René Deltgen, Annemarie Cordes und Kurt Lieck), sowie zwei Jahre später in der BR-Produktion Paul Temple und der Conrad-Fall (Regie: Willy Purucker, mit Karl John und Rosemarie Fendel).

Ernst Ginsberg starb an Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Als er sich schon nicht mehr bewegen und nicht mehr sprechen konnte, diktierte er seiner Pflegerin noch, mit Hilfe des Morsealphabets, mit den Augenlidern Gedichte. (Quelle: wikipedia)

ErnstGinsberg02

Ernst Ginsberg (frühe 30er Jahre)

Und hier rezitiert Ernst Ginsberg „Deutsche Lyrik des Barock“:

Die bevorzugte Literaturform der Barockzeit war das Gedicht, vor allem das Sonett, übliches Versmaß war der Alexandriner mit 6-hebigen Jamben mit starken Zäsuren, häufig in der Versmitte. Im Barock spielten die äußere Ästhetik und der Wohllaut eine große Rolle. Um diese Wirkung zu erreichen, wurde auf diverse Stilmittel zurückgegriffen, darunter Anaphern, Metaphern, Antithetik, Hyperbolik sowie Allegorien und Repetitio. Stilmittel wie Metaphern und Symbole wurden bevorzugt eingesetzt, um durch bildliche Darstellungen elementare Dinge wie Diesseits und Jenseits, sowie die Rolle des Menschen zu erläutern. Metaphern und Allegorien wie der „Port“ (im Gedicht „Abend“ von A. Gryphius) für eine Heimkehr zu Gott sind typisch. Ebenso wurden Embleme und Allegoresen verwendet, die hinter Namen und Dingen eine tiefere, verborgene Bedeutung erschließen und erkennen lassen.

Der Pfarrerssohn Gryphius zum Beispiel musste als Kind den Herztod seines Vaters mitansehen, nachdem eine brandschatzende Soldateska in dessen Kirche eindrang. (Quelle: wikipedia)

Andreas Gryphius

Andreas Gryphius

Die geistige Grundlage des Barock ist trotz aller Verbindung völlig anders als die der Renaissance. Nicht mehr Optimismus, sondern Pessimismus prägt das Lebensgefühl. Die Zeitereignisse (Dreißigjähriger Krieg) haben den mittelalterlichen Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits wiederbelebt und zu einer vertieften Frömmigkeit geführt, deren Hauptelement die Vergänglichkeitsstimmung ist, die Vanitas-Skepsis: „Vanitas, vanitatum, et omnia vanitas / Es ist alles gäntz eytel“ (Gryphius) (Quelle: www.deutschelyrik.de)

Booklet01A

Klar, die Sprache … sie wirkt ein wenig sperrig für unsere heutigen Ohren und – wie schon gesagt – der Vortragstil ist gewöhnungsbedürftig …

Aber so etliche der Zeilen lassen einen dennoch aufhorchen:

Das ist z.B. dieses „Über den Untergang der Stadt Freystadt“, das wohl intensiveste Gedich dieses Albums … und das ist dann auch kein Wunder:

„Ein Jahr später, 1637, brannte nach Abzug einer feindlichen Besatzung die Stadt Freystadt ab, und zwar völlig. Freystadt liegt 40km nordwestlich von Glogau. Der junge Gryphius erlebte den Brand als Augenzeuge“ (aus „Schlesische Lyrik des 17. Jahrhunderts-Blütezeit deutscher Dichtung mitten im großen Krieg“ Vortrag von Wolfgang Beitinger, 2001)

Oder aber auch „Friedenreiches Freudenlied“ von Martin Rickart:

Er hat nach dem so so sehnlich erwarteten  Frieden von Münster und Osnabrück ein Freudenlied gedichtet, das all den Optimismus erklingen läßt, der die folgende überaus schöpferische Epoche erahnen läßt! (aus „Schlesische Lyrik des 17.  Jahrhunderts-Blütezeit deutscher Dichtung mitten im großen Krieg“ Vortrag von Wolfgang Beitinger, 2001)

Und dann gibt es noch einen kleinen 4-Zeiler, der könnte doch glatt von Eugen Roth sein:

Das menschliche Alter:

Ein Kind weiß nichts von sich, ein Knabe denket nicht,
Ein Jüngling wünscht stets, ein Mann hat immer Pflicht,

Ein Alter hat Verdruß, ein Greis wird wieder Kind,
Schau lieber Mensch, was das für Herrlichkeiten sind.

Humor hatten sie also auch noch … trotz der grausigen Jahre jener Epoche.

Und vielleicht wird ja der eine oder andere Leser dieses blog fündig bei Zeilen, die ihn aufhorchen lassen … auszuschließen wäre es nicht.

Die LP (erschienen in der Reihe „Literarisches Archiv“ gegründet von … na … Ernst Ginsberg) hat leider nicht nur ein paar Alterserscheinungen aufzuweisen,  sondern auch noch ein ausführliches Begleitheft mit allen Texten und weiteren Erläuterungen. Vermutlich sind die Aufnahmen bereits 1957 entstanden)

Und dann gab´s ja auch noch den Alan Ginsberg … aber das ist ja ne ganz andere Geschichte *ggg*

 

BackCover1

Besetzung:
Ernst Ginsberg (Sprecher)

Booklet03A

Titel:

Simon Dach (1605 – 1659):
01. Freundschaftslied 1.27
02. Ihr abgenützten Saiten 1.06

Andreas Gryphius (1616 – 1664):
03. Betrachtung der Zeit 0.37
04. Über den Untergang der Stadt Freystadt 5.53
05. Grabschrift Marianae Gryphiae, seines Brudern Pauli Töchterlein 1.16
06. Über seines jüngsten Sohnes Daniels Geburt 1.16
07. Am Ende 1.24
08. Abend 1.40

Paul Fleming (1609 – 1640):
09. An sich 1.22
10. An Basilenen, nachdem er von ihr gereist war 1.29
11. Auf den Tod eines Kindes 1.08

Friedrich von Logau – Sinngedichte (1604 – 1655):
12. Die Welt ein Buch 0.46
13. Der Frühling 0.37
14. Deutschland wider Deutschland 0.17
15. Die schamhafte Zeit 0.15
16. Heutige Weltkunst 0.22
17. Die tausend goldnen Jahre 0.19
18. Auf einen Ehrgeizigen 0.14
19. Der deutsche Krieg 0.12
20. Der Tod 0.14
21. Ein Vertriebener redet nach seinem Tode 0.20
22. Die tapfere Wahrheit 0.20
23. Das neue Jahr 0.30
24. Das menschliche Alter 0.22
25.  Die Poeten 0.13

Martin Rickart (1586 – 1649):
26. Friedenreiches Freudenlied 1.58

Christian Weise (1642 – 1708):
27. Nachsprung zum Hochzeitstanz 0.49
28. Unvermutete Betrachtung des hereinbrechenden Alters 3.04

Johann Christian Günther (1695 – 1723):
29. Trost-Aria 1.41

LabelB1
*
**

MartinRinckart

Martin Rickart