Haus der Kunst, München – Markus Lüpertz – Über die Kunst zum Bild (2019)

TitelUnd jetzt wieder mal ein kleiner Beitrag aus dem Themenkreis „zeitgenössische Kunst“ frei nach dem Motto „a bisserl Kunst ja nicht schaden“.

Markus Lüpertz (* 25. April 1941 in Reichenberg) ist ein deutscher Maler, Grafiker und Bildhauer. Er zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlern der Gegenwart. Seine Bildgegenstände zeichnen sich durch suggestive Kraft und archaische Monumentalität aus. Lüpertz dringt darauf, den Darstellungsgegenstand mit einer archetypischen Aussage seines Daseins festzuhalten. Viele seiner Werke werden dem Neoexpressionismus zugeschrieben. Von 1988 bis 2009 war Lüpertz Rektor an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. In der Öffentlichkeit zeigt er sich als exzentrischer Maler, der seinen eigenen Geniekult betreibt. Die Presse stilisierte ihn zum modernen Malerfürsten.

Und nun gibt es im Haus der Kunst, München eine Würdigung diese Künstlers in Form einer Ausstellung:

Markus Lüpertz (*1941) zählt zu den zentralen Künstlerfiguren der deutschen Nachkriegszeit. Er hat die moderne Malerei seit den 1960er-Jahren entscheidend mitgeprägt. Die Ausstellung im Haus der Kunst stellt die Lebenskraft des uralten Mediums Malerei in den Fokus und beleuchtet erstmals den seriellen Charakter in Lüpertz‘ bildnerischem Schaffen. Anhand von über 200 Gemälden und Zeichnungen, viele aus internationalen Sammlungen, zeigt sie, wie Lüpertz ein auf inneren Zusammenhängen basierendes Werk entwickelt hat, das von einer filmischen Sichtweise geprägt ist. Die kinematische Seh- und Leseweise ermöglicht einen neuen frischen Blick auf sein künstlerisches Œuvre.

Lüpertz bewundert John Fords Western und Autoren-Filme, insbesondere von Michelangelo Antonioni, Jean-Luc Godard und Alain Resnais. Alle verzichteten weitgehend auf das Erzählen von Geschichten und zeigten stattdessen private Sehnsüchte, poetische Visionen und die abstrakte Qualität innerer Zustände ihrer Charaktere. Ende der 1960er Jahre sollten ihre „Filmgedichte“ Lüpertz zu einer radikal neuen Syntax der Malerei verhelfen, die bis heute in seinen Gemälden sichtbar wird. Von Beginn an arbeitete er in Serien, ein Prinzip, das Grundlage seines Werks ist und seinen Ursprung im Film hat, so der kuratorische Ansatz der amerikanischen Kunsthistorikerin und Kuratorin Pamela Kort.

Beispiel10Im Zentrum stehen zwei künstlerische Zeiträume: Der Zeitraum zwischen 1963 und 1980 und der Zeitraum von 2000 bis heute. Die Ausstellung fokussiert sich auf seine frühen Bilder, seine Donald-Duck-Serie, seine frühen Dithyramben-Gemälde, deren Form vom Twentieth-Century-Fox-Logo inspiriert wurde, doch abstrakter und nicht leicht zu identifizieren ist, und seine Zeltbilder, deren Raum sich jenseits von Ort und Zeit befindet. Nach dem Zweiten Weltkrieg verstand man in Westdeutschland die Moderne als offenen Anfang. Kunstschaffende dieser Tage versuchten in Zeiten der Diskontinuität, Brücken zur Geschichte und Tradition zu schlagen. Viele entwickelten neue, abstrakte Formen des künstlerischen Ausdrucks in Form eines objektiven Epos. Doch Markus Lüpertz diskutierte mit seinen Malerfreunden einen figurativen Ansatz, der großen Widerspruch auslöste und in Westdeutschland als reaktionär galt. Georg Baselitz beispielsweise begann 1965/66 mit seinem Zyklus „Helden“, der Soldaten und Maler als Antihelden darstellt. Markus Lüpertz schuf zwischen 1968 und 1970 seine Helm-Serie sowie monumentale Gemälde wie „Westwall“. Sie sind heute als Auftaktarbeiten zu lesen für eine Werkgruppe, für die er im Alter von Anfang 30 berühmt wurde: die sogenannten deutschen Motive. Lebendige Bildkompositionen, die symbolgeladene Objekte quälender Erinnerungen an Krieg und Schuld der NS-Zeit überdimensional in den Blick rücken und eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte einfordern.

Ab den 2000er-Jahren gibt es bei Markus Lüpertz eine Veränderung. Neu ist die skulpturale Qualität vieler Figuren, die seine Gemälde bevölkern; sie nehmen auf Alain Resnais’ „Letztes Jahr in Marienbad“ – ein Film von skulptural-künstlerischer Qualität – von 1961 Bezug. Nackte, antik anmutende Gestalten zeigen Lüpertz‘ dialektische Beziehung zwischen Malerei und Skulptur und verdeutlichen auch hier seine Verbundenheit mit der malerischen Ästhetik. Sie tragen seine Malerei in den Raum.

Letztendlich ist es eine Ausstellung, die sich Lüpertz‘ entschieden undogmatischer Malerei widmet. Sie schärft den Blick für ein neues Sehen und begreift sich als Weg über die Kunst zum Bild. (Pressetext)

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So schaut halt ein Künstler aus … 

Und natürlich gibt´ es auch zu dieser Ausstellung einen kleinen Ausstellungsführer, den ich hier nun gerne mal präsentiere.

In diesem Zusammenhang ein herzliches Dankeschön an meine Frau Gemahlin, die sich in diesem Bereich doch deutlich besser auskennt als ich und mich immer wieder mal in diese mir eben eher fremde Welt verführt.

Und auch hier hat sie mich mal wieder neugierig gemacht … und meine Augen haben sich von alten Vinyl-Scheiben ein wenig gelöst.

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Die Vor- und Rückseite des Ausstellungsführers

In dem Ausstellungsführer ist immer wieder von „seriellen Gemälden“ die Rede; hier eine kleine Definition dieser Kunstgattung:

Serielle Kunst ist eine Gattung der modernen Kunst, die durch Reihen, Wiederholungen und Variationen desselben Gegenstandes, Themas bzw. durch ein System von konstanten und variablen Elementen oder Prinzipien eine ästhetische Wirkung erzeugen will.

Dabei sind die einzelnen Objekte – im Gegensatz zur Werkgruppe oder Variation – nicht lediglich lose durch das Sujet, sondern durch so genannte Bildregeln verbunden. Das sind diejenigen Vorgaben, die im Einzelnen Werk innerhalb der Serie umgesetzt werden müssen. Weiteres Kennzeichen der Serie ist, dass sie im Regelfall aufgrund der Austauschbarkeit theoretisch unendlich fortgesetzt werden könnte. Durch die Umsetzung der Bildregeln verliert das einzelne Werk an Individualität und ist theoretisch austauschbar. Die Serie lässt sich inhaltlich daher erst in der Gesamtschau erfassen. Gleichzeitig tritt das Sujet gegenüber der Darstellung selbst zurück.

Historischer Ausgangspunkt waren Les Meules von Claude Monet (1890/1891), in denen zum ersten Mal, wenn auch mehr intuitiv als konzeptionell, Bildregeln umgesetzt wurden und eine über die bloße Werkgruppe herausgehende Serie geschaffen wurde. Dieses Werk war auch ein Ausgangspunkt für die Entwicklung der abstrakten Malerei, denn die Betonung der Darstellung gegenüber dem Dargestellten erleichterte es dem Betrachter, das Kunstwerk als selbständig gegenüber dem Sujet zu erkennen und somit den Wert des Werkes an sich zu erfassen. Daraufhin wurde die serielle Kunst zeitweise durch den Konstruktivismus und die Art concret auf die Grundelemente bildlicher Darstellung, Farbe und Form, beschränkt.

Künstler, die serielle Kunst geschaffen haben, sind u. a. Claude Monet mit den schon benannten Les Meules, Piet Mondrian z. B. mit den Kompositionen mit Gitter (1919), Ellsworth Kelly mit Red Yellow Blue White (1952), On Kawara mit Today (seit 1966) oder Sol LeWitt mit Cube (1988/90). (Quelle: wikipedia)

Johannes Quack – Der Engel – Orgelmusik für den Schwebenden von Ernst Barlach (2005)

FrontCover1.jpgDie Entstehung dieses großartigen Orgel-Albums erklärt sich einzig und allein aus der Skulptur „Der schwebende Engel“ von Ernst Barlach; sie hängt in der Antoniter-Kirche, Köln und das ist die Geschichte der Skulptur, erzählt von Pfarrer Jost Mazuch, Köln:

Die Schildergasse in Köln ist die meistbesuchte Einkaufsstraße Europas. Mitten darauf steht die Antoniter-Kirche, die evangelische City-Kirche von Köln. Hunderte Menschen suchen sie jeden Tag auf – viele wegen der berühmten Bronzefigur, die dort hängt: „Der Schwebende“ von Ernst Barlach, auch „Barlach-Engel“ genannt. Diese Skulptur, einst als Mahnmal für die Toten des 1. Weltkriegs geschaffen, hat eine spannende Geschichte.

Die Schildergasse in Köln ist die meistbesuchte Einkaufsstraße in Europa. Zigtausend Menschen gehen hier täglich entlang, shoppen, flanieren, essen und trinken, gucken in Schaufenster. Und manche von ihnen gehen zwischendurch schnell einmal in die Kirche, die hier – mitten zwischen den Renommierbauten der großen Kaufhäuser ein wenig klein, fast verloren steht.
Die Antoniterkirche, eine gotische ehemalige Klosterkirche aus dem 14. Jahrhundert, wurde vor zweihundert Jahren die erste evangelische Kirche in Köln. Heute ist sie die evangelische Citykirche mit vielen besonderen Gottesdiensten und Veranstaltungen. Den ganzen Tag über ist sie für Besucherinnen und Besucher geöffnet.

Wenn man hineingeht, kommt man in einen schlichten, ruhigen Raum, in dem sich fast immer einige Menschen aufhalten. Touristen, die sich die Kirche ansehen. Wohnungslose, die sich aufwärmen. Passanten mit Einkaufstüten. Manche sitzen still da, beten oder denken nach.

„Wir kommen eigentlich immer hier rein, um ein Kerzchen für unsere verstorbenen Eltern aufzustellen. Ja, weil wir sehr häufig hier in der Ecke sind und dann – ja, und auch um die Andacht hier zu hören.“

Die meisten Besucher und Besucherinnen der Antoniterkirche zieht es direkt zu der Figur im linken Seitenschiff, dem bedeutendsten Kunstwerk hier.

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Die Antoniterkirche, Köln

„Die bewegt mich, die bewegt mich immer, jedes Mal, wenn ich hier bin – deswegen komm ich hauptsächlich auch hierhin. Denn so ist die irgendwie etwas, so etwas – ja von der Seele her beruhigendes. Was bedeutet Ihnen dieser Engel? Ja, Trauer, Trauer. Also viel Trauer bedeutet der mir. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

„Der hat so was von Freiheit – so irgendwie: Zufriedenheit strahlt er aus, finde ich. Irgendwie so, so leicht. Ich komme öfter hin nach dem Dienst und schau mir den an. Ich bin jetzt auf dem Nachhauseweg. Manchmal gibt mir die Stätte Zuversicht!“

Unter dem gotischen Gewölbe hängt eine überlebensgroße menschliche Gestalt. Waagerecht schwebt sie in gut zwei Metern Höhe über einer Steinplatte mit den Jahreszahlen 1914–1918 und 1939–1945. Der Rücken ist gerade, streng horizontal gestreckt, in einer kraftvollen und zugleich mühelosen Haltung. Ein langes Gewand, das in weichen Falten nach hinten fließt, bedeckt den Körper bis zu den bloßen Füßen. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt, die Hände liegen unter den Schultern und scheinen sie zu tragen. Den Kopf hält der Schwebende hoch erhoben, das Gesicht nach vorne gerichtet, wie auf etwas unsichtbar Gegenwärtiges.

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Ernst Barlach (noch ganz jung)

„Mein Bronzeengel hängt unter dem Domgewölbe und tut es so bewegungslos, als täte er’s schon hundert Jahre.“

Das schrieb der Bildhauer Ernst Barlach an seinen Bruder, wenige Tage nachdem der Schwebende zum ersten Mal öffentlich in einer Kirche zu sehen war, an dem Ort, für den Barlach ihn geschaffen hatte. Allerdings war das nicht hier in der Kölner Antoniterkirche, sondern im Dom von Güstrow in Mecklenburg. Wie der Barlach-Engel später nach Köln gelangte, und wie es kommt, dass es ihn überhaupt noch gibt, das soll hier erzählt werden. Die Musik, die Sie dazu hören, heißt „Orgelmusik für den Schwebenden“. Johannes Quack, Kantor der Antoniterkirche in Köln, hat sie zusammengestellt und eingespielt.

Alles begann 1926 in der mecklenburgischen Stadt Güstrow. Hier lebte der damals schon weltberühmte Künstler Ernst Barlach: Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller. Der Dom von Güstrow, ein gotischer Backsteinbau, wurde 1926 700 Jahre alt. Aus diesem Anlass plante die Domgemeinde, ein Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkriegs zu errichten. Die Verantwortlichen dachten eigentlich an einen großen Findling mit Kreuz und Inschrift, wie man sie damals an vielen Orten aufstellte.
Antje Löhr-Sieberg arbeitet an der Antoniterkirche in Köln. Sie leitet oft Führungen und stellt Besuchern den Barlach-Engel vor –sie kennt seine Geschichte:

„Barlach kam des Wegs und er hörte von diesem Plan und sagte zu zwei Pastoren: Das könnt ihr gar nicht machen – ihr könnt nicht vor dieses gewaltige Bau-Kunstwerk einen Findling setzen. Und wenn ihr kein Geld habt, so ist das kein Grund, es zu tun, denn Armut verewigt man nicht. So. Man ging auf Barlach zu und fragte ihn: Ja, was würden Sie denn machen? Und Barlachs kurze Antwort war: Ja, da müsste mir mal etwas einfallen. Und er deutete schon an mit seinem Krückstock im Dom, in welcher Ecke er etwas platzieren wollte; und er ging nach Hause und er holte sich Zeichnungen aus den Jahren 1910 bis 1917 hervor. Da hatte er zum ersten Mal schwebende Figuren – meist flügellos – in Kohle gezeichnet. Und eine dieser Kohlezeichnungen nahm er zum Vorbild, zunächst für die Entwurfszeichnungen.“

„Es ist schon eigentümlich, dass er schwebt!“ Na ja, er wirkt von hier aus sehr leicht – man sieht ja nicht, dass er aufgehängt ist, das sieht man infolge dieser dunklen Fenster hinten nicht, und allein das Gefühl, er schwebt hier im Raum.“

Der Engel wirkt wie ein Traumbild: von gleitender Bewegung und gleichzeitiger Stille. Trotz seiner schweren metallenen Materie scheint er – der Erdlast enthoben – jenseits von Raum und Zeit zu schweben.

„Für mich hat während des Krieges die Zeit stillgestanden. Sie war in nichts anderes Irdisches einfügbar. Sie schwebte. Von diesem Gefühl wollte ich in dieser im Leeren schwebenden Schicksalsgestalt etwas wiedergeben.“

Das Gesicht ist ebenmäßig geformt, fast symmetrisch, mit klaren, einfachen Linien. Dennoch ganz menschlich, fühlend, lebend. Die Augen und der Mund sind geschlossen. Und doch scheint der Schwebende etwas zu sehen: in einer inneren Schau. Was haben seine Augen gesehen? Welche Worte verschließt sein Mund? Dieses Gesicht verweigert der Trauer einen leichten Trost. Es zieht die Betrachtenden hinein in eine meditative Begegnung mit der Erinnerung und dem Schmerz.

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Ernst Barlach, 1928

In dem Gesicht des Schwebenden erkennen viele Betrachter das Abbild einer anderen Künstlerin, Barlachs Zeitgenossin und Bildhauer-Kollegin Käthe Kollwitz. Antje Löhr-Sieberg:

„Dazu muss man nur wissen, dass Barlach zu dieser Feststellung der Betrachter gesagt hat: Die Züge von Käthe Kollwitz sind mir da so hereingekommen. Hätte ich mir das vorgenommen, so wäre es mir nicht gelungen. Und das zeigt natürlich, wie unendlich viel Gefühl Ernst Barlach hatte, indem er das so nachvollziehen konnte: das Gesicht von Käthe Kollwitz, einer Frau, die zu der Zeit einen ihrer Söhne im 1. Weltkrieg verloren hatte und deshalb wahrscheinlich auch so diesen nachdrücklichen Eindruck hinterließ.“

1914 bis 1918 – im 1. Weltkrieg starben annähernd 20 Millionen Menschen. Ernst Barlach hatte den Krieg, wie so viele Deutsche, anfangs begrüßt. Später, im Lauf des Krieges wurde sein Blick kritischer. Er setzte sich mit dem Leid und dem Grauen auseinander, das der Krieg über die Menschen bringt. Diese Auseinandersetzung sollte sein Werk nachhaltig prägen.

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Selbstportrait, 1928

In den zwanziger Jahren entstanden überall in Deutschland Kriegerdenkmale, Gedenktafeln, Kreuze, Ehrenmale für die im Krieg Verstorbenen, besonders für die Soldaten. Oft von fragwürdigem künstlerischem Wert. Barlach hat für verschiedene Orte Ehrenmale gestaltet. Aber seine Entwürfe entsprachen nicht dem Zeitgeist. So waren sie immer umstritten. Völkische und nationalistische Gruppen, vaterländische Vereine machten Stimmung dagegen. Auch gegen das Ehrenmal von Güstrow, das am 29. Mai 1927 im Dom eingeweiht wurde.

Antje Löhr-Sieberg:
„Natürlich ist es ein Denkmal für die Toten des 1. Weltkriegs, aber in einer Art, die vollkommen neu war. Die Denkmale der damaligen Zeit dienten der Glorifizierung und der Heroisierung der Gestorbenen und sollten für weitere Generationen einen Anreiz geben. Deshalb wurden die Soldaten, so sie denn im Denkmal dargestellt waren, als Helden, als Heroen, als nackte, schöne Kämpfer dargestellt. All dies wollte Barlach nicht. Er hat mit der Engelsfigur ein Denkmal geschaffen, ein Mahnmal, ein Mal zum Nachdenken über die Opfer, über das Leid, und in einer Form, dass das Ganze sehr komprimiert ist, und dass der Engel all diese Erlebnisse, Erfahrungen des Krieges mit Millionen Toten in sich verschlossen hat, ohne dass man erinnert wird an Schreie und gnadenloses Gemetzel, was ja gar nicht dargestellt wird. Er scheint es irgendwo hin zu tragen – jedenfalls so kann man es interpretieren – irgendwohin zu tragen, wo das Leid getröstet wird.“

„Viele Leute schimpfen auf meine Arbeit, aber ich kann ihr Gerede vertragen und der Engel auch, er wird noch nach hundert und mehr Jahren an seinem Platz hängen und hängt regungslos wie heute. Seine Gedanken sind bei den Opfern des Krieges, seine Augen sind geschlossen, nichts lenkt ihn ab von seinem Erinnern.“

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Die Angriffe gegen Barlach verschärften sich ab 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, zu einer regelrechten Hetze. Die Nazis und ihre Gesinnungsgefolgschaft forderten unter Berufung auf das so genannte ‚Volksempfinden’, dass Barlachs Werke aus den Museen und der Öffentlichkeit entfernt würden. Barlach wurde als Jude und Bolschewist gebrandmarkt; besonders aggressiv wurden die von ihm geschaffenen Ehrenmale angefeindet. Mit traurigem Erfolg: im April 1937 wurde in Kiel seine Skulptur „Der Geistkämpfer“ abgebaut. Im Juli 1937 zeigte die Ausstellung der Nazis mit dem Hetz-Titel „Entartete Kunst“ in München mehrere Barlach-Werke. Auch in Güstrow wurde kräftig gegen den Barlach-Engel im Dom agitiert, mit Unterschriftensammlungen, offiziellen Eingaben, Auseinandersetzungen auch quer durch die Domgemeinde. An einen Freund schrieb Barlach auf einer Postkarte mit dem Bild des Schwebenden:

„Wie lange noch? Häßlicher Haß legt Eier an diesen Ort, und Klock 12 nachts murmelt was: Nur fort, nur fort mit das.“

Nach der Ausstellung „Entartete Kunst“ wurden fast 400 Werke Barlachs aus Museen und Kirchen oder von Plätzen entfernt. Auch der Domengel von Güstrow wurde abgehängt. Der Künstler notierte lapidar:

„24. August: Das Ehrenmal im Güstrower Dom entfernt.“
Antje Löhr-Sieberg:
„Das war 1937. Er wurde dann 1938 nach Schwerin verbracht. Es war eigentlich allgemein bekannt, dass er zur Verschrottung dorthin geliefert wurde. Er hat dann noch länger in Schwerin – ist er gelagert worden, und zwar erst mal in einem Heim; und dann hat der Bischof die Kiste in seiner Garage lagern lassen. Sie wurde dann unter merkwürdigen Umständen während der Abwesenheit dieses Bischofs aus der Garage entfernt. Und das war 1941 im April. Und man hinterließ eine kurze Quittung – die Fa. Sommerkamp, die den Abtransport machte: „Eine Figur im Gewicht von 250 kg zur Einschmelzung in der Wehrwirtschaft abgeholt. Heil Hitler!““

Tatsächlich ist die Skulptur – wohl kurz nach ihrem Abtransport – zerstört und eingeschmolzen worden. Zu der Zeit lebte ihr Schöpfer Ernst Barlach nicht mehr. Er war am 24. Oktober 1938 gestorben.

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Das hätte das Ende des Barlach-Engels sein können. Dass er dennoch heute wieder hängt – in Köln und in Güstrow –, das wirkt im Rückblick wie ein kleines Wunder. Wie kam es dazu? In Berlin in der Gießerei Hermann Noack existierte noch das von Barlach modellierte Werkmodell des Schwebenden, nach dem der Bronzeguss hergestellt worden war. Und von diesem Gipsmodell ließen Freunde Barlachs kurz nach seinem Tod – vermutlich 1939 – einen zweiten Guss anfertigen. Der überstand den Krieg, versteckt bei dem Maler Hugo Körtzinger in der Lüneburger Heide.

Antje Löhr-Sieberg:
„Dieser Zweitguss landete dann schließlich in Schnega, das ist ein kleiner Ort im Wendland in der Lüneburger Heide. Dort wurde er von Herrn Körtzinger höchstpersönlich vom Bahnhof abgeholt. Mitgeliefert wurde der „Geistkämpfer“ aus Kiel. Und Herr Körtzinger ließ diese zwei Plastiken in der Verpackung, d. h. in den Kisten, und stellte sie in einem offenen Schuppen ab. Und dort haben sie den ganzen Krieg überdauert. Bis, wie Körtzinger sagt, die Sieger kamen und ein Schutzschild an die Scheune hefteten, so dass nun nichts mehr zu befürchten war.“

Nach dem Krieg machten sich verschiedene Kunstinteressierte auf die Suche nach dem verschwundenen Barlach-Engel. Bald sprach es sich in der Szene herum, dass bei Hugo Körtzinger dieser zweite Guss existierte. Der Kölner Museumsdirektor Leopold Reidemeister wollte ihn schon 1948 gerne für eine Ausstellung nach Köln holen, zusammen mit dem Kieler „Geistkämpfer“. Hugo Körtzinger aber reagierte nicht auf Anfragen. Er nahm die beiden Barlachfiguren offensichtlich als Pfand für gewisse finanzielle Forderungen gegenüber den Erben und Freunden Barlachs. So blieben sie vorerst in seinem Gewahrsam.

Antje Löhr-Sieberg’:
„Im Jahr 1951 wurde der Engel auf dem kleinen Kunstmarkt zum Kauf angeboten, und zwar wurde er den Museen in Bremen, Hamburg, Köln und in der Baseler Kunsthalle angeboten. Das war natürlich der Moment, in dem Reidemeister nun zum zweiten Mal versuchte, den Engel zu bekommen. Und tatsächlich gelang es ihm. Die Voraussetzung war, dass der Engel – also er sollte verkauft werden, er sollte so viel bringen, dass das Geld ausreichte für einen Drittguss für Güstrow und für 4000 DM, die Herr Körtzinger verlangte. Reidemeister war klar, dass dieser Engel in diese Kirche hier, in die Antoniterkirche gehörte: eine evangelische Kirche mit einem sehr schönen Aufstellungsort, so etwa, wie Barlach es auch gefordert hatte für den Engel.“

Doch erst einmal musste das Geld dafür aufgetrieben werden. Denn die Gemeinde war arm. Eine große Spendenaktion, hauptsächlich bei Kölner Versicherungen und Banken und anderen Sponsoren, brachte die Kaufsumme zusammen, um den Schwebenden nach Köln zu holen.

Antje Löhr-Sieberg:
„Dann, um den Drittguss für Güstrow herzustellen, machte man in Schnega, dort, wo der Zweitguss im Krieg gelagert hatte, … eine erneute Abformung, und diese Form wurde nach Berlin geschickt, und von dieser zweiten Form wurde nun der Drittguss für Güstrow hergestellt. Der Engel, der hier nach Köln kam, musste für kurze Zeit in der Eigelsteintorburg untergebracht werden, weil die Kirche noch nicht ganz fertig war nach all den Umbauarbeiten. Aber im Mai 1952 war die Wiedereinweihung dieser Kirche und gleichzeitig die Weihe des nun in Köln befindlichen Barlach-Engels.“

Dass der Barlach-Engel auch wieder in den Dom zu Güstrow zurückkehren sollte, war ausgemachte Sache. Aber damals, 1952, war das nicht einfach umzusetzen. Die Freiheit der Kunst hatte es auch unter der SED-Diktatur schwer. Anlässlich einer Barlach-Ausstellung in der Akademie der Künste gerieten die Werke Barlachs ins Visier der staatlichen Kritik. Waren sie von den Nazis als bolschewistisch und undeutsch verfemt worden, so hieß es jetzt, sie seien formalistisch oder dekadent. Das änderte sich erst, als Bertolt Brecht sich eindeutig für Barlachs Werk einsetzte:

„Ich halte Barlach für einen der größten Bildhauer, die wir Deutschen gehabt haben. Der Wurf, die Bedeutung der Aussage, das handwerkliche Ingenium, Schönheit ohne Beschönigung, Größe ohne Gerecktheit, Harmonie ohne Glätte, Lebenskraft ohne Brutalität machen Barlachs Plastiken zu Meisterwerken.“

Antje Löhr-Sieberg:
„Es gab dann noch einige Probleme mit der Einreise des Engels, es hat Monate gedauert. Aber 1953 war er dann doch sicher in Güstrow gelandet. Gleichzeitig wurde Barlachs Nachlass beschlagnahmt, aber im selben Jahr wieder freigegeben.“

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Der schwebende Engel in Güstrow

Im März 1953 konnte Barlachs Domengel endlich wieder an seinen ursprünglichen Ort zurückkehren – 26 Jahre nach seiner ersten Einweihung als Mahnmal gegen den Krieg. So hängt er nun seit über fünfzig Jahren in Güstrow wie in Köln. Hier wie dort von wird er von vielen Menschen aufgesucht, die vor ihm beten, meditieren, nachdenken.
Bleibt noch nachzutragen, dass tatsächlich noch ein weiterer, ein vierter Guss des Schwebenden existiert. Diese Figur ist 1987 entstanden und hängt heute im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum. Ob der Barlach-Engel aber in einem Museum am richtigen Ort ist? Ich vermute, dass er dort nicht die Wirkung hat wie im Dom von Güstrow, für den er geschaffen wurde, oder in der Antoniterkirche in Köln, in die er durch die verworrenen Wege der Geschichte gelangte.

Ein Engel ist ein Bote Gottes. Ernst Barlach hat diesem uralten Bild eine neue, zeitgemäße Form gegeben. Allen Widrigkeiten zum Trotz ist sein Werk uns erhalten geblieben. Dieser Engel, so stumm und verschlossen er ist, spricht auch heute Menschen an. Wenn ich ihn betrachte, werde ich erinnert an die Geschichte des 20. Jahrhunderts: eine Geschichte voll Leid und Schrecken – seine eigene Geschichte. Still und konzentriert mahnt er gegen Krieg und Gewalt. Und zugleich gibt er mir Raum für mein eigenes Erinnern und Besinnen. Schwebend zwischen Erde und Himmel berührt er in mir den Glauben daran, dass alle Trauer, jedes Leid, dass meine Sehnsucht und Hoffnung aufgehoben sind bei dem, von dem dieser Engel schweigend erzählt.

Auf dieser CD „Der Engel – Musik für den ‚Schwebenden‘ von Ernst Barlach“ hat also Johannes Quack, Organist der Kölner Antoniterkirche, an der dortigen Peter-Orgel elf Orgelkompositionen aus drei Jahrhunderten zum Thema „Engel“ zusammengestellt. Und damit seine musikalische Verbeugung vor dieser berühmte Skulptur und wohl auch der Geschichte dieser Skulptur geleistet.

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Johannes Quack

Johannes Quack wurde 1959 im niederrheinischen Anrath geboren. Nach dem Abitur studierte er evangelische Kirchenmusik bei Johannes Geffert an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. Nach dem staatlichen A-Examen legte er bei Prof. Hans-Dieter Möller das Konzertexamen Orgel ab. Es folgten weiterführende Studien in London bei Nicolas Kynaston. Von 1988-1990 war er Kantor der Martin-Luther-Kirche in Bad Orb, seit 1990 ist er Kirchenmusiker an der Antoniterkirche in Köln. An der Musikhochschule Düsseldorf hat er einen Lehrauftrag für künstlerisches und liturgisches Orgelspiel. Konzertreisen führten ihn nach England, Schweden, Dänemark, Italien, in die Niederlande und in die USA. (Quelle: Begleitheft der CD)

Engel stehen im Mittelpunkt der 19 Orgelwerke umfassenden CD, die in erster Linie dem Künstler Ernst Barlach gewidmet ist. Die Kölner Antoniterkirche beherbergt nämlich seit dem Jahre 1952 den Zweitguss des berühmten „Schwebenden Engels“ von Ernst Barlach. Dieser wurde 1927 ursprünglich für den Güstrower Dom geschaffen.

In den Wirren des Zweiten Weltkrieges wurde das Werk allerdings als „Entartete Kunst“ eingestuft und eingeschmolzen. Engen Freunden von Ernst Barlach ist es zu verdanken, dass zuvor noch ein Zweitguss hergestellt und somit das Kunstwerk für die Nachwelt gesichert werden konnte.

„Das Motiv der Engel tritt aber nicht nur mit dem „Schwebenden“ in der Kirche auf. In der Bibel, sowohl im Alten wie im Neuen Testament, finden sich immer wieder Hinweise auf diese Himmelsbotschafter. Viele Komponisten haben sich daher dieser Motive angenommen und unterschiedliche Werke entstehen lassen“, erklärt Johannes Quack einen der Beweggründe für die musikalische Auswahl und Zusammenstellung des Tonträgers.

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Quack eröffnet den gut 75-minütigen Hörgenuss mit dem „Dettinger Te Deum“ von Georg Friedrich Händel und lässt nach einem Zwischenspiel von Siegfrid Karg-Elert fünf Variationen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“ von Johann Sebastian Bach erklingen. Feinfühlig und überaus harmonisch fließen die einzelnen Varianten ineinander über.

Und trotzdem geben die unterschiedlichen Registrierungen einen Einblick in die tonale Vielfalt der 1969 von Willi Peter erbauten Orgel wieder. Einen zentralen Punkt stellen die Toccata sowie die Fuge über „Das schlimme Jahr“ des zeitgenössischen Komponisten André Asriel dar.

Das musikalische Werk entstand als Filmmusik zu einer 1966 aufgezeichneten filmischen Dokumentation über die letzten Jahre des Künstlers Ernst Barlach. Unter anderem wurde darin auch das Jahr 1937 ausführliche besprochen, in welchem Barlach mit einem Ausstellungsverbot belegt und der „Schwebende“ aus dem Güstrower Dom entfernt wurde.

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Schon in der Musik spiegeln sich die innere Zerissenheit und die künstlerische Gefangenschaft von Ernst Barlach wider. Dissonante und gebrochene Akkorde prallen aufeinander und selbst in der Schlusssequenz ist keinerlei Optimismus oder Hoffnung zu erkennen.

Neben klassischen Engel-Motiven der Orgelliteratur wagt Johannes Quack mit seiner CD „Der Engel“ aber auch einen Schritt in die Moderne und improvisiert über das Stück „Angel Eyes“, das unter anderem durch den britischen Sänger Sting bekannt geworden ist. Eine überaus gelungene Verbindung zwischen Tradition und Moderne, so wie die gesamte CD. (Quelle: general-anzeiger-bonn.de)

Ich sag´s mal so: Auch wenn mir dieser Engelskult der christlichen Kirchen mehr als fremd ist, musikalisch ist dieses Album mehr als gehaltvoll. Von federleicht bis hin zu ganz schön mächtig … erklingt da diese Orgel, die zwar nicht alt-ehrwürdig ist (erbaut 1969) aber einen großartigen Klang aufweisen kann.

Selten, dass eine Skulptur nicht nur kulturgeschichtlich, sondern auch zeitgeschichtlich eine solche Bedeutung haben kann.

Und das auch noch: Das ich diese Skulptur und ihre Geschichte entdecken durfte, habe ich einzig und allein der Graugans zu verdanken, die mir den dringenden Tipp gab, bei meinem Wochenende in Köln diese Kirche mal aufzusuchen … Vielen Dank !

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Besetzung:
Johannes Quack (organ)

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Titel:

Georg Friedrich Händel
01. To Thee Cherubim, aus dem „Dettinger Te Deum“ 3.36

Sigfrid Karg-Elert:
02. Saluto angelico, aus „Cathedral Windows“. op. 106 / 4.30

Johann Sebastian Bach: Einige kanonische Veränderungen über das Weihnachtslied. Vom Himmel hoch. BWV 769,
03. Variation 1 -im Kanon der Oktave 1.26
04. Variation 2 -im Kanon der Quinte 1.32
05. Variation 3 -im Kanon der Septime 2.14
06. Variation 4 -im Kanon der Vergrößerung 3.33
07. Variation 5 -im Gegenkanon der Sexte/Terz/Sekunde und None 3.23

Jan Janca:
08. Kleine Toccata über „Hört, der Engel helle Lieder“ 4.17

Joseph Bonnet:
09. Angelus du soir, aus „Douze Pièces“ op. 10 / 8.14

Johannes Weyrauch: Unüberwindlich starker Held, aus „Sieben Partiten für Orgel“:
10.  I. Introitus 1.11
11. II. Kanon 1.06
12. III. Fuge 2.48
13. IV. Passacaglia 1.55
14. V. Choral 1.05

Engelbert Humperdinck:
15. Abendsegen-Fantasie, aus „Hänsel und Gretel“ 10.08

André Asriel:
16. Toccata und Fuge über „Das schlimme Jahr“ von Ernst Barlach 7.30

Théodore Dubois:
17. In Paradisum, aus „Douze Pièces Nouvelles“ 4.17

Charles Tournemire:
18. Improvisation sur le „Te Deum“ 7.29

Johannes Quack:
Improvisation über „Angel Eyes“ (Dennis / Brent) 3.16

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Ernst Heinrich Barlach (* 2. Januar 1870 in Wedel; † 24. Oktober 1938 in Rostock)

 

Projektgruppe Evaluation (Arbeitskreise Frauen im Museum der Arbeit) – Ansichtssache – Zur Wirkungsweise des Ersten Hamburger Frauenwandbildes (1992)

Frauenwandbild01AOkay, okay, Titel wie der Name der Autorinnengruppe sind arg sperrig, das ändert aber nichts daran, dass in Hamburg 1989 ein spannendes Projekt angestossen wurde, das bis heute seine Kreise zieht. Die Rede ist vom „ersten Hamburger Frauenwandbildes“, das dann Um was geht´s da eigentlich ?

„Vorgängerin der FrauenFreiluftGalerie war das 1994 abgerissene Erste Hamburger Frauen-Wandbild zum Thema „100 Jahre Frauenarbeit im Hafen“ mit anfangs 1.000 qm Wandfläche. Es wurde 1989 im Rahmen des Museums der Arbeit vom „Arbeitskreis Frauen im Museum der Arbeit“ an der Nordfassade des sog. Fischmarktspeichers, ein ehemaliger Getreidespeicher, in der Großen Elbstraße 39, realisiert.

Der Anlass für das Wandbild waren die für das Jahr 1989 geplanten Feierlichkeiten zum 800. Hafengeburtstag. Dafür wollte der Arbeitskreis ein Gemälde visualisieren, das Unsichtbares sichtbar werden lässt, nämlich die bis dahin meist unbeachteten Tätigkeiten und Berufe von Frauen im Hafen, einem als „Männerdomäne“ geltenden Bereich.

Als Bilder der anderen Hälfte der Hafenwelt sollte eine gemalte Collage an einer Mauer direkt im Hafen Bild-Szenen hafenbezogener Frauenarbeit in den öffentlichen Blick rücken.

Beispiel01

Wandbild von 1989

Für dieses umfangreiche Unterfangen hatte sich der Arbeitskreis Frauen im Museum der Arbeit drei Jahre zuvor, im Jahr 1987, erweitert auf über zwanzig Frauen zwischen 25 und 77 Jahren, unter ihnen Historikerin, Rentnerin, Studentin, Hausfrau, Sozialwissenschaftlerin, Büroangestellte, Medienfrau wie Grafikerin, Filmemacherin, Malerin. In Art einer interdisziplinären Frauen-Geschichtswerkstatt in Kooperation mit dem in Gründung befindlichen Museum der Arbeit wurde geforscht, recherchiert, künstlerisch gearbeitet und um den attraktiven Standort des Wandgemäldes am Fischmarkt gerungen.

Die Gruppe definierte ihre Arbeit als Frauen-Forschungs-Kultur-Politik-Projekt. Denn es galt zum einen, die unbekannten Ecken der Stadtgeschichte auszuleuchten und zu bearbeiten, war doch weibliche Wirtschaftskraft im Hafen Mitte der 1980er ein kaum erforschtes Feld. Zum anderen war die geplante Umsetzung der Recherche-Ergebnisse in ein Wandgemälde eine Novität.

Eingebettet in die damals virulenten Ideen der feministischen Platzgewinnung im öffentlichen Raum, verstand sich das Wandbild-Projekt als ein Experiment einer Open Air-Einschreibung  bzw. -„Einmalung“ von Bildern, die in der Stadt über Frauenalltag und von Geschlechterverhältnissen erzählen. Auch eingedenk der Praxis des Künstlers Josef Beuys, Forschung und Kunst nicht nur als wissenschaftlichen und ästhetischen, sondern auch als sozialen Prozess zu begreifen.

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Einige Frauen aus dem Arbeitskreis
„Frauen im Museum der Arbeit“

Besonders deutlich wurde dies, da die Recherchen keineswegs nur in Archiven stattfanden, sondern als Oral-History-Recherche an den Arbeitsorten selbst: So kamen über 100 Interviews mit Zeitzeuginnen zusammen, die einst und jetzt im Hafen ihr Geld verdienten, aber auch mit „unsichtbarer“ Arbeit in Familie oder Haushalt dafür sorgten, dass auch im Hafen alles rund läuft.

Schon während der frühen Recherche-Phase stieß die Hamburger Malerin Hildegund Schuster zur Projektgruppe. Zwei weitere Künstlerinnen, Wiebke Hohrenk  und Gisela Milse, kamen später zum Malen des Bildes Anfang 1989 hinzu.

In knapp drei Monaten gelang den Malerinnen das 1.000 qm-Werk. Zuvor hatte der Arbeitskreis Frauen im Museum der Arbeit öffentlich zum „Fest des Ersten Pinselstrichs“ im großen Kreis von Zeitzeuginnen und Unterstützern am 1. Mai 1989 geladen, ein gut besuchter Auftakt der Malarbeit und zugleich den Maifeierlichkeiten eine besondere Note verleihend. Und im Sommer gab die freie Sicht auf das fertige Gemälde Anlass für das „Entrüstungsfest“ am 29. Juli 1989.

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Das Frauen-Forschungs-Kultur-Politik-Projekt  kann republikweit als Experiment und als Novität gelten: zwischen Zustimmung und Widerspruch á la „Feministischer Realismus“, auf alle Fälle war es Gesprächsanlass in der Stadt und weit über Hamburg hinaus.“ (Quelle: frauenfreiluftgalerie.de)

1993 erfolgte dann die Erstellung des zweiten Hamburger Frauenwandbildes usw. Und heute gibt es das Projekt „Frauen FreiLuftGalerie“, das sich ganz sicher bunesweit einen guten Namen gemacht hat.

Aber zurück zum eigentlichen Projekt: Als dieses dann erfolgreich abgeschlossen wurde, etablierte sich eine Projektgruppe Evaluation, die sich an die Arbeit machte, die „Wirkungsweise“ dieses damals einmaligen Projekt zu erforschen.

Herausgekommen ist dann dieser Band (54 Seiten) in dem ausführlich und detailliert über Entstehungsgeschichte sowie das Ergebnis einer ausführlichen Befragung. Befragt wurden 82 Männer und Frauen, die das Wandbild mindestens einmal gesehen haben. Man kann vielleicht einwenden, dass diese Probndengruppe ein wenig klein ist, zumal bei einem Bild, das öffentlich mehr als leicht zugänglich war.

Ändert aber nichts daran, dass ich hier ein wirklich spannende Projekt samt Auswertung eben auf die Wirkungsweise von Kunst dieser Art imöffentlichen Raum.

Hier einpaar Endrücke von der Broschüre und dann geht´s ab zu Präsentation:

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Beigefügt habe ich noch ein Radio-Interview des Senders „Radio Freies Sender Kombinat, Hamburg (FSK)“ mit Elisabeth von Dücker und Hildegrund Schuster aus dem Jahr 2011. Darin geben beiden Auskunft über die Geschichte und die aktuellen Ansätze des Projektes „“Frauen FreiLuftGalerie“

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Die Schweißerinnen Elvira Vierke (li.) und Inge Lüde beim Fest des Ersten Pinselstrichs mit ihrem Interviewbeitrag im Katalog-Buch (den ich leider nicht mein eigen nennen kann)

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Museum Brandhorst – Forever Young – 10 Jahre Museum Brandhorst (2019)

TitelKinder, wie die Zeit vergeht …

In Gestalt eines bunten Kunstbaus in der Theresienstraße, mitten im Münchner Kunstareal, präsentiert das Museum Brandhorst über 700 Werke zeitgenössischer Künstler wie Cy Twombly, Damien Hirst oder Andy Warhol. Das von Anette und Udo Brandhorst initiierte Ausstellungshaus rückt nicht nur die Kunstwerke, sondern auch ihre Erschaffer ins richtige Licht.

Die Ausstellungsfläche von 3.200 Quadratmetern ist eine Bereicherung für das Kunstareal München. Gemeinsam mit der Pinakothek der Moderne zeigt das Museum Brandhorst die Arbeiten von Künstlergrößen des 20. und 21. Jahrhunderts. 700 Werke aus der Sammlung von Anette und Udo Brandhorst und wechselnde Ausstellungen moderner Arbeiten sind in dem Museumsbau ausgestellt. Die Besucher können sich unter anderem auf Kunst von Andy Warhol, Damien Hirst, Pablo Picasso, Sigmar Polke, Cy Twombly und Günther Förg freuen.

Den Schwerpunkt im Museum Brandhorst bilden die Werke des Amerikaners Cy Twombly. Seine Arbeiten prägten den abstrakten Expressionismus. Dazu gehören Malereien, Zeichnungen, Fotografien und Objekte – groß oder klein. Im Museum zu sehen sind zum Beispiel die 12 Bilder aus Twomblys Reihe „Lepanto“. Der Saal, in welchem sie ausgestellt sind, wurde nach den Wünschen des Künstlers höchstpersönlich eingerichtet. Das Museum Brandhorst ist sehr stolz auf diese umfangreiche Cy Twombly Sammlung, die außerhalb der USA als einmalig und am bedeutendsten gilt.

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Bereits die Fassade des Museum ist beeindruckend

Das Vorhaben Museum Brandhorst basiert auf der Sammelleidenschaft des gleichnamigen Ehepaares. Die Einrichtung selbst wird von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen betrieben. Die Eröffnung des Museums fand im Mai 2009 statt. Realisiert wurde der 46 Millionen Euro teure Bau durch das Berliner Architekten-Büro Sauerbruch Hutton in enger Zusammenarbeit mit dem Freistaat Bayern und Udo Brandhorst selbst. Die Außenfassade des etwa 15 Meter hohen Baus zieren 36.000 Keramikstäbe in 23 Farben. Je nach Perspektive des Betrachters, scheint sich die Oberfläche des Gebäudes in Materialität und Struktur zu verändern. Durch diese spezielle Konstruktion gelangt außerdem ein Maximum an Tageslicht ins Gebäudeinnere.

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Udo und Anette Brandhorst in frühen Jahren

Dem Kunstsammler-Paar Anette und Udo Brandhorst ist es zu verdanken, dass das heutige Museum mit internationalen Kunstwerken reich gefüllt ist. Seit den 70er Jahren sammelten die beiden zeitgenössische Kunst. So zählten sie am Ende bis zu 1.000 Werke. Darunter befinden sich hauptsächlich Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen. Fotografien, Medienarbeiten und Installationen vervollständigten erst später die Sammlung und bilden nur einen kleinen Anteil. Als besonders beeindruckend und weltweit unvergleichbar gelten die rund 100 Pop-Art-Arbeiten von Andy Warhol und die 170 Werke von Cy Twombly.t

Seit 1. November 2013 ist Achim Hochdörfer neuer Chef des Museums – er ist jünger als sein Vorgänger Armin Zweite und hat frische Akzente eingebracht. Das Erdgeschoss bringt seither Werke von Andy Warhol, Robert Gober, Jeff Koons und anderen in spannungsreiche Konstellationen. Im Obergeschoss hat Hochdörfer, der während seines Studiums persönlich mit dem Künstler Cy Twombly arbeiten konnte, dessen Arbeiten in einen Zusammenhang mit Skulpturen von Franz West gestellt. (Quelle: muenchen.de)

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Bemerkenswerte finde ich übrigens die Eintrittsgestaltung:

Normaler Eintritt: 7 Euro – Ermäßigt: 5 Euro
Sonntags: 1 Euro
Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr haben freien Eintritt.

Und nun feiert man den 10. Geburtstag und die Macher dieses Museums wären nicht die Macher dises Museums, hätten sie sich da nicht was ganz besondereseinfallen lassen:

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Und zur Feier des Tages spendierte man zum Auftakt auch diese Broschüre, die z.B. kostenlos der Süddeutschen Zeitung“ beilag.

Ich leite diese Broschüre also quasi einfach mal weiter.

Und ich gestehe freimütig, dass es vor allem meiner geschätzten Frau Gemahlin zu verdanken ist, dass ich immer wieder mit der Nase auf Aspekte der aktuellen Kunstszene gestupst werde.

Am Eröffnungswochenende werden wir das Museum allerdings nicht besuchen können (wird eh zu viel Rummel sein), da wir in Essen sind, aber unser Weg wird uns heuer ganz sicher noch dahin führen.

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Ich bin gespannt ob die Ausstellung diesem Anspruch auch gerecht wird

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Also, den Namen dieser Künstlerin – Jacqueline Humphries – werd´ ích mir merken

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Franz Smola – Werner Berg zum 100. Geburtstag (2004)

TitelBis gestern kannte ich ihn gar nicht, den Expressionisen Werner Berg. Aber gestern war ich in einer Ausstellung im bemerkenswerten Museum in Penzberg/Oberbayern („Sammlung Campendonk“) und da hae ich nicht schlecht gestaunt, ob des Lebenswerkes des Werner Berg … hier bei uns so ziemlich in Vergessenheit geraten, in Österreich hingegen ist er bis heute bekant und geschätzt, dabei wurde er ja eigentlich in Elberfeld (Wuppertal) geboren:

Werner Berg wurde am 11. April 1904 in Elberfeld (Wuppertal) in Deutschland, geboren. Obwohl er schon als Kind Maler werden wollte, zwangen ihn die ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse nach dem 1. Weltkrieg zunächst eine Handelslehrte und anschließend ein Studium der Staatswissenschaften zu absolvieren; seit 1923 in Wien, wo er seine Studienkollegin Amalie Kuster kennenlernte, die er später heiratete.

Nach seiner Promotion begann Berg mit dem Studium der Malerei, 1927–29 an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Karl Sterrer und 1929-31 an der Münchner Akademie bei Karl Caspar. 1930 erwarb er gemeinsam mit seiner Frau den Rutarhof, einen Bergbauernhof im Kärntner Unterland nahe der slowenischen Grenze, auf dem er mit seiner Familie und dem befreundeten Dichter Curt Sachsse im März 1931 einzog.

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Werner Berg war auf dem Rutarhof als Bauer und Maler tätig. Kunst und Leben bildeten für ihn eine untrennbare Einheit. Seine Motive waren weitgehend vom bäuerlichen Alltag geprägt. Besonders in seinen frühen Bildern stellte Werner Berg auch häufig seine heranwachsenden fünf Kinder dar. Mit einigen Ausstellungen wurde Berg in Deutschland früh bekannt. Sein extrem knapper, geradezu primitivistischer Stil stieß jedoch bei den Nationalsozialisten auf Widerstand. 1935 wurde seine Ausstellung im Kölner Kunstverein polizeilich gesperrt. Seine Gemälde wurden auf der berüchtigten Schmähausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. In den späten 1930er Jahren wurde seine Darstellungsweise dem Zeitstil entsprechend deskriptiver und entwickelte mehr Plastizität. Von 1942-45 war Werner Berg zur Landschaftsschilderung als Kriegsmaler in Skandinavien eingesetzt.

Beispiel18.jpgNach dem Krieg kehrte Werner Berg zu einem flächigen, nun oft die Konturlinien betonenden Stil zurück. Trotz seiner Tendenz zu Vereinfachung und Stilisierung beharrte Berg auf einer gegenständlichen Darstellungsweise. Vielen seiner Gemälde gingen Skizzen voraus, die Berg unmittelbar vor dem Motiv in Sekundenschnelle zu Papier brachte. Bereits in der Skizze legte Berg die Komposition bis ins Detail hinein fest. Berg wurde zum Chronisten der slowenisch-kärntnerischen Bevölkerung, der Bauern, Jahrmarktbesucher, Kirchgänger, Eisschützen, Busreisenden und Wartenden.

Zu einem Höhepunkt brachte Werner Berg das Prinzip der flächigen Darstellung auch in seinen zahlreichen Holzschnitten. Im Wechselspiel von hellen und dunklen Flächen erzielte er eine zwingende, auf höchste Konzentration bedachte Wirkung.

Nach dem Krieg folgten zahlreiche Ausstellungen. 1947 wurde Berg Mitglied des Art Club in Wien, 1950 war er Teilnehmer der Biennale von Venedig. 1956 folgte eine Ausstellung in der Österreichischen Galerie in Wien, 1957 in der Moderna Galerija Ljubljana und 1961 eine umfangreiche Schau im Münchner Lenbachhaus. 1968 wurde die Werner Berg Galerie der Stadt Bleiburg eingerichtet. Seit dem Tod des Künstlers 1981 als Stiftung geführt, zeigt diese nun als Museum ständig eine umfangreiche Werkschau Werner Bergs. (Quelle: wernerberg.museum)

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Ausstellungshinweis des Museums in Penzberg

Das ist allerdings nur ein ganz kurzer Abriss seines Lebens … ergreifend und spannungsreich wird es dann erst, wenn man wirklich ein paar Schichten tiefer schaut: Seine Freundschaft mit dem Maler Emil Nolde, seine verzweifelte und zum Scheitern verurteilte Liebschaft (Liebe ?) zur Schriftstellerin Christine Lavant (eigentlich Christine Habernig, geb. Thonhauser; * 4. Juli 1915 in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg) …

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Werner Berg bei der Feldarbeit (1948) und mit seiner Ehefrau Mauki (1950)

Nolde und Lavant stehen stellvertretend für all die die Brüche in dem Leben des Werner Berg.

Über diese Brüche aber erst recht über sein Kunstverständnis gibt dieses pralle Buch (240 Seiten).

Es erschien anlässlich seines 100. Geburtstags im Jahre 2004.

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Der Rutarhof im Jahr 2015

Eine Besucherin der Ausstellung meinte, dass wir unseren Blick immer stets nach Westen ausrichten, den Osten hingegen eher ausblenden. Und meine Frau Gemahlin (der ich den Besuch dieser Ausstellung zu verdanken haben) ergänzte flüstern zu mir: „Weißt Du noch, als wir in Breslau waren, da haben wir ja auch jede Menge polnischer Expressionisten gesehen, die hier keiner kennt“.

Von daher: hier ein kleiner Beitrag meinerseits, um das ein wenig zu ändern.

Beestattet wurde er übrigens gemäß seinem Wunsch anonym auf dem Friedhof der Namenlosen in Salzburg. Mir scheint, viel besser kann es nicht zum Ausdruck bringen, dass er sich wohl auch ein ein entwurzelter Mensch erlebt hat, ein Mensch mit all seinen Brüchen …

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Christine Lavant (1950); eines der eindrucksvollsten Holzschnitte von Werner Berg; im Original sind dann diese Augen noch intensiver …

 

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Aus seiner Zeit als „Kriegsmaler“

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Ölgemälde und Skizze „Schlafender Landstreicher“ (1934)

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Selbstbildnis vor Orange (1936)

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Und nochmals: Christine Lavant

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Rhythmus der Bäume (1954)

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Nach dem Wiesenmarkt (1961)

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Thomasnacht (1964)

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Spieler (1964); für mich eines seiner eindrucksvollsten Werke

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Autobus (1965)

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Sonnenblume im Scheinwerferlicht (1971)

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Corina Toledo – Die Wahrnehmung von Frauen in westlichen und muslimischen Gesellschaften (2014)

TitelDer Untertitel dieser anspruchsvollen Ausstellung lautet dann noch: „Impulse des politischen Unbehagens – Eine interdisziplinäre und transkulturelle Kunstausstellung“.

Die einführenden Worte von Frau Dr. Corina Toleda bringen es dann sehr gut auf den Punkt, um was es in dieser Ausstellung geht:

Als Politikwissenschaftlerin scheint es auf den ersten Blick eine gewagte Herausforderung zu sein, sich mit der bildenden Kunst auseinanderzusetzen. Doch bei näherem Hinsehen ist Kunst schon immer nicht nur eng mit Politik verbunden gewesen, sondern stand oft sogar im Dienst der Politik.

Als ich vor acht Jahren auf Umwegen zur Malerei kam, begann ich ziemlich schnell, den kreativen Prozess als emotionalen Ausdruck – Impulse des politischen Unbehagens – wahrzunehmen. Die Interpretation des politischen Geschehens oder die Reaktionen darauf nahmen zunehmend konkrete Formen an. Begeistert und fasziniert erkannte ich zunehmend die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der Malerei, die ich außerdem als ideales Instrument wahrnehme, um Sprachbarrieren zu überwinden.

Angeregt durch die mediale Präsentation und Politdiskurse in Bezug auf die Darstellung von Frauen entstand eine Sammlung von Werken in unterschiedlichen Formaten. Daraus entwickelte sich die Idee, eine Ausstellung zu machen unter dem Titel:

„Die Wahrnehmung von Frauen in westlichen und muslimischen Gesellschaften.“

Corina ToledoDamit führe ich die Frauenforschung im Kunstbereich weiter. Die Idee fanden diverse Künstlerinnen und Künstler aus Südamerika, Europa, Nordafrika und Vorderasien so interessant, dass sie an der Ausstellung mitwirken wollten. So entstand diese internationale Kunstausstellung.

Mein Blick hatte sich auf das weibliche Dasein im Patriarchat der Moderne gerichtet, das heißt auf die Dominanz der Männer im Allgemeinen und auf die Herrschaft einer Handvoll weißer Männer über praktisch alle Lebensbereiche. Im 20. Jahrhundert schien es so, als sei das Jahrhundert der Frauen angebrochen: In vielen Ländern gelang es den Frauen, sich selbst als kämpferische, denkende und handelnde Subjekte wahrzunehmen und als solche wahrgenommen zu werden. Die mühsam erkämpfte juristische Anerkennung einiger wichtiger Rechte innerhalb der Nationalstaaten erlaubte es immer mehr Frauen auf der Welt, eigene Lebensentwürfe zu entwerfen und diese auch zu leben. Heute ist es de jure möglich, dass Frauen selbst höchste Ämter der männlich konzipierten und etablierten Dominanzstrukturen besetzen. Diese Möglichkeiten haben sich jedoch nicht in eine fundamentale Verbesserung der Lebensumstände der meisten Frauen umgesetzt. Im Gegenteil, de facto sind in den letzten Jahrzehnten Rückschritte in der Frauenbewegung festzustellen. Mehr als jemals zuvor ist die Armut weiblich; Prostitution und der damit einhergehende Frauenhandel wie auch private und öffentliche Gewalt gegen Frauen haben zugenommen.

Bei dieser androkratischen Dominanz konstatieren wir, dass in muslimischen Gesellschaften die Frau fast überall strengen religiösen Regeln unterworfen ist: Ihr Körper – als Objekt der Begierde – wird unter einer Verhüllung – Dschilbab, Tschador oder Burka – versteckt. Währenddessen hat „das frauenverachtende westliche Patriarchat (…) seine Tätigkeitsfelder von der Religion auf den Warenmarkt des Kapitals verlagert“, wie die Frauenforscherin Gudrun Nositschka erklärt.

AusstellungseröffnungUnd dem prägnanten Satz von Frau Prof. Dr. Claudia von Werlhof im vorliegenden Ausstellungskatalog entnehmen wir: „Die muslimische Frau wird als Gebrauchswert, die westliche bereits nur mehr als Tauschwert – als Ware wahrgenommen.“

In diesem Sinne angeregt, haben sich die hier vertretenen Künstlerinnen und Künstler mit kulturellen Wurzeln, Vorurteilen, Traditionen, Ritualen, Massenmedien, Religionen, Diskursen auseinandergesetzt. Sie haben Rolle, Funktion oder Darstellung von Frauen reflektiert, analysiert oder gefühlt. Somit sind in die präsentierten Kunstwerke die individuellen Perspektiven und Ideen, Emotionen und Erfahrungen eingeflossen.

All das Gelebte, Gefühlte oder Gedachte können die BesucherInnen plastisch in Bildern und Skulpturen sehen, wahrnehmen und fühlen. Auch die angebotenen Lesungen mit einer tunesischen und einer deutschen Schriftstellerin sind als auditive Wahrnehmungen dieses künstlerischen Reflexionsprozesses zu verstehen.

Damit wird in dieser internationalen Kunstausstellung wiederum ein anderer wichtiger Aspekt sichtbar: Die Migrationsgeschichte der in München, Bayern, Deutschland und Euro­pa lebenden Künstlerinnen und Künstler, die als denkende und handelnde Subjekte Anstö­ße für einen Bewusstseinswandel, ja gar für eine Erneuerung in dieser Gesellschaft geben.

Die individuelle Persönlichkeit jedes Menschen ist von Werten und Lebensvorstellungen geprägt. Die Teilhabe an solchen gemeinschaftlichen Aktivitäten und Interaktionen fördern die Integration und Partizipation in der neuen Gemeinschaft. So besteht die Möglichkeit, dass jede Person sich – ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Klasse, Rasse oder ihres Alters – entfalten kann. Aus dieser Perspektive folgt das Projekt einem interdisziplinären und transkulturellen Ansatz. In dieser Form gedacht, organisiert und konkretisiert ist so ein Frauenprojekt ein Novum. (Dr. Corina Toledo)

Der anspruchsvoll gestaltete Ausstellungskatalog regt nicht nur die optische Sinne an, sondern lädt auch zum Reflektieren über dieses wichtige Thema ein.

Diese Mischung aus aktueller Kunst, die sich einmischen will und begleitenden Texten hat mich von jeher immer wieder aufs neue begeistert. Warum das so ist, erschließt sich vielleich für manchen Betrachter genau bei diesem Ausstellungskatalog.

Wie immer bei Themen dieser Art gibt es jetzt erstmal ein paar Beispiele aus dem Katalog, bevor es dann weiter zur Präsentation geht:

 

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Beispiel02 (Gefangen)

Dr. Corina Toledo: Gefangen (2007)

Beispiel03 (Die Attentäterin)

Dr. Corina Toledo:  Die Attentäterin (2012)

Beispiel05 (Wer ist arm)

Vilma Sousa-Dimpfl: Wer ist arm ? (2014)

Beispiel06 (Hommage an Picasso)

Houschang Sanaiha: Hommage an Picasso (2013)

Beispiel07

Die Künstlergruppe
Vilma Sousa-Dimpfl, Katalin Bereczki-Kossack, Dr. Corina Toledo, Drago Druškovicˇ, Rita Mascis, Kaouther Tabai und Houschang Sanaiha

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Institut für Kunstpädagogik der Universität Leipzig – Siebte Schicht (2013)

TitelAusgesprochen gut gefällt mir dieser Ausstellungs-Katalog (79 Seiten) des Institutes für Kunstpädagogik der Universität Leipzig. Die Werke der Studierenden sind vielschichtig, facettenreich und anregend, nicht nur für das Auge. Ich zitiere mal aus dem Vorwort dieses Kataloges:

Zum siebten Mal jährt sich 2013 die Reihe der »schicht«- Ausstellungen des Institutes für Kunstpädagogik im Geschwister-Scholl-Haus.
Als wir vor sechs Jahren, im Jahr 2007, die Reihe »schicht« starteten, war es unser Ziel, einerseits die gestalterischen Möglichkeiten, Maßstäbe und Qualitäten der Studierenden unseres Institutes in der Auseinandersetzung mit bildkünstlerischen Prozessen zu würdigen, andererseits aber auch zu eigenem künstlerischen Handeln anzuregen und natürlich die Traditionen der damit verbundenen Ausstellungskultur zu bewahren.
Dieses Anliegen respektiert und dokumentiert die Freude am Wissen um Gestaltungsprozesse und dessen Realisierung im Kontext des stetigen Lernens. Das kann mit Mühen verbunden sein, ist aber ein besonderes Merkmal der Kunst in allen Lebensaltern ebenso wie ein enges, über Jahrhunderte Maßstäbe Institutsetzendes Beziehungsgefüge von Lernenden und Lehrenden.
Ein Merkmal dieser Ausstellungsreihe ist es, eine Mischung aus Abschlussarbeiten, d.h. Zeugnisse eines vorerst zum Abschluss gebrachten Studiums der Kunstpädagogik und aus Zwischenergebnissen verschiedener Unterrichtsbereiche sowie den »kleinen« Abschlussprüfungen, den Modulprüfungen am Ende jedes Semesters zu präsentieren.
So rückt diese Ausstellung vor allem den Schaffensprozess als solchen in den Mittelpunkt und lässt diesen Prozess in seiner zeitlichen Dimension und Entwicklung nachvollziehbar werden.
Jeder künstlerischen Äußerung geht eine geistige Auseinandersetzung mit dem Thema voraus, sei es die Beschäftigung mit Zufallsstrukturen, die Untersuchung von räumlichen Beziehungsgefügen, die Auseinandersetzung mit uralten fotografischen Techniken, das reine Naturstudium, die Interpretation persönlicher Befindlichkeiten oder die Gestaltung von e-learning-Programmen. Kunst ist Ausdruck menschlicher Kreativität. Und diese geht hervor aus dem Dialog des Künstlers mit der Natur und seiner Umgebung, aber auch aus dem Dialog mit dem eigenen Leben, der eigenen Persönlichkeit, der eigenen Entwicklung – Geist und Seele. Darüber hinaus geht es aber auch um die Aneignung und Beherrschung der künstlerischen Ausdrucksmittel. Es bedarf schon einer gewissen Kraftanstrengung (und nicht nur im physischen Sinne), eine 1,5 x 2 Meter große Leinwand zu füllen und dabei alle Elemente kompositorisch, kontrastreich und spannungsvoll zu einem harmonischen Ganzen zu vereinigen. Die schönsten Reihenkonzepte in strengem schwarz/weiß funktionierten nicht, wenn man das gewählte Material Linoleum nicht zu händeln wüsste – die materiellen Dinge.

Karte

Das alles gehört zum Schaffensprozess. Diesen Schaffensprozess sichtbar machen heißt, das Ringen, das Scheitern, das Gelingen, den Erfolg und das Sich-Selbst-Offenbaren sichtbar zu machen und bei dem Ganzen den Akt der künstlerischen Entäußerung an sich in den Mittelpunkt zu stellen. Die »siebte schicht« zeigt uns das.

Da kann ich nur sagen: Anschauen und geniessen, reflektieren …

Hier ein paar Beispiel, bevor es dann zu Präsentation geht:

Beispiel01

Beispiel02

Beispiel03

Beispiel04

Beispiel05

Beispiel06

Beispiel07

Also ich kann mich da gar nicht satt sehen …

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