Verschiedene Interpreten – Schwabing Affairs (2004)

FrontCover1.jpgDieser Beitrag soll und wird vermutlich auch für Heiterkeit sorgen … lenkt er doch den Blickauf das Schwabing der 60er Jahre … Schwabing war damals ein ganz schön angesagter Stadtteil von München:

Schwabing ist ein Stadtteil im Norden Münchens, der als Bohème-Viertel der Prinzregentenzeit zu literarischer Berühmtheit gelangt ist und auch heute zu den Szenevierteln der bayerischen Landeshauptstadt zählt. Seit der Neugliederung des Stadtgebiets im Jahr 1992 umfasst Schwabing den Stadtbezirk 4 (Schwabing-West) und Teile des Bezirks 12 (Schwabing-Freimann). Schwabing ist mit etwa 100.000 Einwohnern der bevölkerungsreichste Stadtteil Münchens.

Auch die Revolutionäre der 1919 niedergeschlagenen bayerischen Räterepublik, etwa Erich Mühsam und Edgar Jaffé sowie der später als Romanautor B. Traven in Mexiko bekannt gewordene Ret Marut wohnten in Schwabing. Traven/Marut lebte in der Clemensstraße und gab dort die anarchistische Zeitschrift Der Ziegelbrenner heraus[6]. Manche sagen, es seien all die Künstler gewesen, die die ganze Revolution im Café Stefanie ausgeheckt hätten. Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich erstmals in Schwabing literarisch Lenin nannte, tauchte als bürgerlicher Herr Meier hier mit seiner Frau Nadeschda Krupskaja für einige Zeit unter. Mit ihr und einigen Getreuen gründete er die Zeitschrift Iskra. In Schwabing lebte auch der spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher. Ebenso versuchte sich Adolf Hitler hier als Kunstmaler, allerdings erfolglos. Er nahm als Trauergast am Begräbnis des ermordeten Ministerpräsidenten Kurt Eisner teil und putschte 1923, zunächst erfolglos, als Revolutionär (Marsch auf die Feldherrnhalle). Später errichtete er unweit Schwabings in der Nähe des Königsplatzes die Parteizentrale der NSDAP, heute ein umfassendes Dokumentationszentrum.

Altes Schwabing

Die Schwabinger Bohème-Szene fand jedoch schon mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein abruptes Ende. Ein berühmter Ort blieb der Stadtteil trotzdem – mit zahlreichen Ereignissen: beispielsweise gab 1929 in der Tonhalle an der Türkenstraße der 13-jährige Yehudi Menuhin in kurzen Hosen sein allererstes Konzert und spielte die bis dahin nie gehörte C-Dur-Solosonate für Violine von Johann Sebastian Bach. In den 1920er Jahren war Schwabing Schauplatz politischer Auseinandersetzungen zwischen kommunistischen und nationalsozialistischen Gruppierungen. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden etliche Schwabinger jüdischen Glaubens oder aufgrund ihrer politischen, sexuellen oder religiösen Identitäten verfolgt, inhaftiert, enteignet, in das Exil gezwungen, deportiert und ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1951, erschien der Gedichtband In der Traumstadt von Peter Paul Althaus, der München-Schwabing in einer neuen poetischen Aura sah. Der inzwischen renommierte Schwabinger Kunstpreis wurde begründet. Die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ im Herzen Altschwabings, mit ihrem bekanntesten Mitglied Dieter Hildebrandt, gehörte zu den zwei/drei berühmtesten Kabaretts der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und das literarische Erstlingswerk des Schriftstellers und Kabarettisten Gerhard Polt, das Hörspiel Als wenn man ein Dachs wär in seinem Bau (1977), ist im Quartier Latin um die Universität entstanden.

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Die Lach- und Schieß-Gesellschaft in der Ursulastr. 9 (München/Schwabing)

Die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Nostalgiewelle, die das alte Schwabing zu verklären und zugleich kommerziell auszubeuten versuchte, machte Schwabing vor allem zum Mode-Viertel für die Schickeria, was die Miet- und Gastronomiepreise in horrende Höhen trieb. In den 1960er Jahren lebte und arbeitete die Münchner Künstlergruppe SPUR hier, und unter der studentischen Jugend kam es zu den so genannten „Schwabinger Krawallen“ auf der Leopoldstraße, der Hauptachse Schwabings. Sie waren ein erster Auftakt zur europaweiten Jugendrevolte der 1960er Jahre, die sich gegen die herrschenden Politstrukturen und wirtschaftswunderliches Geldgeprotze richtete: Ereignisse, die treu dem alten Geist notwendig in Schwabing stattfinden mussten. In zahlreichen Filmen wie Zur Sache, Schätzchen, Engelchen oder Die Jungfrau von Bamberg und Der Bettenstudent oder: Was mach’ ich mit den Mädchen? wurde in dieser Hinsicht das Schwabing-Image gepflegt.

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Fidele Parties im Blow-Up Club, 1968

Zum Schwabinger Geist passte auch die Eröffnung des ersten Frauenbuchladens Westdeutschlands, Lillemors Frauenbuchladen, im Jahr 1975 in der Arcisstraße (eigentlich Maxvorstadt), heute Barer Straße, sowie die Gründung der ersten Autorenbuchhandlung Westdeutschlands im Jahr 1973 in der Wilhelmstraße. (Quelle: wikipedia)

Schwabing war also schon lange vor den 60er Jahren so eine Art Künstler- und Intellektuellen Viertel …

Der Münchner Stadtteil Schwabing steht seit geraumer Zeit bei der gut verdienenden Schickeria der bayerischen Landeshauptstadt hoch im Kurs. Hier ist alles trendy und in oder zumindest exklusiv, was sich dann am Preis ablesen lässt. Doch der Münchner Stadtteil hat auch schon andere Tage gesehen. Damals in den 60er Jahren entwickelte sich Schwabing zu einem Biotop für Beatniks und andere Randgestalten der Gesellschaft.

Die brachten frischen Wind in die althergebrachten Vorstellungen über Sex, Drogen und Musik und provozierten die Spießbürger nach allen Regeln der Kunst. Die Schwabinger Krawalle waren 1962 ein erstes Vorspiel auf alles Kommende. 1968, Studentenrevolte, sexuelle Freizügigkeit, Vietnamkrieg. Das waren die Schlagwörter, die man mit Schwabing in Verbindung brachte. Für das aufkeimende Genre des erotischen Films wurde Schwabing eine fruchtbare Umgebung.

DavidGilmour Blow Up 1968

David Gilmour (Pink Floyd) im Blow-Up, 1968

Der neue Soundtrack aus dem Hause Diggler nimmt sich jenen filmischen „Schwabing Affairs“, die so illustre und zugleich poetische Titel wie „Bengelchen liebt kreuz und quer“ oder „Engelchen macht weiter Hoppe, Hoppe Reiter“ tragen, an. Einen Vorgeschack auf „Schwabing Affairs“ servierten die Herren von Diggler Records bereits vor drei Jahren mit den „St. Pauli Affairs“, einem musikalischen Streifzug über den Kizz.

Neben leicht groovenden Rhythmen südamerikanischer Herkunft wie „Let’s Beat It“ von Johnny Harris oder Martin Böttchers „Bengelchen Bossa Nova“ stehen Beat-Stücke ganz hoch im Kurs bei den Schwabinger Hippstern. Vor allem die Songs von Improved Sounds Ltd. und David Llywelyn verraten deutlich die anglo-amerikanischen Vorbilder. Altstar Peter Thomas entführt uns mit seinem Orchester und Titeln wie „Melodie für eine Teekanne“ in bizarre Lounge-Welten.

Abgerundet wird der schlüpfrige Ausflug unter die Bettdecken der Schwabinger Schlafzimmer durch das gewohnt laszive Artwork aus dem Hause Diggler. Die 60er und 70er Jahre der „Schwabing Affairs“ werden, passend zum musikalischen Inhalt, in stylischer Soft-Porno-Manier in Szene gesetzt.  (Daniel Straub)

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Bei diesem Album fällt natürlich auf, dass die Gruppe Improved Sound Ltd. damals ziemlich erfolgreich als Filmmusik-Künstler tätig waren. Deren Biographie ist gut dokumentiert.

Aber dann gab´s auch noch den eher unbekannten David Llywelyn:

Dafydd Llywelyn (* 10. Januar 1939 in Südwales; † 25. März 2013 in München[1]) war ein walisischer Komponist, Pianist, Dirigent und Pädagoge.

Seinen ersten Klavierunterricht erhielt der in Südwales geborene Musiker von seinem Vater, später in einem klösterlichen Internat in Mittelengland von Priestern. Zu seinen weiteren Lehrern zählen der britische Pianist Tom Bromley, Johann Trygvasson (Schwiegervater von Vladimir Ashkenazy) und Peter Feuchtwanger (Neffe des Schriftstellers Lion Feuchtwanger). Ein wichtiger musikalischer Einfluss ergab sich für ihn durch die Begegnung und spätere enge Freundschaft mit dem Pianisten Shura Cherkassky, der ihm die Tradition des polyphonen Klavierspiels der alten Meister näher brachte. Später erhielt er wichtige Impulse von Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Kirill Kondraschin. Er studierte in Birmingham und London Musik, Medizin, Kriminologie und Theologie, um anschließend nach Köln zu ziehen. Ab 1971 lebte er in München, ab 1984 bis zu seinem Tod mit seiner Lebensgefährtin Hedy Schmitt.

Als er drei Jahre alt war, starb seine Mutter an Leukämie, daraufhin begann er nach eigenen Aussagen das Komponieren. Die tiefe Religiosität seiner Werke, die er bereits in jüngsten Jahren meditativ beseelt verfasste, sowie die Tragik vieler Stücke fußen

The Joint

The Joint

größtenteils auf dem frühen Verlust der Mutter. Sein erstes großes Musikstück Dies Irae komponierte er im Alter von zwölf Jahren. 1966 war er an der deutschen Uraufführung von Erik Saties Vexations beteiligt. Ende der 1960er Jahre nahm er mit der Band The Lonely Ones (später The Joint) Filmmusik auf und unterrichtete deren Keyboarder Rick Davies, der kurz danach die Band Supertramp mitbegründete.

Llywelyns Werkverzeichnis umfasst sowohl Kompositionen für Soloinstrumente, als auch Filmmusik, Rock und Jazz. Als Pianist und Dirigent konzertierte er in Europa, den USA und Kanada. Als Lehrer förderte er seit seinem Umzug nach München im Jahre 1971 den musikalischen Nachwuchs als Klavierpädagoge. Die Pianistin Roberta Pili gilt als seine direkte musikalisch-pianistische Nachfolgerin, da sie die alte Tradition des polyphonen Spiels im Sinne ihres Lehrers an die junge Pianistengeneration mit Begeisterung weiter vermittelt. 1993/94 übernahm Llywelyn eine Gastprofessur für Komposition, Klavier und musikalische Analyse an der Universität Belgrad.

Dafydd-Llywelyn

Dafydd Llywelyn

Llywelyn ist bekannt für seine zeitlosen, hyperpolyphonen Piano-Kompositionen. Diese werden von führenden Pianisten, u. a. Boris Beresowski, Nathan Carterette, Biret und Severin von Eckardstein, auf der ganzen Welt gespielt. (Quelle: wikipedia)

Musikalisch hören wir eine krude Mischung aus „Popcorn-Kino-Musik“ jener Zeit … „progressiv“ angehaucht (Swinging London is calling…), ohne aber wirklich echten Tiefgang zu erreichen. Hauptsache man klang modern für die damalige Zeit … und man sieht die Beat Clubs Go-Go-Girls dazu tanzen.

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Schwabing, dem Ortsteil Münchens, der in den 60er- und 70er-Jahren aufgrund der kulturellen Vielfalt abseits des sonst eher konservativen Münchens (natürlich — man ist ja in Bayern) bei den Hipstern schwer angesagt war und noch heute vom damaligen Ruhm zehrt. Den dazu passenden Soundtrack Schwabing Affairs liefert dieses Album, welches erneut die Archive nach Soundtracks aus der Halbwelt durchwühlt hat, um den zumindest musikalischen Flair Schwabings wiederzubeleben.

Dabei herausgekommen ist ein wunderbares Zeitdokument, welches unabhängig von seiner eigentlichen Bestimmung (Untermalung für halbseidene Filmchen) funktioniert und dabei zu gefallen weiß. Die Ausfallquote ist objektiv gesehen gering, vorausgesetzt man stört sich nicht an den vielen Vokaleinlagen (die im Easy Listening eher handelsunüblich sind).

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Lediglich der Einsteiger bietet gleich zu Beginn den größten Dämpfer — das dümmliche „Hoppe Hoppe Reiter“ (bitte keine Fragen zum zugehörigen Film) gefällt zwar durch klassischen Sixties-Beat, ruiniert sich aber durch schreckliche Kinderreim-Samples von selbst, was dem postiven Gesamteindruck zum Glück wenig schadet. (Daniel Hofmann)

In den 60er Jahren war Schwabing für mich noch ein böhmisches Dorf, aber so ab 1972 zogen wir regelmässig am Freitag und Samstag zum die Häuser … und Schwabing war da unverzichtbar … hach … der PN-Club, das Haus der 111 Biere, der Atzinger …

Und weil ich immer wieder mal spendabel bin, gibt´s noch zwei weitere Songs aus dieser Epoche … und da darf dann auch mal der Ralf Zacher ran (beide Lieder stammen aus dem Film „Griller“)

Und wer weiß das schon, vielleicht taucht ja irgendwann mal der eine oder andere Film hier auf….

Booklet1+2

Titel:
01. Improved Sound Ltd.: Hoppe, Hoppe Reiter (A.Linstädt/B.Linstädt) 2.04
02. Johnny Harris: Let’s Beat It (Harris) 2.16
03. Peter Thomas Sound Orchestra: Papierblumenmörder (Thomas) 3.56
04. Improved Sound Ltd.: Sao Paolo Most Exclusive (A.Linstädt/B.Linstädt) 1.39
05. Johnny Harris: Go Go Shake (Harris) 1.28
06. David Llywelyn: Land Of 1000 Dances (Kenner/Domino) 3.10
07. Improved Sound Ltd.: Old Captain Cook (A.Linstädt/B.Linstädt) 2.17
08. Martin Böttcher: Bengelchen Bossa Nova (Böttcher) 2.46
09. Johnny Harris: Majorie (Harris) 1.35
10. Ramon Bouché: Jet Generation (Llywelyn) 1.44
11. Improved Sound Ltd.: Leave This Lesbian World (A.Linstädt/B.Linstädt) 3.02
12. The Joint: Dinosaur Dreams (Llywelyn) 3.01
13. The Joint: Rat Race (Llywelyn) 3.44
14. David Llywelyn: Mädchen, Mädchen (Llywelyn) 2.14
15. David Llywelyn: Reach Out (I’ll Be There) (Holland/Holland/Dozier) 3.20
16. Peter Thomas Sound Orchestra: Melodie für eine Teekanne (Thomas) 2.33
17. Franziska Oehme: Kuckucksjahre (Llywelyn) 3.58
+
18. Ralf Zacher – Franziska Oehme – Angelika Bender: Sonnenblume (Llywelyn) 2.07
19. Franziska Oehme: Allein (Moorse/Llewellyn) 2.07

CD1

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Singles

Improved Sound Limited – Road Trax (Filmmusik) (2002)

FrontCover1So ein paar Einträge hier beginnen ja  immer wieder mal mit der Floskel „endlich komme ich mal dazu … “ … und hier ergänze ich … die fränkische Band „Improved Sound Limited“ vorstellen:

Als IMPROVED SOUND LIMITED 1971 für das renommierte „Liberty/United Artists“-Label ihre gleichnamige Doppel-LP aufnahmen, hatte die Nürnberger Band trotz des jungen Alters ihrer Mitglieder (alle 1947 geboren), bereits ein musikalisch bewegtes Leben hinter sich…

Mit Skifflemusik begonnen (1961), kam die Band über den Modern Jazz, anschließend beeinflusst von der aufkommenden Beat-Musik, zur Rock- und Popmusik. Zuvor hatte sie sich als The Blizzards einen gewissen Ruf erspielt und in den Schulferien als Backingband Roy Black (August 1965) begleitet, der damals Titel von Elvis, Cliff Richard und Roy Orbison sang. Als dieser erkannte: „Du bist nicht allein“, sagten die Nürnberger: „Mit dieser Musik eben schon“ und orientierten sich neu. Da passte es bestens ins Konzept, dass der Bayerische Rundfunk 1966 den Wettbewerb „Meet the Beat“ ausschrieb. IMPROVED SOUND LIMITED gewannen den ersten Preis unter 80 ISL01konkurrierenden Bands und durften ihren Siegertitel „It Is You“ für Polydor als Single aufnehmen (B-Seite: „We Are Alone“). Als Sieger des Beatwettbewerbs gewissermaßen geadelt, öffneten sich für IMPROVED SOUND LIMITED neue Türen. Zu damaligen Zeiten war es in Promikreisen en vogue, zur Hochzeit eine Beatband aufspielen zu lassen. Bei einem solchen Event lernte die Band den Münchner Filmproduzenten Rob Houwer kennen, der den Kontakt zu Regisseur Michael Verhoeven herstellte. Nach einer erfolgreichen Demo-Präsentation bekam die Band den Auftrag, für dessen Film „Engelchen macht weiter hoppe-hoppe Reiter“ den Soundtrack zu liefern. 1969 wurde die Filmmusik auf Cornet als LP veröffentlicht. Dies war für IMPROVED SOUND LIMITED der Durchbruch. In den Folgejahren sollten sie noch etliche Soundtracks für Film und Fernsehen einspielen. 1969 nahmen sie für Polydor eine weitere Single „Sing Your Song“/ „Marvin Is Dead“ auf. 1971, 10 Jahre nach den Anfängen der Band, erschien die Doppel-LP „Improved Sound Limited“, die jetzt erstmalig auf CD vorliegt (Mixing & Mastering: Jörg Scheuermann). In einer luziden Rezension bezeichnete man die Improved-Musiker als „Oldtimer des Rock“. Die auf den ersten Blick etwas despektierliche Bezeichnung der 23-jährigen Musiker entpuppt sich im weiteren Verlauf des Artikels als Ausdruck höchsten Respekts. Die LP ISL02sei der stilistische Lebenslauf von 23-jährigen Rock-Oldtimern, 10 Jahre live experience in rauchigen Kellern und Schuppen zwischen Bochum und Radolfzell in Rillen gepresst. Herausragendes Merkmal der Plattenproduktion sei neben bemerkenswerten musikalischen Fertigkeiten die Fülle von Erfahrungen, die die Band bei vielen Live-Auftritten und Studio-Arbeiten erworben habe.

IMPROVED SOUND LIMITED sei es gelungen, Spontaneität und Kreativität authentisch mit den Möglichkeiten modernster Aufnahmetechnik zu verknüpfen: „Dieses Album ist mit einem Höchstmaß an professionellem Können produziert. Jede Note, jedes Wort ist eigenständig: Axel Linstädt schrieb die Musik, sein Bruder Bernd die Texte. Auch die Produktion, eine Arbeit, für die Bands wie die Rolling Stones oder die Beatles internationale Stars wie Jimmy Miller, George Martin oder Phil Spector engagieren, wurde von der Band selbst geleistet. Deshalb klingt das Doppelalbum bei aller stilistischen Vielfalt unverwechselbar. Musik und Text sind eine Einheit, sie ergänzen und interpretieren sich gegenseitig und sind identisch mit dem Bewusstsein der Musiker. Die einzelnen Titel behandeln Probleme, die ihre Autoren beschäftigen, aber es wird daraus keine Schulstunde mit Musik, sondern Rock zum Anhören, auch zum Tanzen. Vielleicht ist es diese Profanität, die einen spontan für die Improved-Musik einnimmt. Ab dem dritten Mal beginnt man dann zu hören, was noch alles dahintersteckt. Und das ist: „die Reflexion fünf junger Leute, die sich mit ihrer Umwelt und Situation kritisch befassen, in der Musik“ (Reiner Weiss, Nürnberger Nachrichten, 20./21. Mai 1971).

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In der Münchener Abendzeitung bescheinigte der seinerzeit 24-jährige Feuilletonchef (und spätere Chefredakteur des „Stern“) Michael Jürgs IMPROVED SOUND LIMITED „angelsächsische Klasse“, lobte die Unverwechselbarkeit der Musik als Gütesiegel und sinnierte, wenn je in Deutschland eine Rockoper wie „Tommy“ von den Who gelingen sollte, könne sie nur von IMPROVED SOUND LIMITED geschaffen werden. Franz Schöler, der „Joachim Kaiser der Rock-Kritik“ (Die Zeit, NZZ, SZ, WAZ, Playboy, Stereo), schrieb, die Doppel-LP sei „die beste deutsche Rockproduktion seit der Beatles-Live-LP mit Tony Sheridan“. In seinem Buch „Let it rock“ (München-Wien 1975) nahm er sie auf in die äußerst exklusive „Discografie der epochemachenden Rock-Platten 1954-1974“.

Bemerkenswert ist, dass die Band mit ihrer Doppel-LP nicht nur in den einschlägigen Musikzeitschriften positiv aufgenommen, sondern auch in den Feuilletons frenetisch gefeiert wurde. Dabei schwamm die Band gegen den Strom des sogenannten German Rock. Statt des gängigen Progressiv- und Krautrocks filterte sie ihre unverwechselbaren, melodiösen Eigenheiten heraus und spielte Rockmusik vom Feinsten, zeitlos und grandios, ein Meilenstein in der deutschen Rock- und Popgeschichte.

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1973 veröffentlichte IMPROVED SOUND LIMITED auf CBS die LP „Catch a Singing Bird on the Road“. 1977 folgte unter dem Bandnamen Condor, aber in gleicher Besetzung, die LP „Rathbone Hotel“. (Manfred Steinheuer)

Und hier ihr quasi posthum veröffentliches Album mit den Filmmusiken von drei deutschen Filmen der 70er Jahre:
Die Produktion von Filmmusik war eine Konstante in der Arbeit der Band. So enthielt bereits die erste CD Musik aus dem Film ‚Der Graben‘ von Michael Verhoeven, die dritte, ‚Rathbone Hotel‘ mit dem Song ‚Suicide Road‘ die Vokalversion eines Instrumentaltitels aus dem Wim Wenders Film ‚Im Lauf der Zeit‘, und die demnächst erscheinende fünfte ‚The Final Foreword‘ wird sich u. a. dem Soundtrack von Verhoevens ‚Engelchen macht weiter …‘ widmen.

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Die Beantwortung der Frage, warum das vorliegende Album nicht ‚Soundtracks‘, sondern ‚Road Trax‘ überschrieben wurde, erschließt sich dem Hörer nahezu zwangsläufig: Die Musik vermittelt eindrucksvoll das Gefühl, unterwegs zu sein. ‚Im Lauf der Zeit‘ ist ein Road Movie par excellence, bei dem Film ‚Soweit das Auge reicht‘ zeigen sich zumindest wichtige Musikstrecken von diesem ‚Spirit‘ geprägt; ‚Das Brot des Bäckers‘ schließlich definiert sich inhaltlich zwar anders, doch der Protagonist Bernd Tauber scheint eindeutig vom oben angesprochenen Lebensgefühl erfasst. Nicht zufällig hört er im Film wiederholt Musik jenes Genres, z.B. den Titelsong aus dem ‚Improved Sound Limited‘-Album ‚Catch a Singing Bird on the Road‘.

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Die Musik reflektiert akustisch das Unterwegssein; sie ist Begleiterin für lange Fahrten – mit der Kamera und mit dem Auto. Von einem langsamen Pulsschlag bewegt, zeichnet sie unaufgeregt große, weite Bögen, atmet Melancholie, Ferne, Grenzenlosigkeit…

Man weiß und spürt es, dass der Weg – so einsam er auch sein mag – das Ziel ist. Die Reihenfolge der Musiken geriet nur per Zufall chronologisch, eigentlich folgt sie einer Kompilation, die sich die Band selbst als Backing Music für ihre Reisen zusammenstellte und gerne unterwegs hörte, sich zu Zeiten von ihr tragen ließ.

Vielleicht erklärt sich so ein wenig, warum ‚Road Trax‘, wenngleich die Takes aus unterschiedlichen Filmen und Entstehungszeiten stammen, wie ‚aus einem Guss‘ wirkt.

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Das Presseecho über die Filme mit ‚Improved-Musik‘ war umfangreich und einhellig positiv. Paradigmatisch hierfür soll am Ende meines Editorials lediglich die nonkonformistische Karena Niehoff zitiert sein, die im ‚Tagesspiegel‘ den musikalischen Aspekt des Wenders-Films folgendermaßen zu Papier bringt: ‚Die Musik der deutschen Band ‚Improved Sound Limited‘ bohrt sich dauernd in den Film hinein, saugt sich mit ihm voll; ich hätte sie manchmal, diesen verdammt ziehenden, süchtig machenden ‚Romantic Sound‘, gern wütend abgeschlagen wie einen vollgefressenen Blutegel – aber dann hätte ich den ganzen Film, seine Substanz, sein Sosein mit wegwerfen, seinen Atem ersticken müssen.‘ (Manfred Steinheuer)

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Und liest man sich ein wenig in die Besprechungen zu diesen Aufnahmen ein, so kann man feststelle dass der Urteile unisono in die Kategorie „begeisternd“ fallen … und das zu ‚Recht !

Dieses Album ist ganz und gar großartig … denke ich z.B. nur an die paar Sequenzen, in denen Ralph Nowy mit seinem Saxophon die Bühne betritt oder an all jene Gittarenläufe des Axel Linstädt, wem es da nicht warm ums Herz wird …

Und fast könnte man meinen, ein gewisser Mark Knopfler ist bei dem Axel Linstädt in die Lehre gegangen …

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Von daher ist dieses Album nicht nur für lange Autofahrten geeignet, sondern erst recht für lange Winterabende …

Und es ist ein Album, das zumindest an zwei bedeutende Kinostreifen der 70er Jahre erinnert. „Das Brot des Bäckers“ gehört zu meinen Lieblingsfilmen und über den Film „Im Lauf der Zeit“ müsste man eigentlich gar kein Wort verlieren. Ein frühes Meisterwerk von WimWenders.

Und inspiriert zu diesem Eintrag (und dafür ein herzliches Dankeschön) wurde ich von der Graugans und dem Herrn Ärmel, der sich – einem alten Herzenswunsch folgend –  auf den Weg gemacht hat, den Spuren des Wim Wenders zu folgen. Herausgekommen ist dabei u.a. eine Reisebericht (42 Jahre später …), bestehend aus Begegnungen und Reflexionen, die ich eigentlich nur jedem Leser dieses blogs dringend ans Herz legen will … dazu klicke man hier.

Ach ja, das Begleitheft fällt dann wieder mal in die Kategorie „vorbildlich“.

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Besetzung:
Lothar „Johnny“ Fickert (vocals, saxophone, flute, guitar, organ percussion)
Rolf Groschner (drums)
Axel Linstädt (vocals, guitars, keyboards, mellotron)
Ulrich Ruppert (bass)
+
Frank Baum (pedal-steel guitar bei 01. + 05.)
Ralph Nowy (saxophone bei 02.)

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Titel:

Im Lauf Der Zeit (1976):
01. One Feet Over The Tarmac 3.35
02. Suicide Road 3.19
03. Silver Circles 2.52
04. Lisa’s Accelerando 2.29
05. One Feet Over The Tarmac 4.04

Das Brot des Bäckers (1976):
06. One Note Interlude 0.33
07. Bernd’s Tune 2.25
08. Baker’s Round 2.01
09. Don’t Slide Away / One Note Interlude 2.46

So weit das Auge reicht (1979):
10. Main Theme 2.06
11. Aurore’s Tune 1.39
12. Greetings To Carlos 2.34
13. Fragment Of „Route 99“ 0.56
14. Puppet On A Twelve-String 1.53
15. Route 99 2.38
16. Variation On Aurore’s Tune 2.13
17. Main Theme (Unplugged) 0.40
18. Maniac Lamento 1.52
19. Soda Fountain 0.52
20. Life Is A Jigsaw Puzzle 2.16

0.K. (1970)
21. „o.k.“ 0.22

Musik: Axel Linstädt
Texte: Bernd Linstädt

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Quelle: Bayerischer Rundfunk … und mittlerweile ist er in Rente …