Joe Zawinul – Mauthausen … vom großen Sterben hören (2000)

FrontCover1Eine ganz andere Art, sich auf der Strasse der Erinnerung zu bewegen:

Am 12. März 1938 wurde der „Anschluss“ des austrofaschistischen Österreich an das Deutsche Reich vollzogen. Zwei Wochen später verkündete der nationalsozialistische Gauleiter Oberösterreichs, August Eigruber vor begeistertem Publikum, dass sein Gau mit der Errichtung eines Konzentrationslagers „ausgezeichnet“ werden sollte. Als Standort wurde der an der Donau gelegene Ort Mauthausen gewählt. Hier sollten politische Gegner und als kriminell oder asozial bezeichnete Personengruppen inhaftiert und zu Schwerstarbeit in den Granitsteinbrüchen gezwungen werden.

Am 8. August 1938 überstellte die SS die ersten Gefangenen aus dem KZ Dachau. Die in dieser Phase fast ausschließlich deutschen und österreichischen Häftlinge, allesamt Männer, mussten ihr eigenes Lager errichten und den Steinbruchbetrieb aufbauen. Hunger, Willkür und Gewalt prägten den Alltag der Gefangenen.

Kz Mauthausen, Besuch Heinrich Himmler, Franz Ziereis

Heinrich Himmler (mitte rechts) besucht mit Ernst Kaltenbrunner (ganz links), August Eigruber, Georg Bachmayer und Franz Ziereis (ganz rechts) 1941 das KZ Mauthausen, Aufnahme aus dem Bundesarchiv

Ab Dezember 1939 ließ die SS ein zweites Konzentrationslager nur wenige Kilometer von Mauthausen entfernt errichten. Das Zweiglager Gusen ging im Mai 1940 offiziell in Betrieb.

Nach Kriegsbeginn wurden Menschen aus ganz Europa in das KZ Mauthausen verschleppt, das nun allmählich zu einem System von mehreren zusammenhängenden Lagern anwuchs. Mauthausen und Gusen waren in dieser Phase die Konzentrationslager mit den härtesten Haftbedingungen und der höchsten Todesrate. Häftlinge, die in der Lagerhierarchie ganz unten standen, hatten kaum eine Chance, längere Zeit zu überleben. Wer krank oder für die SS „unnütz“ war, befand sich in ständiger Todesgefahr. Ab 1941 baute die SS in Mauthausen eine Gaskammer und andere Einrichtungen zur systematischen Ermordung größerer Personengruppen.

KZ Mauthausen, Erschossener Häftling

Erschossener Mauthausener Häftling

In der zweiten Kriegshälfte wurden die Häftlinge, darunter erstmals auch Frauen, zunehmend zur Arbeit in der Rüstungsindustrie herangezogen. Zur Unterbringung der Gefangenen vor Ort errichtete die SS zahlreiche Außenlager. Auf diese wurden die neu ankommenden Gefangenen vom Hauptlager aus verteilt. Mauthausen selbst wurde immer mehr zu einem Sterbelager für Kranke und Schwache.

Da die Arbeitskraft der Gefangenen nun erhalten werden sollte, verbesserten sich kurzfristig die Lebensbedingungen. Ab Ende 1943 wurden sie auch beim Bau unterirdischer Fabriken, wie sie etwa in Melk, Ebensee und St. Georgen an der Gusen errichtet wurden, eingesetzt. Die dort herrschenden unmenschlichen Arbeitsbedingungen trieben die Opfer zahlen jedoch bald in neue Höhen.

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Plan des KZ Mauthausen

Gegen Kriegsende wurde das KZ Mauthausen zum Zielort für Evakuierungen aus frontnahen Lagern. In mehreren großen Transporten kamen zehntausende Häftlinge hierher. Überfüllung, mangelnde Versorgung und grassierende Krankheiten führten in den letzten Monaten vor der Befreiung zu einem Massensterben unter den Gefangenen.

Am 5. Mai 1945 erreichte die US-Armee Gusen und Mauthausen. Viele Häftlinge waren so geschwächt, dass sie noch in den Tagen und Wochen nach ihrer Befreiung starben. Von den insgesamt etwa 190.000 Gefangenen des KZ Mauthausen und seiner Außenlager waren in sieben Jahren mindestens 90.000 zu Tode gekommen. (Quelle:www.mauthausen-memorial.org)

KZ-Mauthausen, Steinbruch Wiener Graben

Steinbruch „Wiener Graben“ (1941/42),

Mit diesen kargen Worten kann man das unvorstellbare Leid all der Insassen des KZ Mauthausen beschrieben.

FERRERO ZAWINUL

Joe Zawinul

Und dann:

Der Wiener Jazzpianist Joe Zawinul komponierte ein Konzert zur Gedenkfeier im österreichischen Konzentrationslager Mauthausen. Unter dem Titel „Vom Sterben hören“ erscheint es nun auch auf CD.

Mauthausen war ein Vernichtungs-KZ der Stufe drei – Endstation. In der Zeit von 1938 bis Kriegsende starben dort, unweit der Stadt Linz, mehr als 100.000 Menschen durch Gas, Gift, Todesschüsse, Folter, Kälte oder Hunger. Im „Wiener Graben“, dem Steinbruch von Mauthausen, fand am 7. Mai, 60 Jahre nach Eröffnung des Lagers, ein Gedenkkonzert statt, dem fast 10.000 Zuschauer beiwohnten.

Joe Zawinul, gebürtiger Wiener und seit über vierzig Jahren als amerikanischer Jazzpianist (Weather Report) weltbekannt, hatte von der Lagergemeinschaft Mauthausen den Kompositionsauftrag für das Gedenkkonzert erhalten. Die Lagergemeinschaft ist ein Zusammenschluss ehemaliger Gefangener, die das KZ überlebt haben. In Zusammenarbeit mit dem Wiener Burgschauspieler Frank Hoffmann entstand eine Collage aus improvisierten Keyboardklängen und Textpassagen aus Häftlingserinnerungen.

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In Zawinuls New Yorker Studio haben die beiden dieses Konzert nun für CD rekonstruiert. Samples, Overdubs und Effekte – dazu gehört auch das von Hoffmann im plakativen Nazi-Stakkato gesprochene Befehlsdeutsch der Lagervorsteher – sollen ein visuelles Hören ermöglichen. Auch für die englische Version wurden diese Stellen nicht übersetzt. So wird „Vom großen Sterben hören“ zur mahnenden Hörspielkunst. Der Erlös aus dem Verkauf der Mauthausen-CD wird der Lagergemeinschaft Mauthausen zukommen. (Quelle: Der Spiegel, Mai 2000)

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Das österreichische KZ Mauthausen war ein Vernichtungslager. 1938 in der Nähe von Linz errichtet, starben hier binnen sieben Jahren mehr als 100.000 Menschen durch Gas, Gift, Todesschuss, Folter, Kälte, Hunger. Sechzig Jahre nach Eröffnung des Lagers, 1998, findet ein Gedenkkonzert statt. An die zehntausend Menschen versammeln sich stumm, betroffen. Joe Zawinul, gebürtiger Wiener und seit über vierzig Jahren als amerikanischer Jazzpianist weltbekannt, hatte von der Lagergemeinschaft Mauthausen — ein Zusammenschluss ehemaliger KZ-Gefangener — einen Kompositionsauftrag für jenes Gedenkkonzert erhalten. In Zusammenarbeit mit dem Wiener Burgschauspieler Frank Hoffmann entstand eine Collage aus improvisierten Keyboardklängen und Textpassagen aus Häftlingserinnerungen. Mauthausen. Vom großen Sterben hören gingen umfangreiche Recherchen voraus — Zawinul interviewte dafür Überlebende und besuchte die Archive — und erfuhr dabei, dass alles noch viel brutaler gewesen ist, als er gedacht hätte.

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In den Passagen „Die Folter“ oder „Die Vollstrecker“ wird die „Perversität des Regimes“, wie Zawinul sagt, besonders eindringlich dargestellt. Dennoch findet Zawinul auch angesichts dunkelster Textpassagen noch einen positiven musikalischen Grundausdruck. In seinem New Yorker Studio haben die beiden das bis auf die Texte weitgehend improvisierte Gedenkkonzert für CD inszeniert. Zahlreiche Samples, Overdubs und Effekte, dazu gehört auch das von Hoffmann im plakativen Nazi-Stakkato-Ton gerotzte Befehlsdeutsch der Lagervorsteher, sollen ein visuelles Hören ermöglichen — für die englische Version wurden diese Stellen nicht übersetzt.

Vom großen Sterben hören ist mahnende Hörspielkunst, die Mauthausen-CD ein Non-Profit-Projekt, der Erlös geht zurück an die Lagergemeinschaft. Als damals das Gedenkkonzert im „Graben“ zu Ende war, hatte keiner applaudiert. (Christian Broecking)

Wahrlich kein leichter – aber irgednwann auch mal ein unvermeidlicher – Einstieg in ein Wochenende … Gerade in den Zeiten, in denen der Hitlergruß auf deutschen Straßen wieder gezeigt wird.

Eines der beeindruckendsten Musikdokumente, die ich hier jemals präsentieren durfte.

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Besetzung:
Joe Zawinul (keyboards, synthesizer)
+
Wayne Shorter (saxophone bei 15.)
+
Frank Hoffmann (Erzähler)

Titel:
I.:
01. 1 Einleitung Zu Einer Wahren Geschichte (Introduction To A True Story) 1.06

II.: Die Orgel Der Barbarei („Organ Of Barbarism“)
02. Der Weg nach Mauthausen (The Tragedy) 16.03
03. Das Lagerleben (Life In The Concentration Camp) 2.25
04. Das Orchester (The Orchestra) 3.08
05. Interludium (Interlude) 0.54
06. Die Folter (Torture) 4.10
07. Die Nacht (The Night) 1.15
08. Die Vollstrecker (The Executioners) 3.40
09 Das Gebet (The Prayer) 1.04
10 Samstagnacht Im Lager (Saturday Night In The Camp) 3:40
11 Wey Doo 1:49
12 Sonntags Im Lager (Sunday In The Camp) 6:24
13 Weihnachten 1944 (Christmas 1944) (Text: Erich Fried) 3.07
14 Der Fluchtversuch (Break Out) 3:25

III.: „No More, No More“
15. No More, No More 3.49
16. Mauthausen: In Memoriam 5.52

Musik komponiert von Joe Zawinul

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