Gerd Lohmeyer + Jolanta Szcelkun – Der Sammler der Augenblicke (Quint Buchholz) (2011)

FrontCover1Das Metropol-Theater in München ist nicht nur für mich wirklich was ganz besonders:

„Seit Oktober 1998 hat der Münchner Norden, kulturell bis dahin wenig erschlossen, im Gebäude des ehemaligen „Alten Kino Freimann“ in der Floriansmühlstraße 5 seine eigene Spielstätte. Eine gemeinnützige GmbH hat es sich zum Ziel gesetzt, mit dem Betreiben dieses Theaters der Kreativität der freien Kulturszene der Landeshauptstadt ein neues, außergewöhnliches Feld zu erschließen.

Bei der Gestaltung des Spielraumes mit seinen 160 Plätzen und dem sehr großen Bühnenraum wurde die 50er-Jahre-Ästhetik des ehemaligen Kinos nicht angetastet, und so besitzt er eine unter Münchens Theatern einzigartige Ausstrahlung.

Binnen kurzer Zeit erwarb sich das Metropoltheater mit seinen vom Publikum gefeierten und von der Presse ausgezeichneten Aufführungen in der Münchner Kulturlandschaft einen herausragenden Platz.

Metropoltheater
Der unmittelbare Austausch zwischen den Theatermachern und dem Publikum schärft das Profil des Metropoltheaters, denn die kulturbegeisterten Münchner spüren, dass sich hier ein Theater mit hohem Identifikationspotential entwickelt hat. Das Interesse des Publikums verpflichtet – Kritik, Lob und Anregungen ermutigen uns, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Der Spielplan des Metropoltheaters setzt sich hauptsächlich aus eigenen Stückentwicklungen, Film- und Romanadaptionen zusammen. Im Vordergrund steht hierbei das Bestreben, in München noch nicht gezeigte Stücke zur Aufführung zu bringen.

Inhaltlich bekennt sich das Metropol zum neuen Erzähltheater, das nicht didaktisch sein soll, sondern über eine sinnlich-poetische Darstellungsweise den Intellekt des Betrachters auf emotionaler Ebene ansprechen will.
Wir stehen für ein Theater, das sich als letztes Medium für die Auseinandersetzung mit dem Menschen in seinen immer komplexer werdenden Strukturen noch Zeit lassen kann.
In einer Kultur, die sich zunehmend auf die bloße Darstellung von Schwarz und Weiß verlässt, halten wir das Theater als einen Ort der „Zwischentöne“ für unverzichtbar.

Auf dem Spielplan stand das Stück „Der Sammler der Augenblicke“ … und das hatte in sich: Allein die Grundlage für diese Aufführung verblüfft erstmal. Das gleichnamige Buch erschien 1977 als Kinderbuch (!) auf dem Buchmarkt. Und daraus entstand dann dieses Theaterstück:

Buchausgabe (1997)

Buchausgabe

„Was für eine heile Welt! Da erzählt ein Mann mittleren Alters, wie er als kleiner Junge seine Nachmittage im Atelier des Malers verbrachte, der ein Jahr lang im selben Mietshaus wohnte. Er erzählt, sehr genau und schnörkellos, dass er täglich erst auf dem Holzfußboden vor, dann in dem „großen, roten Sessel“ die spannenden Bücher verschlungen hat, die das Zimmer füllten. Und dass „Max“, der Maler, lange ein großes Geheimnis um seine Bilder machte, weil, wie er dem Jungen erklärt hatte, „zu jedem Bild ein eigener, unsichtbarer Weg führt, den der Maler erst selber finden muss“:

„Und wenn er nicht weitermalen konnte, hat Max gesungen. Er stand in seiner verknitterten, schwarzen Leinenjacke am Fenster im Atelier und sang. Zwischen den Häusern auf der anderen Straßenseite konnte man das Meer sehen. Weit draußen, am Ende der Hafenmauer, begann der Scheinwerfer des Leuchtturms zu blinken. Man sah die Fähre, wenn sie zum letzten Mal vom Festland herüberkam. Sie zog eine dünne Rauchfahne über den Himmel, und eine Schar Möwen folgte ihr.“

Was für eine Zumutung! Da monologisiert der inzwischen erwachsene Junge über die vielen „Augen-Blicke“, die sich in seiner Rückschau aneinander reihen. Schlimmer noch, die monologische Erzählung wechselt ab mit der endlos scheinenden, stummen Betrachtung der gemalten, fast naiv anmutenden Bilder des Autors und Malers Quint Buchholz, die in bewegten Videoinstallationen auf eine riesengroße Leinwand projiziert werden. Es passiert hier nichts, was man in einem Theaterstück erwartet. Das ist für manche Zuschauer wohl schwer auszuhalten, wie das ständige, laute Knacken eines Theaterstuhls hören lässt. Statt Handlung nur bildhafte Erinnerung. Statt theatraler Dynamik in kontroversen Dialogen antizyklische Entschleunigung mit spielerischer Akkordeonbegleitung. Statt Zoff, Rache, Trauma, oder was sich sonst noch Turbulentes auf Theaterbühnen abspielt, einfach nur: Kindheitsglück. Dafür blüht die Fantasie:

Gerhard Lohmeyer + Jolanta Szcelkun„Ich ging durch rätselhafte Türen. Ich wandelte durch nächtliche Straßen. Ich stapfte neben Hühnern durch verschneite Landschaften. Lief mit den Clowns über Wiesen, und mit Pinguinen durch die Stadt. Mal war ich der König, mal das kleine Mädchen, wenn ich im Boot mit dem Löwen über die See fuhr.“

Schauspieler Gerd Lohmeyer ist die Idealbesetzung des erwachsenen Ich-Erzählers. Er packt die Schatzkiste der gesammelten Augenblicke so minimalistisch grandios aus, wie man es von ihm zum Beispiel in seiner Rolle als phänomenale „Lucie Cabrol“, und wie man es überhaupt vom kleinen Münchner Metropoltheater mit seiner minimalistischen Ausstattung gewohnt ist. Vor der Leinwand verwandelt er sich in den – namenlosen – Jungen, indem er vor dem aufgeklappten Überseekoffer, vollgestellt mit Büchern, hockt – und schon sitzt er in der Bibliothek des Malers. Manchmal verschwindet Lohmeyer in der Bildleinwand, um zum Beispiel als lebendig gewordener „König“ aus dem Boot mit dem Löwen wieder herauszutreten, die Leinwand wie eine Königsrobe locker um die Schultern gelegt.

Man könnte zu dieser Inszenierung auch sagen: Als die Bilder des „Sammlers der Augenblicke“, des preisgekrönten Illustrators, Malers und Kinderbuchautors Quint Buchholz laufen lernten. Welcher Mut des Regisseurs und Theaterchefs Jochen Schölch gehört dazu, ein durch und durch poetisches, stilles und in seiner malerischen Intensität magisches Bilderbuch in diesen Zeiten auf die Bühne zu bringen, eineinhalb Stunden lang, ohne Pause!

Am Ende ist man wie benommen vor soviel heiler Welt. Ehe man sich aus der wehmütigen Seligkeit wieder in das Grauen und die Hektik des Alltags, draußen, begibt.(Rosemarie  Bölts)

Als ich nach der Vorstellung voller Begeisterung (meine tief verehrte Frau Gemahlin teilte diese Begeisterung) dieses Hörbuch erwarb, konnte ich mir so gar nicht vorstellen, wie die visuelle Magie des Theaterstücks in so einem Hörbuch festgehalten werden kann. Und voller Überraschung stellte ich dann fest, dass – auch wenn die Theateraufführung natürlich weitaus intensiver war – es möglich ist, die Poesie jenes Kinderbuches zu erhalten. Und das liegt zum einen an dem Schauspieler Gerd Lohmeyer, den ich hiermit als einen wahren Meister seines Faches preisen will und seine sonore Stimme ist fast wie Musik. Und dann noch die Akkoredeon Musik von Jolanta Szcelkun, die nicht minder magsiche Momente zaubert (bei der Bühnenaufführung hatte ich diese Klänge gar nicht intensiv erlebt). Schade, dass das Violin-Spiel von Lohmeyer auf der Bühne, nicht in dieses Hörbuch integriert wurde.

Booklet03B

Wer sich auf die Poesie von fliegenden Zirkuswagen und weißen Schnee-Elefanten ein lassen kann/will … wird hier verzaubert und die volle Magie entfaltet sich dann endgültig ab Kapitel 6 … ich hatte das Gefühl, mein Herz steht still …

Und so kam es, dass ich erst neulich ein Kinderbuch erstand … und ich dachte, aus diesem Alter sei ich eigentlich raus … so kann man sich täuschen.

Kurz und knapp: Prädikat: Besonders wertvoll und empfehlenswert !

Gerd Lohmeyer +  Jolanta Szcelkun

Besetzung:
Gerd Lohmeyer (Sprecher)
Jolanta Szcelkun (accordeon)

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Titel:
01. Musikalische Einleitung 0.27
02. Kapitel 01 / 1.18
03. Musikalisches Zwischenspiel (1) 1.13
04. Kapitel 02 / 2.27
05. Musikalisches Zwischenspiel (2) 0.21
06. Kapitel 03 / 4.26
07. Musikalisches Zwischenspiel (3) 0.25
08. Kapitel 04 / 1.49
09. Musikalisches Zwischenspiel (4) 0.36
10. Kapitel 05 / 2.21
11. Musikalisches Zwischenspiel (5) 0.47
12. Kapitel 06 / 2.59
13. Musikalisches Zwischenspiel (6) 0.59
14. Kapitel 07 / 2.44
15. Musikalisches Zwischenspiel (7) 1.10
16. Kapitel 08 / 1.33
17. Musikalisches Zwischenspiel (8) 0.37
18. Kapitel 09 / 0.59
19. Musikalisches Zwischenspiel (9) 0.34
20. Kapitel 10 / 1.07
21. Musikalisches Zwischenspiel (10) 1.23
22. Kapitel 11 / 1.26
23. Musikalisches Zwischenspiel (11) 0.47
24. Kapitel 12 / 2.03
25. Musikalischer Ausklang 0.41

Text: Quint Buchholz
Musik: Jolanta Szcelkun

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Theaterfoto