Jazzkantine – Spielt Volkslieder (2012)

FrontCover1.jpgAlso die von der „Jazzkantine“ sind ganz schön schräge Vögel … also: genau meine Kragenweite.

„Volkslied? Volksgut? Volksstimme?“ Diese Fragen stehen am Anfang des neuen Langspielers der Jazz-Rap-Formation aus Braunschweig. Nachdem sie bereits Heavy Metal-Klassiker mit einem Augenzwinkern unter ihre groovenden Fittiche genommen haben, sind jetzt Volkslieder an der Reihe.

Was mit ihrem vorletztem Album „Hell’s Kitchen“ im Vergleich zu Hellsongs eher in die Hose gegangen ist, versuchen die Niedersachsen im 20. Jahr ihres Bestehens mit volkstümlichen Klängen wieder gut zu machen.

Wanderlieder, Kinderlieder, aber auch politische Gesänge wie „Die Gedanken Sind Frei“ sind vertreten. Auch das Allerweltsthema Liebe kommt nicht zu kurz. Zusammen mit Autor Peter Schanz wird aus „Wenn Ich Ein Vöglein Wär“ eine wunderbar humorvolle Version eines Träumers: „Wenn du kein Faultier wärst und nicht am Baume hingst … hing ich an dir.“

Was einst als Crossover-Innovation galt, scheint sich leider aber zunehmend mit dem Drang zu vermischen, immer noch Neueres schaffen zu wollen. Sind wir ehrlich: Kinderlieder kann ja jeder – das wirklich Besondere hier ist der Einsatz der hochkarätigen Gäste.

Aber der lohnt sich durchaus. Wunderschöne Stimmen wie die von Pat Appleton von De-Phazz oder Sam Leigh-Brown vom Frank Popp Ensemble („Hip Teens“) erklingen neben den Worten des Rappers Tachi, der seinen türkischen Wurzeln in „Mutter Türkei“ nachtrauert. Außerdem hat Nils Landgren, eine der europäischen Jazzgrößen, auf diesem Album mit seiner Posaune zur Jazzkantine gefunden.

Höhepunkte bilden die Versionen von „Es Tanzt Ein Bi-Ba-Butzemann“ und „Im Frühtau Zu Berge“ von Cappuchino. Was einmal mehr beweist, dass es die großen Stimmen gar nicht braucht, um gute Stücke abzuliefern. Klar ist es toll, sich von souligen Frauengesang berieseln zu lassen. Aber die Jazzkantine muss kein wahnsinnig innovativer Verein sein, um anständige Musik zu produzieren.

Es entspricht wohl der allgemeinen Meinung, wenn man behauptet, Volksmusik hätte eine Verjüngungskur nötig. Die Jazzkantine zeigt leicht verständlich, dass man die Musik seiner Kindheit nicht unbedingt in volkstümlichen Schmalz ertränken muss. Man kann seiner Heimat auch einfach mit nett anzusehender Leichtigkeit seine Liebe bekunden. (Amelie Köppl)

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Oder aber auch:
Wie kommt der junge Mensch des 21. Jahrhunderts an die das allgemeine Kulturgut seines Volkes heran? Oder besser gefragt: Wer bringt dem jungen hippen deutschen Menschen von heute Volklieder nahe. Der Kindergarten? Möglich. Die Schule? Fehlanzeige. Coolness sieht anders aus. Die Großeltern? Wer heute 50 ist, pubertierte mit New Wave und gehörte damit auch schon zur Generation Verdrängung. Dass ausgerechnet eine Band, bei der Coolness schon auf den Mützenschirmen steht, sich des deutschen Volksgutes annimmt, ist nicht nur unerhört, sondern zudem ein unerhörter Glücksfall. Jazzkantine leistet gern Pionierarbeit, besonders wenn es um die Integration deutschsprachigen Raps in den Jazz geht.

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Zahlreiche Alben zeigen ihren eleganten Umgang mit den Stilen. Nun also suchen sie das deutsche Volkslied in die groovigen Klänge tanzbarer Clubmusik zu packen. Ich muss zugeben, dass ich mich ein wenig schwer tat beim Hören der CD, denn neben Spaß stand auch ganz dick „Botschaft“ in den Texten. Das Lied oder besser der Ansagetext „Fragebogen“ listet ausführlich auf, welche Probleme wir Deutschen mit dem Volksgut und unserem Selbstverständnis als Deutsche haben, wobei das Stilmittel des Fragebogens bereits eins der Probleme darstellt. Doch beim mehrmaligen Hören harmonieren einige der Volksweisen sehr gut mit dem Jazz. „Hoch auf dem gelben Wagen“, gesungen von Sam Leigh-Brown ist eine wunderbar groovige Nummer. „Wenn ich ein Vöglein wär“ gehört zu den romantischsten Volksweisen der Deutschen überhaupt. Peter Schanz und die hervorragende Pat Appelton machen daraus ein kleines Streitgespräch, das von einem Saxofonsolo unterbrochen wird. Und dass die Hymne der Gedankenfreiheit einen prächtigen Reggae abgibt, passt erstaunlich gut ins Verständnis dieses Textes. Der „Butzemann“ funktioniert musikalisch ganz ordentlich, textlich war er mir aber selbst im Kindergarten schon zu abgedreht. Ich wusste nie, was der Kerl im Schilde führte und habe mich vorsichtshalber immer gefürchtet, wenn von ihm die Rede war. Sehr gelungen finde ich „Am Brunnen vor dem Tore“, auch wenn hier der Jazz in den Hintergrund tritt und die Melodie recht traditionell wiedergegeben wird. Volkslieder sind Lieder eines Volkes. Wer hier aufgewachsen ist, versucht sich immer auf irgend eine Weise mit seiner Heimat zu identifizieren. Sei es durch eine besondere Naturverbundenheit oder durch das Grölen einer gemeinsamen Hymne beim Fußball. Deshalb passt das Gedicht „Mutter Türkei“, das von der Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen spricht ganz vorzüglich ins deutsche Kulturgut der Gegenwart. Doch wem das alles zu viel Botschaft ist, der begnüge sich mit „Im Frühtau zu Berge“. Das ist VolksHipHopJazz mit allerhöchstem Spaßfaktor. (Karsten Rube)

Also … anhören scheint ja fast ne Pflicht zu sein !

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Besetzung:
Air-Knee (dj)
Tom Bennecke (guitar)
Cappuccino (vocals)
Christian Eitner (bass)
Simon Grey (keyboards)
Andy Lindner (drums, percussion)
Heiner Schmitz, (saxophone)
Tachi (vocals)
Christian Winninghoff (trumpet, fluegelhorn)
+
Pat Appleton (vocals bei 02., 08.)
Michel Begeame (vocals bei o4.)
Carlos (vocals bei o4.)
Catrin Groth (saxophone, whistling bei 08., 12., 13.)
Nils Landgren (trombone bei 04., 06.
Sam Leigh-Brown (vocals bei 07.)
André Neundorf (saxophone bei 12.)
Peter Schanz  (vocals bei 03., 08., 15.)
Kai Wingenfelder (keyboards bei 12.)

Titel:
01. Am Anfang 1.57
02. Kein schöner Land in dieser Zeit (Zuccalmaglio) 3.12
03. Fragebogen (Jazzkantine/Frisch) 4.34
04. Ode an die Freude (Beethoven/Schiller) 5.30
05. Im Frühtau zu Berge (Ericson/Kothe) 3.30
06. Auf einem Baum ein Kuckuck (Traditional) 3.55
07. Hoch auf dem gelben Wagen (Höhne/Baumbach) 4.23
08. Wenn ich ein Vöglein wär (Abt/Dieffenbach) 4.28
09. Die Gedanken sind frei (Traditional) 3.36
10. Du, du liegst mir am Herzen (Traditional/Boehm) 3.45
11. Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann (Traditional) 3.40
12. Dat du min leevsten büst (Traditional) 3.25
13. Am Brunnen vor dem Tore (Lindenbaum) (Schubert/Müller) 2.50
14. Mutter Türkei (Tachi) 3.57
15. Volxliedgut (Jazzkantine) 4.22

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