Matthias Dreißig – An der Schuke-Orgel (Predigerkirche Erfurt) (2005)

Interessant, dass diverse Orgel-Alben stets in Verbindung mit dem jeweiligen Orgelerbauer gebracht werden. So auch hier:

Die Alexander Schuke Potsdam Orgelbau GmbH ist eine deutsche Orgelbaufirma aus Potsdam.

Das Unternehmen wurde 1820 durch den Orgelbauer Gottlieb Heise in Potsdam gegründet. Im Jahr 1848 übernahm sein Schüler Carl Ludwig Gesell die Firmenleitung, zunächst zusammen mit Gustav Schulz, der sich aber bald selbstständig machte. Ab 1868 übernahm der Sohn Carl Eduard Gesell die Führung. Als dieser 1894 kinderlos starb, kaufte Alexander Schuke das Unternehmen, das er in der Folgezeit zu einer der bekanntesten Orgelbaufirmen machte. Nach seinem Tod 1933 leiteten die beiden Söhne, Karl Ludwig Schuke und Hans Joachim Schuke, das Unternehmen gemeinsam.

1950 entschieden die beiden Brüder, in Berlin eine zweite Orgelbauwerkstatt zu gründen. Die damalige politische und wirtschaftliche Situation im Nachkriegs-Deutschland ließ es ratsam erscheinen, im Fall sich wirtschaftlich weiter einengender Verhältnisse im Westteil Berlins eine betriebsbereite Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Hans-Joachim Schuke führte die Potsdamer Firma, die weiter in Privathand war, allein weiter. Karl Schuke nahm mit seinem Umzug 1953 nach Berlin die Gelegenheit wahr, die Berliner Werkstatt vom Potsdamer Betrieb zu trennen und führte sie SchukeOrgelunter dem Namen Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH weiter. 1972 wurde das Unternehmen in der DDR enteignet und als VEB Potsdamer Schuke Orgelbau weitergeführt. Orgelbaumeister Matthias Schuke, seit 1974 Mitarbeiter, reprivatisierte 1990 im Zuge der ökonomischen und politischen Wende das Unternehmen erfolgreich und ist seit dieser Zeit Inhaber und Geschäftsführer.

2004 bezog das Unternehmen ein neues Werkstattgebäude in den Havelauen in Werder (Havel).

Aufgrund von Schwierigkeiten bei der Auslieferung von Orgelneubauten in die Ukraine und nach Russland sowie von Zahlungsausfällen aus diesen Ländern musste die Firma im November 2014 Insolvenz anmelden. Aus Solidarität mit der traditionsreichen Orgelbaufirma zogen einige Kunden geplante Aufträge vor. Der Insolvenzverwalter Christian Graf Brockdorf, der das Unternehmen saniert, geht davon aus, dass die Alexander Schuke Orgelbau GmbH Mitte des Jahres 2015 wieder auf eigenen Füßen stehen wird.

Alexander Schuke baute zunächst die Kegellade, die er bei seinem Lehrmeister Eduard Gesell kennengelernt hatte. In solider Konstruktion verband er diese Technik mit der Röhrenpneumatik. Bald entwickelte sich die Firma neben Dinse und Sauer zu einem der führenden Orgelbauunternehmen in Brandenburg. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die elektrische Traktur standardmäßig eingeführt. Im Zuge der Orgelreformbewegungen unter Albert Schweitzer und Hans Henny Jahnn orientierte Schuke sich jedoch wieder an den Prinzipien des klassischen Orgelbaus und kehrte zur mechanischen Schleiflade zurück. Ende der 1950er Jahre wurden die ersten Restaurierungen historischer Instrumente durchgeführt. Inzwischen ist das Unternehmen durch bedeutende Restaurierungen hervorgetreten, so bei der Scherer-Orgel in Tangermünde (1624) und den Wagner-Orgeln in Brandenburg an der Havel (1725) und Angermünde (1744). In Zusammenarbeit mit Schuke entwickelt die Universität Potsdam Messverfahren, mit denen die originalgetreue Klanggebung historischer Orgelpfeifen ermittelt werden kann.

Die Opus-Liste umfasst 627 Orgelneubauten zwischen 1895 und 2011. Hinzu kommen mehr als 60 Restaurierungen, deren Anteil seit dem Ende der 1990er Jahre stark zugenommen hat, sowie etliche Umbauten und Erweiterungen bestehender Werke. (Quelle: wikipedia)

Und auf der Schuke Orgel in der Predigerkirch zu Erfurt verzaubert uns Matthias Dreißig mit machtvollen Orgelklängen, die, ja, die ich immer wieder aufs neue liebe.

MathiasDreissig
Und allein seine Kurzvita ist beeindruckend:

1979 – 1984 Studium der Kirchenmusik an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar bei Prof. Rainer Böhme

1984 – 1988 Zusatzstudium im Rahmen der Absolventenförderung bei KMD Prof. Johannes Schäfer

1983 Teilnahme an den Prager Meisterkursen

1984 Diplom und 4. Platz beim Internationalen Orgelwettbewerb „Prager Frühling“

seit 1984 Dozent für Orgel an der Evang. Hochschule für Kirchenmusik Halle/Saale

1985 – 1994 Kantor in Bad Frankenhausen/Kyffh.

seit 1994 Organist der Predigerkirche Erfurt

seit 1995 Lehrauftrag für Orgel an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar

2000 Verleihung des Titels „Kirchenmusikdirektor“

2005 Berufung zum Honorarprofessor an die Musikhochschule „Franz Liszt“ Weimar

rege Konzerttätigkeit im In-und Ausland (Tschechien, Schweiz, Italien, Rumänien, Frankreich, Polen, Russland, Finnland, Dänemark, Litauen)

Also … lausche, wer lauschen kann (und mag) und lese, wer lesen kann (*g*), denn im Begleitheft findet man eine Fülle von Informationen zu den einzelnen Werken.

Booklet01ABesetzung:
Matthias Dreißig

Booklet12A

Titel:

Johann Sebastian Bach:

Präludium und Fuge c-moll BWV 546:
01. Präludium 7.30
02. Fuge 6.29

Aus dem Dritten Teil der „Clavier-Übung“

03. „Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit“ BWV 669, 3.00
04. „Christe, aller Welt Trost“ BWV 670, 4.59
05. „Kyrie, Gott heiliger Geist“ BWV 671, 4.57

Felix Mendelssohn Bartholdy:

Sonate Nr. 1 f-moll, op. 65
06. Allegro moderato e serioso, 5.55
07. Adagio, 3.34
08. Andante – Rezitativ, 3.58
09. Allegro assai vivace, 03:33

Johann Pachelbel:
10. Ciacona f-moll, 8.39

Sigfrid Karg-Elert:

Passacaglia und Fuge über B-A-C-H, op. 150
11. Passacaglia, 14.45
12. Fuge, 07:26

InletA
*
**

Johannes Quack – Der Engel – Orgelmusik für den Schwebenden von Ernst Barlach (2005)

FrontCover1.jpgDie Entstehung dieses großartigen Orgel-Albums erklärt sich einzig und allein aus der Skulptur „Der schwebende Engel“ von Ernst Barlach; sie hängt in der Antoniter-Kirche, Köln und das ist die Geschichte der Skulptur, erzählt von Pfarrer Jost Mazuch, Köln:

Die Schildergasse in Köln ist die meistbesuchte Einkaufsstraße Europas. Mitten darauf steht die Antoniter-Kirche, die evangelische City-Kirche von Köln. Hunderte Menschen suchen sie jeden Tag auf – viele wegen der berühmten Bronzefigur, die dort hängt: „Der Schwebende“ von Ernst Barlach, auch „Barlach-Engel“ genannt. Diese Skulptur, einst als Mahnmal für die Toten des 1. Weltkriegs geschaffen, hat eine spannende Geschichte.

Die Schildergasse in Köln ist die meistbesuchte Einkaufsstraße in Europa. Zigtausend Menschen gehen hier täglich entlang, shoppen, flanieren, essen und trinken, gucken in Schaufenster. Und manche von ihnen gehen zwischendurch schnell einmal in die Kirche, die hier – mitten zwischen den Renommierbauten der großen Kaufhäuser ein wenig klein, fast verloren steht.
Die Antoniterkirche, eine gotische ehemalige Klosterkirche aus dem 14. Jahrhundert, wurde vor zweihundert Jahren die erste evangelische Kirche in Köln. Heute ist sie die evangelische Citykirche mit vielen besonderen Gottesdiensten und Veranstaltungen. Den ganzen Tag über ist sie für Besucherinnen und Besucher geöffnet.

Wenn man hineingeht, kommt man in einen schlichten, ruhigen Raum, in dem sich fast immer einige Menschen aufhalten. Touristen, die sich die Kirche ansehen. Wohnungslose, die sich aufwärmen. Passanten mit Einkaufstüten. Manche sitzen still da, beten oder denken nach.

„Wir kommen eigentlich immer hier rein, um ein Kerzchen für unsere verstorbenen Eltern aufzustellen. Ja, weil wir sehr häufig hier in der Ecke sind und dann – ja, und auch um die Andacht hier zu hören.“

Die meisten Besucher und Besucherinnen der Antoniterkirche zieht es direkt zu der Figur im linken Seitenschiff, dem bedeutendsten Kunstwerk hier.

Antoniterkirche.jpg

Die Antoniterkirche, Köln

„Die bewegt mich, die bewegt mich immer, jedes Mal, wenn ich hier bin – deswegen komm ich hauptsächlich auch hierhin. Denn so ist die irgendwie etwas, so etwas – ja von der Seele her beruhigendes. Was bedeutet Ihnen dieser Engel? Ja, Trauer, Trauer. Also viel Trauer bedeutet der mir. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

„Der hat so was von Freiheit – so irgendwie: Zufriedenheit strahlt er aus, finde ich. Irgendwie so, so leicht. Ich komme öfter hin nach dem Dienst und schau mir den an. Ich bin jetzt auf dem Nachhauseweg. Manchmal gibt mir die Stätte Zuversicht!“

Unter dem gotischen Gewölbe hängt eine überlebensgroße menschliche Gestalt. Waagerecht schwebt sie in gut zwei Metern Höhe über einer Steinplatte mit den Jahreszahlen 1914–1918 und 1939–1945. Der Rücken ist gerade, streng horizontal gestreckt, in einer kraftvollen und zugleich mühelosen Haltung. Ein langes Gewand, das in weichen Falten nach hinten fließt, bedeckt den Körper bis zu den bloßen Füßen. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt, die Hände liegen unter den Schultern und scheinen sie zu tragen. Den Kopf hält der Schwebende hoch erhoben, das Gesicht nach vorne gerichtet, wie auf etwas unsichtbar Gegenwärtiges.

Ernst Barlach01.jpg

Ernst Barlach (noch ganz jung)

„Mein Bronzeengel hängt unter dem Domgewölbe und tut es so bewegungslos, als täte er’s schon hundert Jahre.“

Das schrieb der Bildhauer Ernst Barlach an seinen Bruder, wenige Tage nachdem der Schwebende zum ersten Mal öffentlich in einer Kirche zu sehen war, an dem Ort, für den Barlach ihn geschaffen hatte. Allerdings war das nicht hier in der Kölner Antoniterkirche, sondern im Dom von Güstrow in Mecklenburg. Wie der Barlach-Engel später nach Köln gelangte, und wie es kommt, dass es ihn überhaupt noch gibt, das soll hier erzählt werden. Die Musik, die Sie dazu hören, heißt „Orgelmusik für den Schwebenden“. Johannes Quack, Kantor der Antoniterkirche in Köln, hat sie zusammengestellt und eingespielt.

Alles begann 1926 in der mecklenburgischen Stadt Güstrow. Hier lebte der damals schon weltberühmte Künstler Ernst Barlach: Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller. Der Dom von Güstrow, ein gotischer Backsteinbau, wurde 1926 700 Jahre alt. Aus diesem Anlass plante die Domgemeinde, ein Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkriegs zu errichten. Die Verantwortlichen dachten eigentlich an einen großen Findling mit Kreuz und Inschrift, wie man sie damals an vielen Orten aufstellte.
Antje Löhr-Sieberg arbeitet an der Antoniterkirche in Köln. Sie leitet oft Führungen und stellt Besuchern den Barlach-Engel vor –sie kennt seine Geschichte:

„Barlach kam des Wegs und er hörte von diesem Plan und sagte zu zwei Pastoren: Das könnt ihr gar nicht machen – ihr könnt nicht vor dieses gewaltige Bau-Kunstwerk einen Findling setzen. Und wenn ihr kein Geld habt, so ist das kein Grund, es zu tun, denn Armut verewigt man nicht. So. Man ging auf Barlach zu und fragte ihn: Ja, was würden Sie denn machen? Und Barlachs kurze Antwort war: Ja, da müsste mir mal etwas einfallen. Und er deutete schon an mit seinem Krückstock im Dom, in welcher Ecke er etwas platzieren wollte; und er ging nach Hause und er holte sich Zeichnungen aus den Jahren 1910 bis 1917 hervor. Da hatte er zum ersten Mal schwebende Figuren – meist flügellos – in Kohle gezeichnet. Und eine dieser Kohlezeichnungen nahm er zum Vorbild, zunächst für die Entwurfszeichnungen.“

„Es ist schon eigentümlich, dass er schwebt!“ Na ja, er wirkt von hier aus sehr leicht – man sieht ja nicht, dass er aufgehängt ist, das sieht man infolge dieser dunklen Fenster hinten nicht, und allein das Gefühl, er schwebt hier im Raum.“

Der Engel wirkt wie ein Traumbild: von gleitender Bewegung und gleichzeitiger Stille. Trotz seiner schweren metallenen Materie scheint er – der Erdlast enthoben – jenseits von Raum und Zeit zu schweben.

„Für mich hat während des Krieges die Zeit stillgestanden. Sie war in nichts anderes Irdisches einfügbar. Sie schwebte. Von diesem Gefühl wollte ich in dieser im Leeren schwebenden Schicksalsgestalt etwas wiedergeben.“

Das Gesicht ist ebenmäßig geformt, fast symmetrisch, mit klaren, einfachen Linien. Dennoch ganz menschlich, fühlend, lebend. Die Augen und der Mund sind geschlossen. Und doch scheint der Schwebende etwas zu sehen: in einer inneren Schau. Was haben seine Augen gesehen? Welche Worte verschließt sein Mund? Dieses Gesicht verweigert der Trauer einen leichten Trost. Es zieht die Betrachtenden hinein in eine meditative Begegnung mit der Erinnerung und dem Schmerz.

Ernst Barlach02.jpg

Ernst Barlach, 1928

In dem Gesicht des Schwebenden erkennen viele Betrachter das Abbild einer anderen Künstlerin, Barlachs Zeitgenossin und Bildhauer-Kollegin Käthe Kollwitz. Antje Löhr-Sieberg:

„Dazu muss man nur wissen, dass Barlach zu dieser Feststellung der Betrachter gesagt hat: Die Züge von Käthe Kollwitz sind mir da so hereingekommen. Hätte ich mir das vorgenommen, so wäre es mir nicht gelungen. Und das zeigt natürlich, wie unendlich viel Gefühl Ernst Barlach hatte, indem er das so nachvollziehen konnte: das Gesicht von Käthe Kollwitz, einer Frau, die zu der Zeit einen ihrer Söhne im 1. Weltkrieg verloren hatte und deshalb wahrscheinlich auch so diesen nachdrücklichen Eindruck hinterließ.“

1914 bis 1918 – im 1. Weltkrieg starben annähernd 20 Millionen Menschen. Ernst Barlach hatte den Krieg, wie so viele Deutsche, anfangs begrüßt. Später, im Lauf des Krieges wurde sein Blick kritischer. Er setzte sich mit dem Leid und dem Grauen auseinander, das der Krieg über die Menschen bringt. Diese Auseinandersetzung sollte sein Werk nachhaltig prägen.

Selbstportrait.jpg

Selbstportrait, 1928

In den zwanziger Jahren entstanden überall in Deutschland Kriegerdenkmale, Gedenktafeln, Kreuze, Ehrenmale für die im Krieg Verstorbenen, besonders für die Soldaten. Oft von fragwürdigem künstlerischem Wert. Barlach hat für verschiedene Orte Ehrenmale gestaltet. Aber seine Entwürfe entsprachen nicht dem Zeitgeist. So waren sie immer umstritten. Völkische und nationalistische Gruppen, vaterländische Vereine machten Stimmung dagegen. Auch gegen das Ehrenmal von Güstrow, das am 29. Mai 1927 im Dom eingeweiht wurde.

Antje Löhr-Sieberg:
„Natürlich ist es ein Denkmal für die Toten des 1. Weltkriegs, aber in einer Art, die vollkommen neu war. Die Denkmale der damaligen Zeit dienten der Glorifizierung und der Heroisierung der Gestorbenen und sollten für weitere Generationen einen Anreiz geben. Deshalb wurden die Soldaten, so sie denn im Denkmal dargestellt waren, als Helden, als Heroen, als nackte, schöne Kämpfer dargestellt. All dies wollte Barlach nicht. Er hat mit der Engelsfigur ein Denkmal geschaffen, ein Mahnmal, ein Mal zum Nachdenken über die Opfer, über das Leid, und in einer Form, dass das Ganze sehr komprimiert ist, und dass der Engel all diese Erlebnisse, Erfahrungen des Krieges mit Millionen Toten in sich verschlossen hat, ohne dass man erinnert wird an Schreie und gnadenloses Gemetzel, was ja gar nicht dargestellt wird. Er scheint es irgendwo hin zu tragen – jedenfalls so kann man es interpretieren – irgendwohin zu tragen, wo das Leid getröstet wird.“

„Viele Leute schimpfen auf meine Arbeit, aber ich kann ihr Gerede vertragen und der Engel auch, er wird noch nach hundert und mehr Jahren an seinem Platz hängen und hängt regungslos wie heute. Seine Gedanken sind bei den Opfern des Krieges, seine Augen sind geschlossen, nichts lenkt ihn ab von seinem Erinnern.“

Der schwebende Engel.jpg

Die Angriffe gegen Barlach verschärften sich ab 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, zu einer regelrechten Hetze. Die Nazis und ihre Gesinnungsgefolgschaft forderten unter Berufung auf das so genannte ‚Volksempfinden’, dass Barlachs Werke aus den Museen und der Öffentlichkeit entfernt würden. Barlach wurde als Jude und Bolschewist gebrandmarkt; besonders aggressiv wurden die von ihm geschaffenen Ehrenmale angefeindet. Mit traurigem Erfolg: im April 1937 wurde in Kiel seine Skulptur „Der Geistkämpfer“ abgebaut. Im Juli 1937 zeigte die Ausstellung der Nazis mit dem Hetz-Titel „Entartete Kunst“ in München mehrere Barlach-Werke. Auch in Güstrow wurde kräftig gegen den Barlach-Engel im Dom agitiert, mit Unterschriftensammlungen, offiziellen Eingaben, Auseinandersetzungen auch quer durch die Domgemeinde. An einen Freund schrieb Barlach auf einer Postkarte mit dem Bild des Schwebenden:

„Wie lange noch? Häßlicher Haß legt Eier an diesen Ort, und Klock 12 nachts murmelt was: Nur fort, nur fort mit das.“

Nach der Ausstellung „Entartete Kunst“ wurden fast 400 Werke Barlachs aus Museen und Kirchen oder von Plätzen entfernt. Auch der Domengel von Güstrow wurde abgehängt. Der Künstler notierte lapidar:

„24. August: Das Ehrenmal im Güstrower Dom entfernt.“
Antje Löhr-Sieberg:
„Das war 1937. Er wurde dann 1938 nach Schwerin verbracht. Es war eigentlich allgemein bekannt, dass er zur Verschrottung dorthin geliefert wurde. Er hat dann noch länger in Schwerin – ist er gelagert worden, und zwar erst mal in einem Heim; und dann hat der Bischof die Kiste in seiner Garage lagern lassen. Sie wurde dann unter merkwürdigen Umständen während der Abwesenheit dieses Bischofs aus der Garage entfernt. Und das war 1941 im April. Und man hinterließ eine kurze Quittung – die Fa. Sommerkamp, die den Abtransport machte: „Eine Figur im Gewicht von 250 kg zur Einschmelzung in der Wehrwirtschaft abgeholt. Heil Hitler!““

Tatsächlich ist die Skulptur – wohl kurz nach ihrem Abtransport – zerstört und eingeschmolzen worden. Zu der Zeit lebte ihr Schöpfer Ernst Barlach nicht mehr. Er war am 24. Oktober 1938 gestorben.

Der schwebende Engel2.jpg

Das hätte das Ende des Barlach-Engels sein können. Dass er dennoch heute wieder hängt – in Köln und in Güstrow –, das wirkt im Rückblick wie ein kleines Wunder. Wie kam es dazu? In Berlin in der Gießerei Hermann Noack existierte noch das von Barlach modellierte Werkmodell des Schwebenden, nach dem der Bronzeguss hergestellt worden war. Und von diesem Gipsmodell ließen Freunde Barlachs kurz nach seinem Tod – vermutlich 1939 – einen zweiten Guss anfertigen. Der überstand den Krieg, versteckt bei dem Maler Hugo Körtzinger in der Lüneburger Heide.

Antje Löhr-Sieberg:
„Dieser Zweitguss landete dann schließlich in Schnega, das ist ein kleiner Ort im Wendland in der Lüneburger Heide. Dort wurde er von Herrn Körtzinger höchstpersönlich vom Bahnhof abgeholt. Mitgeliefert wurde der „Geistkämpfer“ aus Kiel. Und Herr Körtzinger ließ diese zwei Plastiken in der Verpackung, d. h. in den Kisten, und stellte sie in einem offenen Schuppen ab. Und dort haben sie den ganzen Krieg überdauert. Bis, wie Körtzinger sagt, die Sieger kamen und ein Schutzschild an die Scheune hefteten, so dass nun nichts mehr zu befürchten war.“

Nach dem Krieg machten sich verschiedene Kunstinteressierte auf die Suche nach dem verschwundenen Barlach-Engel. Bald sprach es sich in der Szene herum, dass bei Hugo Körtzinger dieser zweite Guss existierte. Der Kölner Museumsdirektor Leopold Reidemeister wollte ihn schon 1948 gerne für eine Ausstellung nach Köln holen, zusammen mit dem Kieler „Geistkämpfer“. Hugo Körtzinger aber reagierte nicht auf Anfragen. Er nahm die beiden Barlachfiguren offensichtlich als Pfand für gewisse finanzielle Forderungen gegenüber den Erben und Freunden Barlachs. So blieben sie vorerst in seinem Gewahrsam.

Antje Löhr-Sieberg’:
„Im Jahr 1951 wurde der Engel auf dem kleinen Kunstmarkt zum Kauf angeboten, und zwar wurde er den Museen in Bremen, Hamburg, Köln und in der Baseler Kunsthalle angeboten. Das war natürlich der Moment, in dem Reidemeister nun zum zweiten Mal versuchte, den Engel zu bekommen. Und tatsächlich gelang es ihm. Die Voraussetzung war, dass der Engel – also er sollte verkauft werden, er sollte so viel bringen, dass das Geld ausreichte für einen Drittguss für Güstrow und für 4000 DM, die Herr Körtzinger verlangte. Reidemeister war klar, dass dieser Engel in diese Kirche hier, in die Antoniterkirche gehörte: eine evangelische Kirche mit einem sehr schönen Aufstellungsort, so etwa, wie Barlach es auch gefordert hatte für den Engel.“

Doch erst einmal musste das Geld dafür aufgetrieben werden. Denn die Gemeinde war arm. Eine große Spendenaktion, hauptsächlich bei Kölner Versicherungen und Banken und anderen Sponsoren, brachte die Kaufsumme zusammen, um den Schwebenden nach Köln zu holen.

Antje Löhr-Sieberg:
„Dann, um den Drittguss für Güstrow herzustellen, machte man in Schnega, dort, wo der Zweitguss im Krieg gelagert hatte, … eine erneute Abformung, und diese Form wurde nach Berlin geschickt, und von dieser zweiten Form wurde nun der Drittguss für Güstrow hergestellt. Der Engel, der hier nach Köln kam, musste für kurze Zeit in der Eigelsteintorburg untergebracht werden, weil die Kirche noch nicht ganz fertig war nach all den Umbauarbeiten. Aber im Mai 1952 war die Wiedereinweihung dieser Kirche und gleichzeitig die Weihe des nun in Köln befindlichen Barlach-Engels.“

Dass der Barlach-Engel auch wieder in den Dom zu Güstrow zurückkehren sollte, war ausgemachte Sache. Aber damals, 1952, war das nicht einfach umzusetzen. Die Freiheit der Kunst hatte es auch unter der SED-Diktatur schwer. Anlässlich einer Barlach-Ausstellung in der Akademie der Künste gerieten die Werke Barlachs ins Visier der staatlichen Kritik. Waren sie von den Nazis als bolschewistisch und undeutsch verfemt worden, so hieß es jetzt, sie seien formalistisch oder dekadent. Das änderte sich erst, als Bertolt Brecht sich eindeutig für Barlachs Werk einsetzte:

„Ich halte Barlach für einen der größten Bildhauer, die wir Deutschen gehabt haben. Der Wurf, die Bedeutung der Aussage, das handwerkliche Ingenium, Schönheit ohne Beschönigung, Größe ohne Gerecktheit, Harmonie ohne Glätte, Lebenskraft ohne Brutalität machen Barlachs Plastiken zu Meisterwerken.“

Antje Löhr-Sieberg:
„Es gab dann noch einige Probleme mit der Einreise des Engels, es hat Monate gedauert. Aber 1953 war er dann doch sicher in Güstrow gelandet. Gleichzeitig wurde Barlachs Nachlass beschlagnahmt, aber im selben Jahr wieder freigegeben.“

Der schwebende Engel3.jpg

Der schwebende Engel in Güstrow

Im März 1953 konnte Barlachs Domengel endlich wieder an seinen ursprünglichen Ort zurückkehren – 26 Jahre nach seiner ersten Einweihung als Mahnmal gegen den Krieg. So hängt er nun seit über fünfzig Jahren in Güstrow wie in Köln. Hier wie dort von wird er von vielen Menschen aufgesucht, die vor ihm beten, meditieren, nachdenken.
Bleibt noch nachzutragen, dass tatsächlich noch ein weiterer, ein vierter Guss des Schwebenden existiert. Diese Figur ist 1987 entstanden und hängt heute im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum. Ob der Barlach-Engel aber in einem Museum am richtigen Ort ist? Ich vermute, dass er dort nicht die Wirkung hat wie im Dom von Güstrow, für den er geschaffen wurde, oder in der Antoniterkirche in Köln, in die er durch die verworrenen Wege der Geschichte gelangte.

Ein Engel ist ein Bote Gottes. Ernst Barlach hat diesem uralten Bild eine neue, zeitgemäße Form gegeben. Allen Widrigkeiten zum Trotz ist sein Werk uns erhalten geblieben. Dieser Engel, so stumm und verschlossen er ist, spricht auch heute Menschen an. Wenn ich ihn betrachte, werde ich erinnert an die Geschichte des 20. Jahrhunderts: eine Geschichte voll Leid und Schrecken – seine eigene Geschichte. Still und konzentriert mahnt er gegen Krieg und Gewalt. Und zugleich gibt er mir Raum für mein eigenes Erinnern und Besinnen. Schwebend zwischen Erde und Himmel berührt er in mir den Glauben daran, dass alle Trauer, jedes Leid, dass meine Sehnsucht und Hoffnung aufgehoben sind bei dem, von dem dieser Engel schweigend erzählt.

Auf dieser CD „Der Engel – Musik für den ‚Schwebenden‘ von Ernst Barlach“ hat also Johannes Quack, Organist der Kölner Antoniterkirche, an der dortigen Peter-Orgel elf Orgelkompositionen aus drei Jahrhunderten zum Thema „Engel“ zusammengestellt. Und damit seine musikalische Verbeugung vor dieser berühmte Skulptur und wohl auch der Geschichte dieser Skulptur geleistet.

Johannes Quack.jpg

Johannes Quack

Johannes Quack wurde 1959 im niederrheinischen Anrath geboren. Nach dem Abitur studierte er evangelische Kirchenmusik bei Johannes Geffert an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. Nach dem staatlichen A-Examen legte er bei Prof. Hans-Dieter Möller das Konzertexamen Orgel ab. Es folgten weiterführende Studien in London bei Nicolas Kynaston. Von 1988-1990 war er Kantor der Martin-Luther-Kirche in Bad Orb, seit 1990 ist er Kirchenmusiker an der Antoniterkirche in Köln. An der Musikhochschule Düsseldorf hat er einen Lehrauftrag für künstlerisches und liturgisches Orgelspiel. Konzertreisen führten ihn nach England, Schweden, Dänemark, Italien, in die Niederlande und in die USA. (Quelle: Begleitheft der CD)

Engel stehen im Mittelpunkt der 19 Orgelwerke umfassenden CD, die in erster Linie dem Künstler Ernst Barlach gewidmet ist. Die Kölner Antoniterkirche beherbergt nämlich seit dem Jahre 1952 den Zweitguss des berühmten „Schwebenden Engels“ von Ernst Barlach. Dieser wurde 1927 ursprünglich für den Güstrower Dom geschaffen.

In den Wirren des Zweiten Weltkrieges wurde das Werk allerdings als „Entartete Kunst“ eingestuft und eingeschmolzen. Engen Freunden von Ernst Barlach ist es zu verdanken, dass zuvor noch ein Zweitguss hergestellt und somit das Kunstwerk für die Nachwelt gesichert werden konnte.

„Das Motiv der Engel tritt aber nicht nur mit dem „Schwebenden“ in der Kirche auf. In der Bibel, sowohl im Alten wie im Neuen Testament, finden sich immer wieder Hinweise auf diese Himmelsbotschafter. Viele Komponisten haben sich daher dieser Motive angenommen und unterschiedliche Werke entstehen lassen“, erklärt Johannes Quack einen der Beweggründe für die musikalische Auswahl und Zusammenstellung des Tonträgers.

Hüllentext.jpg

Quack eröffnet den gut 75-minütigen Hörgenuss mit dem „Dettinger Te Deum“ von Georg Friedrich Händel und lässt nach einem Zwischenspiel von Siegfrid Karg-Elert fünf Variationen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“ von Johann Sebastian Bach erklingen. Feinfühlig und überaus harmonisch fließen die einzelnen Varianten ineinander über.

Und trotzdem geben die unterschiedlichen Registrierungen einen Einblick in die tonale Vielfalt der 1969 von Willi Peter erbauten Orgel wieder. Einen zentralen Punkt stellen die Toccata sowie die Fuge über „Das schlimme Jahr“ des zeitgenössischen Komponisten André Asriel dar.

Das musikalische Werk entstand als Filmmusik zu einer 1966 aufgezeichneten filmischen Dokumentation über die letzten Jahre des Künstlers Ernst Barlach. Unter anderem wurde darin auch das Jahr 1937 ausführliche besprochen, in welchem Barlach mit einem Ausstellungsverbot belegt und der „Schwebende“ aus dem Güstrower Dom entfernt wurde.

Johannes Quack2

Schon in der Musik spiegeln sich die innere Zerissenheit und die künstlerische Gefangenschaft von Ernst Barlach wider. Dissonante und gebrochene Akkorde prallen aufeinander und selbst in der Schlusssequenz ist keinerlei Optimismus oder Hoffnung zu erkennen.

Neben klassischen Engel-Motiven der Orgelliteratur wagt Johannes Quack mit seiner CD „Der Engel“ aber auch einen Schritt in die Moderne und improvisiert über das Stück „Angel Eyes“, das unter anderem durch den britischen Sänger Sting bekannt geworden ist. Eine überaus gelungene Verbindung zwischen Tradition und Moderne, so wie die gesamte CD. (Quelle: general-anzeiger-bonn.de)

Ich sag´s mal so: Auch wenn mir dieser Engelskult der christlichen Kirchen mehr als fremd ist, musikalisch ist dieses Album mehr als gehaltvoll. Von federleicht bis hin zu ganz schön mächtig … erklingt da diese Orgel, die zwar nicht alt-ehrwürdig ist (erbaut 1969) aber einen großartigen Klang aufweisen kann.

Selten, dass eine Skulptur nicht nur kulturgeschichtlich, sondern auch zeitgeschichtlich eine solche Bedeutung haben kann.

Und das auch noch: Das ich diese Skulptur und ihre Geschichte entdecken durfte, habe ich einzig und allein der Graugans zu verdanken, die mir den dringenden Tipp gab, bei meinem Wochenende in Köln diese Kirche mal aufzusuchen … Vielen Dank !

BackCover1.jpg

Besetzung:
Johannes Quack (organ)

Booklet04A.jpg

Titel:

Georg Friedrich Händel
01. To Thee Cherubim, aus dem „Dettinger Te Deum“ 3.36

Sigfrid Karg-Elert:
02. Saluto angelico, aus „Cathedral Windows“. op. 106 / 4.30

Johann Sebastian Bach: Einige kanonische Veränderungen über das Weihnachtslied. Vom Himmel hoch. BWV 769,
03. Variation 1 -im Kanon der Oktave 1.26
04. Variation 2 -im Kanon der Quinte 1.32
05. Variation 3 -im Kanon der Septime 2.14
06. Variation 4 -im Kanon der Vergrößerung 3.33
07. Variation 5 -im Gegenkanon der Sexte/Terz/Sekunde und None 3.23

Jan Janca:
08. Kleine Toccata über „Hört, der Engel helle Lieder“ 4.17

Joseph Bonnet:
09. Angelus du soir, aus „Douze Pièces“ op. 10 / 8.14

Johannes Weyrauch: Unüberwindlich starker Held, aus „Sieben Partiten für Orgel“:
10.  I. Introitus 1.11
11. II. Kanon 1.06
12. III. Fuge 2.48
13. IV. Passacaglia 1.55
14. V. Choral 1.05

Engelbert Humperdinck:
15. Abendsegen-Fantasie, aus „Hänsel und Gretel“ 10.08

André Asriel:
16. Toccata und Fuge über „Das schlimme Jahr“ von Ernst Barlach 7.30

Théodore Dubois:
17. In Paradisum, aus „Douze Pièces Nouvelles“ 4.17

Charles Tournemire:
18. Improvisation sur le „Te Deum“ 7.29

Johannes Quack:
Improvisation über „Angel Eyes“ (Dennis / Brent) 3.16

CD1.jpg

*
**

Ernst Barlach03.jpg

Ernst Heinrich Barlach (* 2. Januar 1870 in Wedel; † 24. Oktober 1938 in Rostock)