Klaus Kordon – Die roten Matrosen (Hörbuch) (1999)

FrontCover1Ein bemerkenswertes Hörbuch für Jugendliche …das fand auch die Zeitung „Die Zeit“:

November 1918. Helle, der eigentlich Helmut Gebhard heißt, wohnt in der Ackerstraße, der ärmsten Straße des Wedding. Hier wohnen die Menschen auf engstem Raum in hohen Mietskasernen, in feuchten, schimmeligen Kellerwohnungen, zugigen Dachkammern, in Schuppen auf den dunklen Hinterhöfen, Tbc-krank, frierend, hungrig: Der Krieg dauert schon vier Jahre. Hier erlebt Arbeiterkind Helle, etwa dreizehn Jahre alt, die Novemberrevolution, jene „gescheiterte Revolution“ –

Klaus Kordon: „Die roten Matrosen oder Ein vergessener Winter“; Beltz Verlag, Weinheim; 487 S., 24,80 DM.

Der Autor greift damit ein Stück deutscher Geschichte auf, die in der Literatur für junge Leute im Gegensatz zu der, die das Dritte Reich behandelt – bisher nahezu vergessen worden ist. Die aber zum Verständnis der Nazizeit so wichtig, ja unumgänglich ist.

Helles Vater kehrt von der Front zurück, verletzt an Körper und Seele, verändert, illusionslos. Er war „stolz und lachend“ in den Krieg gezogen, um sein Vaterland zu verteidigen. Er hat auf dem Schlachtfeld das Grauen und die Sinnlosigkeit kennengelernt, weiß, daß „die wahren Nutznießer eines Krieges nur die sind, die an ihm verdienen – die Industrieherren“, die Kanonen, Bomben, Granaten herstellen.

PortrŠt Autor Klaus Kordon

Klaus Kordon

Auch das hat sich bei Helles Vater geändert: Aus einem gemäßigten Sozialdemokraten ist ein radikal denkender und handelnder Sozialist geworden. Er schließt sich den Spartakisten um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg an, nimmt teil an Demonstrationen und Kämpfen, um „den Kaiser fortzujagen und den Krieg zu beenden“. Es sind schwere Kämpfe von Dezember 1918 bis Januar 1919, angeführt und ausgelöst durch die Kieler Matrosen, die auch nach Berlin kamen. Bürgerkriegsähnliche Straßenkämpfe, an deren Ende zunächst der Sieg (Arbeiter- und Soldatenrat, „Rat der Volksbeauftragten“) stand, dann aber doch „die Niederlage“. Denn mit einem Friedrich Ebert, der mit dem Militär paktierte, wollten die Spartakisten nichts zu tun haben.

Helle erlebt, beobachtet, hört alles mit, im Haus, auf der Straße, in Verstecken, beim Marsch aufs Schloß, beim Verteilen von Flugblättern und der Besetzung der Zeitungsgebäude. Er wird hautnah konfrontiert mit den Grausamkeiten der Straßenschlachten, lernt den Tod kennen, das Leben im Untergrund, den Mut und die Verzweiflung der Kollegen seines Vaters. Er erlebt die Liebe, Freundschaft und Solidarität in der Familie, von Freunden und Nachbarn.

Diverse Buchausgaben

Für Helle ist besonders wichtig, daß er fragen kann: In seiner Familie diskutiert man offen, trägt Konflikte aus, auch Helles Zweifel und Widersprüche werden ernst genommen. Das ist nicht selbstverständlich – sein Freund Fritz, bürgerlicher Beamtensohn und Gymnasiast, wird zu Hause nur mit Phrasen abgespeist oder mit Stubenarrest und Schlägen bestraft. Gerade um diese Freundschaft, gegen alle väterlichen Widerstände, bemühen sich die beiden. Obwohl so viel Fremdes zwischen ihnen steht: große Mietskaserne, winzige Räume, stinkende Abflüsse mit Ratten, Petroleumbeleuchtung, ein Klo für mehrere Mietparteien – das ist Helles Realität.

Mietskasere

Berliner Mietskasernen

Treppengeländer mit Engelsköpfen, Fenster mit bunten Glasstücken, bleigefaßt, elektrisches Licht, Wohnungen mit hohen Fenstern, Balkon, weißen Tischdecken, gehäkelten Deckchen, Bildern an den Wänden, Sofas mit bestickten Kissen – das gehört zu Fritz. Nach aller Mühe umeinander endet diese Freundschaft mit der bitteren Erkenntnis, daß die Unterschiede unüberbrückbar sind.

Nicht nur der Vater von Fritz hatte einen Stock zum Schlagen: Der kaisertreue Lehrer Förster („Ordnung, Fleiß und Sauberkeit sind die Grundregeln für jeden, der ein brauchbarer Mensch werden will“) in Helles Volksschule schlägt täglich und gern, besonders „das rote Pack der Vaterlandsverräter Aber da gibt es auch eine Rechenlehrerin, die lieber nicht mit U-Booten rechnen würde, sondern mit Dampfmaschinen, die im Lehrbuch „aus Granaten lieber Birnen machen würde“. Und es ist der Lehrer Flechsig da, der sich offen in der Klasse zur Revolution bekennt, am Ende den Schuldienst quittiert, weil „er keine Kompromisse mehr schließen will“. Die Rechenlehrerin dagegen bleibt im Beruf, weil sie glaubt, „daß wir trotz aller Rückschläge einen Schritt vorwärts gemacht haben – mir ist ein Ebert lieber als ein Kaiser…“ Wie hatte Lehrer Flechsig am 9. November gesagt? „Entweder verändert sich heute eine ganze Menge, oder wir gehen düsteren Zeiten entgegen.“

Küche

Küche in einer Berliner Meitskaserne

Die Frage, ob Adolf Hitler und die Nationalsozialisten je an die Macht gekommen wären, wenn „Ebert und seine Gefolgsmänner die Revolution von 1918/19 nicht erstickt hätten“, stellt Klaus Kordon in seinem (sehr sorgfältigen) Nachwort und historischen Anhang auch. Er verneint sie, drückt sich aber auch nicht vor der Frage, was im Falle eines Sieges der Männer um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gekommen wäre. Eine Räterepublik sowjetischer Prägung? Wohin die Entwicklung im ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat der Welt geführt hat, nennt er klar beim Namen: Diktatur, Verfolgung Andersdenkender, Menschenrechtsverletzungen. „Doch es wäre falsch, den Revolutionären von 1918/19 zu unterstellen, ein solcher Staat wäre ihr Ziel gewesen.“ Helles Vater, seine Freunde und Mitkämpfer jedenfalls hatten anderes im Sinn: Beendigung des Sterbens und Hungerns, mehr Gerechtigkeit, ein besseres Leben. Helle hat sich in diesen schweren Wochen verändert, hat Denken gelernt, Selbstvertrauen und Mut.

Kordons Roman, eine besondere Art der Geschichtsschreibung von unten, ist ein Glücksfall: Er verkündet keine Thesen, sondern beschreibt Menschen, ihre Gedanken und Gefühle, witzig, nachdenklich, einfach, aber nicht vereinfachend, fast ohne Klischees. Er bezieht Position. Auch das lernen die jungen Leser: Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ (Rosa Luxemburg). Die Berliner Ackerstraße gibt es übrigens heute noch, zweigeteilt durch eine Mauer – das (vorläufige) Ende der Revolution im vergessenen Winter 1918/19. (Anne Linsel)

Mittlerweile ist die Ackerstraße nicht mehr zweigeteilt.

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Revolutionäre Arbeiter besetzen Teile der Innenstadt von Berlin

Nun zur Hörbuch-Fassung (gekürzte Fassung): Wenn einem die Sprache zuweilgen arg schlicht vorkommt, wenn einem die Typen des Romans gelegentlich arg heroisierend dargestellt vorkommen, sollte man berücksichtigen, dass es sich hier um einen Roman für Kinder ab 12 Jahren handelt.

Aber ansonsten kann man nur voll des Lobes sein:

„Was kostet eigentlich ein Arm?” Als Helle das im Rechenunterricht fragt, hält die ganze Klasse den Atem an. Die Jungen sollten ausrechnen, wie viele Mark die U 9 mit drei Schüssen vernichtet hat, als sie drei englische Panzerkreuzer in den Grund bohrte. Immer nur die Verluste der anderen, findet aber der dreizehnjährige Helle, nie die der eigenen Truppen. Dabei haben von den dreiundzwanzig Jungen in Helles Klasse schon neun ihren Vater verloren, zwei sind Krüppel, einer sitzt im Gefängnis, weil er gegen den Krieg gestreikt hatte. Helles Vater gehört zu den zwei Krüppeln, er ist wenige Tage zuvor von der Front zurückgekehrt, zum letzten Mal, mit diesem seltsam
leeren Ärmel. Der Stumpf wackelt komisch hin und her, weil die Ärzte den
zersplitterten Knochen entfernen mussten, und Helle mag am Anfang gar nicht hinsehen. Doch der Vater zwingt ihn dazu. Immer wegschauen bringt nichts, sagt er.

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Spartakisten hinter Barrikaden aus Papierrollen, Berlin, 11. Januar 1919

Auch Klaus Kordon schaut hin, und zwar ganz genau. Mit Akribie zeichnet er die Ereignisse der letzten Kriegswochen und der Revolution von 1918 nach, ein unbestechlicher Chronist der Geschichte kleiner Leute. „Die roten Matrosen” sind der erste und packendste Teil der Trilogie über die Arbeiterfamilie Gebhardt, die er mit „Mit dem Rücken zur Wand” (die Jahre 1932/33) und „Der erste Frühling” (1945) fortgesetzt hat. Kordon erzählt lebendig, die Geschichten hinter der Geschichte, für Jugendliche. Seine jungen Leser verschont er nicht, und deshalb fühlen sie sich ernst genommen.
Wie ein Lauffeuer verbreitet sich im Berliner Arbeiterbezirk Wedding, dass in Kiel die Matrosen streiken. Helles Vater schließt sich den Spartakisten an, die am 9. November 1919 Arbeiter und Soldaten zum Generalstreik aufrufen, um den Kaiser zum Rücktritt zu zwingen. Ihnen schwebt freilich eine andere Regierung vor als die unter dem Reichskanzler Friedrich Ebert.
Dass die Unabhängigen „auf Ebert reingefallen sind”, wie Helles Vater sagt, zieht sich wie ein tiefer Riss durch das vierte Hinterhaus der Ackermannstr. 37, so tief wie der Bruderzwist unter den Sozialisten. Hautnah bekommt der Leser ihn mit, wenn Helles Vater sich mit sei-nen einstigen Freunden darüber entzweit. Noch tiefer verlaufen die Gräben zwischen den Kaisertreuen und den Sozialdemokraten, etwa den Lehrern Förster und Flechsig, von denen der eine seine Schüler mit dem Rohrstock maßregelt und der andere sie politisch aufklärt. Oder auch zwischen Helle und seinem früheren Freund Fritz, jetzt als Gymnasiast etwas Besseres, dem der konservative Vater verbietet, mit dem „roten Pack” aus der Ackermannstraße zu spielen.

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Besetzung des Berliner Zeitungsviertels, 1919

Kordons Sympathie, man spürt es, liegt auf der Seite der Armen, der Ver-folgten, der Diskriminierten. Doch er bedient keine Klischees, dafür hat er selbst genug unter dem Realsozialismus gelitten. Zwölf Monate saß er als Republikflüchtiger im Knast, 1973 wurde er vom Westen freigekauft. Kordon ist ein moralischer Erzähler, ohne moralisch zu sein. Mit „Die roten Matrosen” rettet er die Ehre der Revolutionäre von 1918 und lässt ein oft vergessenes Kapitel deutscher Geschichte aufleben. (Jeanne Rubner, Süddeutsche Zeitung, 3. November 2005)

Und hier knapper Abriß der Biographie von Klaus Kordon:

Klaus Herbert Kordon (* 21. September 1943 in Berlin-Pankow) ist ein deutscher Schriftsteller im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur.

Klaus Kordon wuchs im Ost-Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg auf. Da sein Vater im Krieg umgekommen war, wurde er alleine von seiner Mutter erzogen. Nach dem Tod der Mutter im Jahr 1956 lebte Kordon in verschiedenen Heimen. Klaus Kordon absolvierte in der DDR eine Ausbildung als Fernsehmechaniker, arbeitete in verschiedenen Berufen und machte schließlich das Abitur. Nach einem Fernstudium der Volkswirtschaft unternahm er als Exportkaufmann berufliche Reisen, die ihn unter anderem nach Indien, Indonesien und Nordafrika führten. Zu dieser Zeit begann er mit dem Schreiben. Seine zunehmende Distanz zur politischen Praxis in der DDR mündete 1972 in einem Fluchtversuch über Bulgarien in den Westen. Kordon wurde festgenommen und in das zentrale Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit im geheimen Sperrgebiet von Berlin-Hohenschönhausen eingeliefert; er blieb ein Jahr in Stasi-Haft. Nach eigener Aussage überlebte er die fünf Monate in Einzelhaft, indem er sich im Kopf Romane ausdachte.[2] 1973 kaufte ihn die Bundesrepublik Deutschland frei. Sein erstes Buch, der Jugendroman Tadaki, erschien 1977. In seinem autobiographischen Roman Krokodil im Nacken verarbeitete er die Hafterfahrung.

Klaus Kordon ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.

Klaus Kordon		(Foto: sis) Jugendbuchautor Geschichtslesesommer

Kordon schreibt Romane, Erzählungen, Märchen und Gedichte. In seinen Büchern verarbeitet er geschichtliche Stoffe. Seine Akteure sind meist Arbeiter oder von der Gesellschaft marginalisierte Gruppen. Andere Werke sind von seinen Reisen inspiriert. Mit Die Zeit ist kaputt schrieb Kordon eine Biografie von Erich Kästner für Jugendliche und Erwachsene. Die Mehrfachadressierung seiner Werke ist jedoch nicht auf diesen Text beschränkt; vielmehr lässt sie sich als kennzeichnendes Merkmal verstehen, wie Julian Kanning ausführt:

Kordons von der Lust am Erzählen durchdrungenes, vielfältiges Werk hat viele begeisterte Leser/innen aller Altersstufen gefunden und wird nicht ausschließlich von Kindern und Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen rezipiert, die an fiktionalisierter historischer und zeitgeschichtlicher Erfahrung interessiert sind. (Quelle: wikipedia)

Und wenn ich das nächste mal in Berlin sein werde, wid mich der Weg auch ganz sicher in die Ackermannstraße führen.

Klaus Kordon2

Klaus Kordon in Köln am 26. Februar 2008

Besetzung:
Christian Baumann (Sprecher)
Klaus Kordon (Sprecher)

Booklet1

Titel:
01. Die roten Matrosen (Teil 1) 40.56
02. Die roten Matrosen (Teil 2) 37.51
03. Die roten Matrosen (Teil 3) 43.47
04. Die roten Matrosen (Teil 4) 42.07

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Heinrich Zille

Heinrich Zille: Berlin – Ackerstraße, 1907