Gitte Hænning – Ungeschminkt (1982)

FrontCover1Hm. wollte man den Zeitgeist jener Jahre exemplatisch erläutern bzw. dokumentieren, so könnte dieses Album durchaus eine Referenzalbum sein:

Ungeschminkt ist ein deutschsprachiges Studioalbum der dänischen Sängerin Gitte Hænning aus dem Jahr 1982.

Nach der Veröffentlichung von Bleib noch bis zum Sonntag, einer deutschsprachigen Aufnahme des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals Tell Me on a Sunday, stellte Gitte Hænning 1982 ihr zweites Konzeptalbum vor. Alle Texte stammen aus der Feder des Librettisten Michael Kunze, der in den 1980er Jahren eng mit Hænning zusammenarbeitete und ihr zu einem neuen Image als emanzipierte Pop-Interpretin jenseits des Schlagers verhalf. Die Kritiken zu diesem Album fielen positiv aus und die Single Ich will alles stieg auf Platz 42 der deutschen Charts.(Quelle: wikipedia)

Oder aber auch: die emanzipatorische Frauenbewegung hat auch die Unterhaltungsmusik erreicht …

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Exemplarisch dieser fordernde Text von „Ich will alles“:

Jetzt leb‘ ich jeden Tag aus
Jetzt trink‘ ich jedes Glas leer
Ich will nicht viel
Ich will mehr
Jetzt bin ich freib und will alles
Ich lerne Spanisch und Bridge
Ich spiele Schach und Klavier
Ich kämpf‘, gewinn‘ und verlier‘
Und geb‘ nicht auf

Ich will alles
Ich sage nie mehr vielleicht
Ich schrei‘ hinaus was ich fühl‘
Und setze alles auf’s Spiel

Ich will mehr
Ich will mehr
Ich will alles

Nie mehr bescheiden und stumm
Nie mehr betrogen und dumm
Nein! Ich will alles
Ich will alles
Und zwar sofort
Eh‘ der letzte Traum in mir zu Staub verdorrt

Ich will leben
Will mich geben
So wie ich bin
Und was mich kaputt macht
Nehm‘ ich nicht mehr hin
Niemand speist mich ab
Niemand macht mich satt
Zu lang hab‘ ich verzichtet
Und mich selber klein gemacht

Ich will alles
Sperr‘ mich nicht ein
Ich will nie mehr
Zu früh zufrieden sein
Ich baue Mauern aus Licht
Ich mache Wasser zu Wein
Ich fang‘ den Augenblick ein
Denn ich bin frei

Und will alles
Ich will kein Zuschauer sein
Ich möchte selber was tun
Und immer wissen warum
Ich geb‘ nicht nach
Ich will alles
Ich will nie mehr was bereu’n
Will nicht gescheit sein nur klug
Will nicht perfekt sein nur gut

Ich will mehr
Ich will mehr
Ich will alles
Nie mehr bescheiden und stumm
Nie mehr betrogen und dumm
Nein! Ich will alles
Ich will alles
Und zwar sofort
Eh‘ der letzte Traum in mir zu Staub verdorrt
Ich will leben
Will mich geben
So wie ich bin

Und was mich kaputt macht
Nehm‘ ich nicht mehr hin
Niemand speist mich ab
Niemand macht mich satt
Zu lang hab‘ ich verzichtet
Und mich selber klein gemacht
Ich will alles
Ich will alles
Sperr‘ mich nicht ein
Ich will nie mehr
Zu früh zufrieden sein

Hm, da hat sich der Texter Michael Kunze aber weit aus dem Fenster gelehnt … und auch all seine anderen Texte sind ein beredtes Beispiel für jene Dekade …  Frauen wollen alles … sie sind stark, mögen Himbeer auf Eis, mögen lieben … ungeschminkt und authentisch … Kompromisse: Nein danke !.

Und dann lässt sich die Gitte Hænning so abbilden:

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Und wenn eine ‚Frau sich so abbilden lässt, dann weiß sie, was sie tut …

Hm, irgendwie sind all die Texte durchaus interessant und. z.T. wirklich ansprechend und zugleich beschleichen mich eigenartige Gefühle.

Da schreibt ein Mann Texte für eine aufgeweckte Frau , da komponieren Männer Musik (Abteilung: Synthie-Pop) für eine aufgeweckte Frau … passt das wirklich zusammen ?

Von daher für mich ein Album, das voller Zwiespältigkeit steckt ….

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Besetzung:
Geoff Bastow (keyboards, synthesizer)
Mats Björklund (guitar)
Curt Cress (drums, percussion)
Johan Daansen (guitar)
George Delagaye (trombone)
Mladen Franko (keyboards, synthesizer)
Benny Gebauer (saxophone)
Günther Gebauer (bass)
Josef Güntner (trombone)
Gitte Hænning (vocals)
Manfred Niezgoda (trumpet)
Silos Pohanka (trumpet)
Rudi Risavy (percussion)
Armin Rusch (accordeon)
Giuseppe Solera (saxophone, pan flute)
Robert Tucci (tuba)
Hermann Weindorf (keyboards, synthesizer)
+
background vocals:
Edith Prock – Angelika Tiefenböck – Helmut Knorr – Günther Eric Thöner – Jerry Rix
+
Münchener Philharmonie unter der Leitung von Hans Herchenhan

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Titel:
01. Wie Himbeeren auf Eis 4.27
02. Ich bin stark 4.10
03. Der Anruf (Er rief an) 4.33
04. Tränen? – Vielleicht 3.55
05. Ein Engel, der über Leichen geht 4.04
06. Ich will alles 3.52
07. Die Faust 0.48
08. Und wenn ich dich liebe 4:18
09. Gib mich frei 3.45
10. Ungeschminkt 0.38
Die Schlange 3:34
Hilf mir doch 3:29
Wir sind stark 0:50

Musik: Guido de Angelis + Maurizio de Angelis
Texte; Michael Kunze

LabelB1

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Und der Dieter Thomas Heck benimmt sich wieder mal daneben:

Gitte – Bleib noch bis zum Sonntag ! (1980)

FrontCover1Die Gitte hat ja ne wirklich bemerkenswerte Karriere hingelegt. Angefangen hat sie halt als Schlagersängerin und wer kennt nicht „Ich will ne Cowboy als Mann“ (ein bemerkenswertes Frühwerk weiblicher Emanzipation !).

Aber die Gitte hatte viel mehr drauf. Und davon kann man sich z.B. bei dieser LP überzeugen. Nach diversen (Un)Taten als Schlagersängerin (u.a. mit Rex Gildo) schlug sie dann Ende der 70er Jahre einen neuen Weg ein.

„Ein Imagewechsel hin zur ernsthaften Pop-Interpretin Anfang der 1980er Jahre brachte ihr nun auch die Aufmerksamkeit der Kritik. Freu dich bloß nicht zu früh (die deutsche Version des Andrew-Lloyd-Webber-Hits „Take that look off your face“) wurde 1980 ein großer Erfolg (Platz 10). Das Musikstück war Teil des von Lloyd Webber geschriebenen und im Original von Marti Webb aufgenommenen Ein-Akt-Musicals für eine Person Tell me on a Sunday. Gitte Hænning nahm eine deutsche Version des Musicals unter dem Titel Bleib noch bis zum Sonntag auf. Für dieses Konzeptalbum erhielt sie 1980 den Deutschen Schallplattenpreis.“ (evertim)

Die deutsche Texte zu diesem Andrew-Lloyd-Webber verfasste Michael Kunze und – man glaubt es kaum – er hatte dabei ein mehr als glückliches Händchen (und fast jeder Text, ob zärtlich, nachdenklich oder zornig lädt zum Nachdenken ein) … und so ist dieses Album rundherum gelungen, denn auch die Musik, eingespielt von Cracks wie … man lese einfach mal nach …  ist einfach nur angemessen und gut …

Und deshalb ist ein für mich kein Wunder, dass dieses Album den „Deutschen Schallplattenpreis 1981“ erhalten hat.

Interessant auch, dass diese LP auch in der damalige DDR auf dem Amiga-Label erschien … ob das ein Ritterschlag war … ich weiß es nicht … aber immerhin … auch aus der „sozialistischen“ Warte war dieses Album für die DDR-Bürger zumutbar.

Schlicht und ergreifend: ein reifes Album !

AmigaAusgabe

Front+Back Cover der Amiga-Ausgabe

Besetzung:
Lance Burton (saxophone, flute)
Curt Cress (drums, percussion)
Stephan Diez (guitar)
Howard Katz (trumpet)
Dave King (bass)
James Polivka (trumpet)
George Roetzer (trumpet)
Kristian Schultze (keyboards)
Giuseppe Solera (flute, saxophone, harmonica)
Michael Thatcher (keyboards)
Paul Vincent (guitar)

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Titel:
01. Freu Dich bloß nicht zu früh 3.31
02. Würdest du mich mal ausreden Lassen 2.16
03. Ich sterb nicht dran (I) 1.41
04. Ein Brief nach Hause 1.15
05. Sheldon Bloom 3.28
06. Have A Nice Day 2.58
07. Ich hab geglaubt, du bist verliebt 2.30
08. Ich sterb nicht dran (II) 2-18
09. Ein zweiter Brief nach Hause 1.18
10. Komm bald mit demselben Blick zurück 3.16
11. Erzähl mal von dir 2.16
12. Freu dich bloß nicht zu früh (Reprise) 0.57
13. Bleib noch bis zum Sonntag 3.36
14.  Ich sterb nicht dran (III) 2.17
15. Ich bin wie du, du bist wie ich 2.44
16. Was dir niemand vorher gab 3.14
17. Würdest du mich bitte ausreden lassen 2.46

Musik: Andrew Lloyd Webber
Originaltexte: Don Black
Deutsche Texte: Michael Kunze

Label1

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MC1A

Band für Afrika – Nackt im Wind (1985)

FrontCover1Diese Aktion hat damals für ganz viel Furore gesorgt:

Die Band für Afrika war ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener deutscher Künstler, mit dem Ziel Spendengelder für Afrika zu sammeln. Vorbild dafür war das britische Projekt Band Aid, das Bob Geldof und Midge Ure 1984 in England organisierten.

Das Projekt wurde im Jahr 1985 initiiert. Der Text des Liedes Nackt im Wind stammt von Wolfgang Niedecken (BAP). Im Januar 1985 wurde in den Studios der FSM ein Videoclip für die Fernsehsendung Formel Eins aufgenommen. Alle beteiligten Künstler und Plattenfirmen verzichteten auf ihre Gage. Der Song erreichte Platz drei der Hitparade.

Band für Afrika trat am 13. Juli 1985 anlässlich des Live-Aid-Konzerts in Köln live auf, der Titel Nackt im Wind wurde weltweit übertragen. Außerdem wurde noch Deserteure von Wolf Maahn gemeinsam gesungen, was 1987 anlässlich der damals letzten Rockpalast-Nacht in der ARD gesendet wurde.

Nackt im Wind ist der Name eines 1985 von Herbert Grönemeyer und Wolfgang Niedecken geschriebenen Liedes. Es entstand für das Projekt Band für Afrika, das zum Ziel hatte, nach dem Vorbild des Band-Aid-Projektes um Bob Geldof (1984) ein vergleichbares deutsches Musikprojekt zu initiieren, um Geld für die Opfer der Hungersnot in Äthiopien 1984–1985 zu sammeln.

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Alternatives Frontcover

Um zu vermeiden, dass zu viel des eingenommenen Geldes durch die GEMA an einzelne Künstler gezahlt werden müsse (wodurch die für Spenden zur Verfügung stehende Summe gesunken wäre), kam der Song mit seinen Autoren unter dem Namen „Band für Afrika“ heraus. Tatsächlich hatten jedoch Herbert Grönemeyer (Musik) und Wolfgang Niedecken (Text) das Lied konzipiert. Niedecken hatte den Text ursprünglich für BAP geschrieben, als die Anfrage kam, ob er sich an dem Projekt beteiligen wolle. Er fand den Text passend und bot ihn bei einem Treffen in Frankfurt am Main an. Grönemeyer schrieb dann die Musik dazu.

Niedecken äußerte sich später kritisch zu seinem Text:

„Ich denke, dass man die eine oder andere Zeile überarbeiten müsste. Damals war der Text sehr stark festgemacht an den Sünden unserer Ahnen. Man kann aber auch nicht alles auf die Kolonialzeit zurückführen, was an Problemen vorhanden ist. Das ist der Kardinalfehler dieses Textes. Wenn ich ihn heute noch mal neu schreiben würde, würde ich wahrscheinlich ganz anders herangehen!“

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An den Aufnahmen beteiligten sich Künstler, die zu dieser Zeit eine besondere Popularität in Deutschland genossen. Hierzu zählten Alphaville, BAP, Ina Deter, Extrabreit, Geier Sturzflug, Herbert Grönemeyer, Gitte Haenning, Hans Hartz, Heinz Rudolf Kunze, George Kranz, Klaus Lage, Udo Lindenberg, Wolf Maahn, Peter Maffay, Ulla Meinecke, Marius Müller-Westernhagen, Münchener Freiheit, Nena, Rheingold, Rodgau Monotones, Spider Murphy Gang, Spliff, Trio und Juliane Werding.

Um dem Zweck der Platte zu dienen, verzichteten alle Beteiligten auf ihre Gagen und Tantiemen. Die Initiatoren gingen sogar noch einen Schritt weiter, indem sie durch einen besonderen Aufdruck auf der Schallplattenhülle auch den Handel in die Pflicht nahmen:

„Die Künstler legen Wert auf die Feststellung, daß wirklich niemand außer den Spendenempfängern an dieser Schallplatte profitiert. Komponist, Texter, Musiker, Produzent, Schallplattenfirma und Verlag verzichten auf jeglichen Verdienst und führen mindestens 2,00 DM pro Single (plus nachträglich anfallende GEMA-Lizenzen) als Spende auf die o.a. Konten ab. Der Schallplattenhandel wird gebeten, diesem Beispiel zu folgen.“

Nackt im Wind wurde am 21. Januar 1985 als Single und Maxi-Single veröffentlicht, die jeweils die gesungene und eine Instrumentalversion des Liedes enthielten, und erreichte akzeptable bis gute Platzierungen in den Hitlisten in Österreich (Platz 18), der Schweiz (Platz 21) und Deutschland (Platz 3). (Quelle: wikipedia)

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Da sitzen sie … alle auf einen Haufen

Wie sähe es aus, wenn Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Marius Müller-Westernhagen und Peter Maffay zusammen einen Song machen würden? Vor allem, wenn sie dabei von BAP, Klaus Lage, Nena, der Münchner Freiheit und Trio begleitet werden? kann man sich gar nicht vorstellen?

Gab es aber! Initiert von Herbert Grönemeyer fanden sich 1985 über 30 deutsche Popmusikerinnen zusammen, um nach Bob Geldofs Vorbild ein Hilfsprojekt für Afrika einzusingen. komponiert von Grönemeyer und getextet von Wolfgang Niedecken erreichte „Nackt im Wind“ der Band für Afrika immerhin Platz 3 in den Charts. schwer vorstellbar, dass sich diese Musiker heute noch einmal zusammen finden würden, aber damals scheint es zumindest laut beobachtung des Zeit-Journalisten Tom R. Schulz geklappt zu haben:

„Selbst Nena, die gelangweilt wie eine unterbeschäftigte Verkäuferin in der Sportabteilung eines Warenhauses in die Pedalen eines Hometrainers trat, wenn es nichts für sie zu singen gab, oder Peter Maffay, der schweren Schritts im Cowboyanzug umherstapfte, fügten sich in die Gemeinschaft ein.“

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Gitte beim „Live-Aid“ Konzert in Köln, 1985

Ein solches Starensemble der deutschen Popmusik kann nur von einem angekündigt werden: Ingolf Lück präsentierte die Band für Afrika in der „Formel eins“-Show:

Das Highlight ist aber die Live-Version zum Live Aid-event ’85. der britische Moderator von Radio One schaltet stilecht zum Kölner Dom, wo die beiden Türme erst langsam verschwinden und auf die Bühne geschnitten wird. dort kündigt eine Moderatorin an, dass die 30 Musiker gestern nacht lange zusammen gesessen hätten, um eine Erklärung zu formulieren, die Udo Lindenberg vorträgt, „wir wollen das heute mal ein bisschen konkreter und nicht nur ein paar fromme Sprüche und deswegen steht das hier auf dem Zettel.“:

Als Ergänzung habe ich eine Interview mit Wolfgang Niedecken aus dem Jahr 2010 beigefügt, in dem er u.a. auch über dieses Projekt berichtet.

Ach ja … musikalisch finde ich „Nackt im Wind“ eher dürftig … aber was soll´s… wenn die Einnahmen tatsächlich ein wenig geholfen haben … dann soll´s mir recht sein.

Besetzung;
Alphaville – BAP – Extrabreit – Geier Sturzflug – George Kranz – Gitte Hænning – Hans Hartz – Heinz Rudolf Kunze – Herbert Grönemeyer – Ina Deter – Juliane Werding – Klaus Lage – Marius Müller-Westernhagen – Münchener Freiheit – Nena – Peter Maffay – Rheingold – Rodgau Monotones – Spider Murphy Gang – Spliff – Stefan Waggershausen
Trio – Udo Lindenberg – Ulla Meinecke – Uwe Fahrenkrog-Petersen – Wolf Maahn – Richard Wester

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Titel:
01- Nackt im Wind (Grönemeyer/Niedecken) 5.11
02. Nackt im Wind (Instrumental Version) (Grönemeyer) 4.10
+
03. 03 – Interviw mit Wolfgang Niedecken – Gesellschaftspolitik, unbequeme Wege und Solidarität (2010) 23.57

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