Bruno Ganz – Hölderlin 1984)

FrontCover1.jpgFür mich hat er sich viel zu früh von seinem irdischen Dasein verabschiedet:

Bruno Ganz (* 22. März 1941 in Zürich; † 16. Februar 2019 in Au, Gemeinde Wädenswil) war ein international tätiger Schweizer Schauspieler und seit 1996 der Träger des Iffland-Ringes.

Bruno Ganz wuchs in Zürich-Seebach als Sohn einer italienischen Mutter und eines Schweizer Fabrikarbeiters auf. Schon vor der Matura beschloss er, Schauspieler zu werden. Mit 19 Jahren spielte er seine erste Filmrolle, den Kammerdiener in Der Herr mit der schwarzen Melone (1960). Er besuchte das Zürcher Bühnenstudio (heute Hochschule der Künste). Nebenbei jobbte er als Buchverkäufer und absolvierte die schweizerische Rekrutenschule als Sanitäter. 1961 spielte er in Chikita einen Jazzfan.

Ein Jahr später ging Ganz in die Bundesrepublik Deutschland und spielte zunächst am Jungen Theater Göttingen, von 1964 bis 1969 am Theater am Goetheplatz in Bremen unter der Leitung von Kurt Hübner. Hier arbeitete er auch an Projekten von Peter Zadek mit. Im Jahr 1967 lernte er Peter Stein kennen, mit dem er in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Theaterprojekte realisierte. Im Anschluss daran wurde er vom Zürcher Schauspielhaus verpflichtet.

BrunoGanz05

In „Der sanfte Lauf“, 1967

Die Londoner Times erwähnte den aufstrebenden Schauspieler erstmals in einer Rezension der Aufführung von Wedekinds Frühlings Erwachen im Londoner Aldwych Theatre 1965. Ganz spielte da die Rolle des Moritz Stiefel und wird so beschrieben:

„Bruno Ganz’s Moritz, mit lose gebundener Krawatte und lockerer Gestik, wirkt eher wie der Rebell gegen das System als dessen Opfer.“

BrunoGanz03

Die New York Times erwähnte Ganz erstmals 1976, im Zusammenhang mit einem Interview des französischen Filmregisseurs Eric Rohmer anlässlich der Aufführung der Marquise von O in New York 1976. Rohmer sprach davon, dass er für den Film „deutsche Bühnenschauspieler“ verpflichtet habe, denn er wünschte sich grosse Gesten, wie sie bei Filmschauspielern weniger üblich seien. Er bat die Schauspieler, sich das 1777 entstandene erotische Gemälde von Jean-Honoré Fragonard „Le Verrou” zu Gemüte zu führen. „Bruno Ganz sah sich das eine glatte halbe Stunde lang an. Ein sehr gewissenhafter Schauspieler.“

BrunoGanz04

1970 stiess er zum Ensemble der Berliner Schaubühne. In der Folge arbeitete er mit Regisseuren wie Peter Zadek, Peter Stein, Claus Peymann, Klaus Michael Grüber, Luc Bondy und Dieter Dorn zusammen. 1972 spielte er erstmals bei den Salzburger Festspielen, unter Peymanns Regie in der Uraufführung von Thomas Bernhards Der Ignorant und der Wahnsinnige. Für diese Darstellung wurde er als «Schauspieler des Jahres» ausgezeichnet. Er blieb Bernhard bis zu dessen Tod 1989 freundschaftlich verbunden; Bernhards Stück Die Jagdgesellschaft enthält die Widmung „Für Bruno Ganz, wen sonst“. Die intensivste Zusammenarbeit am Theater entwickelte sich seit den frühen 1970er Jahren mit dem Regisseur Klaus Michael Grüber. Mit der Uraufführung von Prometheus, gefesselt von Aischylos (Übersetzung Peter Handke) in Grübers Regie kehrte Bruno Ganz 1986 nach Salzburg zurück.

BrunoGanz06

In „Der amerikanische Freund“, 1977

Durch etliche Filmrollen (unter anderem in Wim Wenders’ Der amerikanische Freund und Der Himmel über Berlin) wurde Bruno Ganz ab Mitte der 1970er Jahre einem grösseren Publikum bekannt. 1991 spielte er neben Otto Šimánek (Pan Tau) unter der Regie von Martin Walz in dem Film Die Wette (Sazka) mit.

Im Jahr 2000 drehte er mit Silvio Soldini den Film Brot und Tulpen, der vor allem in Italien mehrfach ausgezeichnet wurde. Noch im gleichen Jahr beeindruckte Ganz als Faust in Peter Steins 21-stündiger Inszenierung von Goethes Faust I und Faust II, die auf der Expo 2000 in Hannover uraufgeführt wurde, bevor eine Tournee nach Berlin und Wien führen sollte. Ganz wurde bei einem Probenunfall so schwer verletzt, dass er bei der Premiere nicht spielen konnte. 2003 debütierte er am Wiener Burgtheater unter Grübers Regie in Ödipus auf Kolonos des Sophokles (Bühnenbild und Kostüme: Anselm Kiefer; Übersetzung aus dem Altgriechischen: Peter Handke).

BrunoGanz08

Als Adolf Hitler („„Dieser Film hat mein Leben verändert … aber letzten Endes konnte ich nicht zum Herzen Hitlers durchdringen – denn da war kein Herz.“)

Nach einem Zerwürfnis mit Peymann spielte Ganz am Berliner Ensemble nicht wie erwartet in Botho Strauss’ Stück Schändung nach Shakespeare, sondern erst 2006 im Schauspielhaus Bochum unter der Regie von Elmar Goerden. 2004 verkörperte er Adolf Hitler in dem von Bernd Eichinger produzierten Film Der Untergang – seine schauspielerische Leistung wurde von der Presse überwiegend als überragend bezeichnet.

2008 spielte er im ebenfalls von Eichinger produzierten Baader-Meinhof-Komplex den BKA-Präsidenten Horst Herold. Die Geschichte des Films sah er in engem Zusammenhang mit seinem eigenen Leben. So war er lange Zeit Sympathisant der außerparlamentarischen Linken, auch von Ulrike Meinhof, distanzierte sich jedoch schnell von den Gewalttaten der RAF seit Mitte der 1970er Jahre.

BrunoGanz09

Als BKA Chef Horst Herold

Von 2010 bis 2013 war Bruno Ganz gemeinsam mit Iris Berben Präsident der Deutschen Filmakademie.

2015 spielte Ganz den Almöhi, die Erwachsenen-Hauptrolle in dem Kinderfilm Heidi, die weltberühmte Romanfigur der Schweizer Schriftstellerin Johanna Spyri (1827-1901).

Bruno Ganz war seit 1965 mit Sabine Ganz verheiratet. Das Paar lebte weitgehend getrennt und hatte einen Sohn, der im Alter von vier Jahren erblindete. Bruno Ganz lebte die letzten Jahre auf der Halbinsel Au am linken Zürichseeufer, hatte eine Wohnung in Venedig und wohnte lange in Berlin. Seine langjährige Lebensgefährtin war die Fotografin Ruth Walz.

Ganz starb am 16. Februar 2019 im Alter von 77 Jahren an seinem Wohnsitz im zürcherischen Wädenswil-Au an Darmkrebs.

BrunoGanz10

Bruno Ganz mit Ruth Walz

Im Februar 1996 vermachte der Schauspieler Josef Meinrad Bruno Ganz den Iffland-Ring, eine Auszeichnung, die seit über 100 Jahren dem „jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters“ auf Lebenszeit verliehen wird. Im Oktober 2014 wurde bekannt, dass Ganz testamentarisch Gert Voss als Nachfolger festgelegt hatte, dieser starb jedoch im Juli 2014.

Am 2. März 2006 wurde Ganz in Wien vom österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst überreicht. Damit wurde Ganz in die Österreichische Kurie für Kunst aufgenommen. (Quelle: wikipedia)

BrunoGanz02

Als Sigmund Freud in „Der Trafikant“ (sein letzter Film; 2018)

Und Bruno Ganz hat ja nicht nur als Schauspieler überzeugen können, nein, gelegentlich tauchte er auch im Studio auf und nahm Hörbücher auf.

Dieses Hörbuch enthält überwiegend Texte von Friedrich Hölderlin:

Ob Friedrich Hölderlin am Ende seine Lebens wirklich „geistig umnachtet“ war, ist bis heute nicht geklärt. „Wohin denn ich?“ lautete die ständige Frage seiner Literatur mit dem Hinweis: „Was mir nicht alles und ewig alles ist, ist mir nichts“.

Das Werk eines ihrer berühmtesten und bedeutendsten Schriftsteller „zu bestehen“ hätten die Deutschen erst noch vor sich, befand Martin Heidegger und trug gern Gedichte Friedrich Hölderlins vor:

„Heimat An deinen Pfaden, o Erd‘// Hier wo Rosendornen / Und süß Linden duften neben / den Buchen, des Mittags“

Dieser immer besonders klingende Friedrich Hölderlin-Sound war geprägt durch die Weigerung des Autors, in herkömmlicher Weise seiner Mitwelt Nachrichten zukommen zu lassen. Er wollte stattdessen in eruptiven Sätzen mit überraschenden Perspektiven-Wechseln, harten Zeilenbrüchen und gewagten Gedanken-Sprüngen seine von ihm selbst als Explosionen erlebten Blicke auf seine Umgebung unmittelbar ausdrücken. Solche offene Schreibweise hat viel Bewunderung gefunden; zugleich stieß sie immer auch auf großes Unverständnis. Fast als wolle er sich entschuldigen, gab Hölderlin selbst einmal folgende Erklärung:

„Sollten … einige eine solche Sprache zu wenig konventionell finden, so muss ich ihnen gestehen: ich kann nicht anders. An einem schönen Tage lässt sich ja fast jede Sangart hören, und die Natur, wovon es her ist, nimmts auch wieder.“

Hölderlin02

Friedrich Hölderlin – Pastell aus dem Jahr 1792

Geboren als Zeitgenosse Goethes, Schillers, Hegels und Schellings 1770 in Lauffen am Neckar und aufgewachsen in Nürtingen, nahm Hölderlin während eines Theologiestudiums am Tübinger Stift sein Lebensthema in den Blick, das Martin Heidegger später in die Worte fasste:

„Was sagt Hölderlins Dichtung? Es sagt von der Flucht der Götter.“

Bevor sich Hölderlin mit Eifer auf die Suche begab nach dem geheimnisvollen Ursprung dessen, was man Heimat nennen könnte in einer Welt, aus der sich die Götter verabschiedet haben, wurde er Hauslehrer im thüringischen Waltershausen, später in Frankfurt, wo er 1799 die verheiratete Susette Gontard kennenlernte, und sie der Verführung seiner ungewöhnlichen Person nachgab. Als die Affäre bekannt wurde, hatte Hölderlin zwar längst in seinem Briefroman „Hyperion“ Susette als Diotima in eine literarische Figur verwandelt, aber er musste sein unruhiges Wanderleben wieder aufnehmen, von einer Hauslehrer-Stelle zur nächsten.

Hölderlin01

Friedrich Hölderlin und seine Geliebte Susette Gontard, Holzstich um 1870

Kurz darauf war die Zeit gekommen, um eine vorläufige Bilanz zu ziehen. Sein 1804 erstmals gedrucktes Gedicht „Hälfte des Lebens“ – eine der schönsten Lesungen stammt von Bruno Ganz – beginnt so:

„Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen / Das Land in den See, / Ihr holden Schwäne, / Und trunken von Küssen / Tunkt ihr das Haupt / Ins heilignüchterne Wasser.“

Zwar immer auch ein aufmerksamer Beobachter der politischen Zeitläufte, der mit den Zielen der französischen Revolution sympathisierte, fand Hölderlin sich bei seiner poetische Suche nach Heimat, hellem Licht und klarer Gegenwart am Ende allerdings immer nur in dem kleinen Zimmer wieder, das er früh einem Freund beschrieben hatte:

„So sitze ich zwischen meinen dunklen Wänden, und berechne, wie bettelarm ich bin an Herzensfreude, und bewundere meine Resignation.“

HölderlinBriefmarken

Nicht nur die großen Projekte wie das Drama „Der Tod des Empedokles“ blieben Fragment. Ein Blick auf seine handschriftlichen Manuskriptseiten offenbart seinen Kampf mit der Form selbst bei kleinen Gedichten, als handele es sich um einen nicht beendbaren Arbeitsprozess:

„Ein Zeichen sind wir, deutungslos … Wir sind nichts; was wir suchen ist alles.“

1806, nach einem psychischen Zusammenbruch, wurde Hölderlin in das Autenriethsche Klinikum in Tübingen eingewiesen und 1807 als „geistig umnachtet“ und „unheilbar“ entlassen. Die folgenden gut 36 Jahre bis zu seinem Tod am 7. Juni 1843 lebte er im Haus der Tübinger Schreiner-Familie Zimmer und wurde in einem Turmzimmer vor allem von deren Tochter Lotte versorgt. Manchmal schrieb er noch und unterzeichnete mit „Scardanelli“. Ob er wirklich an Schizophrenie erkrankt war oder nur ein Masken- und Rollenspiel aufführte, ist bis heute ungeklärt. In seinem Gedicht „Hälfte des Lebens“ lautet der Schluss:

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde? / Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.

(Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de)

Hölderlin03

Aus einer Kunstauktion …

Diese Poesie ist nicht meine bevorzugte Literaturgattung, aber die Eindringlichkeit dieser Sprache, vorgetragen mit einer nicht minder eindringlichen Stimme … kann einen schon in den Bann ziehen, trotz all der gelegentlichen Schwülstigkeit.

Und dass der Bruno Ganz zu den ganz großen Schauspielern unserer Breitengrade zählt, dürfte unstrittig sein.

BrunoGanz07.jpg

Bruno Ganz bei einer Hölderlin-Lesung

Besetzung:
Bruno Ganz (Sprecher)
+
musikalischeZwischenspiele von unbekannten Musikern:

Windharfe – Violine – Cello – Cymbal – Gesang – Flöte – Laute

BackCover.jpg

Titel:
01. Prometheus und Steinbrech zugleich (Char) 2.02
02. Die Dioskuren (Hölderlin) 1.18
03. Der Ister (Hölderlin) 5.47
04. Der Neckar (Hölderlin) 2.28
05. Der Winkel von Hardt (Hölderlin) 0.39
06. Heidelberg (Hölderlin) 2.01
07. Ihr sicher gebaueten Alpen (Hölderlin) 2.07
08. Lebenslauf (Hölderlin) 1.15
09. Der Abschied (Hölderlin) 3.14
10. Diotima (Hölderlin) 4.23
11. Rückkehr in die Heimat (Hölderlin) 1.52
12. Vom Abgrund nämlich (Hölderlin) 3.03
13. Auswahl (Becher) 1.20
14. Mnemosyne (Hölderlin) 3.41
15. Hört ich die Warnenden (Hölderlin) 0.44
16. Da ich ein Knabe war (Hölderlin) 1.29
17. Hälfte des Lebens (Hölderlin) 0.48
18. Andenken (Hölderlin) 4.09
19. Brot und Wein (Hölderlin) 13.32
20. Wenn aus dem Himmel (Hölderlin) 2.21
21. Tübingen Jänner (Celan) 1.04

LabelB

*
**

BrunoGanz01

Bruno Ganz (* 22. März 1941 in Zürich; † 16. Februar 2019 in Au, Gemeinde Wädenswil)